Bewegung an der frischen Luft – mit Unterstützung der Familienpflege Foto: Weg der Mitte

Astrid Kleinke Berichte aus den ambulanten Hilfen Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag Kinderschutz Hilfen zur Erziehung
Montag, 15. Januar 2018
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Familienpflege – Unterstützung für Familien in Notsituationen

„Was macht denn diese Frau bei uns?“

Martha steht vor der Haustür der Familie Schulz. Bevor sie klingelt, stimmt sie sich auf den neuen Einsatz ein, sie ruft noch einmal kurz die Informationen ab, die sie von der Einsatzleitung erhalten hat: Mutter, alleinerziehend, gebrochenes Bein, Tochter zweieinhalb Jahre alt, täglich vier Stunden Familienpflege nach § 38 SGB V.

Es dauert eine Weile, dann öffnet sich die Tür. Die Mutter, an Krücken humpelnd, bittet Martha herein. Sie fragt, ob Martha etwas trinken möchte. Beide setzen sich an den Küchentisch zum ersten Kennenlerngespräch. In diesem Gespräch stellt Martha ihre Arbeit und den gemeinnützigen Träger des Familienpflegedienstes Weg der Mitte vor. Sie erfragt, welche Unterstützung Frau Schulz braucht. „Am wichtigsten ist mir“, sagt sie, „dass die kleine Paula einmal am Tag an die frische Luft kommt und – na ja, hier ist schon länger alles liegen geblieben“. Regelmäßige Mahlzeiten kennen die beiden nicht. Martha schlägt vor, dass sie jeden Tag ein Mittagessen kocht. Zum Einkaufen nimmt sie Paula mit, und auf dem Rückweg machen sie auf dem Spielplatz halt. Martha ergänzt: „…und die Wäscheberge bekommen wir auch in den Griff.“ Das Gesicht von Frau Schulz entspannt sich, und ein tiefer Seufzer der Erleichterung ist zu hören.

In der Zwischenzeit interessiert sich auch Paula für Martha und fragt die Mama: „Was macht denn diese Frau bei uns?" Vorsichtig macht sie Blickkontakt und fragt: „Kommst du jetzt immer?“ „Nein“, sagt Martha,  „nur solange Deine Mama mich braucht.“ Für einige Wochen ist Martha nun täglich in der Familie. Mutter und Tochter beginnen sich auf den Besuch von Martha zu freuen. Das Vertrauen wächst. Frau Schulz berichtet von der Trennung von ihrem Mann, die erst seit kurzem hinter ihr liegt, und wie groß die Verzweiflung war. Langsam schöpft sie wieder Hoffnung und beginnt nach und nach, so gut sie eben kann, die anstehenden Aufgaben allein zu übernehmen.

Nach ein paar Wochen kann der Gips abgenommen werden und Frau Schulz darf das Bein wieder vorsichtig belasten. Ihr Blick richtet sich optimistisch in die Zukunft: Eine Nachbarin kann ihr die Einkäufe mitbringen, und Paula wird in zwei Monaten zur Eingewöhnung in die Kita gehen. Dann wird Frau Schulz wieder in ihren alten Beruf einsteigen. Martha verabschiedet sich herzlich und hat den Eindruck, dass die beiden nun gut alleine zurechtkommen.

Am nächsten Tag schon wartet die nächste Familie auf sie. Es ist ein Einsatz nach § 20 SGB VIII (siehe unten). Ein Sozialarbeiter vom Jugendamt bat die Einsatzleitung der Sozialen Dienste im Weg der Mitte, eine Familie mit zwei Kindern zu unterstützen, in der die Mutter verstorben ist. Martha soll die zwei Kinder von Kita und Schule abholen und sie während der beruflichen Abwesenheit des Vaters bis zum Abendessen versorgen und betreuen, täglich fünf Stunden. Der Einsatz ist erwartungsgemäß komplex. Der trauernde Vater ist schweigsam und zurückgezogen, die Kinder wollen keine „neue Mama" und verhalten sich ablehnend. Nach und nach gelingt es Martha, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Nach einiger Zeit kommt der Vater etwas früher nach Hause, so dass er beim Abendessen dabei sein kann. Die Kinder beginnen, von der Mutter zu erzählen, und auch der Vater beteiligt sich am Gespräch. Die Übergabe findet nun in einer entspannten Atmosphäre statt. Später wird er seine Arbeitszeiten reduzieren und die Kitazeiten verlängern. Freunde und Verwandte stützen die Familie, so dass sie bereits nach einigen Wochen ihren neuen Rhythmus gefunden haben.

