Bernd Schüler
Bernd Schüler Blick über Berlin hinaus Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Fachöffentlichkeit & Politik Wissenschaft Top-Beitrag
Samstag, 09. Dezember 2017
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Bernd Schüler Blick über Berlin hinaus Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Fachöffentlichkeit & Politik Wissenschaft Top-Beitrag

„Es geht darum, mit unterschiedlichen Rollen zu jonglieren‟

5 Fragen an Limor Goldner. Die klinische Psychologin aus Haifa über den lohnenden Weg, Mentoring als möglichst passenden Mix aus unterschiedlichen Rollen zu begreifen

Dieser Beitrag erschien im „Telemachos – Fachbrief für Patenschaften und Mentoring" (Ausgabe 07/ März 2017). Der Fachbrief wird von Bernd Schüler verfasst und vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. herausgegeben. Ermöglicht wird dies durch eine Förderung der „Aktion zusammen wachsen“ des Bundesamts für zivilgesellschaftliche Angelegenheiten. Der Fachbrief kann direkt hier bezogen werden.

 

Dr. Limor Goldner kennt beide Perspektiven auf Mentoring, die praktische und die wissenschaftliche. Zwölf Jahre lang hat sie für 'Perach' gearbeitet, ein wohl weltberühmt zu nennendes Mentoring-Programm aus Israel (mehr dazu unter 'Was war'). Ihre Aufgabe dort, das Training und die Anleitung der freiwilligen Studierenden zu managen, schlug sich auch in ihren Forschungsaktivitäten wieder. Generell interessiert an den Beziehungen von Kindern und Erwachsenen, publizierte sie unter anderem zu Beziehungsmechanismen im Mentoring. Die zertifizierte Kunsttherapeutin ist derzeit Dozentin an der 'School of Creative Art Therapies', die zur Universität von Haifa gehört.

Telemachos: Sie haben über die Bedeutung von Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern geforscht. Was hat Sie dann dazu bewogen, sich mit Mentoring zu beschäftigen?

Limor Goldner: „Die anhaltendsten und weitreichendsten fürsorglichen Bindungen, die eine Verantwortung für die Entwicklung eines anderen beinhalten, finden sich in der Familie. Ob in der Bindung zum eigenen Kind, zum Ehepartner oder den eigenen Eltern, stets gehört Fürsorge dazu, die deshalb auch als verpfichtend erlebt wird. Was eine Mentoring-Beziehung davon unterscheidet, ist, dass sie eine Fürsorge für Fremde enthält. Und das ist etwas, was mich fasziniert hat: dieser Antrieb bestimmter Erwachsener, sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern und ihnen Unterstützung und Empowerment zu vermitteln – obwohl sie dazu gar nicht verpflichtet sind.

Die emotionale Investition, der zeitliche Aufwand genauso wie die Orientierung an anderen: All das reflektiert für mich den beachtlichen Wunsch, im Einklang mit wichtigen Werten zu handeln, mit humanistischen, altruistischen Werten, und sich für ein größeres Wohlbefinden der Gemeinschaft einzusetzen. Und dann ist da das Potenzial von Mentoring-Beziehungen, Veränderungen in dem Leben von Kindern hervorzubringen. Was kann die Fürsorge von Mentoren bewirken, von Freiwillligen, die letztlich Fremde sind für die Familien, mit denen sie zu tun haben?

Genauso spannend fand ich die Tendenz, die Kinder und Jugendliche in extremen Risikolagen zeigen: Sie suchen aktiv nach der Fürsorge von Fremden, um ihre eigene Resilienz zu stärken. Das hat die Forschung bestätigt, dass das so wirkt: Starke emotionale Beziehungen mit außerfamiliären Erwachsenen, wie dies Mentorinnen und Mentoren sind, haben sich als ein Schutzfaktor erwiesen.

Dieses natürliche Streben nach Nähe, das ihre Bindungswünsche widerspiegelt und ihre Suche nach ausgleichenden und korrektiven Bindungen, führte dazu, dass ich mich auf die Erforschung der Qualität von Mentoring-Beziehungen konzentrierte. Sie ist der wichtigste Hebel, der den Einfluss von Mentoring- Beziehungen begründet und eine Wirkung in Gang setzt. Das Problem dabei: Bislang wissen Wissenschaftler/-innen nur wenig über die spezifischen Aspekte der Prozesse, die dem zugrunde liegen.

