Ralf Paniczek, Eva-Maria Lemke und Claus Kleber auf der republica 2017 über Fakes, Leaks und Desinformation - Verlässlicher Journalismus im Nachrichtensturm. Foto: Anne Beyer

Anne Beyer
Anne Beyer Sozialwirtschaft erklärt Medienkompetenz Qualifizierung & Fachlichkeit Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Montag, 08. Mai 2017
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republica 2017: Tag 1

Das Team von jugendhilfe-bewegt-berlin unterwegs auf der republica #rp17

Morgens 10:20 Uhr. Kollege Siebenmorgen hat mir vor einer knappen Stunde geschrieben, der Check-in ginge schnell. Aber ich bin leider etwas zu spät und schon als ich aus der U-Bahn steige sehe ich die Schlange. Ich brauche eine Dreiviertelstunde.

Drinnen, dem eisigen Berliner Mai entkommen, bin ich erst einmal lost in space. Die Bühnen haben nicht nur Ziffern, auch noch Buchstaben, Buchstaben-Ziffern-Kombinationen, es gibt bestimmte Bereiche, manches davon finde ich nicht auf dem Plan, die App versagt zumindest bei mir, wenn ich die "Stages" im Lageplan finden möchte. Aber alle sind hilfsbereit und so finde ich dann doch noch mein Ziel. Von der Eröffnung bekomme ich leider nur noch die Schlussworte mit. Die Eröffnungs-Keynote stand ganz im Zeichen von Demokratie und Meinungsfreiheit. Angesichts von Fake News, Hate-Speech und fragwürdigen politischen Machthabern in der ganzen Welt ein heeres Ziel (kleine Vorausschau: Es kamen vielerorts Trumpwitze).

Erste Session, die ich besuche: „Ein Plädoyer für anständiges Community Management“ mit Vivian Pein, Lutz Staacke, Tanja Laub, Ulrich Gelsen. Alle drei bei diversen Unternehmen für eben dieses zuständig. Die Quintessenz, die mich heute durch alle Vorträge tragen wird: Der Ton ist rauer geworden in den Sozialen Medien. Auch bei den Moderatoren und Unternehmensverantwortlichen. Vivian Pein fragt ganz gezielt: „Seit wann ist es legitim geworden, sich für Klicks und Likes herablassend über andere Menschen zu äußern?" Den Leuten sei es egal, ob sie da mit Klarnamen stünden. Lutz Staacke unterstreicht das mit dem Beispiel aus Korea, wo ein Gesetz zur Klarnamensnennung verpflichtet: „Die Kommentare blieben rau." Viele Menschen glauben, das Netz sei ein rechtsfreier Raum. Wie Sie damit umgehen würden, jeden Tag auf solche Kommentare reagieren zu müssen? "Mit Alkohol", meint Lutz Staacke. „Nein, das war ein Scherz. Aber wir haben bei uns einen Fancy Friday, wo das ganze Team etwas anderes unternimmt.“ Gelsen ergänzt: „Von Wilhelm Busch stammt der schöne Satz ,Bist du wütend, zähl bis vier. Hilft das nicht, dann explodier.“ Rücksprache mit den Kollegen helfe aber auch. Und eine passende Songliste, die man bei Bedarf abspielen könne. „Kennen Sie den Song ,Jede Zelle meines Körpers ist glücklich'?“ Plein ergänzt: „Man verliert manchmal schon den Glauben an die Gesellschaft, man muss sich dann immer vor Augen führen, dass das nur ein Ausschnitt ist.“ Gelsen: „Wir haben bei uns eine Wall of Happiness in der Redaktion von O2 Deutschland. Da haben wir all die netten Kommentare ausgedruckt und hingehängt. Manchmal muss man sich das hin und wieder durchlesen.“ Es folgen einige Worst Case und Best Case Beispiele. Unternehmen, die sich herablassend über Kritik äußerten und Unternehmen, die sehr gut reagierten. Kritisiert wurden auch aus dem Publikum sowohl die Welt als auch die BVG. Einen Lacher gab es, als von beiden verantwortliche Redakteure sich meldete und rechtfertigten. Wichtig blieb den drei Moderatoren:

  • Fehler zugestehen
  • auf Augenhöhe mit den Usern bleiben
  • Kritik ernst nehmen
  • manchen helfe es schon, gehört zu werden
  • auf die User eingehen
  • eine feine Trennlinie zwischen Humor und Sarkasmus, den man selten verstehe im Netz
  • Persönlichkeit einbringen
  • Kraft der Schwarmintelligenz nutzen, Fürsprecher finden, Beispiel der Facebook-Gruppe #ichbinhier, die gezielt Hasskommentare im Netz suche und dagegen angeht (ich bin übrigens wie Tausende andere auch in dieser Gruppe und engagiere mich in meiner Freizeit)
  • Man darf Kommentare, die nicht der Netikette entsprechen auch löschen

Was mich zum Nachdenken brachte, war der Kommentar des bgv-Redakteurs (Kampagne #weilwirdichlieben). Er meinte, man müsse sich die User auch erziehen. So wie es in den Wald hineinschallt, schalle es eben auch heraus. Und kämen freche Kommentare, würden sie eben genauso frech zurückschreiben. So könne man vielen den Wind aus den Segeln nehmen. Ich muss selbst sagen, dass ich den Facebook-Account der BVG in Sachen Humor und Schlagfertigkeit sehr schätze. Andererseits ist es eben diese "Berliner Schnauze" die mir als Norddeutsche manchmal zu schaffen macht. Etwas mehr Feingefühl vermisse ich da manchmal. Meinem Gesellschaft- und Selbstbild entspricht es zumindest nicht, dass ich meine Leser "erziehen" wollen würde. Aufklären ja. Aber wir sind doch alle erwachsene, mündige Bürger.

Nach einem Kaffeeplausch mit den Kollegen gehe ich zum Vortrag „Mapping Facebook's Algorithmic Empire“. Die gezeigten hübsch animierten Prezi-Folien sind so detailliert, dass ich kaum etwas lesen kann. Was ich behalten habe aus den hochkomplexen Datenkraken-Fakten des größten Sozialen Netzwerkes: Bei jedem Klick, den ich dort mache, tracken meine Daten 20 Analysesysteme für Besucherverhalten und schicken meine Daten an 30 Unternehmen weltweit, die diese Daten auswerten, speichern und weiterverkaufen. "What a waste of energy!" Mir wird etwas kalt bei dem Gedanken...

Danach treffe ich mich mit Barbara Brecht-Hadraschek zur kleinen Runde des BAMF: „Das BAMF in den Sozialen Medien: Unser Umgang mit Hate Speech und alternativen Fakten“. Was die zwei jungen Damen an Beispielen an die Wand schmeißen, ist erschreckend, menschenverachtend und zum Teil verstößt es gegen Gesetze. „Das zeigen wir auch an und löschen wir.“ Nur 2,5 Planstellen kümmern sich um alle Social-Media-Kanäle des BAMF. Es ist beeindruckend, welch "dicke Haut" (Zitat) die drei jungen Frauen aufgebaut haben. Gerade bei den sensiblen Themen Geflüchtete und Asyl. "Da kommen von beiden Seiten schwierige Kommentare. Da gibt es einerseits die Rechten und Rassisten. Auf der anderen bekommen wir sehr persönliche Anfagen zu Asylanträgen." Ihre Stragie sei es, Gesicht zu zeigen und Persönlichkeit. Dann kämen weniger Hasskommentare. Zurück zur Sachlichkeit sei ihre Devise. Aufklärung das Ziel. Und die Unterscheidung von Meinung und Hass. Mein Respekt!

