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Adrian Roeske
Adrian Roeske Aus der Hochschule Medienkompetenz Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik
Mittwoch, 16. August 2017
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Adrian Roeske Aus der Hochschule Medienkompetenz Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik

Digitalisierung: Ein blinder Fleck im fachlichen Handeln?

„Der digitale blinde Fleck in Sozialer Arbeit“ – Adrian Roeske, Alumni und wissenschaftlicher Mitarbeiter der ASH Berlin, hat in seiner Masterarbeit untersucht, wie Digitalisierung im fachlichen Handeln von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe wahrgenommen wird und welche Widersprüche dort zu finden sind.

Als gegenwärtiger Schub der Mediatisierung sorgt Digitalisierung (Hepp 2016) dafür, dass sich unter anderem fachliches Handeln in Sozialer Arbeit auf allen Ebenen zunehmend verändert. Dabei haben längst nicht nur Computer und Smartphones Eingang in die Praxis gefunden, sondern ebenso Software unterschiedlichster Art: Zu den schriftlichen Dokumentationen sind digitale hinzugekommen, Jugendämter nutzen für Falleinschätzungen Software und beraterische Tätigkeiten finden inzwischen auch online statt – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Prägend für einen Großteil der Fälle: Die verwendeten Programme und die dazugehörige Software stammt nicht aus den Händen Sozialer Arbeit (Kreidenweis; Wolff 2016).

Hinzu kommt, dass Inhalte zur Mediatisierung und Digitalisierung kaum Eingang in die Curricula Sozialer Arbeit finden (Klüsche 2007; Roeske 2015; Borrmann 2016; Roeske 2017). Dabei wird der Mangel nicht erst seit kurzem beklagt und Forderungen nach Anpassungen der Inhalte stehen ebenso lange im Raum (Florian; Sippel 2011). Die Fragen nach den (Hinter-)Gründen und strukturellen Gegebenheiten sind nur einige von vielen offenen und die tiefergehenden Betrachtungen bedürfen. Nichtsdestotrotz ist das Thema grundsätzlich kein blinder Fleck in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit: In Untersuchungen wird u.a. der Einfluss von Technologien für die professionelle Urteilsbildung beleuchtet (Bastian; Schrödter 2015) und beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag 2017 gab es erneut einen eigenen Themenschwerpunkt unter dem Stichwort „Medien und digitale Bildung“ .

Wenngleich der Diskurs offenbar stetig an Relevanz gewinnt, scheint die Verankerung im fachlichen Handeln eher stiefmütterlich angelegt zu sein. Meine Erfahrungen mit den Ausbildungen und Curricula unterschiedlicher Hochschulen (Roeske 2015), der fachlichen Praxis in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und den Auseinandersetzungen mit der wachsenden Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen in den Bereichen Mediatisierung, Digitalisierung (siehe hierzu u.a. Kutscher; Ley; Seelmeyer 2015) und Datafizierung haben dazu geführt, eine Untersuchung an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit anzusetzen. Hierfür sind sowohl Fachkräfte aus der Praxis Sozialer Arbeit als auch Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft einbezogen worden, um einen Einblick in fachliche Arbeit vor dem Hintergrund von Mediatisierung und Digitalisierung zu nehmen und relevante theoretische Bezüge herauszuarbeiten (Roeske 2017).

Forschungsprozess: Fachliches Handeln im Fokus

Um nachvollziehen zu können, wie sich gegenwärtiges fachliches Handeln gestaltet, ist im Rahmen meiner Untersuchung eine Gruppendiskussion mit Fachkräften aus der Kinder- und Jugendhilfe initiiert worden. Dabei ist vor allem deutlich geworden, dass Fachkräfte Digitalisierung von Sozialer Arbeit abgrenzen, u.a. indem der Einfluss auf pädagogische Konzepte negiert und die Verantwortung für Medienbildung und digitale Bildung auf die Institution Schule verschoben wird. Des Weiteren wird fachliche Arbeit als solche am und mit dem Menschen in den Fokus gestellt. Digitale Bildung und Digitalisierung finden geringen Anklang und scheinen demnach nicht zu Sozialer Arbeit zu gehören. Ergänzend sind drei Interviews mit Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft geführt worden, um gegenwärtige theoretische Bezüge abzubilden und Rückschlüsse auf relevante Aspekte von Digitalisierung für Soziale Arbeit abzuleiten (Roeske 2017).

Die Arbeit verfolgte vorrangig die Forschungsfrage, welche Aspekte in der Fachlichkeit unter den Bedingungen von Digitalisierung relevant werden. Mein persönliches Interesse lag hierbei in der Etablierung und fachlichen Reflexion von Inhalten zur Digitalisierung, Datafizierung und digitalen Bildung, sowohl in der Ausbildung als auch Praxis Sozialer Arbeit. Die Notwendigkeit ergab sich aus dem „epochalen Umbruch“ (Stahlmann 1999, S. 185), welcher Digitalisierung sowohl für Gesellschaft als auch Soziale Arbeit mit sich bringt.