Deshalb haben wir andere Fürsorge-Beziehungen herangezogen und die Theorien darüber angeschaut, um herauszufinden, welche Mechanismen in den Beziehungen es sind, die sie effektiv machen. Diese zu kennen ist wertvoll, weil wir aus Studien wissen, dass formale Mentoring-Programme auch ineffektiv sein können, etwa wenn Beteiligte aussteigen oder sich aufreiben. Das hat mich auch dazu gebracht, an Trainingsprogrammen zu arbeiten, die den Mentorinnen und Mentoren vermitteln, wie man fürsorglich agieren und Konflikte, die während der Mentoring-Beziehung entstehen können, bewältigen kann.‟

Telemachos: In einem Artikel analysieren Sie gemeinsam mit Ofra Mayseless systematisch die möglichen Rollen von Mentorinnen und Mentoren. Der interessante Ansatz dabei: Sie gehen der Frage nach, inwieweit diese Rollen mit anderen fürsorglichen Rollen vergleichbar sind, konkret mit denen von von Eltern, Freunden, Therapeuten und Lehrern. Bevor ich Sie bitten möchte, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede genauer zu erklären, klären Sie uns bitte auf: Warum ist es wichtig, diesen Vergleich anzustellen?

Limor Goldner: „Mentoring wird gewöhnlich definiert als eine besondere dyadische Beziehung zwischen nicht-professionellen und nicht-elterlichen Erwachsenen und ihren Mentees. In diesem Rahmen zielt Mentoring darauf ab, das Selbst des Mentees zu stärken und dessen persönliche und fachliche Entwicklung zu fördern. Meine Kollegen und ich meinen, dass es wichtig ist, die unterschiedlichen Formen zwischenmenschlicher Dynamiken zu verstehen, die in einer Mentoring-Beziehung ablaufen. Deshalb kamen wir darauf, Mentoring mit anderen fürsorglichen Rollen zu vergleichen, mit denen von Eltern, Therapeuten, Lehrern und Freunden.

Hier schlugen wir vor, zu sagen: Die Rolle von Mentoren ähnelt zwar der von Eltern, Lehrern, Therapeuten und Freunden. Aber die Einzigartigkeit der Mentoring-Beziehung liegt in der Fähigkeit der Mentorin oder des Mentors, sich frei innerhalb und außerhalb dieser Rollen zu bewegen, ohne dabei eine davon selbst zu verkörpern. Auf diese Weise können Mentoren auf die Vielfalt der sozio-emotionalen Bedarfe des Mentees eingehen – indem sie Aspekte diese Rollen kombinieren. Das ist es, was Mentoring einzigartig macht und von anderen helfenden Rollen im professionllen oder privaten Kontext unterscheidet.‟

Telemachos: Jetzt möchte ich Sie bitten, die einzelnen Rollen, die Sie genannt haben, genauer zu beleuchten. Was kommt heraus, wenn man die Rolle von Mentoren mit denen von Eltern und Freunden vergleicht? Bitte beginnen Sie mit der Elternschaft!

Limor Goldner: „Die Mentor-Mentee-Beziehung ist in vielerlei Hinsicht analog zur Dynamik zwischen Eltern und Kindern. Da ist die dyadische Struktur des Mentoring-Verhältnisses und der Altersunterschied. Der Mentor bietet einem Kind ebenfalls eine weitere sichere Bindung, die Erfahrung einer sicheren Basis. Außerdem sind Eltern und Mentoren durch das sehr ähnliche Gefühl motiviert, für andere Verantwortung zu übernehmen und für sie zu sorgen.

