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Thomas Mampel
Thomas Mampel Sozialwirtschaft erklärt
Dienstag, 17. Februar 2015
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Thomas Mampel Sozialwirtschaft erklärt

Nur die Besten für den Sozialbereich von morgen!

Wie viel Wirtschaft verträgt die Soziale Arbeit?

Eine Stellenanzeige des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. hat im Dezember ungeahnte Reaktionen ausgelöst. „Wir nehmen nur die Besten“ war die Überschrift der Ausschreibung für die Position einer Kitaleitung – gefolgt von einer ausführlichen Beschreibung der Tätigkeit und der Bedingungen beim Träger.

Klare Haltung des Stadtteilzentrums: „Bevor wir eine Stelle mit jemanden besetzen, der nicht hundertprozentig unsere Anforderungen erfüllt, lassen wir die Stelle lieber eine Weile  unbesetzt und teilen die Arbeit irgendwie anders auf. Wir wollen, dass die Leute, die wir einstellen gut zu uns passen, dass sie sich fachlich und menschlich auf hohem Niveau bewegen und dass sie ein gutes Aushängeschild für unseren Verein sind. Unsere Kunden sollen absolut begeistert von unseren Mitarbeitenden, unserem Verein, unserer Arbeit sein. Hundert Prozent Qualität. Und wer dann eingestellt wird, weiß, dass er nun zum Kreis der Besten gehört. Wir denken, dass wir – auch in Zeiten des Fachkräftemangels – keine Abstriche machen dürfen, wenn es um Qualität geht. Denn es geht um Menschen, um die wir uns zu kümmern haben.“

Allergisch gegen Wirtschaft und Wettbewerb?

Die Reaktionen in den Foren und sozialen Netzwerken waren überraschend, werfen aber ein interessantes Licht auf die Denk- und Sichtweise der im Sozialbereich Tätigen. Kritisiert wurde insbesondere, dass es im Sozialbereich keine messbaren Kriterien gibt, um festzulegen, wer zu den Besten gehört, es sei schwierig „Leistung bei prozessorientiertem Arbeiten zu messen“. Und eine typische – wenn auch in dieser Deutlichkeit unübertroffene –  Formulierung aus einem Diskussionsforum: „Wieder mal ein Beleg dafür, inwieweit der Sozialdarwinismus und Selektionsgedanken in die Gesellschaft verankert sind, was bereits mit der Kita beginnt und im hiesigen dreigliedrigen Schulsystem manifestiert wird. Selektion über alles und sich dann wundern, warum es kein ‚Team‘, kein Miteinander und nur noch Konkurrenz- und Anspruchsdenken gibt."

Diese Rückmeldungen sind nicht repräsentativ für unsere ganze Branche – es gab auch positives Feedback und einige gute Bewerbungen! Dennoch bleibt eine Frage zurück: Wie kommt es, dass Formulierungen und klar definierte Leistungs- und Qualitätsanforderungen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im sozialwirtschaftlichen Bereich im Jahr 2015 noch immer so häufig zu vehementen Abwehrreaktionen führen? Warum reagiert unser Berufsstand so „allergisch“ auf alles, was nach „Markt“, „Wirtschaft“, „Leistung“ und „Wettbewerb“ klingt? Meine These: Es herrscht eine tief sitzende Angst vor der „Ökonomisierung der Sozialen Arbeit“. Und ehrenwerte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter wollen unseren Bereich schützen vor dem Zugriff „neoliberaler Sozialunternehmer“, die den Sozialbereich nur als „Markt" und als profitablen Wirtschaftszweig betrachten. Diese Angst mündet in einer allseits spürbaren Innovationsfeindlichkeit unserer Branche.

Reaktion auf veränderte Bedingungen

Ist eine solche Sichtweise sinnvoll, notwendig? Ich meine: Nein. Unser Bereich ist – wie wohl jeder andere auch – Spiegelbild einer sich verändernden gesellschaftlichen Realität und sich dramatisch verändernder globaler Rahmenbedingungen. Hendrik Epe, Sozialarbeiter und Sozialmanager aus Endigen in Baden-Württemberg, beschreibt es in seinem Blog (hendrikepe.wordpress.com) treffend: „Organisationen, auch und gerade Organisationen der Sozialwirtschaft, müssen in der heutigen, immer komplexer werdenden Zeit in der Lage sein, schnell auf geänderte Bedingungen, geänderte Anforderungen, geänderte Bedürfnisse – einerseits der Leistungserbringer, andererseits der Leistungsträger – reagieren zu können. Innovationen, neues Denken, neue, andere, hoffentlich bessere Lösungen für neue Probleme stehen im Fokus. Dazu bedarf es Mitarbeitenden, die selbstverantwortlich in komplexen Situationen und idealerweise noch mit Begeisterung für das, was sie tun, agieren.“

Mit anderen Worten: Die Organisationen UND die Mitarbeitenden müssen in der Lage sein, flexibel, kunden- und marktorientiert und vor allem schnell und vernetzt auf Probleme und soziale / gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Wer zu langsam ist oder nicht in der Lage ist, die notwendige Anpassungsleistung zu erbringen, wird schon bald vom „Markt“ verschwinden. Man kann das begrüßen oder ablehnen – die Haltung dazu wird an der grundsätzlichen Ausgangssituation nicht viel ändern. Logische Folge: Wir müssen neue Organisationsformen, neue Arbeitstechniken, neue Qualifikationen bei den Mitarbeitenden, ein neues Verständnis unserer Rolle und Bedeutung entwickeln. Kurzum: Wir brauchen Innovationsfähigkeit.

