Mischa Straßner
Mischa Straßner
Montag, 27. Januar 2014
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Mischa Straßner

Fachtag Familienrat: Das Prinzip der Gemeinschaftsorientierung in der Sozialen Arbeit

Vorsicht Kreisverkehr! Familienrat und verwandte Verfahren

Am 07. März 2014 von 9 bis 15 Uhr findet im JugendKulturZentrum Pumpe ein neuer Fachtag zum Thema Familienrat statt.

Dieser Fachtag wird eine Zumutung. Einerseits. Familienrat? Schön und gut. Doch hier werden in einer Art Weltausstellung Verfahren vereint, die sich jeweils in eigenständigen fachlichen Milieus entwickelten. „Gemeinschaftsorientierung“ heißt der vermittelnde Arbeitsbegriff dieses Fachtags. Doch im deutschsprachigen Raum existiert bisher weder ein breit anerkannter Überbegriff noch ein wissenschaftliches Rahmenkonzept, das für die Verwandtschaft der Ansätze bürgen könnte. Zudem befinden sie sich größtenteils noch in Modellphasen ohne gesicherte Finanzierung. 

Andererseits wird hier Neuland betreten. Das ist immer ein riskantes, aber auch spannendes Unterfangen. Zeigt sich hier vielleicht eine zukunftsweisende Entwicklung in der Sozialen Arbeit?  Als die vom Familienrat inspirierten Veranstalter_innen damit begannen, einen Blick über ihren Tellerrand zu werfen, entdeckten sie international Ansätze und Strömungen mit auffälligen Ähnlichkeiten. In bester Familienratsmanier entschieden sie sich dafür, ihren Kreis zu erweitern und die erweiterte Verwandtschaft zu einem Fachtag einzuladen.

Insgesamt fünf dieser Verfahren werden zum ersten Mal in dieser Form im deutschsprachigen Raum nebeneinander präsentiert und zusammengedacht. Was auf den ersten Blick beliebig und überladen wirken mag, könnte sich bei genauer Betrachtung zu einem gemeinsamen Prinzip dieser Ansätze verdichten: Stets wird die lebensweltliche Gemeinschaft als Voraussetzung, Werkzeug und Wirkung in Hilfeprozessen berücksichtigt. Der Unterstützerkreis der Adressat_innen wird bei der Planung und Lösungsfindung systematisch eingebunden und erweitert. Insofern sind diese Ansätze nicht nur gemeinschaftsbeteiligend, sondern auch -bildend.

Solchen gemeinschaftlichen „Kreisprozessen“ scheint es besonders konsequent zu gelingen, Leitmotive Sozialer Arbeit wie Partizipation, Empowerment, Lebenswelt- und Sozialraumorientierung zu verwirklichen. Eine Soziale Arbeit, die so konsequent in Beziehungen und Netzwerken denkt, könnte Probleme regelrecht als willkommene Anlässe begreifen, um Gemeinschaft zu versammeln und zu beteiligen. 

Im Vergleich zu anderen Hilfeansätzen wird zudem der Einfluss der professionellen Netzwerke auf die Lösungsfindung reduziert, damit die Selbstwirksamkeit und Autonomie der Adressat_innen erhöht werden kann. Bürgerrechte rücken so verstärkt ins Bewusstsein. 

Für die Praxis Sozialer Arbeit haben solche Ansätze ganz konkrete Auswirkungen: Was geschieht, wenn in Settings, die bisher häufig von Fachleuten und Verwaltung dominiert sind, plötzlich die Lebenswelt zahlreich einfällt? Wie würden zum Beispiel Hilfeplanungen in der Jugend- und Eingliederungshilfe, Schulhilfekonferenzen, gerichtliche Anhörungen, Stadtteilplanungen usw. aussehen? 

Von solchen Alternativen wird auf dem Fachtag die Rede sein: Neben dem Familienrat in Jugendhilfe und Schule (Früchtel, Langner, Adamy) findet sich zum Beispiel im Feld der Inklusion und Eingliederungshilfe die „Persönliche Zukunftsplanung“ (Wetzel), im Bereich der Jugendgerichtshilfe und des Täter-Opfer-Ausgleichs die „Gemeinschafts- oder auch Wiedergutmachungskonferenz“ (Hagemann), im Bereich der Konfliktmoderation und Friedensarbeit die „restorative circles“ nach Barter (Zupke). Im internationalen Kontext finden sich noch weitere verwandte Verfahren, die meist unter Begriffen wie „restorative practices“, „circle processes“ und „conferencing“ kursieren.

Zudem wächst in einigen Institutionen der Sozialen Arbeit zunehmend die Erkenntnis, dass solche Angebote nur sinnvoll in einer dazu passenden Organisationskultur gedeihen können. So werden auch im Bereich der Organisations- und Projektentwicklung entsprechende Kreisprozesse schon sehr kreativ umgesetzt (Waldhubel).  

Im deutschsprachigen Raum steht sowohl die Auseinandersetzung mit diesen Verfahren als auch deren Umsetzung noch vergleichsweise am Anfang. Neben der Begeisterung vieler Praktiker_innen gibt es auch kritische Stimmen. Gerade im Zusammenhang mit der Debatte um eine Ökonomisierung der Profession warnen sie, dass gesellschaftliche Risiken so einseitig zu Lasten der Adressat_innen verlagert werden könnten. Andere bewerten das Paradigma des gemeinschaftlichen Mehrwerts als sozialromantisch, da es sich nicht einfach einer rein instrumentellen Zielerreichung und einhergehenden Wirkungsorientierung unterordnen lässt. 

Der Fachtag wird keine fertigen Rezepte bieten, sondern hat Laborcharakter. Er weist auf eine mögliche Zukunft Sozialer Arbeit hin und will Anregungen für eine entsprechende Angebots-, Methoden- und Organisationsentwicklung schaffen. Die Veranstaltung wird in Kreisprozessen organisiert sein, damit deren Wirkung nicht nur verständlich, sondern auch erlebbar wird. 

Sicher eine Zumutung, aber auch ein Abenteuer für neugierige Pioniere.   

Anmeldung und weitere Informationen unter www.fachtag.familienrat-bb.de 

Veranstalter: Familienrat e.V. – Berlin-Brandenburg Aktion-Mensch-Projekt „Alle sind willkommen“ – Familienrat an Schulen, unterstützt durch: Aktion Mensch Der Paritätische Berlin

Der Autor:
Mischa Straßner ist Vorstandsmitglied des Familienrat e.V. – Berlin-Brandenburg e.V.

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