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Sahibe Yolci, Ina Stanulla
Sahibe Yolci, Ina Stanulla Wirkungsorientierung in der Praxis Migration Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Donnerstag, 09. November 2017
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Sahibe Yolci, Ina Stanulla Wirkungsorientierung in der Praxis Migration Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

„Interkulturelle Öffnung von Anfang an“

Wirkungsanalyse in den Interkulturellen Familienpatenschaften bei LebensWelt gGmbH

Seit einigen Jahren haben wir bei LebensWelt gGmbH ein „Ehrenamtsprojekt“: die interkulturellen Familienpatenschaften. Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst – ohne ein solches Projekt – nicht begegnet wären, weil sie z.B. aus verschiedenen Lebenswelten oder Altersgruppen kommen. Es ging uns nicht darum, ein hierarchisches Angebot von alt zu jung zu entwickeln im Sinne von „Ich helfe dir, besser lesen zu können oder in der Schule zu sein“. Vielmehr sollte ein Angebot auf Augenhöhe geschaffen werden, in das beide Seiten der Patenschaft gleichberechtigt ihre Interessen, Neugier und Wünsche einbringen können und in dessen Rahmen sie einfach Dinge machen können, an denen alle Spaß haben: Museen besuchen, die Stadt erkunden, spazieren gehen, Fußball oder Gesellschaftsspiele spielen und mehr. Unser Bauchgefühl hat uns gesagt, dass beide Seiten dieser Begegnung gleichermaßen von der Familienpatenschaft profitieren, und genau das hörten wir auch häufig von Familien, Familienpatinnen und -paten. Wir entwickelten aus diesem Bauchgefühl sogar noch eine weitergehende These und nahmen an, dass die interkulturellen Patenschaften eine Wirkung in Hinsicht auf interkulturelle Öffnung und Teilhabe an Gesellschaft besitzen. Gern wollten wir dies sichtbar machen und auch allen an dem Projekt Beteiligten spiegeln – doch wie sollten wir dabei vorgehen?

Vom Bauchgefühl zum Wissen: Wirkungsorientierung

In den Jahren 2015 bis 2017 beteiligte sich LebensWelt an dem Kooperationsprojekt Wirkungsorientierung, das vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin angestoßen und gemeinsam mit der Phineo gAG umgesetzt wurde. Wir nahmen diesen Prozess zum Anlass, um eine kleine Wirkungsanalyse der von uns durchgeführten Familienpatenschaften durchzuführen.

Wir führten Anfang des Jahres 2017 leitfadengestützte Interviews durch mit insgesamt 14 Müttern, Vätern, Kindern, Jugendlichen,Patinnen und Paten. Die Befragten waren insgesamt in vielen Merkmalen bunt gemischt: Der jüngste Befragte war elf und die älteste 68 Jahre alt; männliche und weibliche Befragte waren etwa zu gleichen Teilen dabei, es gab Bezüge zu unterschiedlichsten Ländern und Sprachräumen: Ägypten, Bulgarien, Deutschland, Großbritannien, Libanon, Nord-Korea, Polen, Syrien, Türkei.

Beziehung und Interkulturelle Öffnung

Unsere Fragen sollten schwerpunktmäßig darauf abheben, woran man eine „gute“ Paten-Beziehung erkennt, sowie,und auf den Aspekt, ob solch ein Projekt eine Wirkung im Rahmen der interkulturellen Öffnung erzielen kann und sich die Lebenslage aller Beteiligten positiv verändert.

Die konkreter gefassten Fragen bezogen sich u.a. auf folgende Themen: Kenntnis von und Erwartung an die Patenschaft, Vertrauen(-saufbau), Sprachbarrieren und Unsicherheiten aufgrund dieser Sprachbarrieren oder vermuteter kultureller Unterschiede, Veränderung bei den Personen während der Patenschaft, die sie entweder an sich selbst und/oder jeweils den anderen festgestellt haben.

Von den Ergebnissen der Befragung stellen wir hier einige vor:

Ehrenamt – was ist das?

Interessant war, dass von Seiten der Familien und Kinder niemand die Idee von institutionalisierten ehrenamtlichen Patinnen und Paten kannte –zumindest nicht in dieser Organisationsform: ehrenamtliches Engagement angebunden an eine Institution. Alle befragten Familien und Kinder waren aber positiv überrascht, von dem, was dann kam.

Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Patenschaft

Nicht verwunderlich ist, dass der Vertrauensaufbau am Anfang einer Patenschaft steht. Sich verstanden und gesehen fühlen, freundlich und zugewandt angesprochen zu werden, das sind Grundvoraussetzungen für die Vertrauensbildung und eine gelungene Begegnung. Ebenso gehören Wertschätzung, Respekt und auch Zuverlässigkeit, also die eingehaltenen Terminabsprachen, dazu. Besonders vertrauensbildend wirkt, dass die Begegnung auf freiwilliger Basis und ohne jedwede Bezahlung/Vergütung und ohne Eigennutz geschieht.

Das Kind einer Familie äußert sich dazu: „Ich weiß, dass er (der Pate) kein Geld bekommt, er macht das freiwillig, er ist zu mir gekommen, er hat für mich ganz persönlich etwas gemacht!“

Sprachbarrieren? Kein Thema! Gemeinsamkeiten und Freundlichkeit zählen

Wir stellten auch eine Frage nach der sogenannten Sprachbarriere und diesbezüglicher möglicher Unsicherheiten. Hier wurden unsere Vorannahmen schlicht über den Haufen geworfen: Alle Beteiligten sagten zwar, dass sie auch damit gerechnet hätten, es aber real überhaupt keine große Rolle spielt. Es gab zwar in einigen Fällen verbale Verständigungsherausforderungen, aber sie stellten eben keine Barrieren dar. Denn wenn die Patinninnen und Paten auf der einen Seite und die Familien, Kinder und Jugendlichen auf der anderen Seite als freundlich und zugewandt empfunden wurden – was der Fall war – rückten rein sprachliche Aspekte komplett in den Hintergrund. Es wurde sofort nach Gemeinsamkeiten gesucht, nach Dingen, die Verbundenheit symbolisieren, z.B. gleich große Familien, gleiche Essensvorlieben und Hobbys. Ein Junge, der eine besondere Leidenschaft für alles hat, was mit Flugzeugen zu tun hat, war über seine Patin sehr überrascht: „Ich dachte nie, dass eine Anwältin so viel über Flugzeuge wissen kann. Das hat mich total gewundert, dass sie mehr weiß als ich!“ Ein anderer Junge freute sich, dass er nicht nur seine Fußballbegeisterung teilen konnte, sondern auch die Begeisterung für den gleichen Verein, der in Berlin ja nicht bei allen beliebt ist: „Das Beste war, dass er Dortmund-Fan ist – und ich bin auch ein Dortmund-Fan!“ Die Oma einer Familie stellte über die Patin fest: „B. ist auch eine Fremde – wie wir“. Damit sind Gemeinsamkeiten geschaffen, die Türöffner in der beginnenden Beziehung sind und diese auch tragen können.

Unsicherheiten überwinden und den eigenen Horizont erweitern

Die Ergebnisse der Befragung zeigten, dass allen an der Befragung Beteiligten bewusst ist, dass sich ihre Lebenslage positiv geändert hat: Sie sehen es als Gewinn an, Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten kennenzulernen, und fühlen sich sicher im Umgang mit Menschen aus Lebenswelten, die ihnen vorher „fremd“ waren oder die zumindest im Vergleich zu ihnen selbst „ungewöhnlich“ lebten. Das Mehr an Sicherheit im gesellschaftlichen Raum bezog sich auch auf das Erschließen buchstäblich neuer Räume, z.B. durch gemeinsame Parkspaziergänge oder das Betreten von Restaurants mit einer bis dato unbekannten oder unverständlichen Speisekarte, in das man sich allein nicht getraut hätte.

Wenn Menschen aus einander unbekannten Milieus oder Kulturräumen sich freiwillig begegnen, ist eine Bereitschaft vorhanden, sich gemeinsam auf das jeweils Neue einzulassen. Denn mindestens eine Person, entweder von Seiten der Familien oder aber der Paten(-familien), kennt sich in der neuen Situation aus, so dass sich die jeweils andere Seite an ihr orientieren kann. Sich als Nicht-Koreaner in einem koreanischen Kulturzentrum selbstverständlich zu bewegen und koreanische Filme anzuschauen, hätte sich ein Pate vorher nicht vorstellen können. Sein Patenkind eröffnete ihm diese Welt und so macht er die Erfahrung, dass er nicht komisch angeschaut wird, sondern ebenso dazugehört. Das Empfinden, sich nicht mehr ausgeschlossen zu fühlen, weil man nun z.B. die Regeln und Gepflogenheiten kennt, war positiv für alle und stellte eine enorme Erweiterung des eigenen Handlungsspielraumes dar.