In beiden Beziehungen geht es um Wärme, Fürsorge, Unterstützung und Vertrauen – und um die Entwicklung der Mentees. Wie von Eltern, die für das Fortkommen ihrer Kinder verantwortlich sind, wird von den Mentoren erwartet, dass sie diese Entwicklung fördern. Das betrifft den Erwerb von Wissen und Werten genauso wie die Fähigkeit zu lernen, den Aufbau von Selbstwertgefühl und von Kompetenzen. Genauso geht es um die Sichtung und Prüfung alternativer Identitäten oder die Entwicklung zu autonomen und fürsorglichen Erwachsenen. Mentoren agieren dabei wie Eltern, indem sie psychologische Taktiken nutzen, Validierung etwa, Role Modelling ('ein Beispiel geben'), Idealisierung und Identifikation.

Andererseits sind da auch viele Aspekte, in denen sich Mentoring und Elternschaft unterscheiden. Anders als Mentoring, das vor allem auf der Freundlichkeit von Fremden beruht, lässt sich die Bindung zwischen Eltern und Kind biologisch, primär und intensiv bezeichnen. Im Gegensatz zum Mentoring konzentriert sich die elterliche Bindungsbeziehung auf viele Ziele. Insofern ist die Mentoring-Beziehung weniger psychologisch komplex als die Beziehung zwischen Eltern und Kind, die psychologische Distanz zwischen Mentoren und Mentees größer als die zwischen Eltern und Kindern und der Umfang der Entwicklungsziele begrenzt. Außerdem ist im Mentoring die hierarchische Struktur unbestimmter.

Eine anderer Kontext, zu der oft eine Analogie hergestellt wird, ist die Freundschaft. Hier möchten zuerst darauf hinweisen: Mentees beschreiben ihre Mentoren oft als ältere Freunde. Naheliegend ist der Vergleich, da Mentoring wie Freundschaft ein ähnlich großes Repertoire unterstützender Leistungen umfasst, Begleitung etwa, Anleitung, Hilfe und dass man seine persönlichen Gefühle offenbart. Insbesondere durch die gemeinsamen Aktivitäten können Mentoren Anleitung, Information und Rat bieten – und nicht zu vergessen handfeste Hilfe, eine wichtige Ressource. Ein weiterer Aspekt: Durch ihren Einsatz und die Zusammenarbeit können Mentoren das soziale Netzwerk ihrer Mentees stärken und erweitern, den Wunsch nach Zugehörigkeit befriedigen und das Gefühl der Ablehnung und Einsamkeit reduzieren.

Wenn sie durch Wechselseitigkeit, soziale Einbindung und Zugehörigkeit charakterisiert ist, kann eine Mentoring- Beziehung dazu führen, dass sich der Mentee gewertschätzt und geliebt fühlt. Und dass er sich als Teil eines gemeinsamen Kommunikationsgeflechts und eines großen sozialen und kulturellen Netzes erfahren kann. Außerdem, ebenfalls wie im Falle der Freundschaft, kann die gegenseitige Resonanz, die die Mentoring-Beziehung bietet, den Prozess der Identitätsentwicklung unterstützen und ein festeres, authentisches Selbstwertgefühl fördern – einfach indem Mentoring erlaubt, soziale Rollen und Identitäten auszuprobieren.

Natürlich gibt es aber wichtige Unterschiede zwischen Mentoring und Freundschaft. So zeichnet sich das Mentoring-Verhältnis durch eine hierarchische Struktur aus. Von Mentoren wird erwartet, dass sie die erwachsene Rolle übernehmen und den Mentee bestärken. Darüberhinaus wird Freundschaft üblicherweise als eine wechselseitige Beziehung verstanden, der keine spezifischen Entwicklungsziele vorgegeben werden. Kinder befreunden sich mit anderen aus Spaß, Mentoren dagegen verfolgen, über ihr Vergnügen hinaus, auch Ziele. Kinder legen zudem oft Wert auf die Gegenseitigkeit in ihren Freundschaften, sie erwarten ein gewisses Maß an Gleichheit. Und sie wählen in der Regel Freunde, die ihnen vom Alter, Geschlecht, Schicht und Lebensanschauung ähneln oder gleich sind.

