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Montag, 06. August 2018
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Schulprojekt: Kinder begegnen Religionen

Ein Schulprojekt mit der Pfarrerin Ulrike Rogatzki im Gespräch mit den Kiezreporter*innen.

Am 14. Februar hatten wir Kiezreporter*innen die Gelegenheit, die Pfarrerin Ulrike Rogatzki kennenzulernen. Sie besuchte uns in der Schulstation, wo wir an einem runden Tisch bei Keksen und Getränken die Möglichkeit hatten, ihr die unterschiedlichsten Fragen zu den fünf großen Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus zu stellen. 

Als Frau Rogatzki selbst Schülerin war, hat sie sich sehr für den Religionsunterricht interessiert. Der Religionsunterricht in ihrer Schule war, sagt sie, sehr gut. Nach der Schule hat sie Theologie und Philosophie studiert. Daran anschließend hat sie 20 Jahre lang als Gemeindepfarrerin gearbeitet und auch Religion an Schulen unterrichtet. Das hat ihr sehr viel Spaß gemacht. Sie hat darüber nachgedacht, dass es viele Religionen gibt und dass gerade in Berlin viele Menschen leben, die sich verschiedenen Religionen zugehörig fühlen, und viele Menschen, die keiner Religion angehören. Leider wissen sie manchmal nicht viel voneinander. Frau Rogatzki findet es jedoch wichtig, wenn man mehr voneinander weiß, sich besser auskennt und sich gegenseitig respektiert. Sie ist bei der evangelischen Kirche angestellt und setzt sich dafür ein, dass man den anderen nicht ablehnt, nur weil er an etwas anderes glaubt oder gar keiner Religionsgemeinschaft angehört. Frau Rogatzkis Anliegen ist es, zum gegenseitigen Verständnis beizutragen. Seit vier Jahren ist sie mit ihrem Projekt „Kinder begegnen Religionen“ unterwegs. Mit ihrer Arbeit setzt sie sich vor allem für mehr Respekt unter den Religionen ein. Ihr ist wichtig, dass die Menschen überein-ander gut informiert sind. Auslöser für die Projektidee war, dass es vorher unter Schüler*innen viele doofe Bemerkungen über andere Religionen gab. Seitdem die Kinder mehr übereinander erfahren, hat sich ihre Einstellung zu anderen Glaubensrichtungen wesentlich verbessert. Bisher konnte sie ihr Angebot zur Förderung des gegenseitigen Respekts der Religionen untereinander an verschiedenen Schulen in Reinickendorf, Schöneberg oder Neukölln umsetzen. Zu ihrer Arbeit gehört es auch, dass sie Besuche in verschiedenen Gemeinden vorbereitet. Darüber hinaus ist sie auch in Gruppen aktiv, in denen besprochen wird, wie sich die verschiedenen Religionen besser verstehen können, welche Gemeinsamkeiten sie haben und welche Unterschiede es gibt. 

Um mit den Schulen zusammenzuarbeiten, fragt Frau Rogatzki unverbindlich an, ob ein Interesse besteht mitzumachen. Wenn die Schulen dem Projekt zustimmen, besucht Frau Rogatzki die Schüler*innen in ihren Klassen. Gemeinsam reden sie darüber, was eine Religion überhaupt ist und welche Besonderheiten die einzelnen Religionen haben. Im Anschluss daran besucht Frau Rogatzki mit den Kindern die  verschiedenen Religions- und Gotteshäuser im Bezirk. Sie nimmt mit den Kindern unter anderem an Gebeten in einer Moschee teil. So erhalten die Kinder einen Einblick in die verschiedenen Rituale. Sie erklärt ihnen die Bedeutung der Symbole und was die einzelnen Feiertage bedeuten. Wenn die Pfarrerin mit den Kindern das Christentum behandelt, wird über die Kirche sowie über die Arbeit von Pfarrer*innen gesprochen, und sie gehen dann auch gemeinsam in eine Kirche. Dort gibt es auch die Möglichkeit, zum Beispiel einem Organisten oder einer Organistin zuzuhören, denn in einer Kirche wird nicht nur gepredigt, sondern auch auf einer Orgel musiziert.  

