Das Team von Jugendhilfe bewegt Berlin war auf der republica 2018. Hier berichten Michail Siebenmorgen, Barbara Brecht-Hadraschek und Anne Beyer.

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Montag, 07. Mai 2018
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re:publica 2018: 3 Tage voller Eindrücke

Das Motto der diesjährigen re:publica lautete POP: Power of People. Es ging vom vom 2. bis 4. Mai um Algorithmen, um technische Innovationen im Netz, aber auch um Hate Speech und um einen möglichen Rechtsruck in der Gesellschaft. Hier fasst das Redaktionsteam zusammen, was uns am meisten beeindruckt hat, was wir gelernt haben und warum es so wichtig ist, sich im Netz zu engagieren.

Von der republica 2018 berichten: Barbara Brecht-Hadraschek, Michail Siebenmorgen und Anne Beyer:

Tag 1

Danah Boyd – Opening Keynote: How an Algorithmic World Can Be Undermined

Algorithmische Technologien und selbstlernende Systeme unterstützen nicht unbedingt eine soziale Welt. Diese Systeme hängen oft von dem Verhalten der „normalen“ Menschen ab, die sich nicht unbedingt so verhalten, wie es erwartet wird. Die meisten Algorithmen kümmern sich z.B. nicht um jedwede Minderheiten. Nicht aufgrund irgendeiner Moral, sondern einfach weil sie automatisch auf mehrheitliches Verhalten reagieren. So funktionieren z.B. Suchmaschinen, die zu oberst die meistgeklickten Antworten anbieten. Da diese Technologien in allen Teilen unser Gesellschaft enthalten sind, ist es wichtig, diese Sicherheitslücken zu erkennen und damit umzugehen.

 

Opening Fireside Chat with Chelsea Manning

Was die Whistleblowerin, Transfrau, ehemalige Angehörige der US-Streitkräfte und IT-Spezialistin zu erzählen hatte, war durchaus sehr persönlich und umfasste nicht nur technische Themen. Auf Fragen, warum sie ihrer Meinung nach bei den klassischen Medien damals kein Gehör fand, antwortete sie auch ganz ehrlich: Es wäre etwas schwierig gewesen, den Journalisten der Washington Post das Thema Encoding zu vermitteln. Auch auf ihre Rolle als Role Model sowohl in der Trans-Community als auch auf das Thema Whistleblowerin angesprochen antwortete sie recht bescheiden, sich selbst nicht als Role Model zu sehen, sondern rief dazu auf, lieber in der eigenen näheren Umgebung nach Role Models Ausschau zu halten. „Listen to experiences you don't have. Listen to immigrants, listen to black people!" Sie forderte auch Entwickler dazu auf, einen eigenen Berufsethos zu entwickeln, damit sei die Gesellschaft überfordert. Algorithmen seien eben nicht neutral. Zum Schluss dankten ihr viele Menschen im Publikum für ihre Courage und es gab Standing Ovations.


Ranar Yogeshwar – Mensch und Maschine – wer programmiert wen?

Ein kurzweiliger Gang durch die Evolution, angefangen bei den Einzellern über Siri, Alexa bis hin zu selbstfahrenden Autos. Dabei erklärt der Wissenschaftsjournalist und Moderator auch anschaulich, wie die Entwicklung immer schneller voranschreitet. Dauerte es beim Wählscheibentelefon z.B. noch 75 Jahre bis es über 100 Millionen Nutzer hatte, dauerte es bei facebook nur noch viereinhalb Jahre und bei einer neueren Spiele-App nur noch anderthalb. Auch untermalt Yogeshwar dieses Phänomen mit Bildern von Rechnern aus dem Rechenzentrum seiner Studienzeit und vergleicht dabei die damaligen Großspeicher mit 500 MBit und sein heutiges Smartphone mit 256 GB Speicher. Rangar Yogeshwar steht der technischen Entwicklung durchaus positiv gegenüber, wenn er auch die möglichen Nachteile benennt. Wenn man dieser technikfreunlichen Einstellung folgt, kann man auch dem Gedanken folgen, dass nicht das es nicht an neuen großartigen Entwicklungen mangelt, sondern oft die Angst vor dem Loslassen des Alten vorherrscht.

