Screenshot der Onlineberatungsseite https://beratung-nacoa.beranet.info für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Henning Mielke Kinder & Jugendliche Eltern Top-Beitrag Kinderschutz
Montag, 29. Januar 2018
0
Henning Mielke Kinder & Jugendliche Eltern Top-Beitrag Kinderschutz

Online-Beratung für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Darüber spricht man nicht. – Doch!

Sucht in der Familie ist ein Tabu. Schätzungsweise drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen mit suchtkranken Eltern auf. Es liegt im Wesen der Sucht, dass die Suchtkranken meist keine Krankheitseinsicht haben und folglich Hilfeangebote für sich aber auch für Ihre Angehörigen ablehnen. Sucht in der Familie ist ein Tabu. Die Kinder verinnerlichen, dass sie mit niemandem außerhalb der Familie über Dinge sprechen dürfen, die in der Familie vor sich gehen – schon gar nicht über das Suchtproblem eines Elternteils und dessen Auswirkungen. Dieses familiäre Schweigegebot macht es für die Kinder besonders schwer, Hilfe zu suchen. Sich vertrauensvoll an einen Erwachsenen zu wenden und über die Belastungen in Ihrer Familie  zu sprechen, das empfinden sie als Verrat an den Eltern.

Aus diesen Gründen ist es außerordentlich schwierig, Kinder suchtkranker Eltern mit Hilfeangeboten zu erreichen. Denn diese können die Kinder in der Regel nur annehmen, wenn ihre Eltern es ihnen erlauben. Dies ist meist nur dann der Fall, wenn die Eltern bereits selber Hilfe für ihr Suchtproblem gesucht haben. Und selbst dann ist es eine große Überwindung für sie, ihre Kinder in ein gezieltes Hilfeangebot zu schicken, weil dies das Eingeständnis beinhaltet, ihre Kinder mit dem Suchtverhalten geschädigt zu haben. Schuld- und Schamgefühle stehen dem oft im Wege.  „Mein Kind hat nichts gemerkt“, dies ist die Standardaussage von süchtigen Eltern und ihren Partnerinnen oder Partnern, wenn sie auf ihre Kinder angesprochen werden. Folglich bekommen die allerwenigsten Kinder die Möglichkeit, eine Unterstützungsgruppe zu besuchen. Um das zu ändern, bräuchte es mehr solcher Gruppen (bundesweit gibt es ca. 200, in Berlin nur drei), und die Suchthilfe müsste Eltern standardmäßig dazu ermutigen, auch ihren Kindern Zugang zu Hilfe zu ermöglichen.

Für Jugendliche, deren Eltern die nötige Krankheitseinsicht nicht haben, bietet NACOA Deutschland einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung und Hilfe über das Internet. In dem von der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) geförderten Projekt „Online-Beratung für Jugendliche aus suchtbelasteten Familien“ können sich Jugendliche und junge Erwachsene kostenlos, anonym und ortsunabhängig mit dem NACOA-Beratungsteam in Verbindung setzen. Dafür stehen verschiedene Kommunikationskanäle zur Verfügung:

Der Gruppenchat für Jugendliche findet einmal wöchentlich statt. Er funktioniert wie eine virtuelle Selbsthilfegruppe. Die Jugendlichen treffen dort Gleichaltrige, die mit der gleichen Situation im Elternhaus leben. Ziel des Chats ist es, den Jugendlichen einen geschützten Raum  zu öffnen, in dem sie das Tabu um das Familiengeheimnis Sucht lüften und aussprechen dürfen, was sie belastet. Hinzu kommen entlastende Botschaften, die die ausgebildeten Moderatorinnen und Mentoren immer wieder in die Chats einfließen lassen: Deine Eltern haben eine Krankheit. Du bist nicht schuld daran. Du kannst sie nicht kontrollieren oder heilen. Du kannst lernen, dein eigenes Leben zu gestalten. Bei Bedarf werden den Jugendlichen auch Einzelchats angeboten. Diese sind besonders dann hilfreich, wenn sie in Krisensituationen stecken und einen erhöhten Beratungsbedarf haben. Im Einzelkontakt mit dem Berater oder der Beraterin können Lösungen gemeinsam entwickelt und die Jugendlichen motiviert werden, die entsprechenden Schritte zu gehen.

