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Michail Siebenmorgen
Michail Siebenmorgen Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Kinderschutz Medienkompetenz Top-Beitrag
Mittwoch, 21. Juni 2017
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Bindungsstörung dank Smartphone? Die Medienstudie BLIKK

Mit großem Tamtam und einhellig positivem Presseecho stellte die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) Ende Mai die Medienstudie BLIKK der Rheinischen Fachhochschule Köln vor. In dieser Studie soll ein Zusammenhang zwischen intensiver Mediennutzung und Entwicklungsstörungen von Kindern nachgewiesen werden. Hyperaktivität, Fettleibigkeit und gar Bindungsstörungen bei Kindern, deren Mütter während des Stillens ein Smartphone benutzen, werden benannt. Sofort schrillen bei mir als Medienpädagogen sämtliche Alarmglocken. Aber nicht etwa, weil ich den Untergang des Abendlandes aufgrund falsch genutzter Smartphones fürchte, sondern weil ich mich frage, wie um Himmels Willen man solche Ergebnisse in einer sechsmonatigen Studie herausfinden kann, die lediglich aus Befragungen in Kombination mit den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder besteht.

Dass ein übermäßiger Medienkonsum problematisch sein kann, ist uns doch allen bewusst. Auf Elternabenden weise ich die Väter und Mütter regelmäßig darauf hin, dass sie ihren eigenen Medienkonsum reflektieren sollen, nicht zuletzt, weil sie die Vorbilder für ihre eigenen Kinder sind. In Schülerworkshops und Medien-AGs wird von uns immer wieder darauf hingewiesen, dass bei allen Möglichkeiten und Herausforderungen, die uns die Mediatisierung bringt, unsere Smartphones auch mal in der Tasche bleiben sollten, wenn im analogen Leben andere komplexe Anforderungen an uns gestellt werden. Aber Hyperaktivität und Bindungsstörungen waren mir bisher noch nicht als direkte Auswirkung intensiver Mediennutzung begegnet. Und ganz ehrlich, ohne eine medizinische Langzeitstudie, die eine eindeutige Kausalität zwischen Mediennutzung und gesundheitlicher Auswirkung nachweist, werde ich mich, als Pädagoge mit langjähriger Praxis in verschiedenen Arbeitsfeldern der Jugendarbeit und Jugendhilfe, nicht überzeugen lassen.

Wer ein gewisses systemisches Denken verfolgt und Kinder, Jugendliche und Familien in verschiedenen komplexen Lebensphasen begleiten konnte, der weiß, dass es in den wenigsten Fällen einen einzigen Auslöser für verschiedene problematische Verhaltensweisen oder gar medizinische Auffälligkeiten gibt. Es handelt sich grundsätzlich um ein Zusammenspiel verschiedener Elemente eines Systems, welches bei den beteiligten Personen verhaltensrelevante Auswirkungen hat. Wenn ich wenige Einzelteile aus dem Zusammenhang reiße, wie zum Beispiel eine Mutter, die während der Säuglingsbetreuung digitale Medien nutzt, kann ich daraus nicht die Folgerung ziehen, dass ihr Kind später eine Bindungsstörung entwickelt. Als Anzeichen dafür werden Fütter- und Einschlafstörungen des Säuglings genannt. Dafür fehlen mir einfach zu viele andere Faktoren, die hier eine Rolle spielen könnten. Fütter- und Einschlafstörungen könnten genauso gut an qualitativ minderwertiger Nahrung oder Schlafgelegenheiten, falscher Beleuchtung oder permanentem Straßenlärm liegen. Ebenso kann die Mediennutzung der Mutter sowohl Ursache als auch Auswirkung der mangelnden Aufmerksamkeit bei der Säuglingsbetreuung sein.

Leider ist die Studie selbst nicht einsehbar, weshalb auch ich nur Vermutungen über den weiteren Inhalt anstellen kann. Zum Pressetermin mit Frau Mortler wurde nur eine subtile Präsentation vorgezeigt, die lediglich auf mangelnde Medienkompetenz der Macher schließen lies und sogar mit einigen Rechtschreibfehlern aufwartete, aber nichts über die Forschungsmethoden oder weitere Inhalte enthielt. Die Präsentation wurde inzwischen auch von der Seite der Bundesdrogenbeauftragten genommen, soll aber nach einer „Aktualisierung“ wieder abrufbar sein.

Ich bleibe weiterhin sehr skeptisch, was die BLIKK-Studie und ihre Ergebnisse angeht und warte darauf, dass ich selbst mal einen Blick hinein werfen kann. Bis dahin hoffe ich, auf weitere unnütze Horrormeldungen verzichten zu können, um mich weiterhin auf eine gute und umfassende Medienbildung für junge Menschen und ihre Eltern zu konzentrieren. Absolute Zustimmung bekommt von mir nur der Leiter des Instituts, welches die Studie erstellt hat, Prof. Dr. Riedel.  Sein Zitat möchte ich hier als Abschluss stehen lassen, weil dem eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen ist: „Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

 

Links:

 

www.drogenbeauftragte.de/presse/pressekontakt-und-mitteilungen/2017/2017-2-quartal/ergebnisse-der-blikk-studie-2017-vorgestellt.html

 

www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/blikk-studie-die-meisten-kita-kinder-spielen-taeglich-auf-dem-smartphone-a-1149674.html

 

www.zeit.de/gesellschaft/familie/2017-05/digitale-medien-smartphone-kinder-gesundheitsrisiken-blikk-medien-studie

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