Bernd Schüler
Bernd Schüler Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Samstag, 02. Dezember 2017
0
Bernd Schüler Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

"Patenschaften vermitteln das Empfinden, nicht alleine zu sein"

5 Fragen an Dr. Ulrich Selle. Der Kieler Pädagoge berichtet über ein schulisches Patenschaftsprojekt für „Risikokinder“.

Dieser Beitrag erschien im „Telemachos – Fachbrief für Patenschaften und Mentoring" (Ausgabe 09/ Juli 2017). Der Fachbrief wird von Bernd Schüler verfasst und vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. herausgegeben. Ermöglicht wird dies durch eine Förderung der „Aktion zusammen wachsen“ des Bundesamts für zivilgesellschaftliche Angelegenheiten. Der Fachbrief kann direkt hier bezogen werden.

 

Unterschiedliche Perspektiven vermitteln, spannungsreiche Vielfalt gestalten: Für Dr. Ulrich Selle gehört das zum Alltag. An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und an der Fachschule für Sozialpädagogik Kiel tätig, forscht, lehrt und supervidiert der Diplom-Pädagoge zu den Themen Heterogenität in der Sozialen Arbeit sowie der Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Im Jahr 2016 hat er die qualitative Studie „Patenschaften bei auffälligem Verhalten“ vorgelegt. Naheliegend, dass er dafür eine Doppelrolle übernahm, die er gleich am Anfang unseres Telefon-Interviews erläutert.

 

Telemachos: Das Patenschaftsprojekt, das Sie begleitet und untersucht haben, hat eine besondere Geschichte. Könnten Sie seine Entstehung schildern, wer beteiligt ist und was Ihre Rolle dabei war?

Ulrich Selle: „In einer weiterführenden Ganztagsschule sollte die Schulsozialarbeit begleitet und evaluiert werden. Die Schule lag in einem so genannten Multiproblem-Stadtteil in Kiel, was bedeutet: hohe Arbeitslosigkeit, viel Armut, ein hoher Migrantenanteil, diverse sozialkulturelle Verwerfungen. Nicht überraschend daher, dass sich dort junge Menschen mit auffälligem Verhalten fanden und in der Schule häufig der Unterricht gestört wurde. Als eine Reaktion auf die Unterrichtsstörungen richtete die Schule einen so genannten Trainingsraum ein. Kurz gesagt ist das eine Maßnahme, die eine schnelle und persönlich neutrale Intervention ermöglichen soll. Wenn ein Schüler die Störung trotz Mahnung nicht unterlässt, ist vereinbart, dass er in einen gesonderten Raum gehen kann, wo er vorübergehend besonders betreut wird. Diese Maßnahme, so ergab meine Evaluation, funktionierte gut für Schülerinnen und Schüler, die manchmal stören. Doch andere waren regelmäßig und oft in diesem Raum. Schlimmer noch: Das Trainingsraum- Angebot führte dazu, dass einzelne Schüler dauerhaft aus dem Unterricht entfernt waren.

So war klar, für die so genannten Vielstörer bedarf es noch anderer pädagogischer Mittel. Das Team der Schulsozialarbeit kam dann auf die Idee, ein Patenschaftsprojekt zu installieren. Als Dozent der Christian-Albrechts- Universität habe ich auch das evaluiert und begleitet, auch indem ich dafür Studierende als Patinnen und Paten gewann – meistens angehende Sozialpädagogen, aber auch Lehramtsstudierende. Sie sollten maximal zwei Kinder oder Jugendliche begleiten, an maximal zwei Terminen pro Woche. Die Treffen fanden im Rahmen der Beschulung statt, also teilweise auch anstelle von Schulstunden.

