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Detlef Schade
Detlef Schade Sozialraumorientierung Schulbezogene Jugendhilfe Tempelhof-Schöneberg Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Jugendsozialarbeit Stadtteilarbeit
Mittwoch, 07. Oktober 2015
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Detlef Schade Sozialraumorientierung Schulbezogene Jugendhilfe Tempelhof-Schöneberg Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Jugendsozialarbeit Stadtteilarbeit

10 Jahre „KONTAKT“ an der Gustav-Langenscheidt-Schule

Aufsuchende Zusammenarbeit mit Eltern in Schöneberg

Frau Müller* weiß nicht mehr weiter. Shirin*, ein Mädchen aus der achten Klasse, deren Klassenlehrerin Frau Müller ist, kommt seit einiger Zeit nur noch sporadisch zur Schule, hat oft Konflikte mit Mitschüler*innen, wenn sie da ist, und folgt dem Unterricht nur noch demonstrativ gelangweilt. Entsprechend sind ihre schulischen Leistungen abgesackt. Früher war das anders. Wenn Frau Müller sie auf all das anspricht und wissen will, was los ist, zuckt Shirin die Schultern und sagt: „Keine Ahnung.“

Frau Müller hat mehrmals versucht, die Eltern Shirins, die sie nie kennengelernt hat, die zu keinem Elternabend kommen, schriftlich und telefonisch zu erreichen. Auf ihre Briefe hat niemand geantwortet, am Telefon hat sich entweder keiner gemeldet oder sie wurde von jemandem in gebrochenem Deutsch abgewimmelt. Jetzt schildert Frau Müller den beiden Mitarbeiter*innen von FAB (Familienarbeit und Beratung e. V.), Frau Zimmermann und Herrn Loth, die Situation. Sie ist leicht verzweifelt, weil Shirin bis vor einiger Zeit eine gute Schülerin war und nun immer weiter absackt. Sie möchte, dass die beiden Kontakt zur Familie aufnehmen und herausfinden, „was da los ist“.

Lisa Zimmermann und Christoph Loth, Sozialarbeiterin und Familientherapeutin die eine, Sozialpädagoge der andere, sind seit einiger Zeit die beiden Gesichter von „KONTAKT- Aufsuchende Zusammenarbeit mit Eltern der Gustav-Langenscheidt-Schule“. So der etwas sperrige Name der Arbeit mit Familien, die seit nunmehr zehn Jahren von FAB an der Gustav-Langenscheidt-Schule, einer Sekundarschule im Herzen Schönebergs, finanziert vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg, durchgeführt wird. Ausgangspunkte waren seinerzeit einerseits die Erfahrung von FAB, dass viele Familienhilfen ihren Anfang in Schulproblemen hatten, andererseits die Beobachtung der Schulleitung, dass immer mehr Eltern keinerlei Kontakt zur Schule aufnehmen, aus ihrer Sicht keine Verantwortung für die Schulkarriere ihrer Kinder übernehmen und ihre Söhne und Töchter mit dem Thema Schule weitgehend sich selbst überlassen. Das Projekt sollte Kontakte von Eltern zur Schule herstellen.

Die oben geschilderte Szene hat sich vor drei Monaten zugetragen. Danach haben die beiden FAB-Mitarbeiter versucht, telefonisch Kontakt zur Familie aufzunehmen, und haben sich schließlich schriftlich angekündigt. (Alle Eltern stimmen, wenn ihr Kind in die Gustav-Langenscheidt-Schule aufgenommen wird, schriftlich zu, dass FAB bei gegebenem Anlass Kontakt zu ihnen aufnehmen kann). Beim zweiten Termin klappte es dann, eine verschlafene, leicht genervte Mutter Arslan* („Wieso geht´s immer nur um meine Tochter? Andere machen doch auch Probleme“), die nur wenig Deutsch kann, ließ die beiden spätmittags um 14 Uhr herein, die beiden älteren Schwestern von Shirin gesellten sich, noch in ihren Schlafanzügen, dazu, und im Verlauf der nächsten beiden Stunden entwickelte sich ein Gespräch, zuerst über Shirin, dann, noch sehr zögerlich, zur Situation der gesamten Familie.

Die geschilderte Szenerie ist typisch für aufsuchende Familienarbeit. Dieser erste Termin war der Türöffner für die nachfolgenden, an denen öfter auch Shirin selbst teilnahm. In den nächsten Wochen kristallisierte sich dieses Bild heraus: Die Familie bestand ursprünglich aus Vater, Mutter, drei Töchtern, Shirin, 14, und ihren beiden Schwestern, 16 und 17 Jahre alt. Vor einem Jahr hat der Vater die Familie für eine jüngere, „toughere“ Frau verlassen. Seitdem versinkt Frau Arslan in Depressionen, hat noch mehr zugenommen (obwohl sie auch vorher schon „dick“ war, wie sie selbst sagt), hat keinerlei Antrieb zu irgendwas, sitzt bis weit in die Nacht vor dem Fernseher und überlässt die drei Mädchen weitgehend sich selbst. Sie und die beiden Älteren stehen meist erst mittags auf, Shirin ist morgens sich selbst überlassen. Manchmal schafft sie es, zur Schule zu gehen, manchmal geht sie morgens auf die Schlossstraße, manchmal steht sie mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern erst mittags auf.

