Die Leiterin des Familienhauses Alexia Sfirikla berichtet im Interview von den ersten Herausforderungen und Erfahrungen. Fotos: Anne Beyer

Anne Beyer
Anne Beyer Ein familienhaus entsteht Spandau Kinderschutz Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Montag, 07. Mai 2018
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Anne Beyer Ein familienhaus entsteht Spandau Kinderschutz Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Einzug ins Familienhaus

Das Familienhaus des Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin e.V. ermöglicht es Kindern, trotz Krisen oder Belastungssituation in ihrer Familie zu verbleiben.

Seit Herbst des letzten Jahres gibt es in der Schürstraße in Berlin-Spandau eine neue soziale Einrichtung, in der Familien mit Kindern sozialpädagogisch rund um die Uhr betreut werden. Der Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin e.V. bietet damit stationäre Hilfen für Familien und Alleinerziehende, die eine besonders intensive Unterstützung bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder benötigen. Das Angebot richtet sich an Eltern, bei denen sich die familiäre Situation so krisenhaft entwickelt hat, dass eine Herausnahme der Kinder droht oder auch schon erfolgt ist. Für diese Familien stehen bis zu neun Wohnungen zwischen 43 und 96 Quadratmetern zur Verfügung. Insgesamt richtet sich diese Form der Hilfen zur Erziehung für die Familien an bis zu zwölf Kinder ab drei Jahren. Da das Auswahlverfahren und die Vorbereitungen für den Einzug einer längeren Vorlaufzeit bedürfen, zogen die ersten Familien erst in diesem Jahr ein. ein. Die Leiterin des Familienhauses Alexia Sfirikla berichtet im Interview von den ersten Herausforderungen und Erfahrungen:


Wann sind die ersten Familien eingezogen?

Im Februar und im März sind bislang insgesamt drei Familien mit zusammen sechs Kindern eingezogen. Damit sind wir zur Hälfte gefüllt, und weitere Aufnahmeverfahren laufen. Die aufgenommenen Kinder sind meist im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Bei einem Geschwisterpaar haben wir eine Ausnahme gemacht, da die beiden noch im Kleinkindalter deutlich unter drei sind. Wir haben sehr viele Anfragen für Familien mit noch sehr kleinen Kindern, z.B. von Familien, aus denen bereits Kinder herausgenommen wurden und die weitere Kinder bekommen oder bekommen haben.

Im Familienhaus in Spandau stehen bis zu neun Wohnungen zwischen 43 und 96 Quadratmetern zur Verfügung. Foto: Anne Beyer

Welche Herausforderungen bringen die Familien mit, die hier wohnen?

Die Familien haben oft mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen, u.a. Depression und Aggressionsverhalten. In der Erziehungskompetenz fehlt ihnen der Blick für die Bedürfnisse der Kinder. Allerdings ist eine gute Grundbindung zwischen Eltern und Kindern Voraussetzung für die Aufnahme bei uns. Bei allen ist kennzeichnend, dass die ambulante Hilfe im Alltag nicht mehr ausreicht. Ihnen fehlen oft grundlegende Dinge, wie Struktur im Alltag, die sie zum Teil nie kennengelernt haben.

Wie gestaltet sich das Auswahlverfahren?

In der Regel kontaktiert uns das Jugendamt telefonisch oder schickt eine Mail. Es haben sich in Einzelfällen auch schon Eltern selbst gemeldet, weil sie vom Jugendamt aufgefordert wurden, sich nach Einrichtungen wie unserer umzuschauen. Dadurch, dass es uns erst so kurz gibt, sind wir außerhalb von Spandau noch nicht überall bekannt und müssen in Austausch mit den Jugendämtern treten.

Wir versuchen dann im Gespräch mit dem Jugendamt so viele Informationen wie möglich über die jeweilige Familie zu bekommen und herauszufinden, ob sie die Kriterien erfüllt, um bei uns aufgenommen zu werden. Wir laden die Familie zu einem Auftragsklärungsgespräch bei uns ein, zu dem im Idealfall die Familienhelferin mit hinzukommt. Die größte Herausforderung für die Eltern ist oft, dass sie bereit sein müssen, ihre eigene Wohnung aufzugeben. Sie ziehen ja für einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren bei uns ein. Es kann zwar auch schneller gehen, aber in der Regel veranschlagen wir zwei bis drei Jahre, bis die Familien so weit sein werden, wieder in einen eigenen Haushalt zu ziehen.

Kann die Familie nach etwas Bedenkzeit mit dem Konzept konform gehen und auch Jugendamt und wir denken, dass alles passt, dann laden wir alle, auch die Kinder, noch einmal zu uns ein, und es kommt zum Auftrag. Dann müssen die Formalitäten mit den Kostenträgern geklärt und der Umzug organisiert werden.

Die Gemeinschaftsräume, wie diese Küche, bieten Platz für den Austausch. Foto: Anne Beyer


Wie viele KollegInnen arbeiten derzeit im Familienhaus?

