Songül Aslan im Gespräch mit zwei Müttern/ Fotos: tandem BTL

Barbara Brecht-Hadraschek
Barbara Brecht-Hadraschek Schulbezogene Jugendhilfe Neukölln Jugendsozialarbeit Eltern Fachöffentlichkeit & Politik
Montag, 15. Mai 2017
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Barbara Brecht-Hadraschek Schulbezogene Jugendhilfe Neukölln Jugendsozialarbeit Eltern Fachöffentlichkeit & Politik

#paritaetfamilie: Zu Besuch im Elterncafé an der Röntgenschule

Informieren, Austausch fördern und Selbstbewusstsein stärken

Donnerstags zehn Uhr an der Röntgenschule, einer Sekundarschule in Neukölln. Das Elterncafé liegt etwas versteckt hinter der Schulküche. Der Tisch ist schon eingedeckt, türkische Köstlichkeiten, Brot, Käse, Tomaten, Paprika stehen bereit. Die Frauen trinken Tee, plaudern und lachen, als ich zur Tür reinkomme. Der Samowar köchelt in der Schulküche nebenan.

Einige der Frauen kommen schon seit zehn Jahren zu diesem Frauencafé. Sie tauschen sich aus über ihre Familien, ihre Kinder, die Schule und die Lehrer*innen. Die Aufnahme ist herzlich, mein Teller wird mit Leckereien beladen, eine Frau setzt sich neben mich und beginnt für mich zu übersetzen, wenn der Rest der Gruppe ins Türkische fällt. Songül Aslan, die Schulsozialarbeiterin von tandem BTL, ist mittendrin, stellt mich vor und springt dann kurz raus, um einige Mitarbeiterinnen von der Alten Feuerwache zu begrüßen, einem Stadtteilzentrum in Kreuzberg. Erstmal übernimmt Elif Geckil die weitere kleine Vorstellungsrunde. Sie kümmert sich auch um die Organisation des Frühstücks und trommelt die Mütter für neue Termine zusammen.

Vernetzung im Sozialraum und Informationen über Beratungsangebote sind Songül Aslan in ihrer Arbeit wichtig. Diese Woche stellen die Mitarbeiter*innen von der Alten Feuerwache ein Elterncoaching vor, das sich an Eltern richtet, die Erziehungsprobleme haben. Elif Geckil hakt nach: „Kann man da einfach so hinkommen? Für wen ist das geeignet?“

Jeden Monat kommt außerdem Cemalettin Senol zu Besuch, ein Diplom-Psychologe mit eigener Praxis in Kreuzberg. In den Treffen beim Elternfrühstück beantwortet er ehrenamtlich Fragen rund um Familie, Erziehung, geht auf Probleme der Frauen ein. Dass er auch Türkisch spricht erleichtert den Austausch und nimmt sicher auch Berührungsängste. „Im Elterncafé können die Frauen sich auch mal über schwierige Themen austauschen, Fragen stellen, die sie sonst nicht so stellen würden.“ sagt Songül Aslan. „Die Themen drehen sich um Pubertät, Drogen, Sucht oder auch die Frauenrolle in der Gesellschaft – dabei ist immer Raum für die persönlichen Fragen der Mütter.“

Elternarbeit als Brücke zwischen Familien und Schule

Mit viel Herzblut engagiert sich die Sozialarbeiterin für die Elternarbeit an der Schule. Seit 2008 ist die Sozialarbeiterin der tandem BTL an der Röntgenschule. Neben dem monatlich stattfindenden Elterncafé organisiert und informiert sie über Beratungsangebote in und außerhalb der Schule. Sie nimmt als türkischsprachige Sozialarbeiterin eine wichtige Brückenfunktion ein zwischen Schule und Eltern, lädt beispielsweise Eltern zum Elternabend ein, und sucht den direkten Kontakt, wenn Kinder häufig fehlen. Sie fungiert als Übersetzerin an Elternsprechtagen und nimmt an Klassenkonferenzen und der Gesamtelternversammlung teil.

Istanbul!

Letztes Jahr hat Songül Aslan mit den Müttern des Cafés sogar eine fünftägige Reise nach Istanbul unternommen. Ein großes Abenteuer, über das alle noch ein Jahr danach ganz begeistert berichten. Ohne Männer unterwegs! Die Reise hat die Frauen zusammen geschweißt, alle sind stolz auf ihre Entscheidung. „Es ging mir auch darum, dass die Frauen mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Als wir die Reise nach Istanbul gemacht haben, sollten die Männer ruhig mal sehen, wie das ist, wenn die Frau fünf Tage nicht da ist,“ erklärt Songül Aslan. Dabei war es gar nicht sicher, dass sich die Idee auch umsetzen ließ, Frauen, allein auf Reisen? „Ich war für die Frauen auch Garant für Sicherheit und guter Leumund gegenüber den Ehemännern, älteren Söhnen und Verwandten. Da ich an der Schule arbeite, gelte ich als integer.“ Am Tag meines Besuches diskutieren alle, ob so eine Reise nicht noch einmal möglich ist, vielleicht 2018?

Einige Mütter kommen sogar, obwohl die Kinder mittlerweile schon Abitur haben oder aus der Schule sind. Viele sind vor 20,30 Jahren nach Deutschland gekommen als junge Frau oder junges Mädchen und haben hier geheiratet. Eine Frau erzählt, dass sie mit elf Jahren das erste Mal in einer Schule war, eine andere hat nur drei Jahre die Schule besucht und sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht. Umso wichtiger ist ihnen die gute Bildung ihrer Kinder. Sie sind sehr interessiert daran, dass ihre Kinder einen guten Abschluss machen und erzählen stolz von der Tochter, die eine Ausbildung bei Toyota macht oder von der Zwei, die ein Sohn gerade in einer wichtigen Prüfung geschafft hat. „Meine Kinder lachen über mein Deutsch“ höre ich einige Male. Eine der Mütter kam vor einem Jahr das erste Mal in das Café, erfahre ich. „Ihr Mann hat sie begleitet, sie hat sich erst gar nicht allein zu uns ins Café getraut,“ erzählt ihre Freundin, die neben ihr sitzt. „Dann ist sie sogar mit nach Istanbul gefahren.“ Die Frauen lachen und laden mich ein, bald wieder zu kommen.

 

Elterncafés an Schulen: Orte für Begegnung, Austausch und Beratung

Bei tandem BTL ist der Betrieb von Elterncafés an neun Schulen fester Bestandteil der Elternarbeit. Hier gibt es Raum zum Austausch untereinander, und es finden Informationsveranstaltungen rund um Schule, Erziehung, Kultur und Sozialraum statt. Die offenen Treffs laden zum Reden ein, bieten Unterstützung und Beratung in schulischen und familiären Fragen und binden Eltern stärker in den Schulalltag ein. Elterncafés gibt es zum Beispiel an der Röntgen-Schule, der Konrad Agahd Schule, der Hans-Fallada Schule, der Karlsgarten Schule, der Lina Morgenstern Schule, der Steinwald Schule, der Wedding Grundschule, der Leo-Lionni-Grundschule und der Möwenseegrundschule.

 

Barbara Brecht-Hadraschek ist Koordinatorin Öffentlichkeitsarbeit - interne und externe Kommunikation bei tandem BTL.

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