Mentoren dagegen sind gewöhnlich älter als ihre Mentees, und in der Regel erwarten sie weder unmittelbare Reziprozität noch unterhalten sie eine gleichmäßige Beziehung zu ihren Mentees. Darüber hinaus haben Mentoren und Mentees nicht unbedingt den gleichen Blick auf die Welt, ihr sozialer Status unterscheidet sich. Schließlich ist die begrenzte Dauer des Mentorings ein weiterer Unterschied. Freundschaft kann langfristig sein, während die meisten organisierten Mentoring-Beziehungen zeitlich begrenzt sind, mit einer Dauer, die in der Regel bei Beginn der Beziehung bekannt ist.‟

Telemachos: Und wie verhält es sich mit der Rolle von Therapeuten – was ist hier ähnlich, was unterschiedlich? Und was können Sie über die Rolle von Lehrkräften sagen?

Limor Goldner: „Mentoring wurde in vielerlei Hinsicht auch mit Therapie verglichen. In beiden Fällen sind es helfende Beziehungen, mit einer fürsorgliche Autoritätsfigur auf der einen und einem 'Klienten' auf der anderen Seite. Im Zentrum steht jeweils eine menschliche Verbindung, die darauf ausgerichtet ist, die positive Entwicklung des 'Klienten' zu fördern. In beiden Beziehungen sind Empathie, Wärme und Echtheit gewünschte Qualitäten. Darüber hinaus sind Mentoren, wie Therapeuten, mit der Klärung von Konflikten und mit schmerzhaften Erfahrungen beschäftigt.

In einigen Beziehungen konzentrieren sich Mentoren ähnlich wie Therapeuten auf emotionale und psychologische Ziele, etwa wenn sie das Selbstwertgefühl verbessern und die Fähigkeit des Mentees fördern, eine enge Beziehung aufzubauen und diese aufrechtzuerhalten. In anderen Fällen erlaubt die Mentoring- genauso wie die therapeutische Beziehung dem Mentee, eine fürsorgliche, warme und einfühlsame Beziehung zu erleben. Dabei kann der junge Mensch seine inneren Repräsentationen von fürsorglichen Erwachsenenfiguren und von Bindungsbeziehungen erweitern und neu organisieren. Es ist ja möglich, dass der Mentee – mangels entsprechender Bezugspersonen – die positiven Qualitäten, die eine fürsorgliche Beziehung haben kann, kaum oder gar nicht kannte. In diesem Fall kann die Mentoring- Beziehung eine Kompensations- und Korrekturerfahrung darstellen.

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen Mentoren und Therapeuten bezieht sich auf die Werkzeuge und Fähigkeiten, die sie einsetzen. Obwohl sich Mentoren vor allem auf ihr Wohlwollen, ihre Persönlichkeit und ihre Intuition verlassen, zeigen sie gewöhnlich auch therapeutische Fähigkeiten – Einfühlsamkeit etwa, aktives Zuhören, Empathie und Offenbarung eigener Gefühle, womit sie eine vertrauliche Atmosphäre erzeugen.

Gleichwohl gibt es etliche Unterschiede zwischen Mentoring und Therapie. Zur Therapie gehören qualifizierte Fachkräfte, die eine ganz Reihe von Theorien und Techniken einsetzen, um ihren 'Klienten' zu helfen, psychologische Schwierigkeiten zu bewältigen. Demgegenüber sind Mentoren in der Regel viel weniger vorbereitet und geschult. Sie handeln intuitiv, und in den meisten Fällen steht bei ihnen nicht die Psychopathologie im Vordergrund, sondern die positive Entwicklung der jungen Menschen.

Auch die Settings, in dem die Beziehungen eingebettet sind, unterscheiden sich. Im Mentoring, das eine Reihe von sozialen Aktivitäten vorsieht, geht es meistens informell und weniger starr zu als in der Therapie. Die therapeutische Beziehung ist zudem hierarchischer, und es ist ungleich schwerer, ihre Grenzen zu überschreiten.

Damit komme ich zur letzten Rolle, die wir systematisch mit der des Mentors verglichen haben. Über die Lehrkraft kann man zunächst sagen: Der Hauptteil der Rolle des Mentors besteht im Lehren und Vermitteln, etwa wenn es um das Festlegen akademischer Ziele geht, der Übertragung von Wissen, die Verbesserung des selbstregulierten Lernens und der Lernfähigkeiten oder um die Vorbereitung von Mentees für Tests in der Schule.