Weil das Jugendamt und andere Einrichtungen beteiligt waren, konnten wir einen professionellen Rahmen dafür organisieren. Die Patinnen und Paten bekamen supervisorische Begleitung, die ich am Anfang selbst anbot, und auch Geld, etwa zehn Euro die Stunde. Sie sollten Schülerinnen und Schüler vor allem aus der 5. bis 8. Klasse, unterrichtlich und was Lernmethoden anbelangt, begleiten, aber auch zu Konfliktsituationen beraten oder einfach für Entlastung sorgen. Meistens blieben sie dabei in der Schule oder auf dem Gelände, aber auch Ausflüge waren möglich.‟

Telemachos: Die beteiligten Kinder und Jugendlichen wiesen erhebliche Risikoprofile auf. Da liegt die Frage nahe: Brauchen junge Menschen mit solch umfangreichen Problemlasten nicht eher professionelle sozialpädagogische und/ oder therapeutische Hilfe? Was gab es für Gründe, es dennoch zu versuchen?

Ulrich Selle: „Zunächst ist zu sagen: Die meisten der beteiligten Schülerinnen und Schüler hatten bereits professionelle Hilfe erhalten und erhielten sie noch – und zwar in und außerhalb der Schule. Die Hälfte von ihnen hatte einen sonderpädagogischen Förderbedarf, überwiegend im Lernbereich. Zum Teil war schulische Erziehungshilfe mit dabei. Hinzu kamen oft Hilfen zur Erziehung in den Familien, wie z.B. sozialpädagogische Familienhilfe. Fast alle Patenkinder wurden zusätzlich von der Schulsozialarbeit der Schule betreut, die das Projekt auch koordinierte.

Dennoch ist die Frage natürlich wichtig. Es geht darum zu vermeiden, dass die Patenschaften etwa von der Schule nicht missbraucht oder zweckentfremdet werden. In der Praxis kam das in einigen Fällen vor. Wenn Sonderpädagogen der Schule etwa krank waren und sich eine Unterversorgung mit Förderlehrkräften einstellte, wurde schon versucht, die fehlenden Fördermaßnahmen mit den Patenschaften zu kompensieren. Da besteht eine klare Grenze, denn das können Patenschaften nicht leisten, genauso wenig wie sie sozialpädagogische Maßnahmen ersetzen können. Aber es ist eine große Gefahr, die man sehen muss: Wenn sich professionelle Strukturen lichten, können deren Aufgaben in Patenschaften verschoben werden.

Das aber ist schon deshalb nicht wünschenswert, weil es die spezifischen Qualitäten von Patenschaften bedroht, Qualitäten, die wiederum professionelle Hilfe nicht oder nur wenig erreichen kann. Wir wissen das ja aus der Resilienz- Forschung: Ein 'anderer Erwachsener', ein Ansprechpartner, der außerhalb von Familie und Institutionen steht und keinen direkten Auftrag hat, ist für Kinder in Risikolagen ein Schutzfaktor.

Das war uns konzeptionell wichtig und hat sich tatsächlich auch als ein wertvoller Unterschied erwiesen – gerade bei den Kindern, die schon viel professionelle Begleitung erlebt und die schon Widerstände dagegen aufgebaut hatten, immer nur als hilfsbedürftig betrachtet zu werden. Eine Patenschaft erschien da nicht allen, aber sehr vielen Kindern als etwas Anderes – als eher unbelastetes, als nicht mit so vielen Zielen verbundenes, vertrauensvolles Beziehungsangebot. Junge Menschen konnten offen reden und interessante, tolle und manchmal verrückte Sache erleben oder sich das Herz ausschütten. Allerdings wurde es auch respektiert, wenn sie letzteres eben nicht taten. Und tatsächlich ist es für die meisten teilnehmenden Kinder ein sehr heilsamer Prozess gewesen, mal nicht dauernd als auffällig, gefährdet oder unterprivilegiert betrachtet zu werden, sondern einfach als interessantes Kind oder Jugendlicher.

