„Bullying“ – so wird Mobbing unter Jugendlichen auch genannt. Foto: Rob - Fotolia.com

Knut Bochum
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Freitag, 08. November 2013
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Mobbing – Wenn Jugendliche zu Opfern und Tätern werden

Die wohl griffigste Definition von Mobbing stammt von Heinz Leymann aus dem Jahr 1993:

Mobbing sind „negative kommunikative Handlungen (von einer Person oder mehreren Personen) die gegen eine Person (oder mehrere Personen) gerichtet sind und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer bestimmen“.

Nach Ansicht von Experten müsste es genauer heißen: „mindestens einmal pro Woche“ und „über mindestens sechs Monate“. Kurz, Mobbing ist gekennzeichnet durch negative Handlungen, die  folgendermaßen ablaufen:

  • Systematisch
  • Zielgerichtet
  • Absichtlich
  • Wiederkehrend
  • über einen längeren Zeitraumein immer wieder auftretendes Verhaltensmuster, keine Einzeltat
  • Mobbing wird (zumindest vom Opfer) als negativ empfunden


Mobbing hat viele Formen, z. B. verbal (Beleidigungen aussprechen, körpersprachlich (mit Zeigefinger an den eigenen Kopf tippen, wenn das Opfer etwas sagt), nonverbal (ignorieren) und organisatorisch (in zunehmend schlechtere Büros versetzen).

Mobbing ist (oftmals) charakterisiert durch ungleiche Machtverhältnisse: Es gibt (mindestens) ein Opfer und (mindestens) einen Täter. Es existiert als Gruppenphänomen latent in allen Gruppen – am Arbeitsplatz, in der Schule und im Büro.

Mobbing kann jeden und überall treffen!


Mobbing in der Schule

...wird auch Bullying genannt, ist ein aggressives Verhalten und kennzeichnet ein Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer. Was ist also das Besondere in der Schule? Menschen im jugendlichen Alter verhalten sich aus vielerlei Sicht besonders. Sie sind meist auf der Suche nach sich selbst, nach eigenen Werten und Grenzen und müssen sich innerhalb dieser für sie nicht definierbaren Grenzen ausprobieren.

Ursachen sind aus systemischer Sicht sowohl im biologischen System (genetisch, physiologisch bedingte und oft nicht steuerbare Abläufe im Körper, z. B. durch Hormone), als auch im psychologischen System (aus welchem sozialen Umfeld stamme ich, welches Verhalten wurde vorgelebt, unter welchen Lebensbedingungen muss ich leben) und naturlich auch im sozialen System (welche Rahmenbedingungen für soziales Verhalten gibt es im Leben, wie z. B. Familie, Freundschaften in der Schule, im Privaten, in Jugendeinrichtungen u. a. m.) zu finden.

Die Auswirkungen und Prägungen, die junge Menschen mitbekommen, steuern auch ihre Verhaltensweisen. Und genau um diese sehr individuellen Verhaltenweisen geht es. Wer unter ärmlichen Verhältnissen lebt, sich bereits schon in der Familie „durchboxen“ muss, um Aufmerksamkeit, Wärme, Nähe bzw. sogar ausreichend Nahrung zu bekommen, wird schnell dieses Verhalten auch im Alltag mitschwingen lassen.

Häufg zeigt sich diese oft überschießende, heftige und sehr aggressive Verhaltensweise gerade in Mobbingsituationen. Verstärkt wird es durch Zuschauer/Mitwirkende, die diese „mächtigen“ Personen (Täter) dann schweigend, zustimmend bis anfeuernd noch unterstützen.

Sobald das Opfer es „entsprechend“ duldsam erleidet, hinnimmt, ist der Kreislauf aus Tätersicht perfekt. Die von Mobbing Betroffenen (Opfer) sind eher still, oft schüchtern, meist zurückhaltender und wehren sich selten. Sie erdulden die aggressiven Angriffe oft geduldig und verarbeiten die Angriffe meist still und zurückgezogen.