Eine große Ähnlichkeit zwischen Mentoring und der Lehrsituation ist zudem die Idee, dass Mentoring und Lehre eine gemeinsame Wurzel haben, nämlich die traditionelle Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Dieser altehrwürdige Lehr-Modus von Meister und Lehrling zeichnet sich auch durch eine dyadische emotionale Verbindung aus. Darin sorgt der Lehrer wie der Mentor nicht nur für die Weiterentwicklung der fachlichen Qualifikationen. Zusätzlich sorgen beide auch für die allgemeinen sozio-emotionalen Fähigkeiten und Persönlichkeit des Schülers. Zwar ist Unterricht heutzutage nur noch selten dyadisch organisiert, aber nach wie vor hebt die Theorie des Lehrens nicht nur auf akademische Leistungen ab, sondern verfolgt emotionale Ziele und betont die Bedeutung fürsorglichen Verhaltens, des persönlichen Kontaktes und der offenen Kommunikation.

Auch hier lassen sich wieder viele Unterschiede zur Mentoren-Rolle finden. Zunächst einmal ist die Lehre meist eine Beziehung, in der eine Person einer Gruppe gegenübersteht – anders als die übliche 1:1-Konstellation im Mentoring. Während Lehrer meistens formale Methoden einsetzen, wenden Mentoren sowohl formale als auch informelle Lehrstrategien des gemeinsamen Dialogs und Spiels an. Dabei kombinieren sie Führungsverhalten und emotionale Beziehung. Obwohl auch das Lehren auf fürsorgliche Aspekte wie Zuhören und menschliche Wärme achtet, sind diese Facetten der Kommunikation im Mentoring umfassender vertreten. Mehr noch, hier stellen sie einen wesentlichen Bestandteil der Beziehung dar. Sind Mentoren in der lehrenden Rolle, zeigen sie Gefühle, spielen sie und sprechen oft über den Lernprozess mit ihren Mentees. Und ein letzter Aspekt: Im Mentoring spielt Benotung oder formale Bewertung keine Rolle.‟

Telemachos: Sie bezeichnen Ihre Analyse als ein „Arbeitsmodell‟, das für die Praxis relevant ist. Könnten Sie das bitte erläutern! Was empfehlen Sie Projketleiterinnen und Koordinatoren?

Limor Goldner: „Unterschiedliche Mentoring-Programme wurden entwickelt, um unterschiedliche Gruppen von Mentees (zum Beispiel Mütter im Teenager-Alter, Kinder aus Pflegeheimen, benachteiligte Jugendliche) zu unterstützen und auf ihre unterschiedlichen Bedarfe einzugehen (etwa Einsamkeit, Verhaltensprobleme, schulische Schwierigkeiten). Da die sozio-emotionalen Bedürfnisse der Mentees sehr unterschiedlich sind, sollten auch die besonderen Qualitäten und Merkmale der Mentoring-Beziehung unterschiedlich sein.

Meine eigene Forschung zeigt, dass jeder Mentee eine maßgeschneiderte Intervention gebrauchen kann, die bestimmte Qualitäten der Rollen eines Elternteils, Therapeuten, Freundes und Lehrers vereint. Praktiker wie Koordinatoren und Mentoren neigen im Übrigen auch dazu, die Metapher der verschiedenen Rollen zu nutzen, wenn sie die Ziele einer Intervention und die praktischen Schritte definieren, mit der sie diese Ziele erreichen.

Ein Beispiel: Für wen könnte die Rolle einer Elternfigur oder eines Therapeuten am besten geeignet sein? Am besten doch für junge Menschen, die korrigierende oder kompensierende Erfahrungen brauchen oder die in der Vergangenheit schädliche oder verletzende Beziehungen erlebt haben. Oder für solche Kinder und Jugendliche, die eine wenig adäquate Eltern-Kind- Beziehung haben, Kinder in Pflegeheimen etwa oder Kinder, deren eigene Eltern fehlen oder wenig präsent sind. Wenn die Bedürfnisse des Mentee vor allem aus einem unzureichenden elterlichen Umgang resultieren und die Hauptaufgabe des Mentors eher der von Eltern oder Therapeuten gleicht, dann ist eine sichere Basis äußert wichtig, genauso wie Wärme, Empathie, Spiegelung und Validierung und das was wir Rolemodelling nennen.