Vorurteile schwer gemacht!

Natürlich gab es auch Vorurteile. Ein Beispiel: Ein Junge, der eine Patenschaft mit einem jungen Erwachsenen hat, äußert sich: „Ich habe ein Vorurteil den Deutschen gegenüber, ich mag die Deutschen einfach nicht so gern, weil viele nicht so nette Dinge zu mir sagen, sie sind unhöflich, manchmal unangenehm… Sie sagen Sachen, die man nicht hören will, z.B. „ Schlitzauge“, und damit beleidigen sie andere einfach so. Ich habe das so oft gehört und gesehen… Aber J., (der Pate), ist sehr nett und hat nicht so eine Sprache und Haltung. Dadurch hat sich mein Vorurteil den Deutschen gegenüber geändert.“

Ein Vater beschrieb die Patenschaft folgendermaßen: „Ich hab mir das so nicht vorgestellt. Wir haben eine andere Mentalität… ich habe nicht erwartet, dass wir eine so liebe, nette und ehrliche Patin kennenlernen, der wir sofort vertrauen können, wie S. – sie sagt nicht ein negatives Wort über uns (…) das gibt es nicht bei S. – das habe ich nicht erwartet.“

Kultursensibilität manifestiert sich - eine Kultur der Anerkennung entsteht

Schüchternheit tritt zurück, das Zutrauen, für einen selbst als fremd Empfundenes auszuprobieren, sich einzulassen auf jemandem aus unbekannter Lebenswelt, wächst; neue Interessen werden entdeckt und können geäußert werden. So können sich Lebenswelten annähern, jeder bringt das ein, was er einbringen kann; es entsteht eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung.

Eine Mutter beschreibt: „Als V. (die Patin) mit den Kindern im Zoo gewesen ist, hat sie alles einfach auf Deutsch erklärt, die Namen usw. Wir können auch alle Namen, aber wir können das auf Arabisch, und können es den Kindern nicht auf Deutsch beibringen, das kann sie.“

Wir können also sagen, dass sich Kultursensibilität manifestiert: Offenheit, Ambiguitätstoleranz, Fantasie, Dialogfähigkeit, Vorurteilsbewusstheit, keine einfachen „Wir – Die“-Zuschreibungen – all diese Fähigkeiten wurden und werden in diesen ehrenamtlichen Familienpatenschaften gelebt, erprobt und weiter ausgebaut.

Gut, dass wir diese Befragung durchgeführt haben. Die Ergebnisse waren viel besser, als wir erwartet haben.

 

 

Ina Stanulla ist beim freien interkulturellen Träger LebensWelt gGmbH in Berlin seit 2009 für die Öffentlichkeitsarbeit und Projektentwicklung zuständig. Davor war sie acht Jahre wissenschaftliche Referentin im AFET Bundesverband für Erziehungshilfe e.V. in Hannover. Studiert hat sie Sozialpädagogik an der Universität in Lüneburg, wo sie im Anschluss an das Studium wissenschaftliche Assistentin im Präsidialamt und Dozentin im Bereich Sozialpädagogik war. Sie ist auch im Bereich der Erwachsenenbildung tätig, Schwerpunkte und gleichzeitig Anliegen sind dabei interkulturelle Öffnung und interkulturelle Kompetenz, dialogische Haltung und Methoden.

Sahibe Yolci ist ebenfalls beim freien interkulturellen Träger LebensWelt gGmbH in Berlin tätig und dort Bezirksleitung im Bereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung. Sie studierte an der FU Berlin Germanistik, Psychologie, Erziehungswissenschaften und arbeitete während ihres Studiums in der Familien- und Jugendbildung. 2011 baute sie bei dem Träger LebensWelt das Angebot der ehrenamtlichen interkulturellen Familienpatenschaften auf, das sie bis heute leitet. Sie ist auch im Bereich der Erwachsenenbildung tätig, Schwerpunktthemen sind dort interkulturelle Kompetenz und dialogische Haltung.

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