Ihren Unterricht veranschaulicht Frau Rogatzski, indem sie den Kindern wichtige Gegenstände und Symbole zeigt, die mit den einzelnen Religionen in Verbindung stehen. Uns Kiezreporter*innen hat sie diese Gegenstände auch mitgebracht. Für den Islam ist zum Beispiel der Gebetsteppich wichtig, für den Buddhismus die Figur des Buddhas, der siebenarmige Leuchter ist eines der wichtigsten Symbole des Judentums, das Kreuz ist das Symbol des christlichen Glaubens, Shiva, einer der wichtigsten Götter des Hinduismus´. 

Frau Rogatzki spricht vor allem über diese fünf Religionen, aber es gibt auch Abzweigungen der Religionen wie zum Beispiel evangelische, katholische oder orthodoxe Christen. Es gibt ca. 200 Religionen, aber manche Menschen gehen von noch mehr Religionen aus. Frau Rogatzki machte darauf aufmerksam, dass es darauf ankommt, wie man diese zählt. Die Native Americans in den USA sind heute christlich geprägt, aber sie haben auch ihre eigenen ursprünglichen Religionen. Da stellt sich die Frage, haben sie eine einheitliche Religion oder hat jede Gruppe ihre eigene Religion? Es gibt eben auch ganz kleine Religionen, die nur kleine Gemeinschaften betreffen. Unter den Hindus gibt es die Religionsgemeinschaft der Sikhs. Die Sikhs haben in Berlin Reinickendorf ein Gemeindezentrum. Ihnen ist es wichtig, dass alle gleichberechtigt sind, deshalb haben alle denselben Nachnamen, nämlich Sing. Die männlichen Sikhs tragen Turbane. Frau Rogatzki erzählte uns, dass in London männliche Sikhs, die als Polizisten arbeiten, unter ihrem Polizistenhelm den Turban tragen dürfen. Nach vielen Diskussionen haben sie dies durchsetzen können.   

Frau Rogatzki sprach mit uns auch über die Aleviten, die sich dem Islam zugehörig fühlen. Manche Muslime erkennen die Aleviten an, andere Muslime erkennen die Aleviten wiederum nicht an. Die Frauen tragen kein Kopftuch, Männer und Frauen beten nebeneinander im sogenannten Cem-Haus in einem Kreis.  Der Schwiegersohn von Mohammed namens Ali, ist eine wichtige Figur für die Aleviten. 

Die Pfarrerin kam auch auf die Religion der Bahai zu sprechen. Es ist eine Glaubensgemeinschaft, die an die Einheit Gottes, an die Einheit der Religion und an die Einheit der Menschheit glaubt. Die Bahai glauben, dass es nur einen Gott gibt, für den die Menschen verschiedene Namen haben, zum Beispiel Gott, Allah, Herr oder der Allmächtige. Das Zentrum der Bahai ist in der Nähe von Haifa in Israel. Auch in Berlin gibt es viele Religionsmitglieder. 

Diese Beispiele zeigen, dass es schwierig ist, alle Religionen auf der Welt zu zählen. Das Christentum gilt jedoch als die größte Religion. Der Islam ist die zweitgrößte Religion. Der Hinduismus stellt die drittgrößte Religionsgemeinschaft dar. 

Wir Kiezreporter*innen erfuhren auch von Frau Rogatzki, dass drei Religionen sehr eng miteinander verwandt sind, nämlich das Judentum, das Christentum und der Islam. Jesus war ursprünglich Jude. Die Anhänger von Jesus haben beschlossen, eine eigene Religion zu gründen, nämlich das Christentum. Später kam Mohammed und sagte, dass er es gut findet, dass Juden und Christen nur an einen Gott glauben. Er bildete eine neue eigene Gemeinschaft, die auch nur an einen Gott glaubt, den Islam. Diese drei Religionen Judentum, Christentum und Islam sind eng miteinander verwandt, aber sie streiten sich auch leider untereinander manchmal. 
Der Hinduismus ist wiederum eng mit dem Buddhismus verwandt. Buddha war ursprünglich Hindu. Später sagte er, dass er seinen eigenen Weg geht. So haben die Menschen, die ihm folgten, auch beschlossen, eine eigene Religionsgemeinschaft zu bilden, den Buddhismus. 

