Angebote müssen Eltern und Kinder dort abholen, wo sie sind/ Foto: Jugendprojekt Hingucker des HVD-BB

Detlef Schade
Detlef Schade Hilfen zur Erziehung Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Mittwoch, 08. Februar 2017
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Detlef Schade Hilfen zur Erziehung Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Rettet die ambulanten individuellen Hilfen zur Erziehung!

Warum Regelangebote nicht zur Unterstützung von Familien ausreichen

Was machen gut integrierte Angehörige der Mittelschicht, wenn sie in eine Krise geraten, irgendwo nicht mehr weiterwissen und Unterstützung brauchen, zum Beispiel im Zusammenleben mit ihren Kindern? Sie suchen sich eine möglichst passgenaue individuelle Hilfe im Umfeld von Coaching, Therapie, Lebensberatung entweder für sich selbst oder für ihren Nachwuchs. Sie haben das Geld, um das zu bezahlen, oder sie verfügen über das Wissen und die Fähigkeiten, um im Dschungel der Institutionen, die ihnen zusagenden kostenlosen Angebote zu finden und in Anspruch zu nehmen, zum Beispiel über die Krankenkassen.

Individuelle oder standardisierte Angebote?

Welche Möglichkeiten aber haben Eltern, die in prekären Verhältnissen leben, die über keine Kenntnisse darüber verfügen, wie man sich Unterstützungsangebote nutzbar macht, und die schon öfter im Leben die Erfahrung gemacht haben, dass es für sie keine Unterstützung gibt, die auf ihren Bedürfnissen aufbaut? Und die darüber hinaus womöglich noch in einer akuten oder sowieso in einer Dauerkrise stecken? Sollten auch sie, hier eben im Rahmen der Jugendhilfe, das Recht auf eine passgenaue individuelle Hilfe haben – oder reicht für sie der Verweis auf Regelangebote? Jeder, der selbst mal eine ordentliche Krise durchgemacht hat, weiß, dass man in dieser Situation nicht pfeifend auf die Welt zugeht, sich in das nächste Beratungsangebot oder in eine Gruppe setzt, um das eigene Elend offenzulegen – schon gar nicht, wenn man kein Konzept im Kopf hat, wie Hilfe für einen aussehen könnte. Machen wir uns doch einmal klar, von wem wir hier reden. Gehen die Konstrukteure einer SGB VIII-Reform vielleicht von völlig falschen Voraussetzungen aus? Die Familie, die im Jahr 2016 in einer Stadt wie Berlin eine ambulante HzE bekommt, ist meist auf vielen Ebenen heillos überfordert. Sie steht einer Anhäufung von Problemen materieller, sozialer, psychischer Art gegenüber. Viele Eltern, die eine ambulante Hilfe zur Erziehung bekommen, haben unter psychischen Beeinträchtigungen zu leiden. Zu meinen, man könne diesen Eltern und ihren Kindern mit Regelangeboten helfen, hat schon zynischen Charakter.

»Multiproblemfamilien« brauchen besondere Unterstützung

Das, woran vielleicht vor 25 Jahren in Bezug auf ambulante Hilfen gedacht wurde – eine Familie hat ein umrissenes, relativ überschaubares Problem, für dessen Beseitigung beziehungsweise Linderung sie sich für eine gewisse Zeit Hilfe holt zum Beispiel in Form einer Familienhilfe, und danach ist alles wieder im Lot –, das gibt es in dieser Form schon lange nicht mehr. Die überwiegende Zahl der ambulanten Hilfen zur Erziehung findet in Familien statt, die größte ökonomische und/ oder Wohnungsprobleme haben, in denen es Gewalterfahrun-gen und Sucht-Verhalten gibt, mit Eltern, die auf vielen Ebenen, eben auch bei der Erziehung ihrer Kinder, heillos überfordert sind, mit Kindern, die ihr Leiden auf vielfältige Art in »auffälliges« Verhalten übersetzen. Für sie wurde das unschöne Etikett »Multiproblemfamilien« geprägt. Das liest mancher so, als ob diese Familien viele Probleme (zum Beispiel viele Kosten) verursachen, gemeint ist natürlich, dass sie ständig diesen Berg von Problemen bewältigen müssen. Oft laufen die Hilfen in diesen Familien unter dem Label »Kinderschutz « beziehungsweise stehen kurz davor.

Wer nicht das Interesse verfolgt, aus Kostengründen möglichst viele dieser Eltern, Kinder und Familien von Unterstützungsangeboten fernzuhalten, sondern im Gegenteil möglichst vielen auch von denen, die in schwierigen Lebensumständen stecken, wirksame Unterstützung nahebringen will, muss unbedingt folgende Punkte berücksichtigen:

 1. Das Angebot muss so niedrigschwellig sein wie nur irgend möglich. Alle Angebote mit einer »Komm-Struktur« erfüllen diese Voraussetzung nicht. Solche Angebote haben natürlich ihre Berechtigung, erreichen aber nicht die, von denen hier die Rede ist. »Niedrigschwellig« heißt in diesem Zusammenhang, man muss Eltern und Kinder aufsuchen und individuell mit ihnen zusammenarbeiten.

