Fotos: Welcome Dinner Berlin

Nina Peretz
Nina Peretz Angekommen in Berlin?! Migration Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Donnerstag, 03. August 2017
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Nina Peretz Angekommen in Berlin?! Migration Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

„Plötzlich hat man Verantwortung für andere Menschen“

Gespräch mit Mandy Seidler, Gründerin von Welcome Dinner Berlin

Im Sommer 2015 startete die Initiative Welcome Dinner Berlin mit zwei Engagierten und einer Idee: Geflüchtete und Menschen von hier sollen sich kennenlernen – beim gemeinsamen Abendessen. Mitbegründerin des Projekts ist Mandy Seidler (34). Nina Peretz sprach mit ihr über den Start, ihre Unterstützer und die Zukunft des Vereins.

Frau Seidler, wie ging es los mit Welcome Dinner Berlin, was war die Initialzündung?

Mandy Seidler: Wie so viele hatte ich angesichts der vielen Geflüchteten, die hier ankamen, einfach das Gefühl, dass ich irgendwas machen muss. Ich wollte mit anpacken, etwas auf die Beine stellen! Das Konzept des Welcome Dinners gab es schon in Schweden. Ein Ableger davon hatte sich in Jena gegründet, meiner Heimatstadt. Ich habe eine Nachricht an die Macher dort geschrieben und sie gefragt, ob man sowas nicht auch in Berlin starten könnte. Fast gleichzeitig hatte ihnen auch Benjamin Hanstein eine ähnliche Nachricht geschickt. So entstand die Verbindung zwischen uns beiden.

Das war eine essenzielle Phase für das Projekt: Wir haben – anfangs meist noch via Telefon und Facebook-Messenger – über die akute Situation für Geflüchtete in Berlin diskutiert und Ideen gesponnen. Wir waren uns einig, dass wir etwas verändern wollen – und unseren Kindern eine Welt hinterlassen wollen, in der es zum Beispiel normal ist, dass man aus den verschiedensten Ländern kommt und zusammenlebt. Dabei haben wir uns gegenseitig viel Energie gegeben und gemeinsam etwas entwickelt. Angetrieben hat uns da wohl auch unsere private Lebenssituation. Wir leben beide in binationalen Beziehungen und ziehen unsere Kinder mehrsprachig auf.

Was waren dann die ersten Schritte, die zur Gründung geführt haben?

Mandy Seidler: Als erstes haben wir sehr schnell eine Facebook-Seite eingerichtet und damit unsere Idee in die Welt gebracht. Und die Nachfrage war riesig!

Hilfreich war eine Anleitung, die wir vom Team des Hamburger Welcome Dinner bekommen haben. Sehr schnell konnten wir dann auch ein Team aus Freiwilligen aufbauen, die Lust hatten, das Projekt mitzugestalten. Geld hatten wir ja anfangs noch gar nicht, also mussten wir Anfangsinvestitionen wie den Flyerdruck selbst vorfinanzieren.

Mein Freund und ich haben natürlich auch erst mal selbst ein Welcome Dinner ausgerichtet, um zu schauen, wie es funktioniert. Das war wichtig, weil es gleich zu Beginn unsere eigene Wahrnehmung etwas zurechtgerückt hat: Die Syrer, die wir kennengelernt haben, waren keine hilfebedürftigen Menschen aus einem unterentwickelten Land – sie waren gut ausgebildet, hatten Berufserfahrung und hatten vor ihrer Flucht ein Leben wie wir auch. Die Menschen persönlich zu treffen und solche Gespräche zu führen, hat einfach Augenhöhe hergestellt. Außerdem haben wir gemerkt, dass ein großer Wunsch der Geflüchteten ist, den Menschen hier zu berichten: „Schaut mal, deshalb sind wir hier! Nicht als Bittsteller oder Hilfesuchender, sondern weil ich in Sicherheit leben und arbeiten möchte.”

So haben wir auch gemerkt, dass wir mit Welcome Dinner Berlin keine Plattform nur für deutsche Helferinnen und Helfer aufbauen dürfen, sondern dass sich dort auch die Geflüchteten selbst wiederfinden sollten. Das Projekt sollte ein Startpunkt für echte Begegnungen sein. Die Webseite mit der Datenbank und dem selbst programmierten Matching-Tool, das Einladende und Gäste zusammenbringt, war dann der nächste Schritt.