Innerhalb dieser verschiedenen Religionsgemeinschaften gibt es wiederum unterschiedliche Glaubensansätze. Unter den Muslimen glauben manche, dass sie zwei Engel auf den Schultern sitzen haben. Einer schreibt auf, was man Gutes im Leben macht, der andere schreibt auf, was man Schlechtes getan hat. Diese Schriften sollen als Grundlage für die Beurteilung des Menschen durch Gott dienen, wenn ihm diese Schriften der Engel vorgelegt werden. Daran glauben aber nicht alle Muslime. Manche Muslime fühlen sich dem Islam zugehörig, weil sie gerne in die Moschee gehen, gerne beten und gerne die Schriften lesen. Bei den Christen ist es ähnlich: Es gibt Christen, die glauben, dass Gott entscheidet, ob man in den Himmel kommt, wenn man sich während des Lebens immer gut verhalten hat. Andere Christen glauben daran nicht; sie sind Christen, weil sie Jesus´ Botschaft toll finden und glauben daran, dass Gott ein guter Gott ist und nicht bestraft, auch wenn man viel Schlechtes getan hat. 

Unter den Hindus gibt es Menschen, die glauben, dass man nach dem Tod wiedergeboren wird. Wenn ein Mensch im Leben viel Schlechtes getan hat, wird er vielleicht als Regenwurm wiedergeboren. Wenn er als Regenwurm stirbt, wird er vielleicht als Pferd wiedergeboren und danach als Mensch wiedergeboren, sofern er als Tier viel Gutes getan hat. Laut Buddha hingegen geht man nach seinem Tod in ein großes Ganzes ein, wenn man im Verlauf seines Lebens ganz viel meditiert hat. 

Frau Rogatzki gab uns auch Einblicke in die verschiedenen Feste einzelner Religionen. Für die Juden ist das Chanukka-Fest im Dezember von großer Bedeutung. Dieses Fest wird auch in Berlin gefeiert. Dabei wird vor dem Brandenburger Tor ein Leuchter mit acht Kerzen aufgebaut. Der Leuchter hat oft neun Arme. Das neunte Licht ist der Diener. Nur mit diesem Licht dürfen die anderen Kerzen angezündet werden. Acht Tage lang wird jeden Tag ein Licht mehr angezündet, und jeden Tag bekommen die Kinder Geschenke. Dieses Fest erinnert an ein Ereignis, das vor 2000 Jahren stattfand. Damals hatten die Juden einen großen Tempel in Jerusalem. Dieser Tempel wurde zerstört. Das Chanukka-Fest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels. Die Juden wollten den zerstörten Tempel mit Licht wieder einweihen. Aber sie hatten kein Öl mehr, denn alles war weggeraubt. Sie hatten jedoch einen Leuchter, der, obwohl gar kein Öl mehr vorhanden war, länger brannte als erwartet. Diese Geschichte erzählt man sich, und sie soll ins Bewusstsein rufen, dass es trotzdem Licht und Hoffnung geben kann, auch wenn böse Menschen einem was tun wollen. Deshalb feiern die Juden dieses Fest acht Tage, weil so lange damals das Öl gereicht hat. 

Weiterhin erzählte uns Frau Rogatzki, dass der Hinduismus in Indien entstanden ist. Dort hatten die Menschen überall andere Vorstellungen von Religion. Dann sagte man, dass man alle Figuren und Traditionen anerkennt. Bei den Hindus gibt es das Frühlingsfest, bei dem man sich mit buntem Pulver bewirft und den Frühling begrüßt. Dann gibt es auch das Ritual, dass die Hindus gemeinsam in den Fluss Ganges, der für die Hindus ein Zeichen für Leben darstellt, steigen. Sie baden im Ganges, um das alte Leben abzuwaschen und um Neues zu erleben.  

