Foto: Telemachos

Bernd Schüler
Bernd Schüler Mentoring Blick über Berlin hinaus Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Dienstag, 16. Mai 2017
0
Bernd Schüler Mentoring Blick über Berlin hinaus Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

„Man erwartete von allen das Unmögliche“

Fünf Fragen an Helen Colley - Eine englische Forscherin spricht über ein Mentoring-Projekt für arbeitslose Jugendliche und die Schäden, die durch unangemessene Zielvorgaben entstehen können.

Dieser Beitrag erschien im „Telemachos – Fachbrief für Patenschaften und Mentoring" (Ausgabe 05/ Dezember 2016). Der Fachbrief wird von Bernd Schüler verfasst und vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. herausgegeben. Sechs Ausgaben sind bis Jahresende geplant. Ermöglicht wird dies durch eine Förderung der „Aktion zusammen wachsen“ des Bundesamts für zivilgesellschaftliche Angelegenheiten. Der Fachbrief kann hier direkt bezogen werden.

Helen Colleys Arbeitsbiographie als vielseitig zu beschreiben wäre 'understatement'. Bevor die Engländerin unter anderem über Mentoring forschte und Pädagogik-Professorin wurde, in England, aber auch in Kanada und Italien, hatte sie schon in der Altenarbeit, als Busfahrerin, im Einzelhandel, im Ingenieurwesen und in der Karriereberatung gearbeitet. Inzwischen im Ruhestand, aber noch als Honorary Professorial Research Fellow an der Universität von Manchester aktiv, war sie zwischenzeitlich Professor of Lifelong Learning. Stets in dem Fokus ihrer Forschung: die Probleme, die benachteiligte junge Menschen in der beruflichen Bildung haben, sowie allgemein die klassen- und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im lebenslangen Lernen.

Telemachos: Im Jahr 2003 haben Sie unter dem Titel “Mentoring for Social Inclusion” eine wichtige qualitative Studie veröffentlicht. Woher kam Ihr Interesse am Mentoring?

Helen Colley: „Ich arbeitete als Berufsberaterin in innerstädtischen Schulen mit jungen sozial und wirtschaftlich marginalisierten Menschen, da wurde im Jahr 1997 die 'New Labour'-Regierung von Tony Blair gewählt. Wie viele meiner Kollegen habe ich es am Anfang begrüßt, dass die neue Regierung soziale Exklusion in den Fokus nahm. Immerhin gab es das Versprechen, desinteressierten ('disaffected') jungen Menschen, wie sie damals genannt wurden, besonders zu helfen.

Ein Kernelement der Politik: Mit Mitteln der EU-Beschäftigungsinitiative sollte in ganz Großbritannien eine große Zahl von Jugend-Mentoring-Projekten gefördert werden, 'Youthstart' genannt und angelehnt an das Vorbild von 'Big Brothers Big Sisters' aus den USA. Die meisten dieser neuen Mentoring- Projekte waren bei Ausbildungsberatungen angesiedelt. Weil ich an einer der Schulen war, wo das ausprobiert wurde, war ich neugierig. Zur gleichen Zeit sah ich, dass auch Universitäten in diese Mentoring-Welle eingebunden waren und damit begannen, Studierende zu Mentoren für arbeitslose junge Menschen auszubilden. Jugend-Mentoring wurde 'in' – während es gleichzeitig nur sehr wenig Forschung darüber gab. Als sich dann die Möglichkeit auftat, im Rahmen einer Vollzeit-PhD-Stelle (in etwa: Promotionsstelle, die Red.) über eines dieser Programme zu forschen, sagte ich begeistert zu.“

Die Art des Mentoring, das Sie analysierten, haben Sie 'engagement mentoring' genannt. Nun hat das englische Wort 'engagement' in diesem Sinne nur wenig mit dem deutschen (freiwilligen) Engagement zu tun. Was meinen Sie damit?

„'Engagement mentoring' war der Begriff, den ich eingeführt habe, um die von der Regierung geförderten Mentoring-Programme und Initiativen wie Youthstart zu charakterisieren. Die besondere Einordnung war wichtig, denn es gibt viele unterschiedliche Kontexte und Modelle für Mentoring. Gemeinsam hatte die wenige Forschung, die bis dahin dazu geleistet worden war, die Einsicht: Mentoring für junge Menschen ist am wirksamsten, wenn es freiwillig, informell und in den lokalen Gemeinschaften stattfindet. Und wenn es die Bedürfnisse und Ziele der Jugendlichen aufnimmt.