Als Konsequenz kommt es häufig sowohl zu physischen als auch psychischen Problemen, wie Schlaflosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Leistungsabfall, Krankheitsgefühle, Unruhe, Panik. Somit ist dieses relative Ungleichgewicht in den sogenannten Machtverhältnissen sichtbar und erklärbar. Da sich dieser Teufelskreis oft über längere Zeit nicht verändert, weil sich sowohl Täter als auch Opfer nicht anders verhalten, wird das Opfer nur dann uninteressant, sobald es ein anderes gibt (kommt selten vor).

Durch das stets schwächer werdende Selbstwertgefühl des Opfers kommt es zu sozialem Rückzugsverhalten und endet leider auch manches Mal im Suizid.


Was ist zu tun? Tipps für für Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen/-pädagog_innen, Erzieher_innen, Eltern und Jugendarbeiter_innen

Der erste und aus meiner Sicht wichtigste Tipp ist: Öffentlichkeit herstellen!

Viele Mobbingtäter können nur agieren,weil sie sich unerkannt in der Anonymität verstecken können. Das Opfer braucht Unterstützer.


Mobbing-Checkliste
Was habe ich schon unternommen oder wen will ich noch kontaktieren? 

  • Eltern des Opfers
  • Anwalt (z. B. Klage auf Unterlassung)
  • Arzt und Heilpraktiker_in (Hinweis, dass Symptome von Mobbing kommen)
  • Vertrauenslehrer_in/Schulsozialpädagoge_in (Vertrauen herstellen und stützen)
  • direktes Ansprechen der Gegenseite (hohes Risiko, lohnt nur bei Erkenntnsifähigkeit des Unrechtverhaltens)
  • Direktor_in/Rektor_in (wenn Lehrer_innen nicht reagieren)
  • Krankenkasse (ggf. Reha-Maßnahme)
  • Psychologe_in (therapeutische Unterstützung fürs Selbstwertgefühl)
  • Anti-Mobbing-Berater_in (Tipps und Tricks zum Umgang mit Mobbing)


Weitere Informationen zum Thema finden Sie auch hier.

Weitere Tipps:

  • Das Kind und den Jugendlichen ernst nehmen, Halt geben, unterstützen und begleiten!
  • Die Eltern informieren, Klarheit/Aufklärung über die Mobbingsituationen schaffen
  • Den Opfern helfen, nicht immer alles schweigend hinzunehmen, sondern immer wieder anders und lauter als gewohnt verhalten (den Tätern Grenzen aufzeigen)! Dazu muss geschaut werden, welche Ressourcen beim Opfer noch vorhanden sind. Als hilfreich erwiesen haben sich sehr kleine Schritte machen zu lassen, z. B. Reaktivierung von Hobbys, um das Vertrauen zu sich selbst wiederzufinden
  • Mögliche Unterstützer_innen finden: Lehrer_innen, Schulsozialpädagogen/innen, Psycholog_innen, Anti-Mobbing-Berater_innen
  • Unterstützer unter den Mitschülern identifizieren und einbinden, besonders die einsichtsfähigen Mittäter sind hilfreich, welche, die sich stark gegen den Täter stellen und aufzeigen: Wir machen nicht mehr mit! Gemeinschaft schaffen
  • Verhalten, Kommunikationsmuster umtrainieren (z. B. durch Rollenspiele, Refraimimg) 


Da Mobbing-Prozesse sehr individuell ablaufen und die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich sind, stehe ich Ihnen gern mit meinem Wissen und meiner Erfahrung zur Verfügung!


Autor:
Knut Bochum, Systemischer Supervisor (SG) Anti-Mobbing-Berater seit 2009, www.sucobe.de. Angebote zum Thema: Vorträge, Seminare, Workshops, Ausbildung zum Anti-Mobbing-Berater.

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