10 Jahre Schulstationen in Neukölln – Festakt im Rathaus. Foto: AspE e.V.

Anne Beyer
Anne Beyer Schulbezogene Jugendhilfe Neukölln Stadtteilarbeit Jugendsozialarbeit Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Montag, 09. Juli 2018
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10 Jahre Schulstationen in Neukölln

Mitte April kamen im BVV-Saal des Rathauses Neukölln Kolleg*innen der Schulstationen, des Jugendamtes, Lehrkräfte und Vertreter*innen aus Politik sowie der Träger zusammen, um das mehr als 10-jährige Wirken der insgesamt 19 Schulstationen in Neukölln zu würdigen. Aufgaben der Einrichtungen sind u. a. die Ausbildung der Konfliktlotsen, Begleitung des Klassenrats, Vermittlung von Demokratieverständnis und Partizipation, Angebote zum sozialen Lernen, Mediation und Streitschlichtung mit dem Ziel, Kindern der Grundstufe die Basis für eine gelingende Bildungsbiografie zu schaffen.

Seit 2005 leistet AspE e.V. erfolgreich Schulsozialarbeit im Nordosten Neuköllns. An den vier Schulen arbeiten zwölf Schulsozialarbeiter*innen und Erzieher*innen im Auftrag unseres Trägers und in enger Abstimmung mit der jeweiligen Kooperationsschule. Mit unserer Schulsozialarbeit unterstützen wir Kinder und Jugendliche in ihrem Schulalltag – sowohl während der Unterrichtszeit als auch nach dem Unterricht.

„Diejenigen von uns, die schon viele Jahre in Schulstationen tätig sind, mögen sich einmal kurz rückbesinnen, wie alles anfing – und schmunzeln“, erinnert sich Vera Helligrath, Sprecherin der Neuköllner AG 78 schulbezogene Sozialarbeit und Bereichsleiterin Schulsozialarbeit und Lernförderung bei AspE e. V.

„,Soziales Lernen als Angebot der Schulstation, dafür soll ich meinen Fachunterricht ausfallen lassen?‘ – Ja, das waren Einwände von Lehrer*innen – die heute kaum mehr vorstellbar sind. Soziales Lernen ist inzwischen fest in den schulischen Alltag integriert, Lehrer*innen und auch Erzieher*innen der Ergänzenden Förderung und Betreuung kommen in die Schulstation und fragen, ob wir nicht zusätzlich nochmals kommen können, um Einheiten zu vertiefen oder aktuelle Konflikte der Klassengemeinschaften oder Hortgruppen mit ihnen gemeinsam zu bearbeiten.“

Ohne den politischen Willen, ohne die Neuköllner Bürgermeister, ohne die Schul- und Jugendstadträte, ohne die entsprechenden Amtsleitungen und ohne die bezirkliche Fachsteuerung der Schulsozialarbeit wäre diese in unseren Augen positive Entwicklung nicht möglich gewesen. Ihnen allen sei gedankt.

Unsere ehemalige Schulstadträtin, dann Bürgermeisterin und heutige Familienministerin Frau Dr. Giffey hat am 5. 04. 18 in der ZDF-Sendung »Armut, Gewalt, Ausgrenzung – ist Schule längst machtlos dagegen?« auf die Wichtigkeit von Schulsozialarbeit hingewiesen – und darauf, dass Schule der Unterstützung durch Schulsozialarbeit so dringend bedarf, dass sie diese bundesweit ausbauen und besser vergüten möchte. Gern auch in Neukölln. Denn unsere Arbeitssituation hat nicht nur rosige Seiten.

Ein „typischer“ Tag in der Schulstation!

