Foto: S. Hofschlaeger/ pixelio.de

Andreas Schulz
Andreas Schulz Hilfen zur Erziehung Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Freitag, 01. Dezember 2017
0
Andreas Schulz Hilfen zur Erziehung Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Ein Plädoyer für Soziale Gruppenarbeit (SGA)

Inhalte und Methoden der Sozialen Gruppenarbeit

Ausgangspunkt aller (sozial)pädagogischen Aktivitäten sind die jeweiligen Bedürfnisse und Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen. Dabei stehen die Grundsätze der Offenheit, Freiwilligkeit, Zielgruppen ­ und Lebensweltorientierung in Verbindung mit Verbindlichkeit und Kontinuität in den personellen und strukturellen Gegebenheiten im Vordergrund. Die Mitarbeiterinnen machen klare, verlässliche Beziehungsangebote, auf deren Basis sich ein vertrauensvolles Mitei­nander entwickelt. SGA erfolgt ziel- ­ und lösungsorientiert unter Berücksichtigung der Hilfeplanziele, unter Anwendung eines pädagogischen Konzeptes und einer Vielfalt pädagogischer Methoden. Gruppen-, Einzel-, Eltern-, Netzwerk- ­ und Umfeldarbeit bilden die Bausteine des Angebotes.

5.1 Gruppenarbeit

Eine Gruppe stellt einen wichtigen sozialen Rahmen für die Entwicklung und Selbstverwirklichung des jungen Menschen dar. Für eine positive Identifikation und den Aufbau von Beziehungen ist es notwendig, den Anforderungen, die eine Gruppe (z.B. Schule, Freundeskreis) an den Einzelnen stellt, gerecht zu werden. Ebenso ist es notwendig, Gruppen nutzen zu können, um Anerkennung und das Gefühl sozialer Sicherheit und Geborgenheit zu erfahren. Die soziale Gruppe nimmt selbst als ein bewusst gewähltes und von den Gruppenpädagogen kontrolliertes Arrangement Einfluss auf Veränderungsprozesse des Einzelnen. In einer Gruppe von Gleichaltrigen werden die jungen Menschen unter stützt, Fähigkeiten zu entwickeln, ihr Selbstbild und ihre Perspektive zu verändern, neue Verhaltensmuster einzuüben, um sich auf die Übernahme sozial akzeptierter Rollen vorzubereiten. In der Gruppe tauschen sie sich über adäquates Verhalten aus.

Durch zielgerichtete Gruppenerlebnisse sollen die sozialen Fähigkeiten erweitert und angemessene Umgangs ­ und Auseinandersetzungsformen mit Gleichaltrigen entwickelt werden. Im schützenden Rahmen der Gruppe können die Kinder und Jugendlichen wechselseitig lernen, sich über eigene Konfliktkonstellationen bewusst zu werden, über Erlebnisse und Gefühle, die sie bewegen, zu reden, ihr Verhalten zu reflektieren und mit den anderen Gruppenmitgliedern gemeinsam nach Lösungsstra­tegien zu suchen. Dadurch können sie erleben, was es heißt, aktives Mitglied einer Gruppe zu sein sowie verständnisvoll und tolerant miteinander umzugehen. Die Integration in eine feste Gruppe fördert das Erleben von sozialer Zugehörigkeit und steigert das Selbstwertgefühl. Dabei werden die gruppendynamischen Prozesse von den Gruppenleitern gezielt genutzt.

Methoden des sozialen Lernens in der Gruppe werden eingesetzt, um mit ­ und voneinander zu lernen, den Umgang mit Konflikten und mit Kritik zu üben, soziale Kommunikation zu befördern, die Formulierung eigener Wünsche und Grenzen zu erlernen, Verhalten zu interpretieren und ein interkulturelles Miteinander zu entwickeln. Die Gruppenteilnehmerinnen erfahren durch Situationsgestaltung, Spiele, Kommunikations ­ und Interaktionsübungen, wie Konflikte gelöst und Impulse re­guliert werden können.

Darüber hinaus erwerben bzw. festigen die Teilnehmerinnen einer SGA eine Vielzahl an alltagsprak ­ tischen Kompetenzen. Dazu gehören Fertigkeiten wie Kochen und Backen, Tischdienste, der Um ­ gang mit Geld (z. B. beim Einkaufen für die Gruppe) oder das verantwortungsbewusste Handeln im Straßenverkehr. Hilfreich für die Orientierung der jungen Menschen im Tagesverlauf sind die ritua­ lisierten Abläufe in der Gruppe sowie eine klare Zeitplanung.

