Bild: Jelena, Foto: privat

Nina Meingast
Nina Meingast Berichte aus den ambulanten Hilfen Inklusion Qualifizierung & Fachlichkeit Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Donnerstag, 23. November 2017
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Einzelfallhilfe: Jelena auf dem Weg zur Selbständigkeit

„Fliegen zu können, fände ich toll“

Antonia Klaue ist 26 Jahre alt und in Berlin geboren. Im September 2017 schloss sie ihr Psychologiestudium mit dem Master of Science ab und arbeitet seit zwei Jahren in der Einzelfallhilfe der Björn Schulz Stiftung. Hier betreut sie auch Jelena, ein zehnjähriges Mädchen mit einem inoperabler Gehirntumor. Im Folgenden berichten beide aus dem Alltag miteinander:

Antonina Klaue:

Jelena ist ein aufgeschlossenes Mädchen mit vielen Interessen. Wenn wir uns sehen, ist sie so gut wie immer fröhlich. Ihr Lachen ist besonders schön, genau wie ihre tollen dicken, lockigen Haare. Außerdem ist Jelena humorvoll. Wir können gemeinsam über vieles lachen. Gelegentliche kleine Frechheiten überspielt sie mit ihrer charmanten Art. Bei Jelena ist ein inoperabler Tumor im Gehirn diagnostiziert worden, der seit langem unveränderlich ist. Für die Mutter ist dies ein Teil von Jelena und wird auch so respektiert. Er ist nicht Mittelpunkt im alltäglichen Leben, sondern etwas, auf das mehr im Hintergrund geachtet wird. Für mich bedeutet das konkret, auf ihren aktuellen gesundheitlichen Zustand zu achten, um eventuelle Symptome wie Kopfschmerzen oder Schwindel zu erkennen.

Aktuell sehen wir uns einmal wöchentlich für etwa fünf Stunden und einmal im Monat einen Tag zusätzlich, den wir dann zum Beispiel für Ausflüge nutzen. In der Regel hole ich Jelena von der Schule ab. Dort zeigt sie mir oft noch kurz, was sie im Unterricht gemacht hat. Dann erzählen wir uns, wie die Woche bisher verlief. Jelena hat immer eine Menge zu berichten. Meist unternehmen wir etwas, was wir die Woche zuvor gemeinsam geplant haben oder gehen gemeinsam zum Turnen. Als kleines Abschlussritual unseres Treffens gehen wir im Sommer noch ein Eis essen oder im Winter einen Kakao trinken, denn sie sie liebt Eis und Schokolade.

Fremden Menschen zaubert Jelena oft ein Lächeln ins Gesicht, zum Beispiel im Cafe. Beim Bestellen ist sie so freundlich und zugewandt, dass sie um sich herum augenblicklich gute Laune verbreitet. Sie beobachtet auch gerne andere Menschen, und manchmal überlegen wir dann gemeinsam, was sie in ihrem Leben wohl machen und sie auszeichnet. Sie entwickelt dabei fantasievolle Geschichten.

Jelena ist neuen Aktivitäten gegenüber oftmals skeptisch eingestellt. Lieber möchte sie auf ihr bekanntem Terrain bleiben. Weil sie gerne Süßes ist, macht ihr wohl auch das Backen so viel Freude. Wir planen das immer wieder mit ein. Außerdem ist sie sportlich und springt gerne Trampolin. Es ist für mich eine kleine Herausforderung, sie für Neues zu begeistern. Wir finden aber immer einen guten Kompromiss. Lässt sie sich darauf ein, ist sie auch offen und begeisterungsfähig. Wie wohl die meisten Teenanger mag sie Sachen, die ihr keinen Spaß machen, gar nicht, zum Beispiel ihr Zimmer aufzuräumen oder über Dinge zu sprechen, die ihr unangenehm sind.