Bei den Moslems ist das Zuckerfest, das auch Fastenbrechen genannt wird, ein wichtiges Fest. Es folgt auf den Fastenmonat Ramadan. Im Ramadan wird nur gegessen, wenn die Sonne untergegangen ist. Zum Zuckerfest gibt es viele Süßigkeiten, nachdem man einen Monat lang gefastet hat. Frau Rogatzki erzählte, dass sie letztes Jahr zum Zuckerfest von einer muslimischen Gemeinde eingeladen wurde. Alle warteten in der Moschee bis zum Sonnenuntergang. Es waren nicht nur Moslems vor Ort, denn der Gemeinde ist es wichtig, dass alle Religionen zusammen gehören. Der Imam, der Chef der Moschee, hat geredet, dann ein jüdischer Rabbiner und anschließend eine Pfarrerin. Dann war auch schon die Sonne untergegangen, und alle konnten gemeinsam essen.  

Hinsichtlich ihrer Arbeit im Projekt „Kinder begegnen Religionen“ freut sich Frau Rogatzki darüber, dass die Kinder in den Schulen sehr aufgeschlossen sind. Sie machen gut mit, sind interessiert und darum bemüht, gegenseitige Vorurteile abzubauen. Zuletzt war die Pfarrerin mit einer Klasse in einer Synagoge. Der Pressesprecher vom jüdischen Krankenhaus war sehr begeistert, weil die Kinder so viel gelernt hatten und sich gut auskannten. Frau Rogatzki sagte uns Kiezreporter*innen, dass es wichtig ist, viel voneinander zu wissen, um nicht auf die Gerüchte reinzufallen, die oft verbreitet werden, um die Menschen gegeneinander auszuspielen. Und es ist gut, wenn Kinder nachfragen. Sätze wie „Die Christen“ oder „Die Juden“ oder „Die Moslems“ lehnt Frau Rogatzki ab, denn dabei handelt es sich um Verallgemeinerungen. Menschen sind nicht alle gleich und teilen nicht dieselben Ansichten, auch wenn sie derselben Religionsgemeinschaft angehören. Sie machte auch darauf aufmerksam, dass es beispielsweise viele türkische Menschen gibt, die Moslems sind und im Koran lesen; aber es gibt auch Türkinnen und Türken, die christlich oder jüdisch sind. Frau Rogatzki erzählte uns, dass sie ein großer Fan vom europäischen Songwettbewerb ist. Die Türkei hat einmal einen türkischen Sänger hingeschickt, der jüdisch ist. Daran zeigt sich, dass in einem Land viele Menschen unterschiedlicher Religionen leben können. In der Türkei leben also nicht nur Menschen, die muslimisch sind, wie viele Menschen vielleicht denken mögen. 

Nach den vielen interessanten Geschichten und Informationen haben wir uns die verschiedenen Symbole der Religionen noch genauer angeschaut. Wir haben sehr viel über die verschiedenen Religionen und Glaubensgemeinschaften erfahren und Neues gelernt. Sich gut auszukennen, bedeutet auch, weniger Vorurteile gegenüber dem anderen zu haben. Wir waren erstaunt darüber, wie viele Gemeinsamkeiten es unter den verschiedenen Religionen gibt. Bei uns an der Kolumbus-Grundschule haben alle 5. Klassen an dem Projekt teilgenommen. 

 

Wir bedanken uns bei Frau Rogatzki, dass sie sich Zeit genommen hat, unsere Fragen zum Projekt „Kinder begegnen Religionen“ zu beantworten und wünschen ihr zukünftig viel Erfolg, auf der Suche nach interessierten Schulen.
 

Der Beitrag der Kiezreporter*innen erschien zuerst in der Eulenpost im Mai 2018.

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