Als ich die Förderrichtlinien, Strukturen und Praktiken des Youthstart- Programms studierte, wurde mir aber klar: Dieses Mentoring hier war ganz anders organisiert. Den arbeitslosen Jugendlichen konnte die Sozialhilfe gekürzt werden – was de facto auf eine Teilnahmepflicht hinauslief. Viele von ihnen litten unter Lernschwierigkeiten, hatten Probleme mit der psychischen Gesundheit und waren in ernsthaften sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die freiwilligen Mentoren, die herangezogen wurden, stammten meistens nicht aus deren sozialem Umfeld, sondern aus Mittelschicht-Familien, die die Lebensumstände und die Alltagskultur der Arbeiterklasse nicht verstanden und sich auch nicht in sie hineinversetzen konnten. Trotzdem lautete der allgemeine Mythos: 'Jeder kann Mentor sein', womit verbunden war, dass es nur ein minimales Training gab (typischerweise vier, höchstens 48 Stunden). Das war auch nicht nur annähernd ausreichend, um die Freiwilligen so vorzubereiten, dass sie mit den komplexen Problemen vieler Mentees zurechtkommen konnten.

Das Wichtigste aber: Die Ziele und der Zeitrahmen des Mentorings wurden von der Politik und den Programm-Managern diktiert – und nicht von den Beteiligten in der Mentoring-Beziehung ausgehandelt. Es ging nicht um die Bedürfnisse und Wünsche des Jugendlichen, sondern um die Ziele der Regierung selbst. Sie wollte die Jugendarbeitslosigkeit sichtbar senken. Also musste der Mentee dazu gebracht werden, sich zu einem Training oder einer Beschäftigung zu verpflichten ('engage') – darum meine Wahl des Begriffes 'engagement mentoring'.

Ein Beispiel: Obwohl viele der Jugendlichen, die in Youthstart-Projekte gedrängt wurden, ernste psychische Gesundheitsprobleme hatten, sollte das Mentoring sie innerhalb von dreizehn Wochen 'ausbildungs- oder arbeitsbereit' machen. Kaum ein ausreichender Zeitraum, um mit einem Jugendlichen eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Und schon gar nicht ausreichend, um ihre Probleme zu lösen. Der Fokus lag ausschließlich auf der 'Reparatur' der jungen Person und darauf, sie von der Liste der Arbeitslosen streichen zu können – aber nicht, ihre sehr realen sozialen und wirtschaftlichen Hindernisse anzugehen, die sie ursprünglich einmal marginalisiert hatten. Ganz unverblümt erwartete man von allen Beteiligten das Unmögliche.“

Wie hat sich das bei den Jugendlichen und ihren Mentorinnen und Mentoren ausgewirkt?

„Nun, die ausführliche Version der Geschichten ist im Buch nachzulesen. Dort habe ich versucht, die Entwicklung von zehn dieser Mentoring-Tandems in verständlicher Form wiederzugeben, um den Lesern einen Sinn dafür zu vermitteln, wie sie sich aus der Sicht aller Beteiligten entfaltet hat. Es ist schwer, das kurz zusammenzufassen, weil sich das auf sehr komplizierten Wegen abgespielt hat.

Zu allererst sei gesagt: Die jungen Menschen haben das allgemeine (und unrealistische) Vorurteil des 'engagement mentorings' widerlegt, das da lautet, sie seien stets passive und fügsame Empfänger des ganzen Prozesses. Fast alle Jugendlichen, die an der Untersuchung teilgenommen haben, brachten klare positive persönliche Anliegen mit. Und sie waren sehr effektiv darin, diese ins Zentrum der Beziehung mit dem Mentor zu rücken. Was sich in den Beziehungen genau abspielte, lässt sich im Großen und Ganzen in zwei Richtungen einteilen.

Zum einen gab es ältere Mentoren mit mehr Lebenserfahrung, die eher dazu bereit waren, auf die Ziele des Jugendlichen einzugehen und die Vorgaben des Programms mehr oder weniger zu ignorieren, falls beides miteinander im Widerspruch stand. Die Mentees wussten das in diesem Fall sehr zu schätzen und schienen auch davon zu profitieren. Allerdings bedeuteten die rigiden Vorgaben, dass die Beziehung nach der vorgegebenen Zeit endete und die Mentoren den Kontakt mit dem Mentee abbrechen mussten, was natürlich negative Konsequenzen hatte. Man muss sich das vorstellen: Eine sozial benachteiligte junge Person mit komplexen Problemen bildet eine vertrauensvolle Beziehung zu einem fürsorglichen Erwachsenen, vielleicht das erste Mal in seinem Leben – und dann wird ihm dieser Mensch nach wenigen Wochen wieder genommen. Noch ein harter Schlag mehr!

