Ein individuelles Leben, wie wir es in Europa führen, ist vielen Geflüchteten erst einmal fremd. Bild: Pixabay/Lukas Rychvalsky

Sabine Schwingeler Migration Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik Kinder & Jugendliche Wissenschaft Stadtteilarbeit Steglitz-Zehlendorf Angekommen in Berlin?!
Freitag, 11. Mai 2018
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Endstation Deutschland: Einsamkeit statt Integration

In den letzten Jahren sind viele junge Menschen, Erwachsene und Jugendliche alleine vor willkürlicher Gewalt, Krieg, Folter und Terror zu uns geflohen. Sie stammen aus Kulturen, in denen Familie noch eine viel größere Bedeutung hat, als bei uns: Sie bildet dort den Kern des gesellschaftlichen Lebens und die einzige Sicherheit für ein Individuum. Familie hat eine Priorität gegenüber allen gesellschaftlichen Belangen. Sie bildet das Netzwerk, das über gesellschaftliche Teilhabe entscheidet: Sie bietet Schutz und fordert absolute Loyalität, sie steht auch weit über allen freundschaftlichen Kontakten und ist durch diese nicht ersetzbar. Ein individuelles Leben, wie wir es in Europa führen, ist erst einmal fremd, wenn auch nicht ohne den Reiz, den die persönliche Freiheit eines solchen Lebens bietet.

Diese jungen Menschen, die zu uns gekommen sind, wurden nicht nur räumlich viele tausende Kilometer von ihren Familien getrennt, auch ihre oft traumatischen Fluchterlebnisse oder ihre schwierige Lebenssituation bilden eine unsichtbare Barriere: Oft können sie nicht angesprochen werden, um die Familie, die selbst in einer schweren Situation lebt, zu schützen, um die hohen Erwartungen, die auf den einzigen der Familie, der die Flucht angetreten hat, nicht zu enttäuschen und oft auch weil die Erlebnisse so traumatisierend waren, dass sie nicht ohne therapeutische Unterstützung aussprechbar sind. (Das ist auch einer der Gründe, warum in den Herkunftsländern falsche Bilder und Vorstellungen über die Fluchtsituationen und Lebensbedingungen herrschen.) So bleibt zwar ein intensiver Handykontakt mit der Familie bestehen, doch die Fluchtsituation führt dennoch oft zur Isolation von den wichtigsten sozialen Beziehungen, die sie haben.

Unsere gesellschaftlichen Erwartungen an Migranten, die nach Deutschland kommen, sind klar: Sprache lernen, Arbeit finden und sich mit unseren Werten und Lebensstrukturen auseinandersetzen. Studenten und Arbeitnehmer aus anderen Ländern, die nach Deutschland kommen, gehen diese Schritte meist selbstverständlich. Sie haben sie gewählt und machen sich mit der neuen Heimat vertraut, suchen neue Kontakte und Freunde.

Auch die meisten Geflüchteten haben dieses Ziel. Sie bringen aber eine andere Geschichte mit. Ihr ständiger Begleiter ist die Angst um die Angehörigen in der Heimat oder Geschwister auf den Fluchtwegen. Nachrichten aus der Heimat über Hunger, Not, Verletzungen, Inhaftierungen, Folter und Tod gehören zu ihrem Leben. Bei schlimmen Schicksalsschlägen der Familie müssen sie dabei oft nicht nur mit der Trauer, sondern auch mit Schuldgefühlen kämpfen, hier als einzige oder einziger in einer privilegierten Situation zu leben und nicht helfen zu können.

In der Regel sind die Geflüchteten auch einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt. Die Flucht war sehr teuer. Viele Geflüchtete, aus Afrika sogar alle, haben hohe Schulden. Es wird von ihnen erwartet, dass sie hier in Deutschland erfolgreich sind, Geld verdienen oder eine gute Ausbildung machen, um die Schulden abzubezahlen und die Familie zu unterstützen. Hier müssen sie erleben, dass ihre Qualifikationen oft nicht anerkannt werden und die Zugangschancen zu unserem Ausbildungssystem von Zeugnissen und Zertifikaten abhängen, die sie nicht vorweisen können.

Auch die Vorbereitung des Familiennachzuges hängt an ihnen, den sie aber in Abhängigkeit von ihrem Aufenthaltsstatus nur begrenzt beeinflussen können. So ist die Erfahrung des Nicht-Genügens und des Scheiterns ihre ständige Begleitung, die sie verarbeiten müssen, um nicht von ihr gelähmt zu werden und aufzugeben.

Das allein sind schon belastende Grundvoraussetzungen, die es nicht leicht machen, neue Kontakte aufzubauen oder zu halten. Oft kommt noch die eigene Traumatisierung durch Krieg, Gewalt, Folter, Terror und Menschenhandel in der Heimat und auf der Flucht hinzu.

Der medizinische Fachbegriff „Trauma“ bezeichnet in der Psychologie psychische Störungen als Folge eines Ereignisses, dem sich der Einzelne hilflos ausgeliefert fühlt und bei dem die normalen psychischen Abwehr- oder Verarbeitungsmechanismen versagen. Der Betroffene erlebt eine nicht mehr kontrollierbare Angst, aus der posttraumatische Folgen entstehen, die ein ganzes Leben durchziehen können: Schlaflosigkeit, chronische Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Aggressivität, Stimmungsschwankungen, Bindungsunfähigkeit, emotionale Distanz, Depression. Typisch für Traumatisierungen ist, dass sie für die Betroffenen nicht fassbar, verstehbar und oft auch nicht verbalisierbar sind. Sie leiden unter der Veränderung ihres Empfindens- und Verhaltens, ohne es verstehen oder ändern zu können und ziehen sich deshalb von sozialen Kontakten zurück.

