Schulstation des Droste-Hülshoff-Gymnasiums. Foto: contact gGmbH

Katharina Groß Schulbezogene Jugendhilfe Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Jugendsozialarbeit
Dienstag, 24. April 2018
0
Katharina Groß Schulbezogene Jugendhilfe Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Jugendsozialarbeit

Schulbezogene Jugendhilfe in Deutschland

Um zu verstehen, was Schulsozialarbeit in Deutschland im 21. Jahrhundert sein kann, lohnt sich ein Blick in die Geschichte, wie ihn Thomas Olk und Karsten Speck in ihrem Artikel „Schulsozialarbeit in Deutschland“ (Reader Schulsozialarbeit, DRK, 2015) gewagt haben.

Historische Entwicklung

Die Entwicklung von Schulsozialarbeit steht ihren Beobachtungen nach in „einem engen Zusammenhang mit Entwicklungen in den  Lebenslagen und -bedingungen junger Menschen und ihrer Familien sowie Bildungs- und sozialpolitischen Zielen und Reformen“ (Olk & Speck, 2015, S. 13).

In den 1920er Jahren wurden Schule und Jugendhilfe nach der Verabschiedung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes eigenständige Systeme mit abgegrenzten Zuständigkeiten, Aufgaben und rechtlichen Grundlagen; es gab nur wenige Berührungspunkte.

In den 1970er Jahren entwickelten sich die ersten Ansätze zu kooperativen Arbeitsformen. Es ging um den „Ausgleich von Sozialisationsdefiziten“. Schulsozialarbeit wurde „Handlanger“ des sich reformierenden Schulsystems, sollte dafür sorgen, dass „Integrationsprobleme“ der Schülerschaft in großen Ganztagsgesamtschulen bearbeitet wurden – eine Reflexion des möglichen sozialpädagogischen Beitrags zur Schulentwicklung gab es nicht.
An Einzelschulen arbeitete Schulsozialarbeit reaktiv auf Problemdruck. Die häufigsten Themen: Verhaltensauffälligkeiten, Schulversagen und Schulabsentismus.

In den 1980er Jahren folgte die Ernüchterung: Die Bildungsreform der 70er hatte nicht die erhofften Ergebnisse gebracht und die rechtlichen und konzeptionellen Voraussetzungen für Kooperationsvorhaben waren unzureichend. Dennoch wurden erste Ansätze der Reflexion sozialpädagogischen Handelns am Ort Schule entwickelt. Eine theoretische Beschäftigung wurde relevant.

Mit dem KJHG in den 1990er Jahren wurde ein modernes Dienstleistungsgesetz verabschiedet, das neben der deutschen Wiedervereinigung dafür sorgte, dass Schulsozialarbeit ausgebaut werden konnte.
Jetzt wurde es möglich, ein Konzept lebensweltorientierter Jugendhilfe zu entwerfen, das die Schule als Teil der Lebenswelt der Schüler_innen begreift. Dadurch ließ sich sozialpädagogisches Handeln am Ort Schule auf theoretischer Basis begründen. Schulsozialarbeit wurde als sozialpädagogisches Dienstleistungsangebot am Ort Schule fachlich und politisch aufgewertet – nicht zuletzt durch Reformen im Schulsystem nach Pisa sowie die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen.

Bundesprogramme, Landesprogramme und Fachpublikationen zeugen von einer zunehmenden Akzeptanz von Schulsozialarbeit in den 2000er Jahren.
Nichtsdestotrotz bedingen unklare rechtliche Verankerungen und unsichere (Teil-)Finanzierungen bis heute eine „prekäre Konsolidierung“ (vgl. ebd., S. 34f.).

Aufgabenprofil und fachliches Verständnis

Als Dienstleistungsangebot am Ort Schule konnte sich Schulsozialarbeit mit dem Konzept der lebensweltorientierten sozialen Arbeit profilieren. Sie verknüpft den Einzelfall mit gruppenbezogenen Interventionen in als problematisch erlebten Situationen und bietet zusätzlich offene und präventiv ausgerichtete Beratungs-, Freizeit- und Betreuungsangebote.

Die Kernleistungen der Schulsozialarbeit sind neben der Beratung und Begleitung von Schüler_innen (und/oder bei Bedarf ihren Erziehungsberechtigten) bei sozialen, schulischen und persönlichen Problemen:

  • sozialpädagogische Gruppenarbeit (z. B. Klassentrainings zu Themen wie Suchtprävention, Mobbinginterventionen, Übergangsgestaltung)
  • offene Gesprächs- und Kontaktangebote
  • Mitwirkung in Unterrichtsprojekten und in schulischen Gremien
  • Zusammenarbeit mit und Beratung von Lehrkräften und Eltern
  • Kooperation und Vernetzung mit Akteur_innen im Gemeinwesen/SRO

Die quantitative Ausgestaltung der Kernleistungen ist hierbei an die jeweilige Schule und ihre aktuellen Anforderungen anzupassen (vgl. ebd., S. 23ff.). So hat beispielsweise eine Grundschule andere Bedarfe als eine ISS.

