Bericht über einen Israel-Fachkräfteaustausch von FiPP e.V. Fotos: André Hutzler, Ömür Spörer

Sabine Tönnis Blick über Berlin hinaus Qualifizierung & Fachlichkeit Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Montag, 13. August 2018
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Sabine Tönnis Blick über Berlin hinaus Qualifizierung & Fachlichkeit Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Israel-Fachkräfteaustausch Berlin – Tamra

Im November 2016 nahmen neun Kolleg_innen von FiPP e.V. aus dem Bereich Jugendhilfe und Schule gemeinsam mit neun Pädagog_innen aus Israel im Rahmen des Projekts „Demokratie und Mitbestimmung in Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit“ an einem Fachkräfteaustausch in Berlin teil, der von der Bildungsstätte Kurt Löwenstein begleitet und von ConAct gefördert wurde. Die Rückbegegnung in Israel fand im Oktober 2017 statt.

Die Reise beginnt

Im Vorfeld unserer Fahrt nach Israel hatte Robert Rostoski, der den Austausch von der Partnerorganisation NOAL aus begleitete, für uns ein eintägiges Vorbereitungsseminar organisiert. Wir diskutierten unter der besonderen Berücksichtigung religiöser und kultureller Hintergründe den Nahostkonflikt und versuchten, dessen Legitimierung von jüdischer und arabischer Seite aus zu verstehen. Ein wichtiger Schritt war hierbei, sich die unterschiedlichen Sichtweisen in Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen und deren Folgen für das Land bewusst zu machen: Die Kriege und Aufstände, insbesondere der 6-Tage Krieg, die Intifada sowie diverse Abkommen zwischen der israelischen Regierung und der Führung in den palästinensischen Autonomiegebieten, den Aufstieg der Hamas in Gaza, den Gaza-Krieg und den derzeitigen
Zustand.

Jaffa


Die Reiseroute

Nach unserer Ankunft am Ben-Gurion-Airport gegen Mitternacht wurden wir von Robert Rostoski herzlich in Empfang genommen und verbrachten unsere erste Nacht in einem Hostel in Tel Aviv. Wir starteten in den nächsten Tag mit einem Spaziergang auf „biblischen“ Spuren durch Jaffa, dem ältesten Stadtteil von Tel Aviv. Weiter ging es mit dem Auto Richtung Norden zu unserer Partnerorganisation nach Tamra in Galiläa. Tamra ist eine Kleinstadt mit 25.000 arabisch-israelischen Einwohnern. Von Tamra aus unternahmen wir Besuche zu den unterschiedlichen Schulen und Jugendeinrichtungen sowie zu den Stadtbesichtigungen von Haifa und Akko. Nach einem Besuch am Toten Meer ging es weiter nach Jerusalem und Bethlehem, für einige zu einem Tagesausflug nach Rammallah, und von dort zurück nach Tel Aviv.

Treffen in Tamra

Bewegte Pause in der Albyronne Elementary School, Tamra

Das israelische Bildungssystem

Schon bei der Hinbegegnung in Berlin zeigten sich unsere Partner aus Israel sehr erstaunt über die große Heterogenität und kulturelle Vielfalt in den Berliner Schulen. Grundschulen in Israel umfassen die Jahrgangsstufen 1 bis 6, die Kinder sind
zwischen sieben und zwölf Jahren alt, die Unterrichtswoche beginnt am Sonntag und endet am Donnerstag, die Unterrichtszeiten sind von 8 bis 15 Uhr. Arabische Schulen sind bilingual ausgerichtet, in jüdischen Schulen wird ausschließlich auf Hebräisch unterrichtet.
In allen Schulen und Jugendeinrichtungen, die wir besuchten, lernten ausschließlich arabisch-israelische Kinder und Jugendliche. Das gemeinsame Aufwachsen von jüdisch-israelischen und arabisch-israelischen Kindern und Jugendlichen stellt im israelischen Schulsystem eine Ausnahme dar. Gegenwärtig gibt es in Israel eine Handvoll Schulen, in denen jüdische und arabische Kinder in gemeinsamen Klassen zweisprachig unterrichtet werden und so interkulturelle Begegnungen zum selbstverständlichen Alltag werden können. Daher waren wir sehr an einem Projekt interessiert, das vom Jugendclub in Tamra und einer Grundschule im Bereich der außerschulischen Jugendarbeit initiiert wurde: Gemeinsam organisieren sie mit einem
jüdischen Fußballclub aus Haifa Fußballturniere, bei denen jüdische und arabische Kinder und Familien miteinander in Kontakt kommen und sich darüber erste Begegnungsräume eröffnen.

Auch im alltäglichen Leben wurde für uns das starke Nebeneinander der Kulturen deutlich erfahrbar; die offenbar beständige
Einteilung in „jüdisch-israelisch“ oder „arabisch-israelisch“ stiftet wenig Raum für gemeinsame Identitätserfahrungen. Wir haben in eine Vielzahl von unterschiedlichen Schulen Einblicke gewonnen und wurden überall sehr herzlich begrüßt: Auf unseren Tagestouren besuchten wir Grundschulen, weiterführende Schulen, ein College und eine Schule für Jugendliche mit
Handicaps. Begeistert haben uns Projektwochen, die gemeinsam mit Eltern durchgeführt werden, spielerische „Klassengärten“ ausgestattet mit Recyclingmaterial, Sience Center für Kinder und Jugendliche, die auch
am Nachmittag eine Fülle von kostenfreien Angeboten vorhielten, eine große Vielfalt von „peer to peer“-Angeboten und das
Entwickeln von einem „Escape Room“ zum Sozialen Lernen.

Ganz viele Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen haben uns auf diesem Austausch tief bewegt und nachhaltig
beschäftigt, sodass ich nur ein paar hier aufzählen kann: Die unglaubliche Gastfreundschaft unserer israelischen Partner,
an der israelischen Sperranlage zu stehen, die mit einer acht Meter hohen Mauer Bethlehem von Jerusalem und kleinen palästinensischen Dörfern trennt, die Begegnung mit Menschen in der Westbank, die herausfordernde Vielfalt der religiösen Gemeinschaften in Jerusalem und nicht zuletzt die Wüste und die Landschaft am Toten Meer.

Was wir mit nach Hause nahmen:

  • Wir erlangten Einblicke in die jeweiligen Bildungssysteme und lernten best practise Projekte in Schulen kennen.
  • Wir bekamen Impulse für eine vielfaltsbewusste Kinder- und Jugendarbeit.
  • Wir setzten uns gemeinsam mit den Themen Identität und Koexistenz in einer multikulturellen Gesellschaft auseinander.
  • Wir erfuhren und erlebten das Land und das vielfältige Leben in Israel über kurze Besuche in Haifa, Akko, Jerusalem, Betlehlem und der Westbank.

Ramallah - Spuren des Nahostkonfliktes

Autorin: Sabine Tönnis, Bereichsleitung Jugendhilfe und Schule bei FiPP e.V.
Fotos: André Hutzler, Ömür Spörer

Der Beitrag erschien zuerst im FiPP-Magazin, Ausgabe 02/2018.

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