Ergebnisse: Widersprüche im fachlichen Handeln

Im Ergebnis ist die oben beschriebene Abgrenzung von Digitalisierung zu Sozialer Arbeit deutlich geworden und die damit einhergehende fehlende Reflexion von Veränderungen der fachlichen Rahmenbedingungen, welche zunehmend von (digitalen) Medien durchdrungen sind. Zudem hat sich gezeigt, dass das Wissen über Inhalte und Themen zur Mediatisierung und Digitalisierung gering ausgeprägt ist. Neben der primären Forschungsfrage verfolgte die Arbeit weitergehend, ob Soziale Arbeit Digitalisierung alleine bewältigen kann. In Folge des mangelnden Wissens und folglich mangelnden Könnens ist die Frage im Ergebnis jedoch in Richtung des Wollens verschoben worden: Wenn es im fachlichen Kontext das Bestreben gibt, Soziale Arbeit von Digitalisierung abzugrenzen, könnte schlichtweg der Wille fehlen, um eine aktive Auseinandersetzung anzustoßen – womit die Frage nach dem „alleine“ in den Hintergrund rückt.

Im Detail bedeutet das, dass sich verschiedene Handlungsbedarfe zeigen: Insbesondere Fachkräfte sind dazu aufgerufen, eine Offenheit gegenüber Mediatisierung und Digitalisierung einzunehmen, um Verbindungen zu pädagogischen Konzepten herzustellen und um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen nicht auszublenden. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund relevant, dass Zielgruppen Sozialer Arbeit ein erhöhtes Potenzial aufweisen, Gegenstand von digitaler Ungleichheit zu werden (Kutscher; Otto 2014). Dies zeigt sich unter anderem in der Sammlung und Analyse von Daten und den daraus resultierenden Entscheidungen. Die strukturelle Benachteiligung korreliert dabei mit der Anzahl an Vorhersagefehlern, welche von Algorithmen und Software getroffen werden (boyd; Crawford 2013; Sieben 2015). Für Soziale Arbeit und die Zielgruppe zeigt sich somit ein Spezifikum. Hierbei ist insbesondere die Rolle von Unternehmen wie Google, Facebook und Co. hervorzuheben, welche im großen Stil Daten erheben und verarbeiten und – überspitzt ausgedrückt – so ggf. Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit besser kennen als Fachkräfte, welche sich aktiv mit Lebenswelten der Menschen beschäftigen.

Es scheint jedoch nicht erforderlich, Sozialarbeiterinnern und Sozialarbeitern umfassende informatische Kompetenzen an die Hand zu geben. Nichtsdestotrotz zeigt sich im Ergebnis die Notwendigkeit einer internen Reorganisation, um Digitalisierung im Rahmen fachlichen Handelns gezielter zu reflektieren. Hierzu gehört unter anderem, Curricula an den digitalisierten Lebensrealitäten von Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit zu orientieren und interdisziplinäre Bezüge herzustellen. Die Erkennung der Relevanz und der Abbau der Abgrenzung zwischen Sozialer Arbeit und Digitalisierung müssen Ziele sein, um einzelne Felder perspektivisch nicht immer stärker Software, Algorithmen und Unternehmen zu überlassen. Dafür braucht es zwischen den Widersprüchen im fachlichen Handeln zumindest einen klar formulierten Willen.

 

Literatur:

• Bastian, Pascal; Schrödter, Mark (2015): Risikotechnologien in der professionellen Urteilsbildung der Sozialen Arbeit. In: Kutscher, Nadia; Ley, Thomas; Seelmeyer, Udo (Hrsg.): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH., S. 192-207.

• Borrmann, Stefan (2016): Bachelorstudiengänge Soziale Arbeit an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Ergebnisse einer Curricularanalyse. In: Neue Praxis, Jg. 46, H. 1, S. 83-97.

• boyd, Danah; Crawford, Kate (2013): Big Data als kulturelles, technologisches und wissenschaftliches Phänomen. Sechs Provokationen. In: Geiselberger, Heinrich; Anderson, Chris (Hrsg.): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit. Berlin: Suhrkamp, S. 187-218.Florian, Alexander; Sippel, Silvia (2011): AG Medienbildung in der Hochschule. Link: www.keine-bildung-ohne-medien.de/kongress-dokumentation/erweiterte-ag-ergebnisse/medienbildung-in-der-hochschule.pdf

• Hepp, Andreas (2016): Kommunikations- und Medienwissenschaft in datengetriebenen Zeiten. In: Publizistik – Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung, Vol. 61, Issue 3, S. 225-246. DOI: 10.1007/s11616-016-0263-y.

• Klüsche, Wilhelm (2007) Analyse von Modulhandbüchern in Bachelorstudiengängen der Sozialen Arbeit. In: Buttner, Peter (Hrsg.): Das Studium des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in Hochschule und sozialen Berufen. Berlin: Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V., S. 221-309.

• Kreidenweis, Helmut; Wolff, Dietmar (2016): IT-Report für die Sozialwirtschaft 2016. Eichstätt: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt.

• Kutscher, Nadia; Ley, Thomas; Seelmeyer, Udo (2015): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH.