Ein theoretischer Bezugspunkt für das Projekt war zudem der Ansatz der Bewältigungslage nach Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer. Sie sagen: Soziale Arbeit kann Menschen in belasteten Lebenslagen Möglichkeiten zu Anerkennung, Ausdruck, Aneignung und Autonomieerleben eröffnen. So trägt sie dazu bei, die individuelle Bewältigungslage zu erweitern. Hier können Patenschaften ansetzen, indem sie in sehr individuellen Aushandlungsprozessen die Lebenslage aufgreifen und Bildungs- und Beziehungsprozesse in Gang setzen.

Wichtig dafür sind der möglichst unvoreingenommene Blick und die Normalität, die Patinnen und Paten mitbringen. Natürlich ist ihre Perspektive durch Studium und Fortbildung verfeinert. Aber es geht ja mehr um das gemeinsame, offene Erleben und weniger um einen Prozess, der von einem pädagogischen Plan gesteuert wird.

Abgesichert wurde das auch durch den Umstand, dass es eine inhaltliche und didaktische Offenheit gab. Was wie gemacht wurde, war nicht vorgegeben, sondern war von den Patenschaften selbst auszuhandeln. Eine Konstellation, die den jungen Menschen ermöglichte, ihre Interessen, Lebenslagen und Bedürfnisse einzubringen oder Neues zu entdecken.

Jetzt könnte man sagen, auch eine Erziehungsbeistandschaft kommt doch einem Patenschaftsangebot sehr nahe (Ein Erziehungsbeistand, ein Begriff aus dem SGB VIII, ist in der Regel ein/e Sozialpädagogin/e, die/ der Kinder und Jugendliche in sozialen und familiären Krisensituationen unterstützt, siehe hier, Anm der Red.). Aber da geht man eben auch oft in die Familie und arbeitet mit allen zusammen, was umgekehrt auf eine weitere spezifische Qualität verweist: die Exklusivität von Patenschaftsbeziehungen. Die 1:1-Konstellation ermöglicht eine echte Bindung und ein Vertrauensverhältnis. Den Kindern war es meist selbst auch wichtig, dass die Familie nicht einbezogen wird.

Während der fünf Jahre, die das Projekt lief, hat es auch Fälle gegeben, in denen die Konstellation nicht funktioniert hat, aber in der Mehrheit hatten die Beziehungen einen langen Bestand. Und bei den meisten Schülerinnen und Schülern war der Eindruck nachhaltig: Sie haben ihre Patenschaften noch zwei Jahre nach deren Abschluss als gewinnbringend dargestellt – und zwar sowohl für ihre schulische Leistung wie für ihre persönliche Entlastung und Stabilität.

Telemachos: Damit sind wir bei den Wirkungen. Was konnten Sie feststellen, was hat sich im Laufe der Patenschaften bei den Schülerinnen und Schülern verändert?

Ulrich Selle: „Es gab eine Vielzahl von Wirkungen, die ich beobachten konnte. Wobei ich zunächst einschränken muss: In meiner qualitativen Studie war nicht der zentrale Fokus, alle denkbaren Wirkungen nachzuweisen. Sondern ich wollte wissen, auch weil es dazu einen geringen wissenschaftlichen Kenntnisstand gibt: Dank welcher Prozesse funktionieren Patenschaften? Und welche unterschiedliche Konstellationen und Beziehungstypen lassen sich finden? Dazu gleich mehr. Ein ganz deutliches, generalisierbares Resultat war jedenfalls der schnelle Rückgang des auffälligen Verhaltens der Schülerinnen und Schüler. Bestand eine funktionierende, stabile Patenschaft, konnten wir feststellen, dass es für die beteiligten Schülerinnen und Schüler kaum noch Trainingsraum-Besuche gab.

Sie selbst haben es so erklärt: Sie konnten den Stress und die Konflikte schnell bei ihren Patinnen und Paten ansprechen und erhielten Hinweise oder Unterstützung. Die Veränderung hat aber auch mit der schulischen Unterstützung zu tun. Zu Beginn hatten viele Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen. Die Schülerinnen und Schüler hatten Lernrückstände, weshalb sie sich oft nicht mehr sinnvoll im Unterricht beteiligten konnten. Hier bewirkte das gemeinsame Lernen mit den Patinnen und Paten, dass wieder Anschluss gewonnen wurde – weshalb wiederum weniger der Drang aufkam, sich zur Selbstwirksamkeitserhaltung als Clown zu profilieren oder den Unterricht zu sabotieren, damit man rausgeschickt wird.

