Foto: Gabriele Heinemann, MaDonna Mädchenkult.Ur e.V.

Kathrin Zauter
Kathrin Zauter Neukölln Jugendarbeit Fachöffentlichkeit & Politik
Mittwoch, 17. August 2016
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Kathrin Zauter Neukölln Jugendarbeit Fachöffentlichkeit & Politik

„Gewachsener Einfluss von Mädchen und Frauen im Kiez“

Fünf Fragen an Gabriele Heinemann, Geschäftsführerin von MaDonna Mädchenkult.Ur e.V.

Gabriele Heinemann arbeitet seit mehr als 30 Jahren in Nord-Neukölln. Die Sozialpädagogin ist Geschäftsführerin des Vereins MaDonna Mädchenkult.Ur e.V. und leitet einen der beiden Mädchentreffs. Die 62-jährige gebürtige Bremerin ermutigt junge Frauen aus Einwanderungsfamilien, die eigene Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Besonders engagiert sie sich gegen sexuelle, häusliche und familiäre Gewalt. Am 8. März wurde sie für ihr Engagement mit dem diesjährigen Berliner Frauenpreis ausgezeichnet.

Sie haben vor 34 Jahren den Mädchentreff „MaDonna“ mitgegründet. Warum war das damals wichtig?

Ich habe den Mädchentreff zusammen mit einer Kollegin gegründet, ausgehend von unseren Seminaren mit Neuköllner Hauptschulklassen im Wannseeheim für Jugendarbeit. Wir wollten die geschlechtsspezifische Arbeit in Mädchen- und Jungengruppen im Stadtteil fortsetzen. Es war uns wichtig, Räume für Mädchen zu schaffen, um sie zu stärken und in ihren Interessen zu unterstützen. Damals wurden die Kinder- und Jugendzentren – nicht nur in Neukölln – zu 95 Prozent von Jungen und jungen Männern besucht.

Was bieten Sie konkret an? Wie unterstützen Sie die Mädchen bzw. jungen Frauen?

Beteiligung, Teilhabe, Mitbestimmung und Verantwortung sind zentral im Mädchentreff. Inzwischen arbeiten wir vor allem mit Mädchen aus sehr konservativen Einwandererfamilien. Am wichtigsten sind die schulische Unterstützung der Mädchen und jungen Frauen durch Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe und die Hilfe bei Prüfungen und Bewerbungen. Täglich gibt es selbstbestimmte Freizeitgestaltung: Spiele drinnen und draußen, sportliche Turniere, Computer, Wii, Playstation, Ausflüge, Chillen, Kochen usw. Wir engagieren uns in der Gewaltprävention. Das reicht von der Konfliktlösung in der offenen Arbeit über Projekte zu Kinder- und Frauenrechten und zur Demokratiebildung bis zur Gewaltintervention in Einzelfällen, z.B. dem Schutz bei zwanghaft arrangierten Ehen. Aus Mitteln der Sozialen Stadt finanziert wird außerdem ein Projekt der aufsuchenden Jugendarbeit mit Jungen und jungen Männern, das auf unserer guten Kenntnis der Situation der Jugendlichen im Kiez und ihrer Familien fußt. Und jeden Sommer veranstalteten wir die Sommeruni / Feriengeschichten für 200 bis 300 Mädchen und Jungen zwischen fünf und 16 Jahren, die nicht verreisen konnten und die inzwischen alle die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen als Vorteil erkennen.

Was hat sich seit der Gründung von „MaDonna“ verändert? Gibt es positive Entwicklungen, die Sie mit angestoßen haben und über die Sie sich besonders freuen?

Ohne die vielen positiven Entwicklungen würde ich die Arbeit nicht so lange machen. Überall ist der gewachsene Einfluss von Mädchen und Frauen im Kiez und im Bezirk zu beobachten. Erstens betrifft das die erfolgreichen Biografien der Mädchen und jungen Frauen aus dem MaDonna-Mädchentreff. Zweitens sind die Netzwerke zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen und Mädchen und vor allem zum Schutz von jungen Paaren, deren Liebe von den Eltern nicht akzeptiert wird, inzwischen sehr effizient. Drittens waren Frauen zentral beteiligt im Netzwerk der kieznahen Gewaltprävention. Das hat das Rollbergviertel aus einem Viertel, das im Griff der Organisierten Kriminalität war, zu einem Ort des zivilen Miteinanders weiterentwickelt. Viertens gibt es inzwischen viele Eltern, die uns unterstützen und sich definitiv von frauenverachtenden Traditionen und Fundamentalismus abwenden.

Sie ermutigen muslimische Mädchen und junge Frauen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Warum ist das heute noch nötig und wichtig?

In unserem Viertel sind es nicht mehr nur Traditionen, die die Familien aus ihren Ursprungsländern mitbringen, die das Leben der Mädchen und Frauen einschränken, sondern auch die Ausbreitung des Fundamentalismus und aktuell der wachsende Einfluss des Salafismus. Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten führen zu wachsender Polarisierung und Feindseligkeit zwischen sich ethnisch, nationalistisch und religiös definierenden Gruppierungen. Die Orientierungslosigkeit von Jugendlichen und ihr Bedürfnis zu helfen, haben viele in die Arme radikal-religiöser Gruppen getrieben, die auch in unserem Viertel aktiv sind. So gibt es z.B. einen salafistischen Frauentreff. Die Radikalen bieten den Jugendlichen eine „Heimat", Freundschaft, eine Aufwertung und Wertschätzung, eine Erreichbarkeit rund um die Uhr - und auch materiell sehr attraktive Angebote, bei denen die öffentlich geförderte Jugendarbeit nicht mithalten kann.

Reicht es aus, Frauen zu stärken? Was ist mit den Männern? Wo muss man ansetzen?

Wir arbeiten inzwischen auch mit Jungen, weil der Kontakt zu Jungen für die Mädchen ein Teil ihres Weges zu mehr Freiheit ist. Wir versuchen, ein Abrutschen von Jugendlichen aus dem Rollbergviertel in Kriminalität und Radikalität zu verhindern. Und in der Elternarbeit wenden wir uns auch an Väter. Auch wenn die Jugendarbeit in Neukölln in den letzten Jahren erweitert wurde, ist es insgesamt zu wenig, was wir den Jugendlichen bieten können. Es gibt zu wenig Geld für Personal und für die Angebote. Vor 25 Jahren konnten wir beispielsweise noch regelmäßig an internationalen Begegnungen und Workcamps mit Jugendlichen teilnehmen oder zum Reiterhof fahren. Das wurde leider alles eingespart.

 

Mehr über die Arbeit von MaDonna Mädchenkult.Ur e.V. finden Sie unter madonnamaedchenpower.de

Kathrin Zauter leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin. Dort ist das Interview zuerst auf der Internetseite erscheinen.

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