Zum anderen waren Mentoren beteiligt, die vom Alter her sehr viel näher an den Mentees waren. Diese Freiwilligen richteten ihre Aufmerksamkeit meist darauf, die Ziele zu erreichen, die das Programm vorgab. Sie fühlten sich frustriert, wenn der Jugendliche mit anderen Sorgen in die Beziehung kam und deshalb die Ziele des Programms nicht schnell oder gut genug erfüllen konnte. Das sorgte nicht nur für Verbitterung und ließ bei den Mentoren sehr negative Ansichten über benachteiligte junge Menschen aufkommen. Es führte auch dazu, dass die Mentoren selbst sich als Versager vorkamen und ihr Selbstvertrauen verloren. Emotional konnte das sehr destruktiv für beide Seiten werden. Kein Zweifel, dass einige Mentees und Mentoren sehr negative Erfahrungen hatten.“

Was sind die wesentlichen Aspekte Ihres kritischen Ansatzes zu Mentoring? Warum sollten wir allgemeine politische und wirtschaftliche Faktoren einbeziehen, um zu verstehen, was auf der persönlichen Ebene zwischen Mentor und Mentee passiert?

„Als kritische Denker, egal ob als Praktiker, Entscheidungsträger (auf jeder Ebene), Wissenschaftler oder einfach aktiver Bürger, haben wir die Pflicht, Fragen an die Sozialpolitik zu stellen. Und wir haben die Pflicht, die Probleme, die sie lösen soll, ebenso anzuschauen wie die Initiativen, die zu ihrer Lösung propagiert werden. Das ist besonders wichtig, wenn diese Initiativen mit völlig unkritischem Eifer gefördert werden, so wie das beim Mentoring oft der Fall war.

Als das 'engagement mentoring' zur Mode wurde, musste man einfach diese Fragen stellen: Warum Mentoring? Warum jetzt? Welche anderen Antworten sind erforderlich, welche werden angeboten? Wie begreift diese Politik das Problem, wenn sich Jugendliche selbst aufgeben und 'disengaged' sind? Was wird mit dieser Begrifflichkeit sichtbar? Was unsichtbar? Wessen Interessen profitieren von dieser Praxis? Und wessen Interessen werden gar nicht berücksichtigt?

Sie sehen, es gibt eine Menge sehr kritischer Fragen. Gleichzeitig fand ich, dass die Forschung über Mentoring – in der Jugendforschung und in anderen Kontexten – zum großen Teil unkritisch war. Sie schien die weitverbreitete Annahme zu enthalten, wir müssten nur die positiven Ergebnisse der Mentoring-Projekte messen, nicht aber den Prozess des Mentorings selbst oder die Möglichkeit schädlicher oder negativer Ergebnisse.

Ich muss sagen, die Dominanz der Psychologie in der Mentoring-Forschung hat dieses Problem noch verstärkt. Warum? Sie betrachtet in der Regel nur die Interaktion zwischen Individuen – und nicht den weiteren institutionellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontext, in dem das Mentoring stattfindet. Die psychologischen Kriterien, die genutzt werden, um die Ergebnisse des Mentoring zu messen, sind oft unangemessen.

Meine Untersuchung machte mir klar, wie einfach es für die Manager der Mentoring-Programme ist, die Ergebnisse zurechtzubiegen, um ihre eigene Finanzierung und ihre Jobs zu sichern. Auf ihnen lastet ein hoher Druck, Ergebnisse zu liefern, und das führt fast notgedrungen zu verzerrten Berichten. (Zum Beispiel wurde in den von mir analysierten Projekten der Ausschluss eines Jugendlichen niemals als solcher erfasst, sondern immer als 'positiver Fortschritt'.) Immerhin, eine kleine Zahl von psychologischen Studien erkennt an, dass Mentoring schief gehen kann. Aber die individuelle Perspektive, die sie einnehmen, tendiert dazu, die Schuld auf 'Charakterschwächen' auf Seiten des Mentors oder des Mentees zu schieben.

Im Gegensatz dazu verfolge ich in meinem Forschungen einen soziologischen Ansatz, weil ich stark daran glaube, dass wir nicht in einem Vakuum leben – unser Leben und unsere persönlichen Beziehungen sind von Natur aus geprägt vom externen Kontext, und das trifft für Mentoring genauso zu wie für jede andere persönliche oder soziale Hilfeleistung. Es gibt sehr gründliche und gut etablierte Theorien, die diese Sicht stützen. Als ich untersuchte, warum die meisten der Mentoring-Beziehungen in meiner Studie unbefriedigend ausgingen, versuchte ich, die Wurzeln dieses Problems auf weit höheren Ebenen zu finden, anstatt es den Mentoren, den Mentees oder der Koordination anzulasten.