Soziale Probleme lösen – und damit Geld verdienen

Hier kann ein Blick über den Tellerrand helfen: Zunächst im Schatten der klassischen Sozialarbeit – nun aber immer präsenter in der gesellschaftlichen Wahrnehmung – hat sich ein Ansatz entwickelt, den wir mit Begriffen wie „Social Entrepreneurship“ oder „Social Business“ bezeichnen. Im Kern geht es um die Frage: Wie können soziale und gesellschaftliche Probleme auch mit unternehmerischen Methoden und Mitteln gelöst werden? Wie können wir soziale Dienstleistungen und Projekte so bauen, dass sie effektiv zur Lösung einer sozialen Problemlage beitragen UND man damit trotzdem Geld verdient. Die Frage ist vor dem Hintergrund sinkender staatlicher Zuschüsse und der Kürzung von Fördermitteln in vielen Bereichen sozialer Arbeit hochgradig relevant. Und: Sind unternehmerische Lösungen möglicherweise nachhaltiger, ihre Wirkungen möglicherweise größer, weil sie sich mehr als klassische Angebote an den realen Bedingungen und Marktverhältnissen ausrichten müssen? Die Frage lässt sich noch nicht beantworten – erste Ansätze deuten darauf hin, dass uns hier noch spannende Diskussionen bevorstehen.

Auch in Berlin arbeiten viele – vorwiegend junge – Menschen am Aufbau sozialer Unternehmern und Geschäftsmodelle. Zwei Beispiele gefällig?

In Berlin-Wedding entsteht derzeit das Baumhaus Berlin. Ein privatwirtschaftlich organisiertes (GbR) sozial-kulturelles Zentrum. Ein „Zentrum für Weltverbesserer“, das vollständig ohne staatliche Fördermittel auskommen will und das schon vor seiner Eröffnung über ein Unterstützernetzwerk von mehreren hundert Menschen verfügt, das u.a. auch den Ausbau der Räume mitfinanziert;

Die Internetplattform Makersflair versteht sich als Marktplatz für Macher & Macherinnen, als ein Ort, an dem jeder Fertigkeiten erlernen oder anderen beibringen kann. Diese werden durch Kurse oder Workshops erlernt beziehungsweise beigebracht, die vor Ort beim Anbieter stattfinden. Jedem, der Interesse hat, kreativ zu sein oder der etwas herstellen will, möchte Makersflair eine Anlaufstelle bieten. Ob Kunst, Gebrauchsgegenstände, Möbel, Kosmetik, Kleidung oder leckere Köstlichkeiten, alles was sich mit relativ einfachen Mitteln selbst herstellen lässt, kann hier ebenso gelernt werden wie Reparatur- und Renovierungs-Skills. Hilfe zur Selbsthilfe, natürlich ressourcenorientiert.

Lust auf Veränderung

Beide Gründungen wurden von der .garage berlin (garageberlin.de) begleitet und unterstützt. Die .garage – eine Ausgründung aus dem Stadtteilzentrum Steglitz e.V. – versteht sich selbst als Soziales Unternehmen. Sie begleitet und berät Menschen, die für sich neue Perspektiven jenseits der Arbeitslosigkeit entwickeln wollen. Darüber hinaus berät sie mit ihrem Projekt „andersberater“ (andersberater.de) soziale Organisationen und Unternehmen in Wachstums- und anderen Entwicklungsprozessen und in Fragen von Marketing, Organisation und Strategie. Unter den Kunden und Partnern: Junge „Social Entrepreneurs“, die Kitas, Altenprojekte oder Nachhaltigkeitsinitiativen aufgebaut haben – aber auch immer mehr klassische Träger, die Lust auf Innovation und Veränderung haben und sich den neuen Herausforderungen stellen.

Die oben erwähnte Anzeige war erfolgreich. Die Stelle konnte hervorragend besetzt werden. Und sie hat zur Diskussion eingeladen. Der von mir sehr geschätzte Kollege Oliver Schmidt, Unternehmensberater aus Berlin, hat die Diskussion und die dahinter liegende Problematik schön und treffend zusammenfasend auf den Punkt gebracht: „Die Ansprüche an Sozialunternehmen sind hoch – und das ist gut so.“ Denn: Was wäre denn die Alternative?

 

Der Autor ist Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Steglitz e.V.

Der Beitrag ist zuerst im Rundbrief Januar/Februar 2015 des Paritätischen Berlin erschienen.

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