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Detlef Schade
Detlef Schade Blick über Berlin hinaus Hilfen zur Erziehung Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Freitag, 04. August 2017
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Detlef Schade Blick über Berlin hinaus Hilfen zur Erziehung Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Sozialpädagogische Diagnostik – in die Tonne damit!

„Die Notwendigkeit der stellvertretenden Deutung (!!!) ist von allen Seiten unbezweifelt“

(Ein Zitat zu sozialpädagogischer Diagnostik, dessen Fundstelle ich komplett verbaselt habe; ich weiß nicht mehr, woher das stammt, finde es aber so daneben, dass ich es unbedingt hier hinsetzen muss. Die Ausrufezeichen stammen von mir.

Ich glaube nicht, dass Klient*innen, die in dem Spiel ja auch irgendeine „Seite“ darstellen, es nicht zweifelhaft finden, von jemandem „stellvertretend gedeutet“ zu werden. Eine doppelte Anmaßung: Erstens, sich das Recht zuzusprechen, andere zu diagnostizieren, zweitens, sie nicht einmal als beteiligte Seite, stattdessen nur als zu deutende Objekte auf dem Schirm zu haben.

Im Zuge der IJOS-Fachtagung zur SGB VIII-Reform am 26.4., schon ein paar Tage her, fiel mal wieder öfter der Begriff „Sozialpädagogische Diagnostik“. Nach 35 Jahren Jugendhilfe kriege ich die Krätze, wenn ich den höre. Warum? Weil es fachlich und politisch für mich 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist, Sozialpädagog*innen das Recht und die Macht zuzugestehen, Hilfe suchende, unterstützungsbedürftige Familien in Kästchen und Schubladen zu packen, die womöglich ganz heftig ihren weiteren Lebensweg vorzeichnen werden.

Mediziner diagnostizieren Patienten. Auf Grundlage einer solchen Diagnose wählen sie dann die „passende“ Therapie. Ich habe den Verdacht, dass das in der Medizin schon häufig genug nicht funktioniert, weil vieles doch im Unklaren bleibt. Sozialpädagog*innen, die in der Jugendhilfe mit Einzelfällen arbeiten, müssten sich das Wort „Unklarheit“ eigentlich als zweiten Vornamen geben. Vieles, mit dem sie arbeiten müssen, bewegt sich im Ungewissen: Hat die Mutter recht, wenn sie dem Vater Missbrauch vorwirft, oder sagt der die Wahrheit, wenn er diesen Vorwurf vehement bestreitet? In wie vielen Scheidungsfamilien schieben die Eltern sich gegenseitig Schuld zu, ohne dass von außen jemand entscheiden könnte, was „wahr“ und was „unwahr“ ist? Wie oft ist nicht zu beurteilen, ob in einer Familie eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder nicht? (Nicht umsonst benennt man diese Fälle als im „Graubereich“ angesiedelt). Und und und. Ungewissheiten auszuhalten, mit ihnen umzugehen, vor allen Dingen: mit ihnen zu arbeiten, ist wichtiger Bestandteil sozialpädagogischer Tätigkeit.

Das Bedürfnis nach Diagnostik in der Sozialen Arbeit erwächst aus dem Wunsch, unklare Sachverhalte dingfest zu machen, ihnen einen Namen zu geben, um sie so scheinbar ein- und abgrenzen zu können, einen festen Grund zu haben, von dem aus man agieren kann.

Mit jeder Diagnose aber konstruiere ich Realität in einer bestimmten Art und Weise, ich lege fest, grenze andere Möglichkeiten aus, wie etwas sein könnte, beschrieben werden könnte, sich entwickelt haben könnte. Ich enge also meine eigenen und die Handlungsmöglichkeiten meiner Klienten extrem ein, weil ich und andere sie und sie sich selbst ab der Existenz einer Diagnose nur noch unter deren Blickwinkel betrachten, der aus meiner Sicht niemals „richtig“ sein kann, weil er alle anderen Blickwinkel ausschließt. Es ist eine Illusion zu meinen, auf Basis einer solchen Diagnose könne man eine einzig „richtige“ Hilfe auswählen. Jede Hilfe unterscheidet sich von der nächsten, auch wenn sie dieselbe Bezeichnung trägt, und ist dabei komplett abhängig von den jeweils agierenden Personen. Die gleiche Hilfeform läuft anders, wenn sie von A, als wenn sie von B durchgeführt wird. Und sie verläuft nochmal anders, wenn sie von A, die an diese Hilfe glaubt, oder von B, die gleich sagt, das wird nichts bringen, „verschrieben“ wird.

