Unterkunft auf Zeit: das Familienzimmer des mob e.V., Foto: Mara Fischer

Nina Peretz
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Montag, 08. Januar 2018
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Obdachlose Familien in der Notunterkunft des mob e.V.

„Hier stößt das System an seine Grenzen“

In der Notunterkunft des mob e.V. in der Storkower Straße gibt es einen Ort, an dem Familien mit Kindern vorübergehend Zuflucht finden: Zu den 31 regulären Übernachtungsplätzen in der Unterkunft gehört auch ein Familienzimmer. Sieben Familien mit insgesamt zwölf Kindern haben dort allein in diesem Jahr gewohnt, das jüngste Kind war neun Monate alt. Und die Nachfrage ist sehr viel höher. „Wir mussten 87 Anfragen abweisen“, sagt Mara Fischer, Vorstand von mob e.V. und Leiterin der Notübernachtung. „In der Spät- und Nachtschicht arbeiten hier nur Ehrenamtliche, wir haben in der Zeit nicht einmal einen Sozialarbeiter – da ist mehr einfach nicht zu schaffen.“ An insgesamt 77 Nächten waren dieses Jahr Familien in der Notunterkunft untergebracht. Durchschnittliche halten sich Familien zwei bis drei Wochen in der Unterkunft auf, bis eine andere Lösung gefunden wird.

Darunter waren beispielsweise Frauen, die zuhause Gewalt erfahren haben und von der Polizei in die Notunterkunft gebracht wurden. Da die Frauenhäuser in Berlin hoffnungslos überfüllt seien, komme es vor, dass Familien nach einer Gewalterfahrung die Nacht in einer Notunterkunft mit Obdachlosen verbringen müssten, erklärt Mara Fischer. „In solchen Notsituationen räumen wir auch mal kurzfristig das Familienzimmer, wenn es anderweitig belegt ist.“

In anderen Fällen sind es statusgewandelte Familien, die aus irgendwelchen Gründen aus der Not- oder Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete ausziehen mussten. Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied Samyr Bouallagui berichtet von einem syrischen Vater, der mit seinem Sohn in die Notübernachtung gekommen ist, weil es in der Flüchtlingsunterkunft Probleme gegeben hatte. „Der Sohn war 17 und nahm gerade an einer Berufsbildungsmaßnahme teil. Die hat er dann weiter besucht, während er bei uns untergebracht war.“ Vater und Sohn waren deshalb einige Wochen im Doppelzimmer untergebracht, damit der Junge nachts die nötige Ruhe finden konnte.

Auch EU-Migrantinnen und -Migranten, die in Deutschland nicht leistungsberechtigt sind, suchen mit ihren Familien die Notübernachtung auf. „Sie kommen nach Berlin auf der Suche nach einer besseren Zukunft – und enden auf der Straße, wenn es doch nicht klappt“, sagt Samyr Bouallagui. Von den Familien, die 2017 das Angebot der Übernachtung genutzt haben, kamen 90 Prozent aus dem Ausland: unter anderem aus dem Irak, Syrien, Polen, Litauen. Familien aus Deutschland sind eher die Ausnahme.

Im Oktober 2015 startete die Notübernachtung in der Storkower Straße mit zunächst 20 Schlafplätzen begonnen. Immer wieder gab es in der Folgezeit Anfragen, ob man auch Familien aufnehmen könne. „Das war so erst gar nicht geplant – für Familienunterbringung gab es keine Finanzierung“, berichtet Samyr Bouallagui. Doch dann rief ein Anwohner an und berichtete von einer Familie, die bei im Treppenhaus eines Gebäudes hausten, bei Eiseskälte und mit einem schwer kranken Kleinkind. Für das Team von mob e.V. war dann klar, dass man handeln musste. „Wir haben sofort den Kältebus losgeschickt, um die Familie abzuholen.“ Im Nachhinein wurde das Vorgehen vom Senat unterstützt – und in der Notübernachtung wurde ein Familienzimmer eingerichtet.

Auf die gestiegene Zahl an Familien will der mob e.V. nun reagieren: „Wir wollen hier eine Notübernachtung für Familien einrichten“, erklärt Mara Fischer. In den Räumlichkeiten der jetzigen Notübernachtung sollen 35 Schlafplätze für Familien entstehen, zusätzlich sollen weitere Räume ausgebaut und 20 barrierefreie Schlafplätze geschaffen werden. „Wir führen gerade intensiv Gespräche mit der Politik und hoffen, dass die Finanzierung gelingt.“ Schließlich sei der Ausbau an Notübernachtungsplätzen ja im Koalitionsvertrag festgehalten.

Dass es überhaupt eine Notunterkunft für Familien geben muss, sieht Mara Fischer auch durchaus kritisch. „Das sendet eigentlich ein falsches Signal: Familien gehören nicht in Notunterkünfte, sondern in eine Wohnung. Nur finden viele Familien einfach keine Wohnung mehr, das ist ein großes Problem. Hier merkt man, wie sehr das System an seine Grenzen stößt.“

 

Die Autorin:

Nina Peretz ist stv. Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Paritätischen Berlin und Redakteurin des Rundbriefs.

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief 4 / 2017 (PDF) erschienen.

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