Und dann ist als einer der wichtigsten Effekte der Aufbau vertrauensvoller Beziehungen und Bedingungen zu nennen – und damit auch das Empfinden, nicht alleine zu sein. Auch deshalb wurde den Patenschaften eine hohe subjektive Bedeutung beigemessen. Man muss sich ja vorstellen: Zuhause gab es für diese Kinder nicht immer jemanden, der sich interessiert. Mit dem Klassenlehrer hat man vielleicht gerade Knatsch – und wenn dann auch die Förderlehrkraft keinen Zugang findet oder nicht da ist, dann ist so eine Patenschaft etwas sehr Tragendes oder auch eine wichtige Ergänzung zur Schulsozialarbeit.‟

Telemachos: Wie Sie schon andeuteten, haben Sie auf der Basis von Fallstudien unterschiedliche Typen von Patenschaften gebildet. Könnten Sie sie uns diese kurz vorstellen und an einzelnen Beispielen anschaulich machen?

Ulrich Selle: „Ich will vor allem auf zwei recht naheliegende Typen eingehen, die ich finden konnte, und auf einen weiteren, der mich sehr überrascht hat. Als erstes die „unterrichtsnahe Aneignungspatenschaft“. Beispielhaft skizziere ich dafür den Fall des Schülers Dirk (Alle Namen wurden durch Ulrich Selle bereits anonymisert, Anm. der Red.): Sehr sportlich und interessiert, fällt er aber in der Schule durch leichte Ablenkbarkeit, Unruhe und als Klassenclown auf. Es gibt schulische Defizite und Konflikte, die damit zusammenhängen.

Dieser Junge erhält nun durch die Patin schulische Unterstützung, die der Nachhilfe ähnelt, aber mit Übungen etwa zu Lernmethoden auch darüber hinausgeht. Inhaltlichen Stoff besprechen die beiden genauso wie die aktuellen Konflikte. Hinzu kommt Entlastung, etwa indem sie sich immer erst mal körperlich bewegen. Im Interview erzählt der Junge, er habe durch seine Patin Lisa das Lernen gelernt – und die Erfahrung gemacht, dass er durch Üben ganz viel erreichen kann. Er bleibt ein lebhafter Junge, der aber weniger den Unterricht stört, auch weil er besser teilnehmen kann. Eigentlich ein sehr vorhersehbarer Verlauf. Aber beachtlich bleibt, wie schnell diese Form der Unterstützung dazu beigetragen hat, das auffällige Verhalten zu reduzieren.

Den zweiten wichtigen Typ habe ich „Bewältigungspatenschaft“ genannt. Hier geht es nicht um die schulische, sondern um die lebenslagenspezifische, psychosoziale Grundsituation. Wie etwa im Fall von Alina, die von der Patin Nora begleitet wird. Das Mädchen kommt aus einer sozial benachteiligten Familie, erlebt in der Schule Konflikte und wird gemobbt, bis hin zu tätlichen Angriffen auf dem Schulweg. Besonders belastend für sie: ihre großen sozialen Ängste und eine schlechte Integration. Sie findet zu Hause wenig Gehör. Auch Freunde fehlen, obwohl sie als freundlich und hilfsbereit gilt. Zu Beginn der Patenschaft wirkte sie körperlich etwas ungepflegt.