Ich habe den Eindruck, dass Jelena sich auf unsere Treffen freut und die gemeinsame Zeit genauso genießt, wie ich. Wir haben ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zueinander. Sie sagt mir ab und zu, wie sehr sie mich mag, das freut mich. Mir ist es wichtig, dass wir die Zeit so gestalten, dass Jelena Freude hat.

Erstaunt hat mich vor allem der Prozess unserer Beziehungsgestaltung. Jelenas Vertrauen zu gewinnen hat länger gedauert als ich dachte. Wir hatten von Beginn an eine gute Ebene zueinander gefunden, wirkliches Vertrauen und Offenheit entstanden aber erst nach einer längeren Zeit. Für mich und meine Arbeit mit ihr ist das sehr wertvoll. Dass Jelena und ich den selben Humor haben, hat diesen Prozess für uns beide erleichtert.

Mit Jelenas Mutter spreche ich regelmäßig über aktuelle Angelegenheiten und auch über Geplantes. Der Austausch funktioniert sehr gut und ich weiß immer Bescheid, wenn es etwas gibt, worauf ich achten muss. Auch Jelenas Vater, bei dem sie regelmäßig ist, möchte involviert und über die Einzelfallhilfe informiert werden, auch das kommt der Arbeit zugute.

Als Grundlage für die Arbeit mit Jelena sind vom Jugendamt Ziele festgelegt, auf die wir hinarbeiten, zum Beispiel ein Wegetraining in öffentlichen Verkehrsmitteln, den Zugang zu den eigenen Gefühlen fördern, das Selbstvertrauen zu stärken und eigene Interessen zu finden. Generell ist mir dabei wichtig, mit ihr aktiv zu sein und sie selbstständig Aufgaben übernehmen zu lassen. So haben wir beispielsweise gemeinsam geplant, in Jelenas Zimmer das Spielzeug auszusortieren. Ihr fällt es schwer, sich von Sachen zu trennen, auch hieran arbeiten wir und ich unterstütze sie dabei, zu einer Ordnung zu finden und sie zu halten.
Besonders eindrücklich war für mich, als wir vergangenen Winter Schlittschuh gelaufen sind. Jelena äußerte von sich aus dem Wunsch, dass sie dies gerne lernen würde und war dabei so ehrgeizig, dass sie nicht einmal eine Pause einlegen wollte. Mich hat beeindruckt zu sehen, wie fokussiert sie hier war und wir stark ihr Wille dabei war.

Jelena weiß und versteht, dass ich für sie da bin und es in der Zeit um sie und ihre Entwicklung geht. Dieses Gefühl versuche ich, ihr zu vermitteln. Ich lege Wert darauf, die Hilfe so zu gestalten, dass Jelena und ich hier in allem an einem Strang ziehen. Es geht mir darum, eine Balance zu schaffen zwischen einer zielorientierten Ausrichtung der Arbeit und dem Vermitteln von Freude und Entspannung.

Die Einzelfallhilfe für Jelena zeigt mir, wie wichtig es für meine Arbeit ist, einen individuellen Blick auf die Person vor mir zu richten und sich für sie und ihre besonderen Bedürfnisse zu interessieren. Sich jedes mal wieder aufeinander einzufühlen und einzustimmen ist wichtig, um die gesetzten Ziele gemeinsam gut und vertrauensvoll zu erreichen.

 

Auch Jelena selbst haben wir einige Fragen gestellt:

Wer bist Du?
Ich bin Jelena, 10 Jahre alt und gehe in die vierte Klasse. Die Schule an sich finde ich toll.
Was mir Spaß macht, ist, mit meinen Schulfreunden zu spielen. Gar kein Spaß macht mir Mathe. Ich wohne zusammen mit meiner Mama, meinem Stiefpapa, bald kommt noch eine kleine Schwester und mit meinen zwei Katzen.

Was magst Du besonders gerne an Dir?
Besonders gerne mag ich meine blauen Augen und lockigen goldenen Haare. Meine Vorlieben sind Turnen, Schlittschuhlaufen, Rollschuhfahren und Eisessen.

