Heide-Marie Holzappel ist Hausleiterin im Kinderdorf. Kai hat hier beinahe seine ganze Kindheit verbracht. Foto: Anne Beyer

Anne Beyer
Anne Beyer Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik Kinder & Jugendliche Wissenschaft Kinderschutz Spandau
Donnerstag, 12. April 2018
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Eine Kindheit im Kinderdorf

Kai ist 20 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Geschichte, Politik und Soziologie. Heide-Marie Holzappel arbeitet seit 25 Jahren beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin e.V., davon 20 Jahre als Hausleiterin. Kai nennt sie „meine Heidi“ oder auch seine zweite Mutter. Bereits in der DDR war Heide-Marie Holzappel Heimerzieherin und freute sich, nach der Wende im Kinderdorf arbeiten zu können. Das Konzept gefiel ihr: die Unterbringung von Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen in einem familienähnlichen Umfeld. Zurzeit betreut sie fünf Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren. Kai kam gemeinsam mit seiner älteren Schwester schon im Alter von einem Jahr ins Kinderdorf und lebte dort bis zu seinem Auszug in die eigene Wohnung. Wir befragten beide, wie diese Kindheit im Kinderdorf aussah.

Ist es eher ungewöhnlich, dass die Kinder so jung ins Kinderdorf kommen?

Heide-Marie Holzappel: Die Kinder kommen in ganz unterschiedlichem Alter zu uns. Ungewöhnlich ist bei Kai vor allem die lange Zeit, die er bei uns war. Einige Kinder können nach einiger Zeit wieder zu ihren Ursprungsfamilien zurückkehren, weil sich die Verhältnisse gebessert haben, wie z.B. zwei syrische Kinder, die vor kurzem wieder zu ihrem Vater zurückgegangen sind. Kais Schwester ist mit fast 19 Jahren in ihre eigene Wohnung gezogen und wurde von uns noch ca. ein Jahr nachbetreut. Wir stehen ihr auch noch heute mit Rat und Tat zur Seite.

Kai: Für mich ist das hier meine Familie. Wir hatten kaum Kontakt zu unseren leiblichen Eltern, die mittlerweile auch verstorben sind. Ich weiß, dass ich immer zu meiner Heidi kommen und sie um Rat fragen kann. Ich hatte quasi 3 Mütter: Heide-Marie und die beiden anderen Erzieherinnen, Ela und Peggy, die hier auch schon seit meiner Kindheit arbeiten.

Was ist das besondere daran, wenn man so junge Kinder aufnimmt?

Heide-Marie Holzappel: Man erinnert sich an alles, was diese Kinder erlebt haben. Kai und seine Schwester waren, als sie zu uns kamen, unterentwickelt und konnten mit einem Jahr noch nicht einmal sitzen. Das haben sie alles sehr schnell nachgeholt mit guter Förderung. Natürlich brauchen so kleine Kinder mehr Nähe als die älteren. Anfangs haben die beiden bei mir im Schlafzimmer geschlafen. Man merkte bei beiden bis in die Grundschulzeit, dass sie mit Verlustängsten zu kämpfen hatten.

Verstehen so junge Kinder ihre Situation?

Heide-Marie Holzappel: Wir haben immer über alles offen geredet. Ich lasse mich von den Kindern prinzipiell nicht Mama nennen, aber bei so kleinen Kindern kommt es dann schon einmal zu Irritationen. Wir waren einmal, als Kai noch ein Kleinkind war, mit seiner leiblichen Mutter auf dem Spielplatz. Als Kai hinfiel und weinend ,Mama‘ rief, war seine Mutter dann irritiert, als er zu mir lief. Aber das ist bei kleinen Kindern so, da kann man die Grenzen noch nicht so ziehen. Vom Gefühl her war ich seine Mama. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit mit ihm. Wir hatten großes Glück, dass wir die Geschwisterkinder zusammen aufnehmen konnten und sie sich auf die Beziehung zu  uns einlassen konnten. Wir sind sehr stolz auf seine Entwicklung, wie er alles meistert.

Wie war es für dich, im Kinderdorf aufzuwachsen?

Kai: Wir sind hier eine richtige Familie, es war hier immer ein sehr warmes Verhältnis. Ich habe bereits als Kind einen starken Schnitt mit meinen Eltern gezogen, was es mir, glaube ich, leichter gemacht hat. Ich erinnere mich gern an die vielen Urlaube, die wir gemeinsam unternommen haben, vor allem die in Schweden. Ich mag es, viele Leute um mich zu haben. Hier war man nie allein. Schon am Frühstückstisch saß immer jemand mit dabei. Nach der Schule war auch immer jemand da, beim Hausaufgabenmachen, am Nachmittag, vor dem Schlafen. Wenn man wollte, konnte man sich auch in sein Zimmer zurückziehen. Das ist mir nach meinem Auszug am schwersten gefallen: das Alleinesein, vor allem nachts.

Heide-Marie Holzappel: Auch für uns war es toll, wenn wir gemeinsam in den Urlaub gefahren sind. Die Kinder hatten immer jemanden zum Spielen. Wir bringen ihnen schon früh Selbstständigkeit bei: aufräumen, den Tag organisieren, kochen, Gartenarbeit, Wäsche waschen, sich in die Gemeinschaft einbringen. Kai hat immer sehr schön mitgemacht. Er war ein sehr geselliges Kind und hatte auch außerhalb des Kinderdorfes viele Freunde. Es ist wichtig für die Kinder, ein gutes soziales Umfeld zu haben.

Kai: In einer Großfamilie aufzuwachsen ist heutzutage etwas besonderes. Die Erzieherinnen bringen zum Teil ihre eigenen Kinder mit. Gerade Feiern wie Weihachten fallen hier immer sehr groß aus.

Heide-Marie Holzappel: Unsere eigenen Familien helfen viel im Alltag und fahren z.B. die Kinder nach der Schule zum Sport oder Musikunterricht. Ohne diese freiwilligen Helfer ginge es nicht.

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