Welche Unterstützung hattet ihr in der Anfangsphase?

Mandy Seidler: Eine wichtige Rolle spielten die Unterstützer und Mentoren, die gerade in der Anfangsphase auf uns zugekommen sind. So ist zum Beispiel ganz einfach der Kontakt zur Rotary Stiftung Berlin entstanden, weil ein Mitglied, der RBB-Moderator Sascha Hingst, uns angesprochen hat. Und auch der Paritätische Wohlfahrtsverband hat uns direkt kontaktiert und Unterstützung angeboten. Daraus ist ein richtiges Mentoren-Verhältnis mit Anne Jeglinski, der Leiterin der Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen geworden, was uns sehr geholfen hat – gerade wenn es mal darum ging, Unterstützung jenseits von offiziellen Strukturen und Wegen zu bekommen. So wurde uns auch dabei geholfen, Büroräume zu finden. 2016 sind wir nach der Vereinsgründung dann auch Mitglied geworden.

Der Start lief also recht glatt. Was war euer Erfolgsrezept?

Mandy Seidler: Wir haben mit Welcome Dinner Berlin auch einfach den Zeitgeist getroffen. Die Leute wollten etwas tun und waren auf der Suche nach einer Möglichkeit, wo sie ganz direkt unterstützen können. Das war gewissermaßen ein Trend zu der Zeit, der uns genutzt hat.

Trends kommen und gehen. Was bedeutet das für die Arbeit mit einem ehrenamtlichen Team?

Mandy Seidler: Es war und ist unheimlich wichtig, dass es motivierte Ehrenamtliche gibt, die alles gestartet und vorangebracht haben. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht reicht: Bei Ehrenamtlichen kann man sich nicht darauf verlassen, dass sie sich dauerhaft einbringen – man kann also nicht so planen, wie man es für die Stabilität des Angebots müsste. So kamen wir auf die Idee zwei Stellen zu schaffen, um das Angebot von Welcome Dinner Berlin professioneller und stabiler zu machen. Unser Ziel war es, neben der Geschäftsführung zwei Geflüchtete anzustellen, damit diese auch selbst ihre Perspektiven einbringen können und wir nicht nur für, sondern mit den Neu-Berlinern zusammen arbeiten. Bisher konnten wir zwei der drei Teilzeitstellen realisieren.

Welche Rolle spielte dabei das Stipendium von Social Impact Start?

Mandy Seidler: Dass wir unser Konzept dort in einem Pitch im Herbst 2015 vor einer Jury und vielen Gästen vorstellen konnten, war natürlich sehr motivierend. Auch das Mentoring und die Begleitung im Rahmen des Stipendiums waren eine wichtige Unterstützung. Wir waren uns allerdings unsicher, ob die Beratung wirklich für uns passt. Das Ziel beim Social Impact Lab ist die Förderung von Social Start-ups und die Überführung in ein Geschäftsmodell, so dass sie sich selbst finanzieren können. Es wurde also von uns gefordert, dass wir ein Wirtschaftskonzept entwickeln, mit Unternehmen zusammenarbeiten etc. Das hat aber irgendwie gar nicht zu unseren Zielen gepasst – wir wollten kein Unternehmen gründen.

Es war sehr hilfreich, dass wir dabei unterstützt wurden, unserer Initiative schnell eine Rechtsform zu geben. Nur wollten wir eben keine gGmbH oder ähnliches gründen, sondern einen Verein. Das passt einfach viel besser zu unseren Strukturen, die auf Teilhabe ausgerichtet sind. Bei den bürokratischen Prozessen rund um die Gründung wurden wir dann wieder vom Paritätischen unterstützt. Die Vereinsgründung war ja auch Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Verband.

Ihr seht euch also nicht als klassische Sozialunternehmer? Wie stellt ihr euch stattdessen die Finanzierung eurer Angebote vor?

Mandy Seidler: Wir schauen seit unserer Gründung, welche Fördergelder wir für unser Projekt bekommen können. Über den Paritätischen haben wir da einige Möglichkeiten. Außerdem bemühen wir uns um eine längerfristige Förderung durch die Rotary Stiftung und den Senat. Gerade in der Anfangsphase war es toll, dass Hilfe für Flüchtlingsprojekte zum Teil ganz schnell und ohne bürokratische Hürden gezahlt wurde. Komplizierter ist das in der jetzigen Phase, in der wir eine stabile Finanzierung der hauptamtlichen Mitarbeiter brauchen.