Frau Zimmermann und Herr Loth gehören nicht zur Schule, das erleichtert Familien, sie ins Haus zu lassen, denn die Institution „Schule“ ist für viele Eltern aus unterschiedlichen Gründen negativ besetzt. Die beiden bekommen dann ein Bein in die Familien, weil sie erstmal nur neugierig sind und alle Familienmitglieder mit ihrem Verhalten so annehmen, wie sie sich zeigen. Auf diese Weise bauen sie Vertrauen auf, das die Voraussetzung dafür ist, gemeinsam mit den Familienmitgliedern an Vereinbarungen und Veränderungen zu arbeiten. Sie hören sich die Sichtweisen aller Familienmitglieder zur Situation an (warum verhält Shirin sich in bezug auf die Schule so, wie sie sich verhält?). Nach und nach führen sie neue Ideen ein, wie man sich an bestimmten Stellen anders verhalten könnte, und treffen Vereinbarungen, bezogen auf das konkrete Problem und bezogen auf dessen familiären Hintergrund.

Sie arbeiten mittlerweile mit 40 bis 45 Familien jährlich auf diese Weise. Diese Arbeit ist Teil des „Missing-Link“-Konzeptes von FAB, bei dem es darum geht, über Andockstellen (in diesem Fall die Gustav-Langenscheidt-Schule) niedrigschwellig (=aufsuchend) Familien zu erreichen, die Unterstützung brauchen, sich diese aber nicht anderweitig holen. Die Arbeit hat zwei Aspekte: Erstens unterstützt sie die Schule, indem sie Kontakte zu Eltern herstellt. Sie findet also vordergründig im Rahmen der gewollten Kooperation von Schule und Jugendhilfe statt, hat für uns aber einen weiteren Aspekt: Wir erreichen auf diese Weise Familien – niedrigschwellig, lebensweltnah, sozialraumorientiert! -, die wir so im Vorfeld von Hilfen zur Erziehung - präventiv! - unterstützen können. Das geht weit über den Aspekt „Kontaktaufnahme der Eltern zur Schule“ hinaus.

Es ist häufig erstaunlich, was bei Familien in Gang kommen kann, wenn jemand wie Frau Zimmermann und Herr Loth sich für ihre Probleme interessiert und neue Sichtweisen einbringt. Plötzlich fühlt jemand wie Frau Arslan eine Energie, die sie schon verloren glaubte. Deshalb konnten Frau Zimmermann und Herr Loth einige Vereinbarungen mit ihr und Shirin treffen, die sie zum Teil bereits umgesetzt hat: Sie hat es nach mehreren Anläufen geschafft, beim Job-Center einen Berlin-Pass zu beantragen, damit Shirin Nachhilfe nehmen kann. Sie hat sich in medizinische Behandlung begeben, um ihr Gewichtsproblem in den Griff zu kriegen. Sie hat einen Deutschkurs begonnen und sitzt anschließend mit den anderen Frauen aus dem Kurs immer noch eine Weile zusammen. Es wird zwischen Mutter und Tochter diskutiert, dass Shirin Kontakt zu ihrem Vater halten darf (den sie bislang nur heimlich, gegen den Willen der Mutter, hatte). Und: Frau Arslan hat in Begleitung Frau Zimmermanns zwei Gespräche mit der Klassenlehrerin Shirins gehabt und sich am zweiten aktiv beteiligt. Sie berichtete, von welchen Problemen ihre Tochter mittlerweile erzählt und was ihre Einschätzung dazu ist. Shirin erscheint zur Zeit (fast) täglich in der Schule, die Konflikte mit Mitschüler*innen sind weniger geworden und eskalieren seltener.

Die Erfahrungen von 10 Jahren KONTAKT besagen: Zeigt man in der Zusammenarbeit ein Interesse an den Problemen der Eltern und schafft es, das anfängliche, teilweise sehr große Misstrauen beim Bereden dieser Probleme zu überwinden, beginnen Eltern häufig, sich auch für die Probleme ihrer Kinder zu öffnen. Sie schaffen sich damit die Möglichkeit für Veränderungen und neue Verhaltensweisen.

Bei Arslans wurde eine Krise durch den Weggang des Vaters ausgelöst. Ebenso sind fehlende soziale Kontakte der Mutter ein großes Thema. Ihr Deutschkurs mit dem anschließenden Beisammensein ist ein Schritt in eine neue Richtung. In vielen anderen Familien geht es um (fehlendes) Geld, schlechte Wohnbedingungen und / oder den drohenden Verlust der Wohnung, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit., (Warum sollte man sich um die Schule seiner Kinder kümmern, wenn man eh keine Hoffnung hat, dass was Besseres kommt?)

Frau Zimmermann und Herr Loth haben die oben aufgezählten Ansätze und die bei Frau Arslan aufkeimende Hoffnung kräftig unterstützt, denn all das hilft Shirin, aus ihrer eigenen Isolation herauszukommen. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, ob Mutter und Tochter das Beschriebene durchhalten und weiterführen werden (die Mutter ist sich selbst gegenüber da auch durchaus skeptisch), aber die Chance ist da, weil ein Anfang gemacht ist. Auch Frau Müller, Shirins Klassenlehrerin, ist wieder – Zitat - „verhalten optimistisch“.

Shirins Familie gehört zu den wenigen, mit denen Frau Zimmermann und Herr Loth länger als sechs, acht Wochen gearbeitet haben, weil bestimmte Verhaltensmuster dort sich hartnäckig gehalten haben und sich zum Teil immer noch halten. Etwas anderes anzunehmen, wäre blauäugig. In dieser Woche werden sie ein letztes Gespräch mit Shirin und ihrer Mutter haben, bei dem es noch einmal um den Weggang des Ehemannes / Vaters aus der Familie gehen wird, und darum, wie man mit diesem Verlust umgehen kann, ohne sich selbst kaputt zu machen oder sich das weitere Leben zu verbauen.

 

Detlef Schade ist Geschäftsführer des Familienarbeit und Beratung e.V. (FAB).

 

*Name geändert

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