Dass wir durch die technische Entwicklung heute in die Lage versetzt werden, uns an der Gestaltung der Welt direkt zu beteiligen, sollten wir dies auch zur Bekämpfung von Armut einsetzen und für die Menschen, die von dieser Entwicklung völlig ausgeschlossen sind.

Zum Abschluss gibt der beliebte Welterklärer uns noch einen Ausblick auf die nahe Zukunft, in der sich ein Buch, welches wir auf einem Reader lesen mehr und mehr in unser Leben einmischt, bis hin dazu, dass es bei uns Krankheiten diagnostiziert, auf die wir dann mit der richtigen Therapie reagieren und gar die Entwicklung von Alzheimer rückgängig machen kann. Das alles belegt er auch noch mit aktuellen Studien und Untersuchungen, die uns solch eine Zukunftsversion – natürlich im besten Sinne – vorstellen lässt.

Wie auch sonst vor dem Fernseher fühle ich mich nach dieser Session nicht nur gut unterhalten, sondern auch ein ganzes Stück schlauer als zuvor.


Tag 2

Rechtsruck in Deutschland – Linksabbiegen (un)möglich?

Marco Bülow, Julia Ebner, Johannes Hillje, Elisabeth Wehling

Eine sehr spannende Gruppe aus der Sprachwissenschaftlerin Wehling, der Extremismusforscherin Ebner, dem SPD-Politiker Bülow und dem Politik- und Kommunikationsberater Hillje. Besonders Frau Wehling beeindruckte mit ihrer Analyse: Sprache sei nie unschuldig, sondern würde immer in Frames ablaufen. Kommunikation sei immer eingebettet in Deutungsraster. Und das wäre gerade bei den Rechtspopulistischen Themen deutlich. Besonders anfällig für die Themen wie Sexismus, Rassismus und Armutsklischees seien jene Menschen mit einem direkt kausalen Denken (DIE sind schuld). Zu progressiven Lösungen käme man nur durch komplexe Lösungen. Sie rief dazu auf, bestimmte politische Themen einfacher zu kommunizieren. „Wir müssen Wasser, Erdboden und Luft schützen ist konkreter und einfacher als zu sagen, wir müssen die Umwelt schützen.“ Es sei wichtig, konkreter zu werden mit sprachlichen Bildern. Erschrocken haben mich die Einblicke, die Julia Ebner in die rechtsradikale Szene bot. Im Rahmen ihrer Forschungen beschäftigt sie sich mit Online-Radikalismus, Wahlmanipulation und Hass im Netz und hackte sich dafür auch regelmäßig in Insider-Foren und -Chats ein. Der Grad der Professionalisierung, der hier unter Rechtspopulisten beschrieben wurde von ihr, war erschreckend. Es gäbe z.B. Handbücher, wie kommuniziert und manipuliert werden sollte. Hillje bestärkte sie darin, indem er noch einmal verdeutlichte, wie der Erfolg von AFD und Pegida zustande gekommen sei. Beide hätten z.B. das Internet als ersten Kommunikationsweg gewählt und hier auch viele Ressourcen hineingesteckt. Sie böten einfache Lösungen und hätten gegenüber den eher strukturkonservativen Altparteien etwas Neues geboten, das viele Leute attraktiv finden. Alle Beteiligten machten deutlich, dass der neue Rechtspopulismus ein globaler Trend sei, der sich gegen das Establishment richte. Es würden gerade in Deutschland Strategien gefahren, um nicht als antismetisch zu gelten und es gäbe bei Kundgebungen z.B. Vorschriften für die Mitglieder, sich möglichst dem Mainstream anzupassen – auch kleidungstechnisch.

