Michail Siebenmorgen bei einem Elterninformationsabend. Foto: NBH Wannseebahn

Michail Siebenmorgen
Michail Siebenmorgen Medienkompetenz Kinder & Jugendliche Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Dienstag, 15. Mai 2018
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Michail Siebenmorgen Medienkompetenz Kinder & Jugendliche Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Familie und Mediennutzung

In meiner Arbeit für das Medienkompetenzzentrum Steglitz-Zehlendorf führe ich oft Elternabende durch. Dabei zeige ich das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen auf. Nicht, dass die Eltern nicht wüssten, wie ihre Kinder teilweise am Smartphone kleben, um Sprachnachrichten für ihre WhatsApp-Gruppe zu verfassen oder per Snapchat Fotos zu versenden. Aber es ist für die Eltern immer ganz gut zu hören, dass sie damit nicht allein auf der Welt sind, sondern dass es allen anderen Eltern genauso geht. Nicht nur zum Internationalen Tag der Familie (#tagderfamilie, #paritaetfamilie) ein aktuelles Thema!

Wenn ich die Folie aus der letzten KIM-Studie zeige, bei der die Kinder aussagen, welche Funktionen sie bei ihrem Handy am meisten nutzen, und dort steht, dass sie am meisten von ihren Eltern angerufen werden, geht meist einen Raunen und Kichern durch den Raum.

Die Eltern wissen nämlich auch sehr genau, dass sie mit dafür verantwortlich sind, dass ihre Kinder mit der neuesten Technik ausgestattet sind. Die Begründung, dass man sein Kind erreichen möchte, bzw. dass man von seinem Kind erreicht werden möchte, ist nämlich ein Hauptgrund dafür, dass Kinder immer früher Smartphones besitzen. Doch damit befördern die Eltern leider oft ein Verhalten, welches sie später selbst teilweise als problematisch betrachten.

Ich mache ebenfalls öfters Beratungen für Eltern, welche die Mediennutzung ihrer Kinder nicht mehr in Ordnung finden und deshalb um Hilfe bitten. Das ist für mich Grund genug, einmal die Mediennutzung innerhalb von Familien zu betrachten.

Viele Eltern sind der Meinung, dass der verantwortungsvolle Umgang mit Medien in der Schule erlernt werden sollte. Das ist ja erstmal auch nachvollziehbar, da die Schule als Bildungseinrichtung die Kinder für unser digitales Zeitalter ausbilden soll. Allerdings ist die Schule damit im Moment ziemlich überfordert und, wenn man es auch nochmal von einer anderen Seite betrachtet, gar nicht zuständig. Natürlich soll die Schule zeitgemäße Bildung anbieten, was auch Medienbildung umfasst, aber für die Smartphones, die innerhalb der Familie angeschafft wurden, sollte der Umgang damit auch innerhalb der Familie erprobt werden.

Ich bekam einmal einen Anruf eines Vaters, der mir sagte, er habe seiner 11-jährigen Tochter ein Smartphone gekauft. Ob wir vom Medienkompetenzzentrum ihr jetzt beibringen könnten, wie man damit umgeht. Ich musste das leider verneinen und ihn darauf hinweisen, dass es leider keine Kurse dafür gibt. Es kam mir ein bisschen so vor, als schenke man seinem Kind zur Volljährigkeit ein Auto und sagt ihm dann: „Jetzt schau mal, wo du Auto fahren lernst!“.

Na ja gut, für das Smartphone braucht man keinen Führerschein, aber dafür gibt’s auch keine Fahrschulen. Also doch Mediennutzung in der Familie erlernen. Aber wie geht das? In den Elternabenden geben die Medienpädagogen viele Tipps. Diese sind nicht immer beliebt, wie ich neulich in einem Elternblog lesen konnte, aber im Grunde helfen sie trotzdem.