Wir haben eine Stelle für mich geschaffen, so dass ich seit September 2016 als Geschäftsführerin mit anfangs 20, jetzt zehn Wochenstunden für den Verein tätig sein kann. Gerade bin ich in Elternzeit, aber wir haben eine engagierte Vertreterin für mich gefunden. Außerdem haben wir einen weiteren Angestellten, Hosein Fahed. Hosein ist selbst aus Syrien geflüchtet und lebt seit 2015 in Deutschland – er weiß also, was für Geflüchtete wichtig ist, was sie brauchen, und hilft uns besonders, manch interkulturelles Missverständnis zu verstehen und aus dem Weg zu räumen.

Mit unserer neuen Rolle als Arbeitgeber sind viele neue Aufgaben auf uns zugekommen: Arbeitsvertrag, Sozialversicherung, Urlaubsanspruch...plötzlich hat man richtig Verantwortung für jemanden! Das Problem an vielen Förderungen ist, dass sie keine Personalgelder beinhalten. Das heißt, ich kann damit zwar die Miete für Büroräume bezahlen, aber nicht die Person, die dort arbeitet. Fundraising und Förderanträge werden also für uns ein Dauerthema bleiben.

Der Erfolg von Start-ups ist oft eng mit der Gründerperson verbunden. Wie stellt ihr sicher, dass es das Welcome Dinner Berlin auch in Zukunft gibt? Was tut ihr für die Nachhaltigkeit des Projekts und seiner Wirkung?

Mandy Seidler: Erst einmal stecken wir einige Energie in die Selbstanalyse und die Auswertung, um zu wissen, wie wir wirken und was wir verbessern können. Über die Datenbank hinter der Webseite können wir genau auswerten, was wann stattfindet und wer von uns gematcht, also zusammengebracht wurde. Wir bitten auch alle Teilnehmer um ein Feedback und posten diese auf unserer Facebook-Seite. Außerdem arbeiten wir mit dem Forschungsinstitut Statistik und Ökonometrie der Uni Göttingen zusammen, welches eine Erfolgsanalyse von Integrationsmaßnahmen mit den Teilnehmern der Welcome Dinner durchführt. Wir versuchen also, für die Zukunft zu lernen, um unser Angebot noch besser zu machen.

Perspektivisch geht es nicht darum, dass wir Gründer selbst die Organisation weiterführen. Wichtig ist, dass Welcome Dinner weiter besteht und genutzt wird. Dafür ist es essentiell, dass es fest in bestehenden Strukturen verankert ist und selbst stabile Strukturen hat. Für mich ist es beispielsweise klar, dass wir die Sache nicht einfach hinwerfen können, weil wir ja Verantwortung tragen – für unseren Angestellten, aber auch für die vielen Menschen, die das Angebot nutzen.

Wie bleibt das Team denn angesichts der Herausforderungen im Alltag immer motiviert?

Mandy Seidler: Es ist natürlich wichtig, dass die Arbeit einfach Spaß macht. Es ist toll, dass wir uns gut verstehen und befreundet sind – wobei das auch herausfordernd ist, mit Freunden oder dem eigenen Partner zusammenzuarbeiten. Gerade in so stressigen Phasen wie einer Crowdfunding-Kampagne kommt man da wirklich an seine Grenzen.

Wir bemühen uns immer wieder, ganz aktiv den Gemeinschaftssinn aufrechtzuhalten. Dazu gehören regelmäßige Motivationstreffen des Teams ebenso wie spaßige Events und Festivals, bei denen wir Welcome Dinner Berlin vorstellen. Das viele gute Feedback, das wir über soziale Medien bekommen, ist auch sehr hilfreich. Wenn wir wieder mal auf Facebook das Foto von einem Welcome Dinner verbunden mit einem Dankeschön posten können, dann weiß man genau, warum man das Ganze macht.

 

Sie haben Lust bekommen, selbst ein Welcome Dinner auszurichten, daran teilzunehmen, oder suchen weitere Informationen? Mehr dazu unter www.welcomedinnerberlin.de und www.facebook.com/welcomedinnerberlin

 

Nina Peretz ist stellvertretende Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin.

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