Redebeitrag der Neuköllner Schulstationen auf dem Festakt am 16. 04. 2018

07.45 Uhr
Ich bin gerade angekommen und möchte mich auf meinen Tag vorbereiten, da steht schon die Mutter eines Kindes vor der Tür. Sie ist sehr aufgeregt und ängstlich und bittet um Begleitung zu einem Lehrergespräch, welches morgen stattfinden soll – es geht wohl darum, dass K., wenn er geärgert wird, direkt in die körperliche Auseinandersetzung geht.
Ich schaue in meinen Kalender, beruhige die Mutter und kann ihr die Begleitung zu ihrem Lehrer-Elterngespräch zusichern. Ein wirkliches Elterngespräch war das nun nicht.
Memo: Der Lehrerin sollte ich kurz Bescheid sagen, dass ich auf Wunsch der Mutter am morgigen Gespräch teilnehmen werde.
Ich ahne, dass sowohl Einzelförderung als auch Elternberatung erforderlich werden.
Inzwischen steht auch unsere neue Praktikantin neben mir. Zeit für Erklärungen bleibt nun nicht mehr, sie wird mich jetzt einfach hospitierend begleiten.

08.00 Uhr
Soziales Lernen in Klasse 3b in Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin. Wie jeden Dienstag gehe ich dort hin. Thema heute: „Gefühle – woran merkst Du, das dein Freund glücklich, traurig oder wütend ist?“.

08.55 Uhr
Wieder im Büro zurück, sichte ich die Mails und höre den Anrufbeantworter ab, was ich heute Morgen auf Grund des Gespräches mit der Mutter noch nicht geschafft habe – auch jetzt reicht es nur für einen kurzen Überblick.

09.00 Uhr
Ich bin nun mit der Schulleitung verabredet. Wir wollen über den jährlichen Eltern-Informations-Abend zur Schulanmeldung in einer Kooperations-Kita sprechen. Gelingende Übergänge aus den KiTas in die Grundschule werden für alle Schulakteure auf dem Weg zur inklusiven Schule immer wichtiger.
Unsere Praktikantin hält die Stellung in der Schulstation.

1. große Pause

Zurück in der Schulstation. Mein Kollege, der heute später kam, da er einen besonders langen Tag haben wird, ist eingetroffen.
Konfliktlotsen holen sich ihre Westen und gehen zum Dienst.
Zwei andere Konfliktlotsen führen in der Schulstation eine Mediation durch.
Mein Kollege ist währenddessen unterwegs und spricht mit einer Lehrerin, die ihm eine Nachricht zur Schuldistanz von M. ins Fach gelegt hat.
Zum Glück hat heute unsere Praktikantin die Spielzeugausleihe übernommen, was ein Teil des Offenen Angebotes ist.
Eine Lehrerin hatte etwas ungeduldig abgewartet, bis alle Konfliktlotsen versorgt waren, weil sie mich dringend wegen eines Kinderschutzfalles sprechen wollte. Die kurze Fallberatung ergibt sofortigen Handlungsbedarf.
Für Tagesplanung und Absprachen mit meinem Kollegen ist jetzt keine Zeit.

10.10 Uhr
Eigentlich müsste ich nun zum Klassenrat in die Klasse 5a, wo wir über Kinderrechte sprechen wollen, doch Krise/Krisenmanagement hat Vorrang.
Ich sage der Lehrerin kurz Bescheid und bitte sie, den Klassenrat heute alleine zu machen. Anschließend hole ich das betroffene Kind zu mir in die Schulstation und führe ein Gespräch mit dem Kind. Mit seinem Einverständnis versuche ich seine Mutter zu erreichen.
Die Mutter kommt sofort und ist sehr kooperativ. Sie erzählt unter Tränen eine ganz andere Geschichte über die Verletzungen ihres Kindes. Ich kläre sie darüber auf, dass Schule und Schulsozialarbeit den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung an das Jugendamt melden müssen und schlage ihr vor, dass wir jetzt direkt gemeinsam das Jugendamt anrufen und vorinformieren. Die Mutter ist einverstanden.
Die Fallzuständige RSD-Mitarbeiterin kommt und begleitet Mutter und Kind zur Gewalt-ambulanz.
Nach kurzer Rücksprache mit der Erzieherin der EFöB fülle ich mit der Lehrerin gemeinsam den Meldebogen zum Verdacht auf Kindeswohlgefährdung aus und bringe ihn zur Schulleitung. Jetzt muss ich die Angelegenheit auch noch für uns dokumentieren.
…das Ganze hat Zeit in Anspruch genommen. Nun ist auch die 4. Stunde schon vorbei.
Mein Kollege hat inzwischen einige Mails beantwortet, Anrufe getätigt und eine Einzelförderung mit S. gemacht.
Auch in der 2. Hofpause war ich kaum für die kleinen und größeren Sorgen und Probleme der Kinder da.
Im Büro finde ich einen ganzen Zettelstapel – Notizen unserer Praktikantin zu Anliegen von Schüler*innen, Lehrer*innen und Erzieher*innen während meiner „Abwesenheit“. Sie schlägt sich wirklich wacker.