(dasnuf.de/weltfremde-scheisstipps/)

 

Grafik: www.mpfs.de/studien/fim-studie/2016/

 

In der FIM Studie 2016 (Familie, Interaktion, Medien), die auch vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest herausgegeben wird, fand ich diese Tabelle über Familienregeln. Während es fast durchgängig Regeln zum „ins Bett gehen“ gibt, ist die Smartphonenutzung noch eher weniger reglementiert. Wenn man die gesamte Bandbreite der Mediennutzung, von Fernsehen über Spiele bis hin zum Smartphone, anschaut, sieht das schon besser aus, aber es ist auch noch ausbaufähig.

Regeln sind aber für eine verträgliche Mediennutzung innerhalb der Familie sehr wichtig. Die Mediennutzung muss dem zwischenmenschlichen Verhalten angepasst werden und nicht umgekehrt. Zum Beispiel gibt es ein gemeinsames Essen nicht dann, wenn es das Handy oder das Computerspiel zulässt, sondern wenn Essenszeit ist und das Essen auf dem Tisch steht. Wenn das so nicht selbstverständlich ist, macht man dazu eine Verabredung. Eine Regel. Von Selbstverständlichkeiten auszugehen ist hier nämlich oft falsch. Die modernen Medien bringen viele Verhaltensweisen durcheinander und auch wir Erwachsenen müssen teilweise lernen, damit umzugehen. Dass wir in der Besprechung oder einem Konzert das Handy leise stellen, ist fast schon wieder Standard, aber was machen wir, wenn an der Kasse im Supermarkt das Smartphone klingelt? Drücken wir es weg? Gehen wir kurz dran und sagen: „Ich ruf gleich zurück.“, oder telefonieren wir ganz ungeniert, während die/der Kassierer*in unsere Waren abrechnet?

Was ich damit sagen möchte, ist, dass wir alle noch lernen können, was eine sozialverträgliche und somit auch familienverträgliche Mediennutzung angeht. Auch, wenn das nur ein Punkt der verantwortungsvollen Mediennutzung ist, so ist es doch ein sehr wichtiger.

Weiterhin spielt natürlich auch die Mediennutzungsdauer eine große Rolle. Entweder sind es die Online-Spiele, die (vor allem Jungen) in ihren Bann ziehen, oder die sozialen Netzwerke, die (vor allem bei Mädchen) sehr beliebt sind. Da Eltern oft davon ausgehen, dass es nicht gut sein kann, sowohl das eine als auch das andere dermaßen zeitintensiv zu nutzen, gibt es hier besonders viele interfamiliäre Auseinandersetzungen. Oft werde ich gefragt, wie viel Mediennutzungszeit denn für ein Kind oder Jugendlichen gesund wäre, oder auch, wo denn eine Mediensucht erkennbar ist. Das ist immer sehr schwer zu beantworten. Einmal, da es keine Standards zu Medienzeiten gibt, außerdem ist jedes Kind und jeder Jugendliche anders und wird auch anders durch die Medien angesprochen. Ich mache das bei den Elternabenden anhand meiner beiden Kinder deutlich. Während meine große Tochter nie viel Interesse an Fernsehen hatte, klebte meine kleine Tochter sofort am Bildschirm, sobald die Teletubbies dort winkten. Auch heute ist es noch so, während die Große ihr Smartphone teilweise gar nicht dabei hat, ist die Kleine nur noch operativ davon zu trennen.

Auch was die Suchtgefahren angeht, bin ich sehr zurückhaltend. Seit ich gemeinsam mit einem Kollegen einer Beratungsstelle für Computerspielsucht einen Vortrag gehalten habe, ist mir doch nochmal klar geworden, wie sich eine wirkliche Sucht auszeichnet. Bei einer ausgeprägten Sucht werden alle anderen Lebensbereiche vernachlässigt. Hier sollte man natürlich aufmerksam sein und auch darüber mit seinem Kind reden. Aber bei einem 13-jährigen, der nach der Schule eine Stunde auf dem Computer spielt und natürlich auch noch sein Smartphone bedient, von Sucht zu sprechen, halte ich für sehr übertrieben. Leider gibt es oft Berichte und sogenannte Experten, die mit der Angst von Eltern Geschäfte machen und diese Ängste oft auch noch schüren. Ich empfehle hierzu den Gastbeitrag des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Schulte-Markwort im Spiegel, der meint: „Wir sollten endlich aufhören, unseren Kindern Probleme einzureden.“