Der letzte Vortrag, den ich mir heute anhöre, ist der gut besuchte mit den ZDF-Redakteuren: Eva-Maria Lemke, Claus Kleber und Ralf Paniczek: „Fakes, Leaks und Desinformation - Verlässlicher Journalismus im Nachrichtensturm“. In einem kurzen und prägnanten Filmchen geht es zunächst darum, was Social Bots und Fake News überhaupt sind. Nach kurzen Statements geht es ziemlich schnell in die Diskussion mit dem Publikum. Kleber: „Es gibt kaum eine Möglichkeit, Fake News zu verhindern. Es gibt nur große Medienhäuser wie z.B. die New York Times, wo man darauf vertrauen kann, dass das eine verlässliche Quelle ist. Die auch Fehler eingestehen.“ Fake News seien auch nichts neues. Nur die Dimensionen sind heute andere. Die drei stellen auch fest, dass Fake News eher geglaubt wird, wenn es dem Weltbild der User entspricht. Kleber: „Und Fake News sind keine ,Fehler', sondern ,Um-zu-Nachrichten', die mit Absicht gestreut werden, um zu täuschen und anderen zu schaden.“ Beeindruckend finde ich Klebers Schilderung, wie er selbst mit Anschuldigungen umginge auf Twitter. Hier wird deutlich, wie wichtig angesichts von "Lügenpresse"-skandierenden Massen, die Zurücknahme des eigenen Egos der Journalisten wird. „Mir juckt es nachts schon mal in den Fingern, dem ein oder anderen eine gepfefferte Antwort zu geben. Aber dann schaue ich mir deren Profile an mit 20 oder 50 Followern und denke ,Warum sollte ich das jetzt an meine 260.000 Follower verbreiten?'" Seit Trump wisse man ja, wie schnell nächtliche Schnellschüsse auf Twitter funktionieren (hier ist er, der Trumpwitz).

Wichtig wird in dem Vortrag vor allem, dass es neue Dynamiken gibt, wie Themen gesetzt werden. Deutlich wird auch die Misere, in der sich der Journalismus befindet hinsichtlich der rasend-schnellen Verbreitung von News über die Sozialen Netzwerke: Auf der einen Seite könnte man einen Trend verpassen, ein wichtiges Thema nicht schnell genug kommunizieren. Auf der anderen Seite müsse man manche Dinge erst einmal beobachten, in der Tiefe recherchieren, und manche Themen dürfe man vielleicht gar nicht erst füttern. Lemke bringt das Beispiel der Fake News, dass durch die Geflüchteten sich Krankheiten wie die Krätze in deutschen Kitas wieder vermehrt ausbreiten würden. "Wir haben durch Experteninterviews z.B. mit dem Robert Koch-Institut diese Gerüchte widerlegt. Trotzdem hat sich das dann erst in den Köpfen der Leute festgesetzt und das Institut bekam im Anschluss zahlreiche besorgte Anfragen.“

Das erinnert mich ein bisschen an den Artikel über Impfangst auf www.spektrum.de, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. Darin hieß es: „Der menschliche Verstand neigt dazu, all das zu suchen und im Gedächtnis zu bewahren, was die individuellen Überzeugungen bestätigt. Dagegen ignorieren oder vernachlässigen wir Hypothesen, die diesen widersprechen. So finden wir in der Zeitung stets Argumente für unsere Meinung, indem wir selektiv das wahrnehmen, was unserer Ansicht entspricht. Dieser "Bestätigungsfehler" schleicht sich unbewusst ein und wird durch Vertrautheit begünstigt: Wenn wir eine Nachricht immer wieder lesen, glauben wir sie irgendwann, weil wir dazu tendieren, wiederholte Informationen als wahr zu betrachten. Die Gefahr, einem Irrtum aufzusitzen, lauert also hinter jeder Ecke.“

Das Thema war denn auch Gesprächsstoff für unsere kleine Runde: Können wir unsere Filterbubbles überhaupt verlassen? Glaube ich an diese Filterblasen?

Aber ich schweife ab. Claus Kleber berichtete weiter noch, wie erschreckend es für ihn sei, dass selbst den Öffentlich-Rechtlichen wohlgesonnene Menschen oft eine falsche Vorstellung von der Arbeit der Journalisten hätten. „Viele denken, Interviews mit Politikern seien vorher abgesprochen. Um das klarzustellen: Wir sehen uns in einem antagonistischen Verhältnis zur Politik. Ich würde den Teufel tun, mit denen meine Strategie vorher zu besprechen!“ Genau diese falschen Vorstellungen seien der Sumpf, auf dem die Lügenpresse-Geschichten dann aufgingen. Manche dieser Kritiker wollten aber nur gehört werden und seien dann plötzlich sogar sehr nett, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt.

Fazit: Der Faktencheck alleine reiche nicht aus. Das Diffuse sei sehr gefährlich.

