Bild: Wilhelmine Wulff/ pixelio.de

Hanfried Wiegel-Herlan Steglitz-Zehlendorf Angekommen in Berlin?!
Mittwoch, 04. März 2015
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Hanfried Wiegel-Herlan Steglitz-Zehlendorf Angekommen in Berlin?!

Privathaus für Flüchtlinge

Vor ein paar Monaten ist unsere Mutter gestorben: Mein Bruder und ich haben unser Elternhaus in Berlin-Lankwitz geerbt, in dem wir aufgewachsen waren. Da wir beide seit geraumer Zeit in eigenen Häusern leben und unsere Kinder es vorzogen, in fußläufiger Entfernung zur Bergmannstraße wohnen zu bleiben, entschlossen wir uns, das kleine Reihenendhaus zu vermieten.

Schnell entstand die Idee, das Haus einer Flüchtlingsfamilie zu überlassen: Unser Vater war Sohn eines Altmärker Bauern und nach dem Krieg zum Studieren nach Berlin gegangen. Als er fertig war, hatten sich die Verhältnisse in seiner Heimat so entwickelt, dass er nicht mehr dorthin zurückkehren mochte: Die DDR hatte ihn vertrieben. Unsere Mutter hatte 1945 an ihrem 21. Geburtstag den ungebackenen Kuchenteig auf dem Küchentisch stehen lassen müssen, um mit ihren Eltern im letzten Zug aus Oppeln (Schlesien) vor den Russen zu fliehen: Mein Bruder und ich, das wurde uns im Verlauf unserer Überlegungen immer klarer, sind also selbst Kinder einer Flüchtlingsfamilie. Dieses Verständnis unserer eigenen Geschichte war, glaube ich, wesentliches Motiv für die Idee, eine Flüchtlingsfamilie in das geerbte Haus zu lassen. Außerdem war unser Elternhaus voll ausgestattet, und wir glaubten, uns wesentliche Teile der Haushaltsauflösung ersparen zu können, wenn dort Leute, die gar nichts haben, einziehen würden; sie könnten einfach hinein und anfangen, dort zu leben.

Schnell fanden wir heraus, dass in Berlin das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) vom Senat mit der Suche nach Wohnraum für Flüchtlinge beauftragt ist. Als ich dort anrief und erklärte, wir wollten unser Elternhaus einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung stellen, konnte die Dame am andern Ende der Leitung das kaum glauben: Wir waren offenbar die ersten in der Stadt, die auf so eine Idee gekommen waren. Deshalb vergewisserte sich das EJF bei einem Lokaltermin zunächst, dass es sich bei dem angebotenen Objekt nicht um eine „Bruchbude“ handelte.

In den nächsten Wochen lernten wir verschiedene Flüchtlingsfamilien kennen, die als Kandidaten für unser Haus ausgewählt worden waren; aus Afghanistan, Libyen, Syrien und Tschetschenien. Anders als wir vermutet hatten, kamen diese Familien aber nicht direkt aus den Bürgerkriegsgebieten ihrer Heimatländer, sondern lebten z.T. schon mehrere Monate oder gar Jahre in Flüchtlingsheimen. Anders als wir erwartet hatten, stieß das Objekt bei den ersten Flüchtlingsfamilien auf eher zurückhaltende Resonanz, wohingegen die Dolmetscher, die bei den Treffen zugegen waren, regelmäßig in Begeisterung ausbrachen. Wir vermuten, dass die in den Heimen gewachsenen Beziehungen zu anderen Familien aus den jeweiligen Herkunftsländern für diese Leute so wichtig geworden waren, dass sie als Folge des Umzugs in das brave, deutsche Lankwitzer Quartier soziale Verluste und Isolation befürchteten.

Schließlich wurden wir aber doch noch fündig: Eine siebenköpfige Familie aus Tschetschenien reagierte sofort positiv. Vaters Augen leuchteten beim Blick in den Garten. Wir wurden schnell einig. Es gab Vereinbarungen mit dem LaGeSo (das die Mietkosten übernehmen musste,) und Unterstützung für die Familie bei der Organisation des Umzugs.

Seit dem 01. Februar lebt die tschetschenische Flüchtlingsfamilie B. nun in unserem Elternhaus. Vorgestern war ich zur Klärung einiger Fragen mit Herrn B. verabredet. Als ich kam, standen 6 Kinder am Gartentor: drei davor, drei dahinter. Sie hatten offenbar viel Spaß miteinander: Immer wieder wunderbar zu sehen, wie schnell Kinder miteinander in Kontakt kommen; die jeweilige Herkunft ist ihnen offenkundig völlig egal. Ich wurde freundlich hereingebeten. An der Anzahl der Schuhe, die im Eingangsbereich standen, war zu erkennen: Hier läuft man auf Socken. Das Wohnzimmer war in lindgrün gestrichen, auf dem Boden lag ein heller, weicher Teppichboden, der Bücherschrank stand auf der anderen Seite des Raumes. Alles machte den Eindruck, dass sich hier Leute behutsam, aber mit eigenen Vorstellungen heimisch machen wollen. – Herr B. hatte sich gut vorbereitet: Alle Unterlagen zur Gas- und Stromversorgung hatte er parat, auch die Police für die Haftpflichtversicherung. Die Verständigung gelingt nur über die älteste Tochter (13 Jahre), die ziemlich gut Deutsch spricht. Herr B. will demnächst einen Deutschkurs besuchen, weil er sich endlich selbst verständigen möchte.

Wenn man mit Leuten zu tun bekommt, mit denen man sich sprachlich nicht verständigen kann, verändert sich die Wahrnehmung (zumal man nicht weiß, ob die Dolmetscher richtig übersetzen). Deshalb fast zum Schluß eine kleine Episode, aufgrund derer wir zu der Einschätzung gelangt sind, dass Familie B. die richtige für unser Haus ist: Bei unserem ersten Treffen vor Ort öffnete ich die Terrassentür, damit alle hinaustreten und den Garten ansehen konnten. Als wir zurückgingen, bemerkte Herr B. auf der Stufe vor der Terrassentür ein kleines Messer (das unsere Mutter immer zum Abschneiden von verblühten Rosen benutzt hatte). Er hob es auf, wohl weil er meinte, dass es dort nicht hingehöre, und legte es drinnen auf eine Kommode. Ich habe das als ein Zeichen von Sorgfalt gedeutet; Und am Ende noch eine Geschichte zum Integrationswillen: Bei der ersten Hausbegehung kamen wir auch irgendwann auf den Dachboden, wo das untere Ende der TV-Antenne, die noch aus den 80er Jahren stammt, zwischen den Sparren nach unten ragte. Ich sagte zu Herrn B., er könne sich gern eine Schüssel aufs Dach montieren, wenn er mal russisches Fernsehen schauen wolle. Er erwiderte, er brauche keine Schüssel: Er wolle nur deutsche Programme sehen, weil er dann besser Deutsch lernen könne.

Der Autor ist Mitglied im Vorstand des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. 

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