Wir sind hier ein tolles, engagiertes Team mit viel Herz und Humor, das sehr wertschätzend mit den Familien umgeht. Das Team besteht aus acht Personen. Sechs ErzieherInnen decken die 24-Stunden-Dienste und die Tagdienste ab und sind rund um die Uhr für die Familien vorort. Meine Kollegin Frau Neustädt (Sozialpädagogin) und ich als Einrichtungsleitung verfügen über familientherapeutische Zusatzqualifikationen.

Es steht uns eine Betreueretage zur Verfügung mit Büros, Besprechungszimmern, Bad, Schlafzimmer und einem Notfallzimmer für Kinder, falls eines kurzfristig aus der Familiensituation herausgenommen werden muss. Der Fall ist aber zum Glück noch nicht eingetreten.

Ein engagiertes achtköpfiges Team kümmert sich rund um die Uhr um die Familien im Familienhaus. Foto: Anne Beyer

Ein Kinderzimmer steht im Notfall zur Verfügung, falls eines der Kinder aus der Familiensituation kurzfristig herausgenommern werden muss. Foto: Anne Beyer

Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?

Der Vertrauensaufbau zu den Eltern gestaltet sich in der Kürze der Zeit bislang sehr positiv. Sehr förderlich ist die gute Vernetzung der Familien untereinander. Zieht jemand neues ein, unterstützt eine Familie die andere beim Ankommen. Sie helfen einander aus, unterstützen sich und tauschen ihre Erfahrungen aus. Das Ankommen ist sehr wichtig, die Familien müssen sich erst einmal auf das Leben hier einlassen. Wenn man nicht aus Spandau kommt, muss man sich auch im Bezirk erst einmal einleben. Jede Familie ist ein Überraschungspaket. Die Jugendämter schauen in der Regel nach den Bedürfnissen und dem Schutz der Kinder. Wir haben einen ganzheitlichen Blick auf die Familie. Wir arbeiten in erster Linie mit den Eltern an ihrer Erziehungskompetenz und der Bewältigung des Alltags. Viele haben eigene Gewalterfahrungen gemacht und nie selbst Strukturen kennengelernt. In dieser Anfangszeit stehen wir täglich vor neuen Themen und Herausforderungen.

Wie sieht der Alltag im Familienhaus aus?

In den Wohneinheiten verbleiben die Eltern weitgehend in der Verantwortung und Gestaltung des Familienalltags. Wir haben zwar für den Notfall einen Schlüssel zur Wohnung, aber so ein Fall ist noch nicht eingetreten. Die größte Veränderung für viele ist, dass sie alles nur in Absprache mit uns machen, auch wenn sie irgendwo hingehen. Das Erzieherteam erstellt in Absprache mit den Familien Wochenpläne, die einen roten Faden im Alltag bieten: anstehende Termine wie Kinderarzt und Therapiesitzungen, aber auch Putz- und Einkaufspläne. Wir haben im Blick, dass Briefe geöffnet und Rechnungen bezahlt werden. Bei Bedarf begleiten wir die Eltern auch beim Einkaufen, beim Spielen und Alltagssituationen mit den Kindern, bei Arztterminen oder in anderen Situationen, die das Team für wichtig hält, um die Familie in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

In den regelmäßigen Gesprächen mit den Sozialpädagoginnen, die etwa alle 14 Tage oder nach Bedarf stattfinden, klären wir die Bedarfe des Kindes, das Gefühlsleben der Eltern und arbeiten die Inhalte aus den Hilfekonferenzen auf. Einmal die Woche treffen sich die Bewohner in einer Gruppe, um Organisatorisches zu besprechen. Zukünftig sind auch Gruppenangebote obligatorisch.

Alexia Sfirikla leitet das Familienhaus in Spandau. Foto: Anne Beyer

Wie reagieren die Kinder auf den Einzug?

Für viele ist erst einmal alles neu: ein neuer Kitaplatz, eine neue Umgebung, das erste Mal ein eigenes Zimmer und Alltagsstrukturen. Das verunsichert oft – gerade die älteren Kinder. Aber sie freuen sich in der Regel über die Ansprache, die sie erfahren. Wir haben auch sehr lustige Erlebnisse. Zum Beispiel saßen letztens zwei Mütter mit ihren Kindern zusammen. Das eine Kind rutschte immer näher zu der anderen Mutter. Diese bat ihn mehrfach, er möge dies bitte lassen. Der Junge ignorierte die Bitte. Daraufhin sagte die eigene Mutter, er solle weiter auf die andere Mutter zu rutschen. Alle schauten sie entsetzt an. Sie lachte genüsslich und sagte: „Ihr habt doch gesagt, er macht immer genau das Gegenteil von dem was ich ihm sage. Ich wollte mal ausprobieren ob das jetzt auch klappt“. Und alle Kinder freuen sich natürlich auf das neue Klettergerüst im Garten.

Das neue Klettergerüst darf bald eingeweiht werden. Foto: Anne Beyer

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