Was kann da eine Patenschaft leisten? Die Patin Nora ist hier eine Art Fürsprecher, indem sie Konfliktgespräche mit der Schulsozialarbeit begleitet, Schutzangebote in den Pausen organisiert und auf Stärken eingeht. Wobei die Patin selbst auch an ihre eigenen Grenzen kommt. Mitten in der Ausbildung, mit nur geringen psychologischen Kenntnissen ausgestattet, ist sie immer wieder überfordert. Das macht deutlich, dass die Patenschaft nur gemeinsam mit der Schulsozialarbeit funktionieren kann, mit der eine gute Kooperation besteht.

Dennoch ist offensichtlich: Die Patenschaft fängt das Mädchen auf. Zeitweise kommt sie nur an den Tagen zur Schule, an denen sie sich mit ihrer Patin trifft. Es entsteht eine besondere Beziehung, in der selbst Themen wie Attraktivität und Körperpflege angesprochen werden können. Die Patenschaft hilft, Konfliktlagen zu bewältigen und Schulabsentismus zu verhindern. Am Ende hat sie ihren Abschluss geschafft und ist psychosozial gefestigt.

Auch diese Form ist erwartbar gewesen. Sehr überraschend war für mich dagegen der dritte Patenschaftstyp, den ich vorstellen möchte. Er hat sich als deutlich unterscheidbares Muster nicht bereits im Laufe der Interviews aufgedrängt, sondern ist erst im Laufe der Analyse zu Tage getreten. Ich nenne diesen Typ die „inspirierende Patenschaft“, wozu ich den Fall von Daniel und seinen Paten Julius schildern möchte.

Daniel, ein sportlicher, quirliger und spontaner Junge, wächst bei einer ihm gegenüber gewalttätigen Mutter auf. In der Schule zeigt er sich reizbar, gewalttätig und völlig desinteressiert. Die professionelle Begleitung bringt kaum etwas. Mit Julius, einem Sportstudenten, der bereits Kenntnisse in Erlebnispädagogik hat, entwickelt sich eine Patenschaft, in der es wenig um schulische Lücken, umso mehr aber um die Interessen des Jungen geht. So kommt es, dass sie Hip Hop-Tänze einstudieren, Lagerfeuer machen oder meditieren. Immer dabei ist auch die Reflexion von Konflikten und der familiären Situation.

Ein großer Blumenstrauß also von Aktivitäten, die kaum richtig zusammenzupassen scheinen. Dennoch hat dies alles ein neues großes Bildungsinteresse bei Daniel geweckt und eine Selbstwirksamkeitserfahrung in diesem Bereich ermöglicht. Was enorm wichtig ist, denn der Junge hatte die Schule eigentlich schon innerlich abgehakt. Mit dem Paten lernt er jemanden kennen, der ihm Neues zeigt, der seine Stärken fördert. Beide haben ein großes Vertrauensverhältnis, der Junge erlebt Bindung und Halt. Dass er den Unterricht stört, kommt kaum noch vor. Er hat erlebt, dass es sich lohnt, etwas zu lernen, dass das interessant ist. Und dass man nicht nur Motorroller klauen, sondern auch noch andere spannende Sachen machen kann.

Beispielhaft für die Patenschaften, die sich nach diesem Muster entwickelten, möchte ich auch noch einen Jungen erwähnen, der aus Marokko stammt, patriarchalisch geprägt ist – und der mit einer Dänisch stämmigen Studentin über deutsche Werte, Frauenrechte und Lebensentwürfe diskutiert. Der gemeinsame Nenner ist: Für die Schülerinnen und Schüler werden so völlig ungewohnte, andere Bildungshintergründe erfahrbar, was ich mit dem Begriff der Inspiration verdeutlichen wollte. Für mich war das auch ein hoffnungsvolles Zeichen, belegen diese Entwicklungen doch, dass sich das kulturelle Kapital der aus dem Bildungsbürgertum stammenden Studierenden auch in diese Stadtteile bringen lässt – mit interessanten Einblicken und positiven Ergebnissen für beide Seiten.