Partizipation als grundlegende Strukturmaxime nimmt einen hohen Stellenwert im pädagogischen Handeln ein: Es gilt, junge Menschen zu motivieren sich einzubringen – so wie sie sind, mit dem was sie können und wollen. Sie dürfen sich engagieren, beteiligen, mitentscheiden und mitgestalten. Sie erhalten Gelegenheit, ihre eigenen Interessen zu vertreten und in demokratischen Prozessen auszuhandeln. Gemeinsam gestaltete Aushandlungsprozesse stärken selbstbewusstes Handeln und befähigen junge Menschen dazu, soziale Verantwortung zu übernehmen. Vor allem geht es um das Mut machen und die Befähigung, die Herausforderungen des Lebens mit eigenem Engagement aktiv wahrzunehmen. Die jungen Menschen erhalten Freiräume zur Mitbestimmung, um darüber ihre Eigeninitiative zu fördern. Auf diese Weise wird angeregt, selbstständig Konflikte lösen zu lernen bzw. eigene Integrationsmuster zu finden. Die Angebote beziehen sich auf die Interessen und Fähigkeiten der jungen Menschen und eröffnen ihnen zugleich neue Perspektiven. Auf diese Weise wird Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, sich als eigenverantwortlich, selbstwirksam, schöpferisch und wertvoll zu erfahren.

In den Ferien dienen ganztägige Gruppentreffen, Gruppenreisen, Tagesfahrten oder gemeinsame Übernachtungen der intensiven Gruppenfindung und ­-auseinandersetzung der Teilnehmer. Der laufende Gruppenprozess erhält starke Impulse. Darüber hinaus stärken positive gemeinsame Erlebnisse die gegenseitigen Beziehungen untereinander und unterstützen so den Aufbau eines vertrauensvollen Rahmens. Die Kinder werden in die Vorbereitung und Durchführung aktiv miteinbezogen und erleben so ihre Selbstwirksamkeit.

 

5.2 Einzelarbeit

Neben der Arbeit mit der gesamten Gruppe beinhaltet die Hilfeform der SGA auch verschiedene Ele­mente individueller Unterstützung und Aufmerksamkeit, die situations- ­ und bedarfsorientiert in die Arbeit einfließen. Die Zuwendung zu jedem Einzelnen

› ermöglicht die Wertschätzung der individuellen Interessen, Möglichkeiten und Wünsche der Kinder

› wird genutzt, um die persönlichen Belange, Sorgen und Themen der jungen Menschen stärker thematisieren zu können

› stärkt und formt die Beziehung und das Vertrauen der jungen Menschen zu den Fachkräften und ist somit wichtiger Grundbaustein der Zusammenarbeit

› ist notwendig, um junge Menschen und ihre Zugänge zu Themen kennenzulernen und so die Angebote passgenau gestalten zu können.

Formen der individuellen Förderung sind:

› individuelle Gespräche, Biografiearbeit

› schulische Unterstützung, Lernförderung

› Einzelarbeit im Rahmen von Projekten

› Motivation zur Selbstreflexion

› Benennen individueller Ressourcen und Stärken

› Vergabe von Aufträgen, die sich an den individuellen Fähigkeiten orientieren

› Erarbeitung individueller Ziele und Reflexion des Hilfeverlaufs

› gemeinsame Vor ­ und Nachbereitung der Hilfeplangespräche

› Erarbeitung von Lösungen bei aktuellen Schwierigkeiten/Problemlagen › Krisenintervention

 

5.3 Elternarbeit

Der Elternarbeit kommt in der SGA besondere Bedeutung zu, sie ist integraler Bestandteil der pädagogischen Arbeit. Der regelmäßige Austausch über die Entwicklung ihrer Kinder – nicht nur im Konfliktfall, sondern gerade auch bei positiven Rückmeldungen über das Verhalten oder die Leistungen – sind ein Beitrag zur Auflösung von Spannungen innerhalb der Familie oder zwischen Familie und Schule. Die Elternarbeit hat darüber hinaus das Ziel, dysfunktionale Muster wahrzunehmen, anzu­sprechen und nach Möglichkeit die Familie dabei zu unterstützen, neue, funktionalere Muster aufzubauen und zu festigen. Dazu gehört:

› Klarheit über Regeln, Normen, Aufgaben und Beziehungen innerhalb des Familiensystems zu schaffen

› Rollenklärung, zu der eine klare Grenzziehung zwischen den Generationen innerhalb der Familie und den jeweiligen Aufgaben gehört

› Verständigung über altersangemessene Regeln, Normen und Aufgaben

› Klärung der Rollen möglicher Stiefeltern

› Abstimmung der Erziehungsziele unterschiedlicher Erziehungsberechtigter.