In diesem Fall neige ich dazu, die Bindungstheorie heranzuziehen, die erklärt, dass Bindungsfiguren wie Eltern, Therapeuten und auch Lehrer, die als 'stärker und weiser' wahrgenommen werden, ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und eine sichere Basis bieten können, einen sicheren Hafen, wenn man in Not ist. Ähnlich ist es im Mentoring. Auch in einem Mentor kann man eine 'stärkere und weisere' fürsorgliche Erwachsenen-Figur erkennen, die eine sichere Basis bereitstellen und damit solchen Kindern und Jugendlichen eine kompensierende und korrigierende Erfahrung bieten kann, die keine sicheren Bindungsbeziehungen haben.

Nehmen wir eine andere Gruppe von Mentoren, die eher Merkmale eines guten Freundes zeigen. Sie können wichtig sein für einsame Mentees. Oder für solche Kinder und Jugendlichen, die in stressigen oder risikoreichen Situationen zurechtfinden müssen, etwa weil sie neu zugewandert sind, zu ethnischen Minderheiten gehören, oder weil ihre Familien belastende Situationen wie Tod oder Krankheit eines Familienmitglieds erleben. In diesen Fällen bieten Mentoren konkrete und emotionale Unterstützung und Begleitung. Sie erhöhen die Resilienz des Mentees und fördern den Erwerb sozialer Kompetenzen, die für enge Beziehungen entscheidend sind.

Wenn wir diese Praktiken besonders herausstellen, beziehen wir uns auf die Theorie sozialer Unterstützung. Ein Ansatz, der die verschiedenen Arten von Unterstützung fokussiert, sei es Beratung, Information, direkte Hilfe bei Aufgaben, Ermutigung, Beruhigung – alles wichtige Ressourcen, damit aus Stress keine psychische Belastung wird. Interventionen wie Mentoring, die die soziale Unterstützung und ihre Verfügbarkeit erhöhen, können die Fähigkeit des Mentees fördern, mit stressigen Situationen fertig zu werden. Diese Art von Mentoring kommt dem Modell der Freundschaft nahe, aber sie beruht auch auf der Rolle des Elternteils und der Therapeuten.

Schließlich kann eine Mentoring-Beziehung, die als konstruktive Lernerfahrung betrachtet wird und Facetten des Unterrichts und der Erziehung beinhaltet, als ein sehr erfolgreicher Weg dienen, um die schulische oder akademische Leistung von Mentees zu unterstützen. Auch soziale Einstellungen, Motivation, Werte, Überzeugungen und praktische oder kognitive Fähigkeiten lassen sich so fördern.

Diese Art von Mentoring basiert auf der Theorie Sozialen Lernens und versteht Mentoring eher als eine Art Training, bei der Mentoren ein Lernen ermöglichen, das durch direkte Anleitung in Gang gesetzt wird oder durch Nachahmung dessen, was der Erwachsene tut. Dabei weisen Mentoren explizit auf Möglichkeiten hin, setzen Ziele, machen Pläne, zeigen bestimmte Verhaltensweisen. Und wenn sie auch als Vorbilder dienen, dann liefern sie ein erfolgreiches Beispiel, das sich nachahmen lässt. So können sie Mentees dazu anregen, ihr Bestes zu geben, und sie motivieren, dem guten Beispiel zu folgen.

Nun spiegeln diese Rollen und Theorien spezifische Mentoring-Erfahrungen wider. Trotzdem sollten Mentoren in der Lage sein, sich zwischen diesen Haltungen, die diesen Rollen zugrundeliegen, frei zu bewegen. Sie sollten Praktiken aus mehreren Rollen einsetzen können, um die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mentee zu bedienen. Programm-Manager und Koordinatoren können dieses Modell anwenden, um Mentoren anzuleiten, wie sie am besten im Sinne ihrer Mentees vorgehen können.‟

Zum Nachlesen: Limor Goldner, Ofra Mayseless: Juggling the roles of parents, therapists, friends and teachers – a working model for an integrative conception of mentoring. In: Mentoring & Tutoring: Partnership in Learning, 4/2008, S. 412-428.

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