Der Vollständigkeit halber will ich ganz kurz noch den vierten Patenschaftstyp erwähnen, den ich herausarbeiten konnte: die „sporadische Patenschaft“. Hier nutzt das Patenkind die Patenschaft zunächst verhalten und distanziert. Erst im Bedarfsfall, etwa bei Konflikten oder schulischen Problemen, kann sich das Verhältnis intensivieren und vertiefen.‟

Telemachos: Am Ende Ihrer Studie plädieren Sie für eine, ich zitiere, "deutliche Ausweitung von Patenschafts- und Mentoring-Projekten für Risikokinder" an weiterführenden Schulen. Was bräuchte es dafür für Maßnahmen und Praktiken, um eine gute Qualität solcher Projekte zu gewährleisten? Und funktioniert es nur mit Patinnen und Paten, die wie in diesem Fall als Studierende schon fachlich vorgebildet sind?

Ulrich Selle: „Weil ich mit der Methode der rekonstruktiven Sozialpädagogik gearbeitet habe, muss ich vorwegschicken: Was ich über wichtige Grundvoraussetzungen sage, gibt gebündelt das wieder, was die Beteiligten selbst äußern. Aus deren Perspektive konnte ich sieben wichtige Punkte generieren, die auch für andere Projekte relevant sein werden.

- Eine von allen bestätigte Grundvoraussetzung für Erfolg von Patenschaften ist erstens die Freiwilligkeit: Beide Seiten sollen sich bewusst und freiwillig für die Treffen, die andere Person, das ganze Projekt etc. entscheiden.

- Damit zusammen hängt der zweite Punkt: Es muss eine emotionale Zuwendung gegeben sein. Die Patinnen und Paten betonen, dass es darum geht, sich wirklich zu öffnen, auf die Lebenssituation und die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und Empathie zu entwickeln. Dabei muss man sehen: Für Studierende sind solche Herausforderungen natürlich attraktiv, für die Patenkinder schon schwieriger. Für sie braucht es daher vertrauensbildende Maßnahmen und erlebnispädagogische Angebote, damit ein Vertrauensverhältnis entstehen kann.

- Als Drittes gibt es den Hinweis, dass die Abstimmung der Bedürfnisse und Interessen funktionieren muss. Hier scheint mir wichtig, dass es eine jugendkulturelle Anschlussfähigkeit zwischen Patenkindern und Patinnen und Paten geben sollte beziehungsweise zumindest ähnliche Interessen und eine Aufgeschlossenheit, vom anderen zu lernen. Ein Beispiel: Für Studierende, die etwas mit Hip Hop anfangen können, ist der Gangsta Rap, der im Stadtteil präsent ist, keine völlig fremde Welt. Damit verbunden ist auch wichtig: die Nähe beider Seiten, was das Lebensalter anbelangt. So gibt es gleichzeitig jugendkulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede, weil die Patinnen und Paten aus einem ganz anderen Milieu kommen, dadurch andere Ressourcen mitbringen und weniger in der Gefahr sind, sich in das Herkunftsmilieu der Kinder zu verstricken.

- Der vierte Punkt ist eher struktureller Art: Es braucht eine Kooperation und Vernetzung, damit die Patinnen und Paten nicht alleingelassen werden mit Lebensumständen, die ganz schnell überfordern können. Dafür sind Ansprechpartner zur Schule notwendig, stabile Kanäle zu den Lehrkräften, zu Schulsozialarbeit und Jugendhilfe.

- Dazu gehört auch fünftens, dass es keine pädagogische Überfrachtung und Zweckentfremdung dieser Patenschaften gibt. Fehlende Förderlehrkräfte oder Erziehungsbeistandschaften, die mit zu wenig Zeit ausgestattet sind, lassen sich nicht mit Patinnen und Paten ersetzen. Wichtig sind auch Vorkehrungen zur strukturellen Entlastung, etwa was den zuverlässigen freien Zugang zu Räumen und Mitteln anbelangt. Das alles ist wichtig, damit das einen angemessenen Rahmen hat und keine reine Wohltätigkeitsaktion wird.

