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Mittwoch, 19. April 2017
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„Die Kinder werden fröhlicher und offener“

Fünf Fragen an Hildegard Müller-Kohlenberg, Diplom-Psychologin und emeritierte Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Osnabrück

Dieser Beitrag erschien im „Telemachos – Fachbrief für Patenschaften und Mentoring" (Ausgabe 04/ Novmber 2016). Der Fachbrief wird von Bernd Schüler verfasst und vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. herausgegeben. Ermöglicht wird dies durch eine Förderung der „Aktion zusammen wachsen“ des Bundesamts für zivilgesellschaftliche Angelegenheiten. Der Fachbrief kann hier direkt bezogen werden.

Hildegard Müller-Kohlenberg gründete im Jahr 2002 zusammen mit Kolleg/innen „Balu und Du“. Inzwischen an über 80 Standorten vertreten, ist es nicht nur das numerisch größte deutsche Mentorenprogramm für Kinder, sondern auch das am besten erforschte. Benannt ist es nach der Figur des Bären Balu aus dem Roman bzw. Film „Dschungelbuch“ (obwohl der/die idealtypische Mentor/in auch viel von den Eigenschaften des Panthers Baghira enthält). Zusätzlich zum umfassenden Einsatz für Balu und Du e.V., hat Prof. em. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg die „Deutschen Gesellschaft für Evaluation“ mitgegründet und die Frauenhausbewegung ehrenamtlich unterstützt. Für ihr Engagement wurde ihr im Jahr 2015 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Telemachos: Frau Professor Müller-Kohlenberg, Sie haben eine besondere Doppelrolle: Als erste Vorsitzende von Balu und Du e.V. sind sie zugleich erste Evaluatorin, die die Begleitforschung koordiniert. Wie lassen sich beide Positionen vereinbaren?

Hildegard Müller-Kohlenberg: „Mir ist sehr bewusst, dass von außen skeptisch auf meine Doppelrolle geschaut wird – so wie das bei Selbstevaluationen oft der Fall ist. Diejenigen, die ihr Projekt selbst auswerten, sind ja bisweilen nicht davor gefeit, etwas zu beschönigen. Als Autorin, die für die Deutsche Gesellschaft für Evaluation entsprechende Hinweise formuliert hat, weiß ich das.

Meine Aufgabe bestand in erster Linie darin, Studierende, die das Programm evaluierten, fachlich und methodisch zu begleiten. Den Rahmen dafür bietet ein Forschungskolloqium, in dem alle Studien, bislang an die 70, besprochen werden. Viele, die ihre Examensarbeiten über Balu und Du schreiben, sind selbst keine Mentoren.

Daneben gibt es externe Forschungsaktivitäten zu Balu und Du, auf die ich keinerlei Einfluss habe. Sowohl die Forschungsfragen wie auch das Design wird von den externen Forschern selbständig entwickelt. Und wer sich die Resultate anschaut, die etwa das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung oder jüngst das Behavior and Inequality Research Institute (briq) publiziert hat, erkennt: Die externen Forscher weisen Effekte nach, die zum Teil über das hinausgehen, was wir selbst gefunden haben. So wussten wir zum Beispiel nicht, dass das Mentorenprogramm die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Kind für den Besuch eines Gymnasiums empfohlen wird. Kosse und Falk (Anm. der Red.: siehe Telemachos Ausgabe 2, hier) haben gezeigt, dass Mentees eher für diese Schulform eingestuft werden als Kinder aus der Vergleichsgruppe. Auch was die Nachhaltigkeit der Wirkungen anbelangt, konnten sie überzeugendere Effekte nachweisen als wir. Wir selbst waren offenbar vorsichtiger.“

Sie haben den Begriff Breitband-Angebot geprägt, um zu sagen: Ähnlich wie Antibiotika ein breites Spektrum an Bakterien erfassen kann, so kann Mentoring in multipler Weise die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern. Was ist das Spektrum an Wirkungen, das Sie und Ihre Kolleg/innen bei Balu und Du nachweisen konnten?

„Was wir immer wieder finden, sei es in den Befragungen von Eltern, Lehrern oder der Kinder selbst, ist: Die begleiteten Kinder haben eine fröhlichere Grundstimmung. Ein enorm wichtiges Ergebnis, denn man weiß: Eine depressive Veranlagung kann sich verheerend auswirken – bis ins Erwachsenenalter hinein, bis hin zum Suizid.

Außerdem zeigt sich: Die Kinder werden offener und wissbegieriger, sie fragen mehr. Warum dies so ist, kann man vorerst nur mutmaßen. Wurde es den Kindern abtrainiert, haben sie keine zufriedenstellenden Antworten bekommen? Sicher ist nur, im Laufe des Projektes werden sie aufgeschlossener – für neue Situationen, für Phänomene der Natur und des menschlichen Miteinanders. Gerade die Eltern weisen auf diese Veränderung hin.