(www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychiater-abhaengigkeit-von-sozialen-medien-gibt-es-nicht-a-1205523.html)

Ich habe noch nicht den Punkt erwähnt, ab welchem Alter Kinder digitale Medien nutzen sollten und wie sie lernen mit den Chancen und Risiken im Internet umzugehen. Auch das ist nicht einfach zu beantworten. Ich gebe meist die Empfehlung des Bundesamtes für gesundheitliche Aufklärung weiter, die eine Nutzung digitaler Medien erst nach dem dritten Lebensjahr empfehlen. (www.kindergesundheit-info.de/themen/medien/alltagstipps/mediennutzung/hoechstdauer/) Aber auch hier denke ich, je besser Eltern ihre eigene Mediennutzung einschätzen können, desto besser können sie auch einschätzen, wie viel Mediengenuss für ihre Kinder in Ordnung ist.

Chancen und Risiken des Internets einzuschätzen, lernen Kinder am Besten gemeinsam mit ihren Eltern. Natürlich werden auch in der Schule und ebenfalls im außerschulischen Kontext Kurse und Workshops dazu angeboten, aber die ersten Schritte machen die Kinder eben zu  Hause. Und dabei sollten sie auch begleitet werden. Ich vergleiche den Datenverkehr im Internet öfters mit dem Straßenverkehr. Wenn mein Kind laufen lernt, schicke ich es nicht sofort zur Eisdiele um die Ecke, um sich ein Eis zu holen. Nein, ich mache so lange den Weg gemeinsam mit dem Kind, bis ich das Gefühl habe, es kann den Weg gehen, es weiß wie man hin und zurück kommt und es kann die Gefahren des Straßenverkehrs einschätzen. Und das dauert mitunter offenbar ziemlich lange. Diesen Eindruck bekommt man zumindest morgens um acht Uhr an einer beliebigen Grundschule.

Genauso ist es jedoch auch mit dem Internet oder erst recht dem Smartphone. Ich kann das nicht einfach meinem Kind in die Hand drücken und hoffen, dass es damit klarkommt. So ist das mit den digital Natives leider auch nicht gemeint. Sie lernen zwar ziemlich schnell und intuitiv mit der für sie schon alltäglichen Technik, aber lernen müssen sie dennoch. Es reicht nämlich nicht, ein Gerät schnell bedienen zu können, sondern man muss auch wissen, was man damit machen kann.

Bei Computerspielen sind die Altersempfehlungen der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle - www.usk.de/pruefverfahren/alterskennzeichen/) immer ein guter Hinweis dafür, ob das jeweilige Spiel für das Kind angemessen ist. Wenn das 10-jährige Kind ein Spiel mit der Freigabe ab 12 Jahre unbedingt spielen muss, weil alle anderen das Spiel auch spielen, dann sollte man sich dazu gemeinsam ein paar Let´s-Play-Videos auf YouTube anschauen, die es zu jedem erdenklichen Spiel gibt. Anschließend kann man entscheiden, ob man hier eine Ausnahme machen kann oder doch lieber noch etwas wartet.

Unter diesen Bedingungen gilt es nun, Regeln zu vereinbaren, die für alle gelten. Das ist gar nicht so einfach. Ich empfehle den Eltern für eine familienverträgliche Mediennutzung, ihr eigenes Medienverhalten zu beobachten und zu reflektieren, gemeinsam mit ihren Kindern die Medien zu entdecken, dem Medieninteresse der Kinder möglichst aufgeschlossen zu begegnen und gemeinsam Regeln aufzustellen, die aber auch für alle gelten und konsequent eingehalten werden sollten. Natürlich ist so etwas leichter gesagt als getan, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass vieles nicht auf Anhieb gelingt, man auch mal einen Rückschlag einstecken muss und dass es für Eltern wirklich nicht einfach ist. Aber Familie ist generell nicht einfach. Das habe ich so im Internet gelesen.

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