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Prof. Dr. Regina Rätz
Prof. Dr. Regina Rätz Fachöffentlichkeit & Politik Wissenschaft Qualifizierung & Fachlichkeit Kinderschutz Kinderschutz bewegt Berlin
Donnerstag, 22. Februar 2018
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Prof. Dr. Regina Rätz Fachöffentlichkeit & Politik Wissenschaft Qualifizierung & Fachlichkeit Kinderschutz Kinderschutz bewegt Berlin

Persönliche und fachliche Sicherheit im Kinderschutz erlangen

Das neue öffentliche und fachliche Interesse am Kinderschutz in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe (Stichwort: Schutzauftrag u.a. gem. § 8a SGB VIII) führte zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in ihren Herkunftsfamilien. Zugleich expandierten die Angebote und Einrichtungen in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz. Von maßgeblicher Bedeutung dabei ist, dass eine Fokussierung der Kinderschutzarbeit auf Risiko und Risikomanagement stattfand. Diese richtete sich zunächst auf die Lebenslangen der Kinder und Jugendlichen und die möglichen Gefahren und Gefährdungen, denen diese potenziell ausgesetzt sind. Sie erfasste jedoch auch das Professionssystem selbst und insbesondere die Fachkräfte, welche die Kinderschutzarbeit selbst als zunehmend risikobehaftet und ihre eigene berufliche Situation gefährdend wahrnehmen.

Unser Anliegen ist es, dem entgegen zu treten und einige bekannte oder zu erinnernde Aspekte zusammenzutragen, welche das Erlangen persönlicher und fachlicher Sicherheit im Kinderschutz ermöglichen. Ein ausführlicher Beitrag unserer hier entwickelten Gedanken erscheint noch in diesem Jahr unter dem Titel „Lernen im Kinderschutz – gerade in stressiger Alltagspraxis“ in dem von Michael Böwer und Jochem Kotthaus im BeltzJuventa Verlag herausgegebenen „Praxisbuch Kinderschutz" (vgl. Böwer/Kotthaus (Hrsg.) 2018.

Zunächst muss sich jede professionelle Fachkraft über die persönliche Lebenserfahrung hinaus erarbeiten und aneignen, was Expert_innen in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben auszeichnet. Der amerikanische Soziologe Andrew Abbott (1988) hat in organisations-, arbeits- und wissenssoziologischer Perspektive herausgestellt: Für professionelle Expert_innen und ihre Organisationen ist in erster Linie notwendig, dass sie klären, für welches Arbeitsgebiet und für welche Aufgaben sie Zuständigkeit und Kontrolle beanspruchen und wie sie dabei programmatisch und methodisch ansetzen. So müssen Kinderschutzfachkräfte, wenn sie als kompetente Akteure anerkannt werden wollen (vgl. Wolff 2016), drei Hauptaufgaben in ihrer Praxis, die eine professionelle Hilfe und humane Dienstleistung darstellt, anpacken:

  1. Sie müssen die Problemlagen mehrperspektivisch verstehen und zeitgleich bestimmen bzw. diagnostizieren, auf die sie professionell reagieren wollen (Erarbeitung von Problemkonstruktionen - „diagnosis“).

  2. Sie müssen daraus bestimmte fachliche Schlussfolgerungen ziehen, was zu tun ist („inferences“) und ggf. deutlich machen, wenn es sich nicht um ihr Aufgabengebiet handelt.

  3. Sie müssen schließlich eine dazu passende fachliche Praxis ins Werk setzen („treatment“ oder Behandlung / Hilfe).

In allen drei Aufgabenbereichen geht es beim Kinderschutz um komplexe mehrpersonale Lebens- und Beziehungsverhältnisse. Deshalb ist dieser eben nicht ganz so einfach und linear in der Abarbeitung eines sog. „Schutzkonzepts“ ins Werk zu setzen. Es geht auch um Entstehungsgeschichten sowie nicht selten um konfliktreiche Bedürfnisse und Entwicklungsinteressen der Familien. Dies bei gleichzeitig oft chronischem Ressourcenmangel mit der Folge belastender Notlagen und Krisen. Daher sind die Sorge und der Schutz für Kinder, ihre Eltern und Familien unter solchen Bedingungen nicht einfach eine Praxis wie jede andere. Es handelt sich um eine hoch emotionale und thematisch sowie programmatisch komplexe Angelegenheit unter strukturellen Unsicherheitsbedingungen.