Und als ein weiteres Beispiel: Es gibt einen beachtlichen Effekt bei der Konzentrationsfähigkeit. Eine Wirkung, die schon ganz am Anfang von Balu und Du viele Eltern und Lehrer beobachtet haben und die wir in Tests bestätigen konnten: Die Kinder können sich besser konzentrieren. Auch diese Veränderung kam uns mysteriös vor. Wieso bewirkt ein wöchentliches Treffen mit recht unterschiedlichen Aktivitäten eine Verbesserung der Konzentration? Es könnte mit dem Konzept des 'shared attention' zusammenhängen. Das besagt: Wenn man sich gemeinsam auf etwas Drittes konzentriert - wie das die Gespanne beim gemeinsamen Spielen, Kochen etc. laufend tun -, dann steigt dadurch auch insgesamt die Fähigkeit des Kindes, die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten.“

Bei welchen Ergebnissen waren Sie selbst überrascht – oder auch ernüchtert?

„Sehr erstaunt waren wir, als wir uns die Effekte auf die Konzentrationsfähigkeit näher anschauten. Die Effektstärken der Gesamtgruppe der Mentees, verglichen mit den Daten einer Kontrollgruppe in einer Vorher-Nachher- Untersuchung, fielen eher moderat aus. Ganz anders das Bild, wenn wir die Kinder betrachteten, die anfangs sehr starke Defizite hatten: In dieser Gruppe gab es die größten Effekte. Die besonders beeinträchtigten Kinder profitierten am meisten.

Das ist ein Punkt, den auch andere Projekte beachten sollten, wenn sie evaluieren: Es lohnt sich, die unterschiedlichen Gruppen von Kindern getrennt zu betrachten. Wer immer nur die Gesamtgruppe auswertet, dem gehen solche Ergebnisse verloren – was sehr schade ist, in methodischer wie in pädagogischer Hinsicht. Kinder, die keine Probleme mit der Konzentration haben, können sich ja nicht oder nur kaum verbessern.

Anders als erwartet fiel auch das Ergebnis zum Fernsehkonsum aus: Der verändert sich nicht. Obwohl man das vielleicht hätte annehmen können, denn die Mentees entwickeln ja neue, andere Interessen. Allerdings konnten wir den Fernsehkonsum auch nicht direkt messen, sondern es gab nur die Selbstauskünfte der Kinder oder der Eltern.

Auch am Body-Mass-Index ändert sich nichts. Die Kinder lernen zwar bei den Treffen neue, gesunde Gerichte kennen, aber davon werden sie nicht nachweisbar schlanker. Damit steht Balu und Du allerdings nicht allein: Auch andere, nicht mit Mentoring arbeitende Projekte, die ausschließlich auf Gewichtsreduktion abzielen, erreichen kaum zufriedenstellende Ergebnisse.“

Wie kann die Forschung auf die Praxis des Mentorings zurückwirken? Und wo hilft sie nicht weiter?

„Die Forschung kann etwa darauf hinweisen, wo die Praxis mit falschen Annahmen arbeitet. So gingen wir davon aus, dass die Kinder, die zu uns vermittelt werden, in der Regel ein geringes Selbstwertgefühl und eine ungünstige Selbsteinschätzung haben. Doch es zeigte sich: Obwohl sie in schwierigen Lebensverhältnissen aufwachsen, muss damit nicht unbedingt ein negatives Selbstbild verbunden sein.

Nachdem wir das festgestellt hatten, gaben wir den Mentorinnen und Mentoren eine andere Orientierung mit. Statt wie sonst in pädagogischen Kontexten üblich, sollten sie nicht länger einfach ein positives Selbstwertgefühl fördern – nach der Maxime 'Kinder stärken' –, sondern es soll eine realistische Selbsteinschätzung angestrebt werden. Das ist zwar kein einfaches Ziel, aber eine wichtige Änderung, immerhin kann eine Selbstüberschätzung noch bis ins Erwachsenenalter erhalten bleiben und negativ wirken: Wird sie nicht korrigiert, kann das später nicht selten zu biographischen 'Katastrophen' führen. Nehmen wir noch ein anderes Beispiel, bei dem die Forschung die Bedeutung pädagogischen Allgemeinwissens bestätigt: Es ist bekannt, dass ein 'laissez faire'-Stil in Schule oder Elternhaus den Kindern schaden kann. Ein Zusammenhang, den das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung auch für Mentorenbeziehungen nachweisen konnte. Ergebnisse eines Haartests, der Auskunft über die Stressregulation der Mentees gibt (Anm. der Red.: dazu unten mehr unter „So war's“), wurden dafür mit Daten aus den Tagebüchern, die bei uns alle Freiwilligen führen müssen, in Beziehung gesetzt. Klarer Fall: Obwohl im Programm das Freundschaftliche betont wird, ist es wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Augenhöhe und Autorität zu finden. Gibt es dies, sind die Kinder weniger gestresst. Ungünstig ist dagegen, wenn die Kinder keine Grenzen erfahren und ihren Mentoren 'auf der Nase herum tanzen.