Die neuen Rechten führen eine raffinierte Internetstrategie als Narrativkrieg, um die Agenda der Themen zu bestimmen und bestimmte Begriffe gängiger zu machen. In den Privatchats dagegen sehe es weit weniger „harmlos“ auf. Von Aufrufen zu Gewalt bis zu extremistischen Texten wie „Mein Kampf“ und rassistischer Rassenlehre würde hier vieles geteilt. Öffentlich würden vor allem Themen gefahren, die die Angst in der Bevölkerung schüren sollten, wie Terrorismius und Immigration. Diese Strömungen böten eine kollektive Identifikationsbildung, die gerade für jene, die sich sonst in der Opferrolle sähen, sehr attraktiv sei. Was man dagegen unternehmen könne? Wichtig ersahen es alle Beteilgten, sich nicht nur in die reaktive Rolle versetzt zu sehen und die Narrative der Rechten aufzugreifen, sondern eigene Themen zu setzen, Haltung zu zeigen – vor allem auch in Alltagssituationen wie einer Taxifahrt oder am Imbissstand. Es könne nicht sein, dass im WDR diskutiert werden sollte, ob man noch Neger sagen dürfe. Es sei ganz wissenschaftlich nachgewiesen, dass es einen Unterschied mache, ob man Negerkuss oder Schokokuss sagen würde. Die Frage sei eher: „Dürfen wir über Sprache hassen?"


Wie Wissen im Netz funktionieren kann: „Terra X“ bei YouTube

Friederike Haedecke, Mirko Drotschmann und Harald Lesch

Dass Kinder und Jugendliche lieber YouTube-Videos schauen anstatt Sendungen im Fernseher zu verfolgen, setzt sich immer mehr auf beim öffentlich rechtlichen Rundfunk, in diesem Fall dem ZDF durch. Dass der wirklich kluge Erklärer für wissenschaftliche Sachverhalte, Harald Lesch, zum YouTuber wurde, fand er auch selbst sehr erstaunlich. Aber außer dass die kurzen YouTube-Clips besser z.B. auch im Schulunterricht einsetzbar sind als 45-minütige Sendungen, waren für mich nicht viele neuen Erkenntnisse dabei. Kleine, nette, aber aussagekräftige Geschichte am Rande: Herr Lesch wird von einem Kind angesprochen, dass sagt, er sei doch der von YouTube. Aber eine Frage hatte das Kind dann doch noch: „Was ist denn eigentlich diese ZDF?“


Der Innovationsfonds der Berliner Kulturverwaltung: Digitale Entwicklung im Kulturbereich

Klaus Lederer, Julian Kamphausen, Thorsten Zimmer, Thorsten Koch, Elena Kountidou und Nicolas Zimmer

Vorgestellt wurde ein neuer Fonds der Kulturverwaltung, der die Digitalisierung im Kulturbereich befördern soll. So ganz klar wurde nicht, wo angefangen werden soll. Ob es um VR-Führungen durch Museen gehen soll, oder um eine Neuorganisation des digitalen Kartenverkaufs oder erst mal eine Kompetenzschulung für Kulturschaffende. Es wurden sehr viele Baustellen der Digitalisierung des Kulturbereichs genannt. Mit 750.000 Euro soll bis Ende 2019 gefördert werden. Jedoch ist, denke ich noch viel Innovation gefragt, um zu wissen, wo es hingehen soll.

99 ganz legale Netzbastel-Tricks – Moritz Metz

Eine Radiosendung mit Basteltipps hört sich erst mal sehr skurril an. Genau so skurril sind auch die Tipps selber. Dass z.B. Europaletten die neuen Möbelbausteine für Hipster sind, wissen wir schon. Aber statt daraus einen Tisch zu bauen, aus einem Tisch eine Europalette zu bauen ist schon eine verrückte Idee. Viele weitere interessante Basteltipps reihen sich zu einer kurzweiligen Session, die eine Abwechslung von den sonst so inhaltsschweren Vorträgen bietet und so auch ganz erholsam ist.

