Ein Beitrag aus der Wissenschaft zum Thema geflüchtete Kinder in der Kita Gestaltung: Anne Beyer, Foto: Gina Sanders / fotolia.com

Josepha Barbarics Aus der Hochschule Migration Kita Qualifizierung & Fachlichkeit Top-Beitrag Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik
Donnerstag, 31. Mai 2018
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Josepha Barbarics Aus der Hochschule Migration Kita Qualifizierung & Fachlichkeit Top-Beitrag Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik

Geflüchtete Kinder in der Kita

Der Umgang pädagogische Fachkräfte mit anfänglichen Herausforderungen bei der Arbeit mit geflüchteten Kindern in der Kita

Weltweit fliehen Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, vor Krieg, Terror, Hungerkatastrophen, fehlendem Zugang zu medizinischer Versorgung oder Bildung (UNHCR 2017). Für pädagogische Fachkräfte bedarf es mit der Aufnahme geflüchteter Kinder in die Kita ein Umdenken ihrer Arbeit sowie dem Umgang mit den Kindern und Familien, für die eine Sicherung des Aufenthaltes und die Unterbringung der Kinder vor allem im Fokus steht.

Der vorliegende Beitrag greift die aktuelle Flüchtlingsthematik auf und fasst die Ergebnisse der im Herbst 2017 an der Alice Salomon Hochschule Berlin eingereichten Masterarbeit der Autorin zusammen. Der empirische Teil der Masterarbeit umfasst sieben leitfadengestützte Interviews mit pädagogischen Fachkräften, welche mit geflüchteten Kindern in Berliner Kitas arbeiten. Diese Interviews wurden mittels der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz (Kuckartz 2016) ausgewertet. In den Ergebnissen wird die Expertensicht der Fachkräfte auf die Thematik deutlich.

In den Interviews zeigte sich, dass pädagogische Fachkräfte zu Beginn der Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung teilweise vor neuen Herausforderungen stehen. Ferner sind die Vorerfahrungen der pädagogischen Fachkräfte für die Bewältigung dieser essentiell, denn sie prägen die Herangehensweise an ihre Arbeit mit geflüchteten Kindern und deren Familien.

Wie anfangs bestehende Hürden bewältigt werden, wird nachfolgend entlang der empirischen Daten dargestellt.


Aufnahme geflüchteter Kinder in die Kita

Die Bedingungen des Ankommens für die Kinder sind durch Behörden und die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften geprägt. Mit der Aufnahme besteht die Aufgabe, für die Kinder gute Bedingungen des Ankommens und Normalität zu schaffen (Interview B., Z. 280f.).

Nicht nur für die Fachkräfte war die Aufnahme in die Kita eine Herausforderung, sondern auch für die Eltern (Interview V., Z. 63-68), welche ihre Kinder fremden Personen in einer anderen Kultur übergeben mussten. (Interview V., Z. 66-69).

Auf die Arbeit mit geflüchteten Kindern bereiten sich die Fachkräfte größtenteils selbst oder durch Fortbildungen vor, in welchen sie die Bedeutung von Asylverfahren, Traumapädagogik und Sprachentwicklung in anderen Kulturen erfahren (Interview V. Z. 312-313).

Darüber hinaus ist eine offene und freundliche Haltung gegenüber fremden Kulturen notwendig. Diese wurde in der eigenen Einrichtung überwiegend als positiv eingeschätzt (Interview V., Z. 101f.).

 

Integration und Inklusion in die Kita

Einer der wichtigsten Bestandteile der Arbeit mit geflüchteten Kindern ist die Integration bzw. Inklusion, die wie bei allen Kindern mit einer Eingewöhnungsphase beginnt (Interview A., Z. 151-153).

Der Eingewöhnungserfolg wird nach Einschätzung der Fachkräfte vereinzelt durch Traumatisierungen der geflüchteten Kinder beeinflusst. Teilweise fehlendes Hintergrundwissen darüber, was den Kindern widerfahren ist, erschwert dabei die Arbeit der Fachkräfte.