Nicht immer sind ausreichend familiäre Ressourcen vorhanden. Dann setzt die Familienpflege ein. Trotz des steigenden Bedarfs gibt es nur noch wenige Familienpflegedienste. Woran liegt das?

Die finanzielle Situation der Familienpflegedienste ist kritisch. Krankenkassen zahlen 20,44 Euro und Jugendämter 20,98 Euro pro Stunde an den jeweiligen Pflegedienst. Welcher Handwerksbetrieb kann mit solchen Stundensätzen überleben? Welchen Wert hat Familienarbeit in unserer Gesellschaft? Wenige Familienpflegedienste sind in der Millionenstadt Berlin mit zahlreichen sozialen Brennpunkten noch übrig geblieben. In Berlin bieten, neben einigen wenigen privaten Diensten, nur noch drei Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin und eine Mitgliedsorganisation der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Familienpflege an. Alle anderen Anbieter innerhalb der Wohlfahrtsverbände haben aus Kostengründen das Angebot eingestellt.

Nach über 20 Jahren (!) Stillstand bei der Anpassung der Entgelte wurde jetzt eine temporäre AG in der Senatsverwaltung unter Mitwirkung und aufgrund des Engagements des Paritätischen und seiner Mitgliedsorganisationen ins Leben gerufen. Sie hat die Aufgabe, aktuelle Leistungsbeschreibungen zu erstellen und einen Vorschlag zu angemessenen Entgelten zu erarbeiten. Es wird Zeit!

Wissenswertes:

Die Arbeitshilfe „Betreuung und Versorgung von Kindern in Notsituationen nach § 20 SGB VIII (Familienpflege) durch ambulante Pflegedienste“ finden Sie hier: bit.ly/2hsZUQI

Mehr Informationen zu den Angeboten von Weg der Mitte e.V. unter: www.wegdermitte.de

Die rechtlichen Grundlagen für ambulante Familienpflege:

§ 20 SGB VIII Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen durch ambulante Familienpflege

(1) Fällt der Elternteil, der die überwiegende Betreuung des Kindes übernommen hat, für die Wahrnehmung dieser Aufgabe aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen aus, so soll der andere Elternteil bei der Betreuung und Versorgung des im Haushalt lebenden Kindes unterstützt werden, wenn

1. er wegen berufsbedingter Abwesenheit nicht in der Lage ist, die Aufgabe wahrzunehmen,

2. die Hilfe erforderlich ist, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten,

3. Angebote der Förderung des Kindes in Tageseinrichtungen oder in Kindertagespflege nicht ausreichen.

(2) Fällt ein allein erziehender Elternteil oder fallen beide Elternteile aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen aus, so soll unter der Voraussetzung des Absatzes 1 Nr. 3 das Kind im elterlichen Haushalt versorgt und betreut werden, wenn und solange es für sein Wohl erforderlich ist.

§ 38 SGB V Familienpflege (gekürzt)

(1) Versicherte erhalten Haushaltshilfe, wenn ihnen wegen Krankenhausbehandlung oder wegen einer Leistung nach § 23 Abs. 2 oder 4, §§ 24, 37, 40 oder § 41 die Weiterführung des Haushalts nicht möglich ist. Voraussetzung ist ferner, dass im Haushalt ein Kind lebt, das bei Beginn der Haushaltshilfe das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert und auf Hilfe angewiesen ist. Darüber hinaus erhalten Versicherte, soweit keine Pflegebedürftigkeit mit Pflegegrad 2, 3, 4 oder 5 im Sinne des Elften Buches vorliegt, auch dann Haushaltshilfe, wenn ihnen die Weiterführung des Haushalts wegen schwerer Krankheit oder wegen akuter Verschlimmerung einer Krankheit, insbesondere nach einem Krankenhausaufenthalt, nach einer ambulanten Operation oder nach einer ambulanten Krankenhausbehandlung, nicht möglich ist, längstens jedoch für die Dauer von vier Wochen. Wenn im Haushalt ein Kind lebt, das bei Beginn der Haushaltshilfe das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert und auf Hilfe angewiesen ist, verlängert sich der Anspruch nach Satz 3 auf längstens 26 Wochen. Die Pflegebedürftigkeit von Versicherten schließt Haushaltshilfe nach den Sätzen 3 und 4 zur Versorgung des Kindes nicht aus.

 

Die Autorin:

Astrid Kleinke, Diplom-Sozialpädagogin, hat seit 1991 die Leitung der Sozialen Dienste des Weg der Mitte e.V. inne.

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief 4 / 2017 (PDF) erschienen.

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