Ein weiterer Beratungskanal ist die E-Mail-Beratung. Sie ist ein von den Chats unabhängiges Angebot, kann aber auch von Chatteilnehmern genutzt werden, die besonders sensible Themen lieber in einem geschützten Mailkontakt ansprechen möchten. Genutzt wird sie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Mails werden in der Regel innerhalb von 48 Stunden beantwortet. Auch hier sind ausgebildete Fachkräfte tätig, die den Klientinnen und Klienten Wege in das Hilfesystem weisen. Wo gibt es eine Selbsthilfegruppe? Welche Psychotherapeuten sind auf Kinder aus Suchtfamilien spezialisiert? Nachdem die Klienten den Schritt gewagt haben, in der virtuellen Welt Hilfe zu suchen, will die E-Mail-Beratung sie dazu ermutigen, dies auch in der realen Welt zu tun. Oft genügt ein einmaliger Kontakt mit der Mailberatung; es gibt jedoch auch Klienten, die über einen längeren Zeitraum von den Beraterinnen per Mail begleitet werden. Die Mailberatung steht auch Menschen zur Verfügung, die professionell mit Kindern arbeiten und oftmals unsicher sind, wie sie Kinder suchtkranker Eltern gut unterstützen können.

Der dritte Kanal des Beratungsangebotes ist eine klassische Telefonberatung. Die Telefonberaterin hat langjährige Erfahrung in der sozialen Arbeit mit suchtbelasteten Familien und ist sowohl für die kollegiale Beratung von Fachkräften als auch für die Unterstützung von Angehörigen betroffener Kinder (Omas, Onkels, Patentanten…) ansprechbar.

Die Erfahrungen im Projekt zeigen, dass die Online-Beratung ein guter Weg ist, um Kinder aus suchtbelasteten Familien zu erreichen und ihnen den Weg zu  Hilfeangeboten zu zeigen. Die Allgegenwart des Smartphones eröffnet einen Zugangsweg, den Jugendliche jenseits elterlicher Kontrolle gehen können. Auch öffnet die Anonymität Chancen für den Beratungsprozess. Es fällt Jugendlichen leichter, schambesetzte Themen gegenüber einem Berater anzusprechen, der unsichtbar ist. Die Rückmeldungen der Klienten zeigen zudem, dass sie dankbar für einen Ort sind, wo das Tabuthema Sucht offen angesprochen werden kann. Obwohl oder gerade weil dieser Ort im Cyberspace ist.


Die Online Beratung (Gruppenchat, Einzelchat und E-Mail-Beratung) sind erreichbar unter beratung-nacoa.beranet.info.

Die Telefonberatung ist jeden Montag von 10 bis 11 und von 20 bis 21 Uhr besetzt. Außerhalb dieser Sprechzeiten können über einen Anrufbeantworter weitere Termine angefragt werden. Tel.: 030 35 12 24 29

Auf der Website von NACOA – Interessenvertretung für Kinder  aus Suchtfamilien e. V. finden Familien, erwachsene Kinder von Süchtigen und professionelle Helfer vielfältige Informationen und Hilfeadressen: www.nacoa.de


Autor:

Henning Mielke ist Gründer von NACOA Deutschland

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief 4 / 2017 (PDF) erschienen.

 

 

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 14.11.2018, 12:14:53
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
Software policy
Diese Software hat keine bekannten Hintertüren oder Verletzbarkeiten die es Dritten erlauben würden Ihre Daten zu kopieren. Mehr zum Datenschutz dieser Kommentar- und Bewertungssoftware: www.toctoc.ch
Beitrag bewerten
Noch nicht bewertet.

keine.

Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Vorschau wird geladen ...
*: Pflichtfeld

Auf Facebook kommentieren

Ähnliche Artikel

25.09.2018|
Redaktionsteam Alltag in der Jugendarbeit Jugendarbeit Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Erstes queeres Jugendzentrum eröffnet

19.09.2018|
Reni Pischke Jugendarbeit Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik

Save the Date: 1. Moabiter Jugendversammlung - WOhnsinn Berlin

13.09.2018|
Nina Meingast Berichte aus den ambulanten Hilfen Inklusion Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Die kleine Raupe Nimmersatt zum Vorbild