Viele der Geflüchteten sind daher nicht in der Lage, hier einfach neu anfangen. Das Lernen oder neue Kontakte aufzubauen fällt ihnen unendlich schwer. Ihre Erlebnisse, Ängste und Verpflichtungen bela-sten so stark, dass sie statt in eine Integration in die Sprachlosigkeit, die Einsamkeit und Isolation führen.

Tesfagabriel, ein kluger junger Mann aus Eritrea ist vor 2 ½ Jahren nach Deutschland gekommen. Er hatte dort sein Abitur bestanden, war vor Gefängnis und Zwangsmiliärdienst geflohen und wollte hier eine Ausbildung machen. Bereits kurz nach seiner Ankunft hat er ehrenamtliche Deutschkurse besucht, hatte Kontakt zu zwei Ehrenamtlichen, die ihn unterstützten. Dann nahm er am Integrationskurs teil - und fiel auch nach der Kurswiederholung ein zweites Mal durch die Prüfung. Bereits während des Integrationskurses hatte er begonnen, in der Gastronomie zu arbeiten. Einen weiteren Deutschkurs besucht er nun nicht mehr. Seine ehrenamtlichen Unterstützer und seine eritreischen Mitbewohner bekamen ihn kaum noch zu sehen, nur hin und wieder in der Kirche. Keiner wusste, was los war. Die Ehrenamtlichen waren enttäuscht, sie hatten ihn wohl überschätzt.

Ins Integrationsbüro kam Tesfagabriel mit einem Schreiben des Jobcenters, das er nicht verstand. Er hatte die Arbeit, der er seit drei Monaten nachging, noch nicht dem Jobcenter gemeldet, denn er braucht verzweifelt Geld: für den siebzehnjährigen Bruder, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch in einem der berüchtigten libyschen Gefängnisse saß. 500 € hatte Tesfagabriel schon geschickt, damit er in eine Zelle mit Fenster verlegt wurde, 5.000 € fordern die libyschen Behörden für seine Freilassung. Und er braucht Geld für seine Frau und seine zweijährige Tochter, die er noch nie gesehen hat.  Im Flüchtlingslager in Addis Abeba warten sie seit über einem Jahr nun schon auf einen Termin bei der deutschen Botschaft für den Familiennachzug. Es gibt ein sicheres Wissen unter den geflüchteten Eritreern, wie sich dieses Verfahren mit Bestechung deutlich beschleunigen lässt. Und er braucht Geld für seine Eltern, die nach seiner Flucht Repressalien der Regierung ausgesetzt sind und er muss noch die Schulden seiner eigenen Flucht bezahlen.

Doch es geht nicht nur um das Geld. Tesfagabriel kennt die Willkür und Schikanen in Eritrea, die Not und Diskriminierung in Äthiopiens Lagern und die menschenunwürdigen Verhältnisse in Libyen aus eigener Erfahrung. Diese Angst um seine Familie konfrontiert ihn täglich auch wieder mit den eigenen Erlebnissen. Obwohl er ein kluger Mann ist, kann er sich nicht mehr konzentrieren. Deutsch lernen im Sprachkurs geht nicht mehr, eine Ausbildung ist unerreichbar.

Und doch liegen alle Erwartungen auf ihm. Deshalb kann er seiner Familie nicht erklären, wie schwer und teuer das Leben hier ist, dass er nicht lernen kann, dass es ihm schlecht geht im sicheren Deutschland. Er kann ihnen keine Sorgen bereiten oder sie enttäuschen. Auch seine eritreischen Mitbewohner haben alle ihre eignen Schulden und Sorgen, er spricht nicht mit ihnen darüber. Und die Ehrenamtlichen leben in einer anderen Welt, sie verstehen nicht, warum er trotz ihrer intensiven Hilfe das zweite Mal in der Prüfung versagt hat, warum er unbedingt so viel arbeiten muss, wo das Sprachenlernen als erster Schritt so viel wichtiger wäre. Tesfagabriel schämt sich für sein Versagen, er hat aufgegeben und die Kontakte angebrochen. Er arbeitet nur noch, ist isoliert und einsam.

Es gibt viele ähnliche Geschichten unabhängig vom Herkunftsland. Nicht allen gelingt es, vertrauensvolle neue Freundschaften zu Landsleuten oder zu Deutschen aufzubauen, die in der schwierigen Situation helfen können die Fluchtsituation zu verarbeiten. Wenn sie zudem mit Trauma-Folgen zu kämpfen und keine Chancen auf eine therapeutische Aufarbeitung haben, sind Isolation, Lernversagen, Selbstwertverlust und ein Sich-Aufgeben häufige Folgen. Oberflächlich betrachtet wird dieses Verhalten nicht selten mit aktiver Integrationsverweigerung verwechselt. Doch es ist keine aktive Entscheidung, vielmehr driften sie statt schrittweiser Integration in die Einsamkeit und bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Mit Glück reicht es noch für ungelernte Arbeit.


Autorin:

Sabine Schwingeler
Integrationsbüro Steglitz
des Stadtteilentrum Steglitz e.V.

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