Eine Vielzahl an Fachbeiträgen im Feld des Kinderschutzes beschäftigen sich hingegen weniger mit den komplexen mehrpersonalen Lebens- und Beziehungsverhältnissen, sondern eher mit rechtlichen und gesetzlichen Fragen oder mit Verfahren und Methoden der Kindeswohlgefährdungseinschätzung. Der Schutz von Kindern verlangt jedoch nach professionellem Verstand, emotionaler Feinfühligkeit und einer guten methodischen Strukturierung auf der Basis des jeweiligen konkreten Falls. Vor dem Hintergrund der oben skizierten hochkomplexen Bedingungsfaktoren im Kinderschutz geht es vor allem um ein multiperspektivisches Fallverstehen (vgl. Müller 2017). Dieses zeichnet sozialpädagogische Fachlichkeit aus. Sie beinhaltet folgende fachliche Klärungen und Reflexionen:

  1. der familialen Konfliktsituationen und Prozesse von Misshandlung und Vernachlässigung im Austausch der untersuchenden Fachkräfte und vor allem mit den beteiligten Familienmitgliedern,

  2. des eigenen professionellen Handeln und

  3. der sozialen und organisationalen sowie interdisziplinären Handlungsbedingungen (vgl. Müller 2012).

Multiperspektivisches Fallverstehen eröffnet ein mehrhypothetisches Deuten, Verstehen und Handeln. Es entsteht ein breiter Gestaltungsraum, in dem fachliche Sicherheit erlangt werden kann.

Hinzu kommt, diejenigen in den Blick zu nehmen, denen die Kinderschutzarbeit zu Gute kommen soll. Es gilt, Kinder und Jugendliche (in jedem Lebensalter; hier gemeint die Altersspanne 0 bis 18 Jahre) als Akteure wahrzunehmen und deren verbalen und nonverbalen Äußerungen zu verstehen. Dies ist bisher nicht selbstverständlich (vgl. Wolff u.a. 2013). Es gibt aber gute Argumente, im Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen als Fachkraft selbst Handlungssicherheit zu erreichen.

Des Weiteren gilt, Eltern überhaupt erst einmal als primäre Kinderschützer anzuerkennen. Wenn Fachkräfte im sozialen Hilfesystem Familien in prekären Lebenssituationen, unter denen die Bedingungen eines gesunden Aufwachsens der Kinder nicht durchgängig gewährleistet sind, tatsächlich zur Seite stehen und Kinder schützen wollen, geht es im Kern um eine offene Begegnung und zwischenmenschliche Zuwendung. Diese muss von einem Verständnis solidarischer professioneller Hilfe und Nothilfe getragen werden. Nur so kann auf Seiten der in Krisen und Konflikten steckenden familialen Akteure ein Kontakt hergestellt und eine „helfende Beziehung“ (Bang 1964) gestaltet werden. Und dies, obwohl häufig Angst und Abwehr und nicht selten heftiger Widerstand von Seiten der Familien, die strukturell zum Hilfeprozess dazu gehören, eine Rolle spielen. Dabei entsteht eine besondere – widersprüchliche – „Art der Professionalität sozialpädagogischen Handelns“ (Müller 2017, S. 472). Einerseits geht es um „Hilfe, die an den Wünschen und am Feedback des Klienten“ orientiert ist und andererseits um „Dienstleistungen“ und um „soziale Kontrollen“, woraus sich regelrecht eine „paradoxe professionelle Struktur“ ergibt (ebd.), die es anzuerkennen und zu gestalten gilt. Wir verwenden in unseren Beiträgen den in der Konzeption der Lebensweltorientierung von Hans Thiersch geprägten Begriff Adressat_innen bzw. die konkrete Bezeichnung Kinder, Jugendliche, Eltern etc. Bei dem hier direkten Zitat wird allerdings der Begriff „Klient“ aus der vorliegenden Originalquelle übernommen.

Hier eine Balance zwischen der Gestaltung professioneller Hilfe und Nothilfe und dem beauftragten Erbringen einer Dienstleistung zu gewinnen, ist eine Handlungskompetenz, die lernend erarbeitet werden muss. Das wird nur gelingen, wenn im Zusammenhang mit dem multiperspektivischen Fallverstehen sowohl der gesellschaftliche Hintergrund der zu bearbeitenden Konfliktstrukturen, die zu Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern führen, wie die Funktion und Aufgabe der professionellen Organisation, der Kinderschutzfachkräfte angehören, kritisch in den Blick genommen werden. Lernen in der Kinderschutzarbeit beginnt daher sinnvollerweise mit einem Studium der soziokulturellen und politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen und der organisationalen Strukturen und Dynamiken in den am Kinderschutz beteiligten Professionssystemen und Organisationen (vgl. als Praxismodell: die Grundorientierungen des Erlanger Qualitätskonzepts kommunaler Kinderschutzarbeit und die Schlüsselsituationen kommunaler Kinderschutzarbeit in Weimar; vgl. Stadtjugendamt Erlangen (i.E.); Stadt Weimar 2017).