Bei Kindern, bei denen pädagogische Fachkräfte Symptome von Traumatisierungen vermuten, dauert ihres Erachtens die Eingewöhnung vergleichsweise länger als bei anderen Kindern.

 

Umgang mit Traumatisierungen

Traumatisierungen und Trennungsängste der Kinder nach der Flucht beeinflussen die Eingewöhnung der Kinder maßgeblich. Die Unterstützung bei der Bewältigung von Traumatisierungen kann weder von den Eltern noch von den pädagogischen Fachkräften geleistet werden (Interview D., Z. 292f.). Letztere können lediglich mögliche Auslöser von Re-Traumatisierungen vermeiden (Interview V., Z. 85-90).

Bedeutend ist darüber hinaus die Resilienzförderung, was durch den Beziehungsaufbau zu einer Bezugsperson und indem die Kinder darin bestärkt werden, mit ihren Gefühlen umzugehen, gelingt (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2015, S. 7).

 

Umgang mit sprachlichen Barrieren

Wie die Praxis zeigt, zählt die Bewältigung sprachlicher Barrieren zu den anfänglichen und insgesamt zu den größten Herausforderungen im Kita-Alltag mit geflüchteten Kindern (Interview A., Z. 85f.). Für wichtige Gespräche wie Erst-, Eingewöhnungs- oder Entwicklungsgespräche werden Dolmetscher_innen oder Eltern aus dem gleichen Sprachraum unterstützend hinzugezogen (Interview D., Z. 85-87).

Mit Kommunikationshilfen wie Übersetzungs-Apps, Symbolsprache, Bildkärtchen oder im Vorfeld angefertigten Übersetzungen für wichtige Themen den Kita-Alltag betreffend, können sich die Fachkräfte zunächst behelfen, um mit den Familien zu kommunizieren (Interview Y., Z. 69-72). Im Gegensatz zu der Kommunikation mit den Familien, funktioniert die Kommunikation mit den Kindern sehr schnell ohne Unterstützung (Interview A., Z. 90-92).

Die sprachliche Bildung der Kinder erfolgt alltagsintegriert durch Singen oder die Beschäftigung mit Büchern. Sprache ist für den Aufbau von sozialen Beziehungen und für eine strukturelle Integration unabdingbar (Worbs et al. 2016, S. 215; Willkommen bei Freunden 2015).

 

Zusammenarbeit mit den Familien

Aufgrund der anfangs fehlenden Sprachkenntnisse der Eltern fällt es den pädagogischen Fachkräften schwer, im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Familien, die vor allem zu Beginn stattfindenden Elterngespräche zu führen (Interview Y., Z. 49f.).

Die Zusammenarbeit mit den Familien ist ein wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit in der Kita. In den Erstgesprächen erfahren die Fachkräfte, worauf sie achten müssen, wie beispielsweise bei der Ernährung der Kinder (Interview D., 119-121).

Das ist, wie auch bei anderen Familien, aus Respekt vor den Werten und Normen der geflüchteten Familien sehr wichtig. Andersherum werden den Familien die Werte der Einrichtung nähergebracht (Interview B. und V., 172f.).

Sowohl bei angestammten als auch bei geflüchteten Familien eine Offenheit zu schaffen, kann zu Beginn eine Herausforderung darstellen. Hier gilt es die Vorbehalte angestammter Eltern abzubauen (Interview A., 83-86).

 

Bedeutung interkultureller Kompetenz

Immer mehr Kinder haben einen Migrationshintergrund, weshalb interkulturelle Kompetenzen und eine kulturelle Offenheit der pädagogischen Fachkräfte essentiell sind (Beucher 2016, S. 4).