 

Tag 3

Nach Nizza und München – Anatomie eines Shit-Tsunamis

Richard Gutjahr, Markus Kompa

Nach der Berichterstattung vom dem LKW-Terroranschalg in Nizza sowie dem Amoklauf in München geriet Gutjahr und seine Familie ins Versier von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Neonazis. Es erschienen über ihn auf allen Plattformen verleumderische Beiträge, Fotos und Videos u.a. mit Privatfotos seiner Tochter, auf Amazon sind Bücher über ihn zu finden von einschlägig rechtspopulistischen Verlagen und die Täter betrieben „Doxing“: So viel wie möglich an privaten Infos über das Opfer herausbekommen. Gutjahr wurde z.B. zugeschüttet mit nicht bestellten Waren. Nachdem er bei der Polizei Anzeige erstattet hatte, wurden sämtliche Strafverfahren alsbald eingestellt. Es könnte nicht nachgewiesen werden, wer die Täter seien (trotz Klarnamen, trotz IP-Adresse). „Das macht was mit euch, wenn man jeden Tag liest: Stirb!“ Gutjahr wollte schon aufgeben und sich ganz aus dem Netz zurückziehen, als ein gewisser Lenny Pozner aus Conneticut sich bei ihm meldete, der seinen 6-jährigen Sohn bei einer Schulschießerei verloren hatte und seit 5 Jahren gegen Verschwörungstheorien kämpft, die behaupten sein Sohn hätte nie existiert.

Als Gutjahr die Audiospur von Lenny einspielte, der seine Geschichte erzählte, musste wohl jeder im Saal schlucken. Lennys Rat lautete: „Fight back! Remove the content because it will spread!“ Und so suchte sich Gutjahr einen Anwalt – Markus Kompa – spezialisert auf Urheber- und Medienrecht – und verklagte Einzelpersonen und Organisationen. Eben jener Kompa erläuterte auf der Bühne in schönstem trockenen Juristendeutsch, was für einige Lacher sorgte, wie sie gegen die verleumderischen Behauptungen vorgingen. Erfolgreich. Auf die Bitte seines Anwalts hin: „Richard, lass dich doch mal bitte von Leuten beleidigen, die reich sind“, verklagten sie erfolgreich den rechtspopulistischen Kopp-Verlag, der mit 10 Mio. Euro Jahresumsatz deutliche Meinungsmache betreibt. Kurze Zusammenfassung: Alle Fälle wurden gewonnen und zum Schluss sperrte sogar YouTube (endlich) (allerdings nur für den deutschen Raum) die einschlägigen Videos über Gutjahr. Auch hier wieder der Appell von Gutjahr: „Einen rosa Elefanten beseitigt man nicht, in dem man behauptet, er wäre NICHT existent. Das Wort NICHT vergessen Leute auch im Zusammenhang mit Fake News als erstes. Das einzige, was hängen bleibt ist der Claim. Man muss einen anderen Elefanten dagegen setzen!“ Wir alle haben die Verantwortung, Bullying und Hass zu melden und zu flaggen. Wie muss es jemandem gehen, der seinen sechsjährigen Sohn verloren hat und andere behaupten, es seien nur Schauspieler gewesen? Der ganze Saal zollte Gutjahr Respekt mit Standing Ovations.

 

Kinderrechte im/ins Netz! Lasst uns die Teilhabe von Kindern im Digitalen stärken – Ingrid Stapf, Nele Heise und Martin Riemer

Ein für uns sehr wichtiges Thema auf kleiner Bühne. Uns werden Kinder im Netz gezeigt, die meist sehr wenig mit Beteiligung zu tun haben. Lustige Kinderbilder oder Kinder-YouTube-Stars, die wahrscheinlich eher von Erwachsenen produziert werden, sprechen nicht gerade für eine umfangreiche Partizipation von Kindern. In drei kleinen Workshops zeigen uns die Medienethikerin, Medienforscherin und der Medienpädagoge Wege, wie eine gute Beteiligung von Kindern mit digitaler Unterstützung funktionieren kann.

Im Raum offen blieb die Frage, in welchem Rahmen diese Partizipation erfolgen könne. Denn Jugendliche seien ganz offenichtlich nicht an speziellen eigenen Plattformen interessiert, sondern würden sich genau da tummeln, wo eben alle anderen auch seien.

 

FAZIT

Haben wir einfach mal als Video:

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 19.10.2018, 09:54:34
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
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