Bleibt noch Ihre Frage, wann Forschungsergebnisse nicht weiterhelfen. Hier würde ich vielleicht einen Befund aufführen, der aus US-Studien stammt: Für die Stabilität eines Tandems hat es sich als besonders wichtig erwiesen, dass gemeinsame Interessen vorliegen.

Das aber kann nur für ältere Kinder und Jugendliche gelten, die schon mehr ausprobieren konnten. Wir zumindest haben viele Kinder im Programm, die noch kaum Interessen haben und diese erst mal ausbilden müssen. Am Anfang fragen wir natürlich nach Interessen – nur wird oft wir nichts genannt, gerade von Kindern, die viel vor dem Fernseher sitzen. Freiwillige erleben es, dass sie den Kindern erst einmal die Vielfalt der Erlebnismöglichkeiten aufzeigen müssen. Durch das Mentoring erleben diese Kinder ganz allmählich, was das Leben außerhalb der eigenen vier Wände zu bieten hat. War ein Kind zum ersten Mal im Wald und hat sich mit der Mentorin einen Bach angesehen, will es beim nächsten Treffen wieder in den Wald. Allmählich werden die Interessen dann immer breiter.“

Springen wir noch kurz zu einem Thema, das eine Grundfrage von Evaluationsforschung berührt. Von Beratungsagenturen wie Phineo lernt man, dass zu einem wirksamkeitsorientierten Vorgehen zwingend dazugehört, vorab Ziele und Zwecke zu definieren. Sie plädieren stattdessen dafür, mit solchen vorgegebenen Zielformulierungen zurückhaltend zu sein. Warum?

„Für mich ist das ein problematischer Ansatz, wenn man bei Mentorenprogrammen zuerst Ziele vorgibt und dann nur deren Erreichung abfragt. Zum einen, weil die Mentees sehr unterschiedliche Ausgangspositionen haben. Für Hanna könnte es wichtig sein, ihre Schüchternheit zu überwinden, Lukas sollte dagegen zurückhaltender und empathischer werden. Infolgedessen sind auch die Ziele sehr unterschiedlich bzw. sollten es sein – eine Lektion, die uns nicht zuletzt die differenzierte Untersuchung unterschiedlicher (Extrem-)Gruppen, von denen ich eben sprach, erteilt hat. Hinzu kommt, dass sich die individuellen Ziele auch im Laufe des Projektjahres verändern können.

Zum anderen aber ist auch die gesamte Situation des Gespanns zu bedenken. Nehmen Sie den Fall, ein Mentee und seine Mentorin finden etwas, das sie brennend interessiert, aber das ursprünglich im Projektrahmen gar nicht so angedacht war. Jede Beziehung ist ja anders.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass ein 'instrumentelles' Verständnis von Mentoring, das sich auf die Erreichung von gesetzten Vorgaben bezieht, zu weniger günstigen Ergebnissen führt. Man sollte dabei nach Projekten unterscheiden: Geht es nur um das Lesenlernen, dann mag die Überprüfung der Fähigkeit, wie gut der Mentee danach lesen kann, ja sinnvoll sein. Völlig anders aber liegt die Sache, wenn etwa die Persönlichkeitsförderung als Ganzes gefördert werden soll.

Wir haben in der Evaluation immer ein breites Netz von Fragen und ausgeworfen und geschaut, wo etwas hängenbleibt und wo Veränderungen stattgefunden haben. Nur so sind wir auf das Ergebnis einer Breitbandwirkung gekommen. Wahrscheinlich hätten wir nicht bemerkt, wir vielfältig die Wirkungen eines individuellen Mentorenprogramm sind, wenn wir immer nur nach Ziel x und Ziel y geschaut hätten.“

 

Quellen: Zum Nachlesen: Die Webseite von Balu und Du listet etliche Studien auf, die bislang das Mentorenprogramm untersucht haben. Der Großteil davon ist erfreulicherweise online zugänglich, siehe hier. Wer eine Zusammenfassung wichtiger Resultate sucht, der kann zum Beispiel den dort aufgeführten englischsprachigen Artikel von Müller- Kohlenberg/ Drexler von 2013 konsultieren. Und wer nur nach einigen zentralen Stichwörtern sucht, der wird hier fündig.

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