Welche Erkrankung hast Du?
Meine Erkrankung ist, dass ich zu viele Zellen im Gehirn habe, die zu schnell laufen.

Was bedeutet das für Dich?
Das bedeutet für mich, dass ich einen epileptischen Anfall bekommen kann und etwas vorsichtig sein muss.

Fühlst Du Dich durch Deine Krankheit eingeschränkt?
Nein!

Wie oft siehst Du Deine Einzelfallhelferin Antonia und wie viel Zeit habt ihr zusammen?
Einmal in der Woche kommt Antonia für fünf Stunden zu mir.

Was macht ihr zusammen, was Du besonders magst?
Toni holt mich dann von der Schule ab, wir reden über alles mögliche und dann gehen wir öfter Eis Essen, in das „Jumphouse“ zum Trampolinspringen und auch in das Schaumschwammbad. Oder wir gehen spazieren, oft auch mit Antonias Hündin. Wir sind viel draußen unterwegs, beschäftigen uns aber auch drinnen. Antonia geht mit mir in den Turnverein.

Was, würdest Du sagen, sind die Aufgaben von Antonia, wobei hilft sie Dir?
Mit mir Spaß zu haben, also dass ich mit ihr Spaß habe. Und dass es in der Familie gut läuft. Auch über Gefühle zu sprechen, vor allem wenn ich wütend war.

Hilfst Du auch ihr bei etwas? Oder anderen?
Ich helfe ihr, dass sie immer lacht. Ich helfe auch zu überlegen, was wir machen können. Unsere Unternehmungen planen wir oft gemeinsam.

Wenn Du Dir eine Zauberkraft aussuchen könntest, welche würdest Du nehmen?
Alle Elemente wie Feuer, Erde, Luft Wasser finde ich spannend. Und, fliegen zu können, wäre toll. Ich würde höher und weiter fliegen. Und ich würde mich gerne unsichtbar machen können.

In einem Flugzeug bist Du ja schon mal geflogen, wie war das für Dich?
Der Flug war richtig toll, auch weil Antonia dabei war.* Am Anfang war ich etwas aufgeregt, aber Angst hatte ich nicht.

*Es handelte sich um einen Flug, den ein privater Flugplatz für die Familien der Björn Schulz Stiftung angeboten hatte.

Fällt Dir etwas ein, was Du besonders schön oder witzig fandest, was ihr zusammen erlebt habt?
Besonders lustig fand ich, als Rani, Tonis Hündin, die ziemlich groß ist, von der Couch gefallen ist, weil sie dort schlief und sich bestimmt im Traum gedreht hat.
Ich mag es besonders gerne, mit Antonia Rollschuh zu fahren, wir spielen Fußball, laufen im Winter Schlittschuh und backen gemeinsam – während ich das aufschreibe, backen wir gerade Schokomuffins zusammen.

Gibt es für Dich auch Schwieriges in der Hilfe?
Es gibt keine Schwierigkeiten, ich bin glücklich, wenn Toni da ist. Was ich gar nicht mag ist, wenn Toni mal krank ist und der Termin ausfällt. Und auch nicht, wenn sich Leute in meinem Umfeld streiten.

Du lebst in einer richtigen „Patchwork-Familie“, also meistens bei Deiner Mama und Deinem Stiefvater und hast bald auch eine Halbschwester, und Du bist regelmäßig bei Deinem Vater und Deiner Stiefschwester. Wie findest Du das?
Gut, weil ich dann auch Zeit bei Papa verbringe und weil ich von jedem etwas anderes lerne.

Hast Du über Dich selbst in der Hilfe Neues erfahren und gelernt?
Man muss öfter mal aufräumen, sonst fällt man über seinen eigenen Kram! Und nicht so schnell wütend zu werden. Ich kann gut Schlittschuh laufen, das machen wir öfter Mal im Herbst und im Winter. Ich denke auch, dass ich gut malen und tanzen kann.

Danke den beiden für das sehr ehrliche und interessante Gespräch und in die Einblicke in ihren gemeinsamen Alltag!

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