Ohne den Rückhalt der Professionssysteme und Organisationen kann Kinderschutzarbeit nicht gelingen. Fachkräfte dürfen nicht auf sich allein gestellt sein. Sie benötigen, um Handlungssicherheit zu erlangen, eine eindeutige Rollenklärung, Arbeit im Team, Zeit für Fallbearbeitungen und Reflexionen, eine Kultur der Organisation, in der auch Fehler, Unsicherheiten und Ängste thematisiert werden dürfen und einen Ort für ein fallbezogenes professionelles Verstehen und Reflektieren.

Schließlich geht es auch darum, Arbeitsbedingungen und Ressourcen genau in den Blick zu nehmen. Vielerorts soll Kinderschutzarbeit eher nebenbei geschehen. Und dies mit einem hohen Erwartungsdruck. Die strukturellen Bedingungen zeigen jedoch, dass es an vielen Orten Mangel gibt und Ressourcen fehlen. Diese Situation zu verbessern wird ohne die deutliche Artikulation der fachlichen und organisationalen Prämissen bis hin zu politischem Einfluss nicht gelingen. Auch diese öffentliche Thematisierung würde dazu beitragen, persönliche und fachliche Sicherheit im Kinderschutz erlangen.


Literatur

Abbott, A. (1988): The System of Professions. An Essay on the Division of Expert Labor. Chicago and London, Chicago University Press.

Bang, R. (1964): Die helfende Beziehung als Grundlage der persönlichen Hilfe. München, E. Reinhardt Verlag.

Böwer, M./ Kotthaus, J. (2018): Praxisbuch Kinderschutz: Professionelle Herausforderungen bewältigen. Wiesbaden: BeltzJuventa.

Müller, B. (2012): Professionell helfen: Was das ist und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren: Münstermann.

Müller, B. (2017): Hilfe. In: Kreft, D. / Mielenz, I. (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden der Soziaarbeit und Sozialpädagogik. 8. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage Weinheim u. Basel, Beltz Juventa, S. 470 – 474.

Stadt Weimar - Amt für Familie und Soziales (Hrsg.) (2017): Schlüsselsituationen kommunaler Kinderschutzarbeit in Weimar. Eine Dialogische Qualitätsentwicklung. Weimar, Selbstverlag.

Stadtjugendamt Erlangen (i.E.): Kommunale Kinderschutzarbeit in Erlangen – Grundverständis und Kernprozesse. Erlangen (im Druck).

Wolff, R. (2016): Moderner Kinderschutz in der Unsicherheitsgesellschaft – ganzheitliche Hilfe oder autoritäres Risikomanagement – Entwicklungstrends und aktuelle Herausforderungen. In: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau. 39. Jg. 2016 / Heft 73, S.150 – 160.

Wolff, Reinhart/ Flick, Uwe/ Ackermann, Timo / Biesel, Kay/ Brandhorst, Felix / Heinitz, Stefan/ Patschke, Mareike u. Robin, Pierrine (2013):: Kinder im Kinderschutz. Zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Hilfeprozess - Eine explorative Studie. Beiträge zur Qualitätsentwicklung im Kinderschutz 2. Köln: Nationales Zentrum Frühe Hilfen.


Die Autoren:

Prof. Dr. Regina Rätz und Prof. Dr. Reinhart Wolff lehren an der Alice Salomon Hochschule im weiterbildenden Masterstudiengang „Kinderschutz – Dialogische Qualitätsentwicklung in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz“, www.ash-berlin.eu/studium/studiengaenge/master-kinderschutz-dialogische-qualitaetsentwicklung-in-den-fruehen-hilfen-und-im-kinderschutz/profil/

Die Bewerbungsfrist für den weiterbildenden Masterstudiungang Kinderschutz wurde noch bis zum 28.2.18 verlängert. Wir haben bereits zahlreiche Bewerbungen, aber noch einige wenige freie Studienplätze, die gern noch vergeben werden können. Mehr Infos unter: www.ash-berlin.eu/studium/studiengaenge/master-kinderschutz-dialogische-qualitaetsentwicklung-in-den-fruehen-hilfen-und-im-kinderschutz/profil/

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