Fachkräfte müssen sich daher mit den Kulturen, Traditionen und Religionen der Kinder auseinandersetzen und mögliche Alltagstheorien überwinden. Mithilfe einer kultursensitiven Frühpädagogik, die eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen kulturellen Sozialisations- und Erziehungsstilen verlangt, ist es pädagogischen Fachkräften möglich, besser auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und den Wünschen der Eltern nachzukommen. Voraussetzung hierfür ist die Fähigkeit, sich und die eigene Arbeit zu reflektieren (Borke 2016, S. 9f.). Eine solche Reflexion der eigenen Arbeit und Person erfolgt entweder in Form von Selbstreflexion oder im Team. Die Fachkräfte beschreiben die Reflexion der eigenen Arbeit als sehr wegweisend (Interview Y., Z. 246-248).

 

Fazit

Wie die Praxis zeigt, zählt die Bewältigung anfänglicher Barrieren wie Sprache und die Zusammenarbeit mit den Familien zu den anfänglichen und insgesamt zu den größten Herausforderungen pädagogischer Fachkräfte im Kita-Alltag mit geflüchteten Kindern, welche jedoch bewältigt werden können. Die empirische Untersuchung hat darüber hinaus hervorgebracht, wie wichtig die Kontinuität des Aufenthaltes und ein Wissen über den Status geflüchteter Kinder und Familien nicht nur für die Kinder und Familien, sondern auch die pädagogischen Fachkräfte sind. Ebenso ist die Relevanz der Vorerfahrung für die Bewältigung der aufgeführten Herausforderungen pädagogischer Fachkräfte wesentlich.

Die Interviews zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich die Vorerfahrungen der pädagogischen Fachkräfte sind und in welcher Weise sie deren Arbeit bestimmen. Auch verlangt die Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung interkulturelle Kompetenz sowie ein hohes Maß an kultureller Offenheit seitens der pädagogischen Fachkräfte.

Die diskutierten Ergebnisse lassen ferner den Schluss zu, dass eine gute Vorbereitung auf die Arbeit mit geflüchteten Kindern den weiteren Arbeitsprozess beeinflusst und für eine gelingende professionelle pädagogische Arbeit wichtig ist. Darüber hinaus ist die eigene Einstellung und Vorgehensweise ausschlaggebend dafür, auf welche Weise Herausforderungen erfolgreich bewältigt werden können.

 

Literatur

Beucher, Susanne (2016). Tipps zur erfolgreichen Integration von Flüchtlingskindern in der Kita. KiTa-aktuell.de. Online verfügbar unter www.kitabildungsserver.de/praxis/publikationen/archiv/themenspezial-fluechtlinge-in-der-kita-bei-kita-aktuell/, zuletzt geprüft am 14.04.2018.

Borke, Jörn (2016). Das Konzept der kultursensitiven Frühpädagogik. In: Kindergarten heute. 46. Jahrgang 2016 (1/2016), S. 8-13.

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Rönnau-Böse, Maike (2015). Resilienz. 4., aktualisierte Auflage. München: Reinhardt.

Kuckartz, Udo (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 3. überarbeitete Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

UNHCR (Hg.) (2017). Statistiken. Online verfügbar unter www.unhcr.org/dach/ de/services/statistiken, zuletzt aktualisiert am 19.07.2017, zuletzt geprüft am 14.04.2018.

Willkommen bei Freunden (Hg.). (2015). Frühe Bildung: Sprachentwicklung junger Geflüchteter früh fördern. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gGmbH. Online verfügbar unter: www.willkommen-bei-freunden.de/themenportal/themen-uebersicht/sprachforderung/, zuletzt geprüft am: 25.05.2018.

Worbs, Susanne; Bund, Eva; Böhm, Axel (2016). Asyl - und dann? 28. Hg. v. BAMF. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Online verfügbar unter www.bamf.de/Shar-Docs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb28-fluechtlingsstudie-2014.html, zuletzt geprüft am 14.04.2018.


Die Autorin

Josepha Barbarics *1986

M.A., seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der PädQUIS gGmbH / Bundesprogramm Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“

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