„Wir sind überfordert, wenn wir uns als Psychotherapeuten der Gesellschaft sehen. Wir müssen uns aber mehr anstrengen. 10 % mehr Klarheit und Glaubwürdigkeit kosten uns 50 % mehr Arbeit.“ Kleber

 

Ein Tag, der mir viel zum Nachdenken gegeben hat. Denn viele der Themen betreffen auch Organisationen der Sozialwirtschaft, die sich in den Sozialen Netzwerken mit Hass, Falschinformation und Kritik auseinandersetzen MÜSSEN.

Morgen früh gehts weiter!

 

Mein Kollege Michail Siebenmorgen hat mir später noch diesen Text nebst Bildern geschickt:

 

 

Re:publica: ersterTag - Nachtrag

 

Ich bin am ersten Tag der re:publica noch bis zum Abend geblieben. Nach den Vorträgen gibt es zwar immer noch Musikveranstaltungen, aber irgendwann möchte ich auch mal wieder zu meiner Familie. Die re:publica ist sowieso schon immer eine Veranstaltung zwischen Konferenz und Festival. Aber den Höhepunkt des heutigen Abends will ich mir nicht entgehen lassen.

Der Vortrag vor Sascha Lobo auf der Stage 1 behandelte die sexuelle Revolution 2.0, wobei Friedemann Karig,, der Vortragende, schon gleich eingangs erklärte, dass, wer seinen Vortrag höre und einfach sitzenbliebe, auf jeden Fall einen Sitzplatz für Sascha Lobo habe. Das mag bei einigen tatsächlich der Grund zum Bleiben gewesen sein, aber sie bekamen auf jeden Fall einen kurzweilig, launigen Vortrag über dies Art des Liebens in der digitalen Welt mit. Nur soviel dazu: das monogame Miteinander von Mann und Frau war nicht zu allen Zeiten das bevorzugte Modell von Beziehungen. Auch dass zu späteren Vorträgen (ab 19.00 Uhr) man ruhig ein Bier trinken könnte, stellte Friedemann Karig klar. Ein weiterer Punkt, der die Mischung aus Konferenz und Festival verdeutlicht.

Als nun Sascha Lobo, der große Interneterklärer mit rotem Irokesen und schwarzem Anzug auf die Bühne kam, waren die Stühle vor der Bühne restlos besetzt und auch drumherum drängte sich das Publikum. Vom Reden im Netz handelte der Vortrag und er beschrieb einen Selbstversuch, dem sich Sascha Lobo über ein Jahr lang ausgesetzt hatte. Er hatte im Internet mit rechtsgesinnten Menschen diskutiert und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen.

Nicht all seine Erkenntnisse haben mich vollends überzeugt. Auch waren nicht all seine Aussagen politisch Korrekt. Aber insgesamt war sein Vortrag durchaus unterhaltsam und sein Appell, in den Diskussionen höflich zu bleiben, den Gegenüber ernst zu nehmen und in der Diskussion zu bleiben, klang durchaus überzeugend. Er stellte dabei auch klar, dass es in keinem Fall darum geht, rechtsextreme Aussagen zu akzeptieren oder gutzuheißen, jedoch sollte eben nicht zurück gehetzt werden, sondern eher versucht werden, eventuell unentschlossene Menschen wieder in einen demokratischen Rahmen zu ziehen. Er umschrieb das mit einer Insel, die in einem autokratischen Meer zu versinken droht, auf die man die Menschen zurückholen müsste. Dazu teilte er die rechtsgerichteten Leute in mehrere Gruppen ein, die vielleicht nicht wissenschaftlich untermauert, aber für die Zuhörer nachvollziehbar waren.

Letztendlich gab er fünf Ratschläge zum Umgang mit rechtem Gedankengut im Netz, setzte aber auch auf eine "Zangenstrategie", wie er es nannte. Neben der ernsthaften und höflichen Beteiligung an Diskussionen lobte er auch die jeweiligen Gegendemonstrationen rechter Kundgebungen. Es sei neben der Diskussion genau so wichtig, den Rechten eine klare Kante zu zeigen und klar zu machen: bis hierhin und nicht weiter!

Mit ZDF_neo hat er dazu einen Film gemacht, der am 18. Mai gesendet wird.

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