Wirksamkeit

Um Schulsozialarbeit erfolgreich – das heißt wirksam – zu gestalten, haben Olk und Speck aus den Begleitforschungen zu den Landesprogrammen der Schulsozialarbeit folgende Faktoren herausgearbeitet:
Unmittelbar am Ort Schule sollte ein breit angelegtes, lebensweltorientiertes und niedrigschwelliges Konzept und Angebot der Schulsozialarbeit vorgehalten werden. Die Arbeit sollte möglichst langfristig abgesichert sowie finanziell und strukturell gut ausgestattet sein. Das Personal sollte möglichst langfristig und kontinuierlich mit einem bedarfsgerechten Arbeitsvolumen und hoher fachlicher Qualifikation an der konkreten Schule präsent sein, während der Träger das Personal fachlich unterstützen sollte. Je mehr Offenheit und Kooperationsbereitschaft das Schulkollegium für multiprofessionelle Zusammenarbeit hat und je größer die Akzeptanz und Nutzungsbereitschaft der Schüler_innen gegenüber Schulsozialarbeit ist, desto wirksamer ist Schulsozialarbeit. (Vgl. Olk & Speck, S. 34f.)

Perspektiven für die weitere Entwicklung

Seit den 1920er Jahren hat sich in der Entwicklung der Schulsozialarbeit in Deutschland viel getan. Inzwischen arbeitet diese nach einem fachlich fundierten Konzept als wertgeschätzter Akteur am Ort Schule. Dennoch ist schulbezogene Jugendhilfe kein „verlässliches und flächendeckend vorgehaltenes Regelangebot im schulischen Bildungssystem“ (ebd., S. 35). Dies liegt laut Olk und Speck vor allem an der unbefriedigenden rechtlichen Verankerung, sowohl im SGB VIII als auch in den Landesschulgesetzen. Hieraus ergebe sich eine unklare Finanzierungsverantwortlichkeit genau am Schnittpunkt von Kinder- und Jugendhilfe sowie dem schulischen Bildungssystem (vgl. ebd.).
Wenn Schulsozialarbeit über den öffentlichen Träger finanziert wird, können Handlungsspielräume für die Ausübung sozialpädagogischer Kompetenz mit ihren spezifischen Grundprinzipien, Arbeitsweisen und Methoden am Ort Schule gesichert werden (vgl. ebd., S. 26).

Mittels Schulsozialarbeit kann die Kinder- und Jugendhilfe systematisch als zweite Säule der Bildungseinrichtung Schule, die sich mehr und mehr zu einer „multiprofessionellen Organisation“ (ebd., S. 26) entwickelt, vertreten sein. Sie könnte hier nicht nur schulintern bei Beratung und Prävention agieren/unterstützen, sondern auch eine prägnante Vermittlungsinstitution zwischen inner- und außerschulischen Ressourcen präsentieren (vgl. ebd.). Hierfür braucht es abgesicherte Rahmen- und Handlungsbedingungen sowie eine bedarfsgerechte Angebotsstruktur (vgl. ebd., S. 35).

In dem Artikel werden die Begriffe Schulsozialarbeit und Schulbezogene Jugendhilfe als synonym verwendet.

 

Autorin:

 

Katharina Groß arbeitet bei contact – Jugendhilfe und Bildung gGmbH. Der Beitrag erschien zuerst im Informationsblatt "contactlinse“, Ausgabe Frühjahr 2018.

 

 

Datenschutz und rechtliche Hinweise
Datenschutzbericht - 23.5.2018, 01:00:05
Https ist nicht aktiv
Datenbank ist auf dem gleichen Server
Cookies können akzeptiert oder verweigert werden AkzeptierenVerweigernCookies werden akzeptiert Cookies werden verweigert
Suchmaschinen indexieren keine Kommentare
Datenschutz könnte besser sein (50%)
2
Software policy
Diese Software hat keine bekannten Hintertüren oder Verletzbarkeiten die es Dritten erlauben würden Ihre Daten zu kopieren. Mehr zum Datenschutz dieser Kommentar- und Bewertungssoftware: www.toctoc.ch
Beitrag bewerten
Noch nicht bewertet.

keine.

Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Vorschau wird geladen ...
*: Pflichtfeld

Auf Facebook kommentieren

Ähnliche Artikel

16.05.2018|
Anne Beyer Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik Wissenschaft Qualifizierung & Fachlichkeit Migration Stadtteilarbeit Kinderschutz Kita

Ergebnisse & Erkenntnisse: Fachtag zum Familienfördergesetz

15.05.2018|
Michail Siebenmorgen Medienkompetenz Kinder & Jugendliche Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Familie und Mediennutzung

11.05.2018|
Sabine Schwingeler Migration Top-Beitrag Fachöffentlichkeit & Politik Kinder & Jugendliche Wissenschaft Stadtteilarbeit Steglitz-Zehlendorf Angekommen in Berlin?!

Endstation Deutschland: Einsamkeit statt Integration