- Sechstens ist für die Patinnen und Paten wichtig, so wie das in vielen Studien ja schon benannt wurde: regelmäßige Begleitung und Reflexion. In unserem Projekt hätten wir die einschlägigen Treffen noch intensivieren und noch mehr individuelles Coaching in Betracht ziehen können.

- Und den letzten Punkt fasse ich unter den Begriff Wertschätzung zusammen. Damit verbunden ist, dass es eine Finanzierung des Projektes gibt. Kontinuität spielt für die Beziehungen eine wichtige Rolle, daher ist es hinderlich, wenn das Patenschaftsprojekt immer wieder mit Finanzierungsfragen zu kämpfen hat.

Weil ich weiß, dass andere Projekte darauf Wert legen, dass es keine finanziellen Anreize gibt, will ich noch anfügen: Aus meiner Sicht sollte man eine Form der Vergütung vorhalten – sei es die studienbezogene Anrechenbarkeit von Leistungen und/oder durch Entlohnung. So wird einerseits eine Ernsthaftigkeit hergestellt. Und andererseits wird man der Situation vieler Studierender gerecht, die nebenbei Geld verdienen müssen und gleichzeitig in verdichtete Studienpläne eingespannt sind.

Bleibt noch Ihre Frage, inwieweit auch nicht fachlich vorgebildete Freiwillige die Gruppe der Risikokinder begleiten können? Mangels empirischer Einsichten kann ich hier nur vage antworten.

Die im Kieler Projekt beteiligten Patinnen und Paten haben immer betont, dass ihnen die Anbindung an die Studieninhalte wichtig ist. Als Studierende kennen sie meist schon Gesprächstechniken, sie haben theoretische Kompetenzen, verfügen über pädagogische Fertigkeiten sowie ein Begriffsgerüst und können Verhaltensweisen einordnen. Von daher könnte man sagen: Die 'reinen Laien' bräuchten eine intensivere Vorbereitung und Begleitung und müssten auch besser ausgewählt werden. Es entsteht ja eine starke intensive Betroffenheit. Das Mitleid, die Überforderung – all das kann schon recht mächtig werden.

Je belasteter die Zielgruppe, so könnte man weiterhin ableiten, desto mehr Wissen ist hilfreich. Denn dadurch bin ich besser in der Lage, meine Rolle und deren Grenzen definieren zu können. Je weniger ich weiß, desto unklarer sind mir meine Möglichkeiten.

Und: Je komplexer die Probleme der Patenkinder, desto professioneller müssen insbesondere die Koordinierenden sein, die die Patinnen und Paten aussuchen und einsetzen. Bei Risikokindern trägt die Koordination mehr Verantwortung, denn bei den Kindern funktionieren ja viele Sicherungssysteme wie etwa Familie und Schule nicht.‟

 

Zum Nachlesen: Ulrich Selle: Patenschaften bei auffälligem Verhalten. Ein Projekt für Risikokinder in der weiterführenden Schule. Weinheim und Basel: 2016.

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 16.12.2017, 21:18:34
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
Software policy
Diese Software hat keine bekannten Hintertüren oder Verletzbarkeiten die es Dritten erlauben würden Ihre Daten zu kopieren. Mehr zum Datenschutz dieser Kommentar- und Bewertungssoftware: www.toctoc.ch
Beitrag bewerten
Noch nicht bewertet.

keine.

Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Vorschau wird geladen ...
*: Pflichtfeld

Auf Facebook kommentieren

Ähnliche Artikel

15.12.2017|
David Spitzl Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Wenn die Schule zum Fulltime-Job wird

15.12.2017|
Bernd Schüler Mentoring Qualifizierung & Fachlichkeit Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

„Im Gruppen-Mentoring gibt es mehrere Arten von Beziehungen‟

14.12.2017|
Astrid Staudinger Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Kinderschutz Top-Beitrag Hilfen zur Erziehung

TBT: Unser erfolgreichster Blogbeitrag bislang