Es wurde klar: Der gesamte Aufbau des Programms krankte. Und es zeigte sich, wie Politiken auf EU- und nationaler Ebene die Wege diktierten, wie alles laufen soll – meist durch die Finanzierungsrichtlinien und die Ergebnisse, die sie verlangten. Ein soziologischer Ansatz machte deutlich, dass das Programm von oben nach unten konstruiert war und es vor allem darum ging, das Ziel der Regierung zu erfüllen, Programme für Jugendliche zu fördern, die sie in einen Job bringen sollten, anstatt auf ihre tatsächlichen Bedürfnisse einzugehen.“

Sie haben auch auf feministische Theorien zurückgegriffen, um Mentoring zu analysieren. Warum ist das wichtig? Was zeigt uns das?

„Die große Mehrheit der Mentoren – mindestens 80 Prozent – sind Frauen. Als Forscherin mit einem feministischen Ansatz war es mir wichtig, die Gender-Aspekte des Mentoring ebenso zu berücksichtigen wie die oben genannten Klassenaspekte. Besonders interessiert war ich an der Art und Weise, wie das 'engagement mentoring' allgemein gelobt wird als eine aufopferungsvolle Praxis, die viele Weiblichkeits-Stereotype aufweist. Die emotionale Hinwendung des Mentors wird präsentiert als die machtvolle 'Rettung' des marginalisierten jungen Mentees – er wird gerettet aus seiner Selbstisolation, indem seine Einstellungen, Werte und Glaubenssätze umgewandelt werden.

Das verdinglicht den jungen Menschen nicht nur in einer sehr negativen Art. Mehr noch, es behandelt die Gefühle des Mentors als Rohstoff, mit dem man arbeiten muss, der im Mentoringprozess als Instrument eingesetzt werden muss. Mich erinnerte das sehr stark an Arlie Russell Hochschilds Analyse von Emotionssarbeit, die es in vorwiegend weiblichen Dienstleistungsbereichen gibt. Dabei muss die Arbeiterin nicht nur ihre eigenen Gefühle kontrollieren und formen, sondern auch die ihres Mentees bzw. des Studenten, Kunden oder Patienten. Und Hochschild hat gezeigt, dass diese emotionale Arbeit sehr destruktive Konsequenzen haben kann.

Mentoring sollte die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen des Mentors wie des Mentees stärken. Das war jedenfalls das Versprechen des Programms, das ich studiert habe. Aber ich habe, wie schon gesagt, herausgefunden, dass in einigen Fällen die Erfahrung des 'engagement mentorings' beide Seiten frustriert zurückließ, schwer beschädigt im Selbstvertrauen. Nur mit Hilfe feministischer Theorieansätze ließen sich diese Entwicklungen verstehen und sichtbar machen. Offensichtlich waren sowohl Mentoren wie Mentees mit diesem Mentoring-Modell fehlversorgt.“

Nun lehnen Sie Mentoring nicht komplett ab, sondern haben eine Reihe von Empfehlungen für ein besseres Mentoring formuliert. Welche wären das aus Ihrer Sicht? 

„In meiner Studie gab es eine starke Evidenz dafür, dass junge Menschen ihre eigenen positiven Ziele in die Mentoring-Beziehung einbrachten. Dort, wo Mentoren darauf reagieren konnten und wo sie nicht der aufoktroyierten Agenda der schnellen Einbindung in die Arbeitswelt folgten, dort profitierten die Mentees beträchtlich von der Unterstützung. Wie Sie sagen, lehne ich nicht das Mentoring als solches ab, sondern denke vielmehr, dass entscheidende Bedingungen erfüllt sein müssen.

Erstens kann, wie Marc Freedman bemerkt hat, Mentoring für junge Menschen nicht effektiv sein, wenn es nur mit großer Begeisterung, aber ohne Infrastruktur erfolgt. Programme müssen über ausreichend Ressourcen verfügen, einschließlich professionell trainiertem und qualifiziertem Personal, um sowohl Mentoren und Mentees zu unterstützen. Diese Unterstützung muss vollkommen offen und unvoreingenommen sein, aber auch pro-aktiv, wenn die Teilnehmer darauf zurückgreifen sollen.

