In Zehlendorf entsteht der erste inklusive Abenteuerspielplatz in Berlin. Fotos: Bauworkshops © KBH

Anne Beyer
Anne Beyer Steglitz-Zehlendorf Sozialraumorientierung Fachöffentlichkeit & Politik Inklusion Stadtteilarbeit
Montag, 16. März 2015
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Anne Beyer Steglitz-Zehlendorf Sozialraumorientierung Fachöffentlichkeit & Politik Inklusion Stadtteilarbeit

Interview: Ein Inklusiver Abenteuerspielplatz entsteht in Zehlendorf

In Zehlendorf baut der Jugendhilfeträger contact – Jugendhilfe und Bildung gGmbH derzeit den berlinweit ersten inklusiven Abenteuerspielplatz. Auf dem Gelände der Jugendhilfeeinrichtung KBH werden bis zum September 2015 zahlreiche Spielbereiche gestaltet. Das Motto der Einrichtung lautet: „Gemeinsam stark für jeden Einzelnen!“ Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Nationalitäten, Religionen, sexuellen Identitäten und finanziellen Hintergründen mit und ohne Behinderungen und gesundheitlichen Einschränkungen nutzen das Haus mit seinen Angeboten.

Uwe Lamm, Geschäftsführer, und Vera Fritsche, Sozialarbeiterin und Projektkoordinatorin, beantworteten uns einige Fragen.

1.    Wie entstand die Idee zu einem inklusiven Abenteuerspielplatz?

Uwe Lamm: Der Lebensweltlich orientierte Raum Zehlendorf-Süd weist im Strukturatlas 2013 die schlechtesten Werte des Stadtteils Zehlendorf auf. Der enorm hohe Anteil alleinerziehender und arbeitssuchender Menschen ist gekoppelt an einen überproportional hohen Anteil an Hilfen zur Erziehung. Unsere dortige Jugendfreizeiteinrichtung KBH weist zudem einen signifikanten Anteil  an Kindern mit Behinderungen auf. So gab es im gemeinsamen Nachdenken mit Politik und Verwaltung des Jugendamtes die Schlussfolgerung, neben den notwendigen reaktiven Interventionen wie Erziehungs- und Eingliederungshilfen eben auch die Gestaltung der Räume und Freizeitmöglichkeiten mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Die inklusive Ausrichtung dieses Abenteuerspielplatzes garantiert uns zukünftig eine bunte, vielfältige und sicherlich auch anspruchsvolle Aufgabe.


Fotos: Bauworkshops © KBH

2.    Für welche Zielgruppe wurde der Spielplatz geplant?

Uwe Lamm: Alle Menschen, egal mit welchem Hintergrund und unabhängig von Alter, Eigenart oder Handicap sind herzlich willkommen. Wir versuchen, den Spielplatz so zu gestalten, dass er tatsächlich für alle Menschen begehbar, nutzbar und vor allem attraktiv sein kann.

Nach der Eröffnung im September 2015 freuen wir uns an den Vormittagen von 9 bis 13 Uhr auf Schulkassen und angemeldete Gruppen, die in all ihrer Vielfalt zu uns kommen können. Für die Nachmittage soll der Abenteuerspielpatz dann für kleine und große Bürgerinnen und Bürger von 13:30 bis 18 Uhr zur Verfügung stehen.


Foto: Bauworkshops © KBH


3.    Was mussten Sie bei den Materialien, Konstruktionen etc. beachten, um dem Aspekt der Inklusion gerecht zu werden?

Vera Fritsche: Unsere konstante Prämisse ist, dass Spielräume für alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, zugänglich sein sollten. So gilt es auch für uns als Team, bestehend aus Projektkoordination, Fachberatung durch einen Spielplatzbauer und pädagogischem Team, explizit Spiel und Gestaltungsräume zu entwickeln, die dieser Prämisse gerecht werden. Der augenscheinlichste Aspekt ist eine barrierefreie Planung. Insbesondere dabei ist auf Material- und Farbauswahl zu achten. So gestalten wir beispielsweise ein Wege-Leitsystem, welches durch ein kontraststarkes Farbkonzept funktioniert. Das heißt im Konkreten, dass wir den rollstuhlgerechten Wegebelag in einem hellen Farbton halten, damit er als Kontrast zu der grünen Wiesenfläche auch für seheingeschränkte Menschen wahrgenommen werden kann. Ein im Weg integriertes Blindenleitsystem wird entwickelt. Darüber hinaus werden durch Farbmarkierungen die verschiedenen Spielräume auf der Fläche markiert. Auch gilt es langfristig gemeinsam mit den beteiligten Akteuren ein Akustik-Konzept zu entwickeln, welches eine weitere Orientierung auf dem Spielplatz bietet.