Jetzt ist es schon 12.00 Uhr.
Heute ist mal wieder so ein Tag – es brummt, streitende, wütende, weinende Schüler*innen klopfen ununterbrochen an die Tür – und alle Mails und Anrufe hat mein Kollege auch noch nicht bearbeiten können.
Zumindest 2 Rückrufe schaffe ich: Eine Stadtteilmutter möchte im Elterncafé einen Vortrag über „Gewalt in der Familie“ halten und wir vereinbaren einen Termin.
Außerdem bat eine Kollegin einer anderen SST um einen Rückruf – Pech, jetzt ist sie selbst nicht erreichbar – so ist das mit der Vernetzung – manchmal.
Hoffentlich finden wir heute noch die Zeit, uns auf die morgige Fallteamsitzung vorzubereiten.
Ich muss meinem Kollegen zumindest heute noch einen Zettel hinlegen, damiter die Mengenerhebung fertig macht und abschicken kann.

Um 13:30 Uhr tagt das Schülerparlament – dafür ist mein Kollege zuständig.
Die Mädchen-AG hatte ich für diese Woche bereits abgesagt, denn um

14.00 Uhr
ist die Schulhilfekonferenz für B.

15.15 Uhr

Unglaublich, mein Kollege, unsere Praktikantin und ich sitzen gemeinsam im Büro. Der Schultag ist fast vorbei und wir haben Zeit für die Tagesplanung. Naja, Kurzinfos zu den heutigen Ereignissen und was diesbezüglich und grundsätzlich noch erledigt werden muss.
Morgen steht auch schon viel auf dem Programm.
Unsere Praktikantin drückt mir ihren ersten Entwurf ihres Praktikumsberichtes in die Hand. Den werde ich wohl erst morgen lesen.
Jetzt muss ich los, denn um

16.30 Uhr
tagt die Kiez-AG.
Ich freue mich, dass ich dort die Polizei treffe, weil wir ein gemeinsames Projekt in der 6. Klasse zu Gewaltprävention planen. Das Grobkonzept steht bereits, nun heißt es einen Termin für die Feinplanung zu finden.
Die Kiez-AG ist immer sehr interessant, weil viele wichtige Kooperationspartner da sind und wichtige Themen unseres Sozialraums besprochen werden. Heute geht es u. a. um die Planung des Kiezfestes.
Mein Kollege setzt sich nun doch noch an die Mengenmeldungen, vielleicht schafft er auch noch ein wenig Statistik, bevor der Elternabend der 4a um 18.30 Uhr beginnt. Er wird dort unser geplantes Projekt „Typisch Mädchen, typisch Junge???“ vorstellen, denn der vorpubertäre Geschlechterkampf tobt in der 4a besonders heftig.

Vor 19.00 Uhr
werde ich heute nicht zuhause sein. Mein Kollege wird das nicht schaffen. Mit etwas Glück wird der morgige Tag etwas weniger bewegt – vielleicht!
Aber wer „Dienst nach Vorschrift“ sucht, der geht sowieso nicht in die Schulsozialarbeit, und auch nicht unbedingt nach Neukölln.
Der Reiz unserer Arbeit liegt ja gerade in der Vielfalt der Aufgabenbereiche, der erforderlichen Mischung von Struktur und Flexibilität, in unserem Anspruch, das Wohl unserer im Bezirk Neukölln heranwachsenden Schüler*innen zu schützen und zu fördern. Dabei kommt keine Langeweile auf, da sind tägliche Herausforderungen vorprogrammiert.

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