Die Kinder erleben die gemeinsamen Gespräche in der Regel positiv als Wertschätzung und Interesse ihrer Eltern, obwohl sie sich mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen müssen und auch schwierige Situationen thematisiert werden.

Einladungen zu gemeinsamen Veranstaltungen, Festen und Elternabenden ergänzen die individuellen Gespräche und stellen den Bezug zum familiären Umfeld der Kinder und Jugendlichen her. Sie geben den Eltern die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen und sich mit anderen Eltern auszutauschen.

Bausteine der Elternarbeit:

› gemeinsame Entwicklung von Zielen

› regelmäßige Beratungsgespräche zu Erziehungsfragen

› Beratung und Unterstützung der Eltern im Umgang mit den Herausforderungen des Kindes

› Reflexion der pädagogischen Prozesse in der SGA und Überprüfung der Übertragung in den familiären Kontext

› Stärkung der Familienressourcen

› Elterngruppenangebote, Elternabende

› Unterstützung und Beratung in Krisensituationen

 

5.4 Netzwerkarbeit

Die Zusammenarbeit mit für die Hilfe relevanten Institutionen und Personen, wie Schulen, Jugendämter, Ärzte, Therapeuten, ist eine Bedingung für das Gelingen der Hilfen.

Vor allem der regelmäßige Austausch mit Lehrern und Schulsozialarbeitern ist von besonderer Bedeutung, da der Lernort Schule die betreuten jungen Menschen in der Regel vor große Herausforderungen stellt. Deshalb finden bedarfsentsprechend und in Abstimmung mit den Eltern regelmäßige Gespräche mit den Lehrerinnen und Schulsozialarbeitern statt. Die Eltern werden bei Bedarf im Umgang mit der Schule so begleitet und beraten, dass sie im Sinne ihres Kindes eine konstruktive Form der Zusammenarbeit praktizieren.

Die Vernetzung der Fachkräfte der SGA durch die Teilnahme an relevanten bezirklichen Gremien ist hilfreich für die Arbeit, da die Fachkräfte so stets über wichtige Angebote und Entwicklungen in den Sozialräumen informiert sind und dieses Wissen wiederum an die Familien weitergeben können.

 

5.5 Erschließung und Nutzung sozialräumlicher Angebote

Das gemeinsame Erkunden von Angeboten und Freizeitmöglichkeiten im Kiez erleichtert den Kindern und Jugendlichen an den gruppenfreien Tagen oder im Anschluss an eine Hilfe den Zugang zum Sozialraum. Aktivitäten der Gruppe fördern das Wissen der Gruppenteilnehmer um die Möglichkei­ten in ihrer Umgebung, erhöhen die Selbständigkeit im öffentlichen Raum, dienen der Interessen­erweiterung und führen idealerweise zu neuen Kontakten und Ansprechpartnern für die Kinder und Jugendlichen (z. B. zu Mitarbeitern von Kinder ­ und Jugendfreizeiteinrichtungen). 

 

Der Beitrag ist ein Auszug aus der Broschüre Soziale Gruppenarbeit (SGA) - eine notwendige Standortbestimmung.

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 16.12.2017, 21:16:58
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
Software policy
Diese Software hat keine bekannten Hintertüren oder Verletzbarkeiten die es Dritten erlauben würden Ihre Daten zu kopieren. Mehr zum Datenschutz dieser Kommentar- und Bewertungssoftware: www.toctoc.ch
Beitrag bewerten
Noch nicht bewertet.

keine.

Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Vorschau wird geladen ...
*: Pflichtfeld

Auf Facebook kommentieren

Ähnliche Artikel

15.12.2017|
David Spitzl Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Wenn die Schule zum Fulltime-Job wird

15.12.2017|
Bernd Schüler Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

„Im Gruppen-Mentoring gibt es mehrere Arten von Beziehungen‟

14.12.2017|
Astrid Staudinger Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Kinderschutz Top-Beitrag Hilfen zur Erziehung

TBT: Unser erfolgreichster Blogbeitrag bislang