Zweitens muss die gesamte Art und Weise, wie die Programme aufgelegt werden, einschließlich ihrer Regeln, ihrer Richtlinien, der Finanzierung und der angestrebten Ergebnisse, sehr viel realistischer werden, was die Hindernisse angeht, mit denen marginalisierte junge Menschen in der heutigen Gesellschaft konfrontiert sind. Man braucht ein realistisches Verständnis der Tiefe der persönlichen Probleme, unter denen sie leiden, besonders solche der psychischen Gesundheit und der allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Probleme, von denen sie geplagt werden. Das bedeutet auch, Ziele und Zeitrahmen sollten nicht einfach angeordnet werden, sondern ausgehen von den persönlichen Vorstellungen der jungen Menschen – und es sollten keine Pflicht- oder Bestrafungselemente eingebaut werden.

Es muss auch klar sein, dass Mentoring mehr ist als 'das Kind in Ordnung zu bringen'. Viele der Barrieren für Erziehung, Ausbildung und Beschäftigung haben nichts zu tun mit den Eigenschaften des jungen Menschen, sondern sind die Folge von Vorurteilen, Missverständnissen, von Intoleranz und Diskriminierung auf Seiten der anderen sowie von allgemeiner sozialer und institutioneller Hindernisse. Die besten Jugend-Mentoring-Programme, die mir begegnet sind, gehen diese externen Hürden an, sie helfen, diese auch als solche zu verstehen. Und sie helfen den jungen Menschen, sich für sich selbst einzusetzen. Wobei ich allerdings sagen muss, dass solche Programme oft Finanzierungsschwierigkeiten haben und bei den Institutionen unpopulär sind, weshalb sie oft schnell wieder eingestellt werden.

Drittens glaube ich: Man darf Mentoring nicht als individualisierte Praxis sehen, Gruppen-Mentoring sollte eine wichtigere Rolle spielen. Natürlich ist es wahr, dass viele der jungen Menschen in meiner Studie nicht in der Lage waren, in Gruppensituationen zu funktionieren, wenn sie zum ersten Mal an einem Programm teilnahmen. Gruppen sind zu belastend und bedrohlich für sie, angesichts früherer Erfahrungen des Mobbings und erlittener Traumata. Aber ich glaube, die Arbeit dahin zu lenken und auf die Teilnahme an Gruppenmentoring zuzusteuern, könnte wirklich wertvoll sein, für Mentor und Mentee gleichermaßen. Ein weniger 'atomisierter' Ansatz wäre sehr zu wünschen.

Viertens muss es einen Paradigmenwechsel geben. Es muss aufhören, dass marginalisierte junge Menschen so wahrgenommen werden, als ob sie keine Ressourcen oder Fähigkeiten hätten. Allzu oft ist das die Annahme auf institutioneller Ebene, eine Annahme, die dann von den Mentoren in ihrem Training übernommen wird. Mentoren aus Mittelklassefamilien können die Kultur und die Familien der Arbeiterschicht schnell missverstehen – als rein defizitär, ohne die Stärken zu sehen, die den Familien das Überleben ermöglichen. Meine Studien haben gezeigt, dass dies Verachtung hervorrufen und die Mentoring-Beziehung kaputt machen kann. Da die Massenmedien marginalisierte Familien und Gemeinschaften sehr oft sehr negativ darstellen, ist dieser Paradigmenwechsel eine große Herausforderung – aber er ist ganz wichtig. Und es zeigt, wie nützlich es ist, die Mentoren aus den gleichen Gemeinschaften zu rekrutieren wie die jungen Menschen selbst, anstatt Mittelklasse-Mentoren mit einem 'missionarischen' Ethos.

Alles in allem glaube ich, dass Mentoring wirklich positive Auswirkungen haben kann auf junge Menschen. Aber ich glaube nicht, dass das Modell des 'engagement mentoring' der Weg ist, der weiter gegangen werden sollte.“

 

Zum Nachlesen: Helen Colley: Mentoring for Social Inclusion – a Critical Approach to Nurturing a Mentoring Relationship. London, 2003.

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 27.5.2017, 15:37:25
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
Software policy
Diese Software hat keine bekannten Hintertüren oder Verletzbarkeiten die es Dritten erlauben würden Ihre Daten zu kopieren. Mehr zum Datenschutz dieser Kommentar- und Bewertungssoftware: www.toctoc.ch
Beitrag bewerten
Noch nicht bewertet.

keine.

Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Vorschau wird geladen ...
*: Pflichtfeld

Auf Facebook kommentieren

Ähnliche Artikel

24.05.2017|
Jugendsozialarbeit Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Angebotsmatrix zur Berliner Jugendberufshilfe

23.05.2017|
Volker Berg Blick über Berlin hinaus Kita Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Kitaträger darf Verein bleiben!

22.05.2017|
Andreas Schulz Jugendarbeit Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

In den Top Ten beim Wettbewerb Sozialkampagne...