Auch andere Sinneswahrnehmungen gilt es, in die Planung zu inkludieren. Duft- und Tasterlebnisse werden gezielt eingesetzt, um die verschiedenen Bereiche erfahrbar zu machen.

Da wir Inklusion als einen Prozess verstehen, sind kontinuierliche Bauworkshops geplant, in denen Holzmodule gemeinsam gestaltet werden können. Beispielsweise werden ab April ein rollstuhlgerechter Sandkasten wie auch rollstuhlgerechte Hochbeete gemeinsam mit allen Akteuren gebaut.


Bild: Bauworkshops © KBH

4.    In welcher Form werden AnwohnerInnen, Kinder und Jugendliche mit in die Gestaltung des Spielplatzes einbezogen?

Vera Fritsche: Von Herbst 2013 bis Sommer 2014 haben wir eine intensive partizipative Projektphase als Grundstein für eine gelungene und aus dem SOR kommende Planung durchgeführt. Es gab Projekttage mit den Kindern und Jugendlichen des KBHs, um Wünsche und Träume eines inklusiven Abenteuerspielplatzes zunächst herauszufinden und zu formulieren. Darauf aufbauend wurde nach der Planning-for-real-Methode ein Modell der Fläche angefertigt und gestaltet. Es wurden Diskussionsabende für Nachbarn und Eltern veranstaltet und eine enge Zusammenarbeit mit Schülern des Paul-Braune-Förderzentrums und der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde angeboten. Die Kinder und Jugendlichen  des KBHs  und der anliegenden Nachbarschaft werden kontinuierlich über Baunachmittage und Aktionstage beteiligt. Der nächste Aktionstag findet am Samstag, den 9. Mai, statt, an dem wir alle Interessierten und Baulustigen einladen, mit uns gemeinsam unser Freilichttheater zu gestalten.


Fotos: Bauworkshops © KBH

Durch diese fortwährende konzeptionelle Struktur wollen wir allen interessierten Menschen aus dem Sozialraum die Möglichkeit geben, ihre eigenen Ideen einzubringen und verwirklichen zu können. So soll ein offener Raum der Begegnung initiiert und nachhaltig verfestigt werden. Sobald der Spielplatz eröffnet ist, werden durch die verschiedenen Nutzergruppen Wechselwirkungen zwischen einem institutionellen Bildungskontext und der offenen Kinder- und Jugendarbeit stattfinden und somit wird der Inklusionsgedanken zu einer gelebten Realität in der Nachbarschaft.


Foto: Bauworkshops © KBH

5.    Also ganz im Sinne der Sozialraumorientierung?

Vera Fritsche: Ja. Durch das partizipative Projektverfahren wird einerseits Handlungsfähigkeit bei den beteiligten Akteuren gestärkt, welche sich direkt sichtbar im Sozialraum zeigt und so eine Wirksamkeit des eigenen Handelns aufzeigt. Anderseits entsteht ein konkreter Raum, in dem Inklusion direkt erlebbar wird und ein Bewusstsein für eine offene und vielseitige Gesellschaft kann sich somit weiter entwickeln und auf nicht-institutionalisierte Kontexte transferieren.


Foto: Bauworkshops © KBH


6.    Müsste es Ihrer Meinung nach nicht noch viel mehr solche Projekte geben?

Uwe Lamm: Neben der klassischen Fallarbeit ist es für Anbieter im Bereich der Jugendhilfe unabdingbar, auch Räume zu gestalten. Wer nur noch in der Reaktion arbeitet, wird den Raum nicht mehr ausreichend einbeziehen und somit nicht wirklich ressourcenorientiert arbeiten. Eines der Anliegen der SRO ist es, belastbare Sozialräume zu schaffen und Menschen zu aktivieren. Dafür sind solche Projekte unschlagbar, da direkt lebensweltlich bei den Bürgerinnen und Bürgern angedockt und das sichtbare Ergebnis durch gemeinsame Erarbeitung entsteht.

An dieser Stelle geht unser herzliches Dankeschön an das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf und den Paritätischen Landesverband Berlin, durch deren Unterstützung dieser Inklusive Abenteuerspielplatz entstehen kann.

Vera Fritsche ist staatlich anerkannte Sozialarbeiterin und Projektkoordinatorin der contact – Jugendhilfe und Bildung gGmbh zur Errichtung des ersten inklusiven Abenteuerspielplatzes in Berlin.

Uwe Lamm ist Geschäftsführer der contact – Jugendhilfe und Bildung gGmbH.

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