• Kutscher, Nadia; Otto, Hans-Uwe (2014): Digitale Ungleichheit – Implikationen für die Betrachtung medialer Jugendkulturen. In: Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 293-300.

• Roeske, Adrian (2017): Der digitale blinde Fleck in der Sozialen Arbeit. Berlin: Alice Salomon Hochschule Berlin (Manuskript).

• Roeske, Adrian (2015): Medienkompetenz in Praxis und Lehre der Sozialen Arbeit. Entwicklungsimpulse für den Bereich „Neue Medien“. Bochum: Evangelische Hochschule RWL (Manuskript).

• Sieben, Gerda (2015): Big Data – Eine Arbeitshilfe für die Jugendarbeit: Link: www.jfc.info/data/Big-Data_Broschu__re_WEB_V9.pdf.

• Stahlmann, Günther (1999): Die Informationsgesellschaft in der Sozialen Arbeit. Die Digitalisierung ändert die Gesellschaft grundlegend und mit ihr die sozialen Dienste – Elemente einer Konzeption. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Jg. 161, H. 9+10, S. 185-193.

 

Adrian Roeske absolvierte sein Studium B.A. Soziale Arbeit an der Ev. Hochschule RWL und den M.A. Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Aktuell ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Transfer und Third Mission an der ASH Berlin. Sein Twitter-Account lautet: @HerrRoeske.

 

 

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Beliebtheit: 0  Adrian Roeske - Vor 1 Jahr 3 Monaten  · 

Lieber Herr Burmeister,

ich danke für Ihre Einschätzung und Rückmeldung zu dem Beitrag. Gerade in Sozialer Arbeit gibt es eine starke Emphase, welche Soziale Arbeit als Arbeit am und mit dem Menschen beschreibt, weshalb ich den Gedanken zu den Werten unterstütze
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und denke, dass die empathische Berücksichtigung dieser notwendig sind, um der Adressatin/dem Adressaten angemessen gerecht werden zu können. Es darf jedoch nicht außen vorgelassen werden, dass auch Digitalisierung - und alles was dazugehört - Werte und Normen prägen, transformieren und somit auch für fachliches Handeln relevant werden.

Viele Grüße,
Adrian Roeske
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Beliebtheit: 0  Marvin Karol - Vor 1 Jahr 3 Monaten  · 

Ich bin Studierender an der ASH und hätte gerne einen Einblick in Ihre Masterarbeit. Ist diese in der Bibliothek öffentlich zugänglich?
Vielen Dank für diesen Beitrag und noch einen schönen Tag.

Liebe Grüße
Marvin Karol
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 Adrian Roeske - Hallo Marvin,

danke für das Interesse an der Arbeit - noch ist diese nicht öffentlich in der Bibliothek verfügbar, allerdings sollte sie dort zeitnah vorhanden sein. Ich werde mich hier noch einmal erkundigen und empfehle dann in knapp einer Woche noch
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einmal das Opac zu überprüfen.

Viele Grüße,
Adrian Roeske

Vor 1 Jahr 3 Monaten  · 
1503913300
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Beliebtheit: 0  Michael Burmeister - Vor 1 Jahr 3 Monaten  · 

Guten Tag Herr Röschke,

danke für Ihren wichtigen Artikel.
Ich teile Ihre vorsichtig formulierten Befürchtungen
Das Thema der Digitalisierung kommt wie Sie wissen aus dem Konzepzt Industrie 4.0 um eine qualitätsorientierte Produktion auch in Ländern
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durchzuführen, die über wenig Fach- und Führungskräfte verfügen.
Unser wesentliches Handwerkzeug als Berater basiert auf der Kommunikation mit unseren Klienten. Sie erinnern sich, die Information entsteht im Kopf des Gegenübers und Sprache schafft Wirklichkeit (Watzlawick 2000) und setzt damit die Grenzen des einzelnen Weltbildes (Wittgenstein).
Wenn wir als Pädagogen/Psychologen den Informations-/Beratungsprozess mit dem Klienten nur auf das ausrichten, was laut digitaler Vorinformation als Wichtig erscheint und eine fachliche Klärung unterschlagen werden aus meiner Sicht dem Klienten mit seinen Sorgen mit deren Grenzen und Möglichkeiten nicht ausreichen gerecht.
Ich schreibe gerade an meinem Buch „Navigationssytem Werteorientierung“ und von daher fällt mein Blick erstmal auf die menschlichen Werte, die ich ohne eigene Wahrnehmung und Nachfrage weder erfassen noch vermitteln kann.
Dabei prägen sie unser Denken und Handeln und bilden unsere „innere Bewertungsinstanz“, die uns dazu verhilft, die richtigen Entscheidungen und Verhaltensweisen für uns selbst auszuwählen.
Der Wirtschaftsethiker Bernd Noll formuliert es so: „In Werten dokumentiert sich das, was ein Individuum, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wünschenswert ansieht. Werte sind folglich Auffassungen über die Wirklichkeit, genauer über die Qualität der Wirklichkeit. Sie beeinflussen damit die Auswahl unter möglichen Handlungszielen, Mitteln und Handlungsweisen.“ Noll 2002 S.9
Sorry ein Ausrutscher

Michael Burmeister
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