2. Wer Familien mit Unterstützungsbedarf erreichen will, sollte Eltern und Kinder dort abholen, wo sie sich aufhalten, also nicht darauf warten, dass das Jugendamt Kenntnis von ihnen bekommt, sondern aufsuchende Hilfsangebote an Kitas, Schulen, Kinderärzten, Kinderkliniken andocken. Das Jugendamt ist für viele eine große, für manche eine unüberwindbare Hürde.

3. Vom ersten Kontakt an muss ein solches Angebot den Klienten das Gefühl vermitteln, dass es auf ihre Bedürfnisse eingeht. Jede Hilfe, die nicht die Bedürfnisse der Klienten als Ausgangspunkt und Basis nimmt, wird scheitern. Das betrifft auch Hilfen, die eher halb- oder unfreiwillig zustande kommen.

4. Je eher eine passgenaue Hilfe einsetzt, desto größer ist ihre Chance, wirksam zu sein. Erst mal ein Regelangebot ausprobieren, dann irgendeine Gruppe anbieten, und ganz zum Schluss, wenn es nicht mehr anders zu gehen scheint, eine individuelle Hilfe – das ist der beste Garant dafür, möglichst viele Eltern und Kinder durch den Rost fallen zu lassen. Der fachlich sinnvolle Weg verläuft genau anders herum. Wenn Familien in einer individuellen Hilfe Vertrauen und Hoffnung gefasst haben, dann werden sie sich eventuell auch auf andere Angebote einlassen, die die individuelle Unterstützung ablösen oder ergänzen können.

Wer kann an den Angeboten teilhaben?

Lässt man diese Bedingungen bei der Konstruktion von Hilfsangeboten außen vor, geht es einem womöglich nicht um Unterstützung, sondern im Gegenteil darum, möglichst viel Unterstützung zu verhindern. Sollte jemals Gesetz werden, dass individuelle Hilfsangebote ganz hinten in der Reihe stehen, wäre das ein weiterer Beleg dafür, dass es in diesem Land mittlerweile normal ist, bestimmte Bevölkerungsgruppen von bestimmten Angeboten auszuschließen. Da kann man noch so viel von »Teilhabe« reden, man macht das genaue Gegenteil.

Jeden Tag sind in Berlin hunderte Familien- und Betreuungshelferinnen und -helfer unterwegs, um Eltern zu unterstützen, ihren Kindern ein gutes Aufwachsen beziehungsweise Jugendlichen einen guten Start ins eigene Leben zu ermöglichen. Man kann bedauern, dass das notwendig ist, man kann über die Kosten stöhnen, die das verursacht, man kann über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse lamentieren, die dazu führen, dass viele Eltern den Kontakt zu ihren Erziehungs- und Beziehungsressourcen verloren haben, sodass sie professionelle Hilfe brauchen.

Tatsache ist, dass wir in Deutschland noch ein Kinder- und Jugendhilfegesetz haben, in dem das so vorgesehen ist und um das uns viele Länder beneiden. Tatsache ist leider auch, dass die Jugendhilfe in Deutschland in den letzten Jahren immer stärker unter die Bevormundung einer Finanzbürokratie geraten ist, die sie nur unter Kostengesichtspunkten betrachtet. Diese Betrachtung befördert Vorschläge wie die Priorisierung von Hilfsangeboten, die nach meiner Überzeugung letztlich das Gegenteil von Kostenersparnis bewirken wird.

Mehr Öffentlichkeit für gute Arbeit!

Ambulante Hilfen zur Erziehung sind unter anderem deshalb so leicht zu diskreditieren, weil sie im Gegensatz zur Jugendarbeit, die im Wortsinn offen daliegt, diskret ablaufen und ablaufen müssen. Das erschwert eine Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Wir können nicht mal eben twittern: »Super! In zehn Minuten beginnt das Gespräch zwischen unserer Familienhelferin Frau Schmidt und Mutter und Vater Müller! Viel Erfolg!«

Ein Weg, in eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit zu kommen, könnte sein, Erfolgsgeschichten aus unserer Arbeit nach außen zu tragen. Die gibt es im Kleinen wie im Großen natürlich massenhaft, sie müssen allerdings auch erstmal niedergeschrieben werden. Ein Mitarbeiter von FAB hat das jetzt an einem Beispiel getan. Er schildert in einem spannenden Bericht die erfolgreiche Betreuungshilfe (Paragraf 30 SGB VIII) bei einem asperger-autistischen Jugendlichen mit all ihren Volten und Wendungen. Ohne diese Betreuungshilfe, das wird in diesem Bericht deutlich, hätte das Leben des jungen Mannes wahrscheinlich eine gänzlich andere Richtung genommen und wäre nicht durch seine Ressourcen, sondern durch das Etikett »Autismus« bestimmt worden.

 

Detlef Schade ist Geschäftsführer des Familienarbeit und Beratung e.V.    

Wissenswertes Sie finden den Link zum Bericht auf der Startseite der FAB-Website  unter »Erfolgsgeschichten« oder direkt hier.

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief 11/12 2016 erschienen.

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