Solche nicht vorgestanzten und nicht zu objektivierenden Tatbestände auszuhalten (und zu bezahlen) scheint für Politiker und Verwaltungsleute der blanke Horror zu sein.

Modernes Sozialmanagement ist geprägt von dem Versuch, zu messen, festzulegen, zu objektivieren, möglichst alles Unklare, Ungewisse zu eliminieren, scheinbare Klarheit zu schaffen. Kleines Beispiel: Der gültige SGB VIII-Reformentwurf sieht vor, dass in der ersten Hilfeplanung für eine stationäre Hilfe zur Erziehung bereits festgelegt wird, ob es eine Rückkehrperspektive gibt oder nicht. Das ist absurd. So werden Lebenswege vorgezeichnet.

Für mich bedeutet Soziale Arbeit Beziehung, Bewegung, Prozess, das Ausloten und Aushandeln von Möglichkeiten. „Erziehungshilfe ist Beziehungshilfe“ (Zitat Wiesner, s. u.) und setzt Beziehung als Werkzeug ein. Diese Beziehung zwischen Sozialpädagog*innen und Klient*innen, eine professionelle Beziehung wohlgemerkt, muss auf den Bedürfnissen, dem Bedarf und dem Willen der Klienten gründen, nicht auf der Diagnose des Sozialpädagogen. Wer Selbsthilfe und Selbstwirksamkeit erreichen will, kann nicht beginnen mit einem Akt extremer Fremdbestimmung, der Passivität (manche Leute können sich gut einrichten in einer Diagnose), Ablehnung und Widerstand provoziert.

Ich glaube, man soll sich keinen Illusionen hingeben: Es gibt einen Kampf zwischen Emanzipation und Rückschritt (klingt ziemlich pathetisch). Wenn die Verfechter von Steuerung, Diagnostik und Kontrolle gewinnen, wird die Zukunft 4.0, die teilweise schon jetzt Realität ist, so aussehen: Sozialpädagogische Diagnostik heißt, an einem PC Fragebögen und Checklisten abzuarbeiten. Dieser PC wirft anschließend die Diagnose samt zugehöriger Hilfeform aus. Dazu benötigt man keine Sozialpädagog*innen mehr, das kann eine Hilfskraft erledigen, die dann sicherlich „Fallmanager*in“ heißen wird. Ergo: Sozialpädagogische Diagnostik unter den Bedingungen von Digitalisierung, die wir nun mal haben, wird die Sozialpädagogen abschaffen.

Kleiner Exkurs: „Systemsprenger“

Michael Macsenaere benutzte auf dem o. g. Fachtag im Kontext „richtiger“ und „falscher“ Hilfeformen für einen Klienten das Beispiel eines 15jährigen Jugendlichen, delinquent, „externalisierend“, extrem aggressiv und gewalttätig, mit 6 abgebrochenen Jugendhilfe-Maßnahmen – ein „Systemsprenger“.

Als ich dieses Wort vor einigen Jahren zum ersten Mal hörte, dachte ich, hallo, das kommt also bei sozialpädagogischer Diagnostik heraus, ein Begriff, der erstens komplett unsystemisch ist, weil er jemandem etwas individuell zuschreibt, woran über Jahre sehr viele mitgebastelt haben, die aber außen vor bleiben, und der jemandem ein Attribut anheftet, das die Assoziation Sprengen- Bombe- Terror auslöst. Was sagt ein solches Wort eigentlich über die offene oder unterschwellige Aggressivität dessen aus, der es erfindet?

Zweiter Gedanke war der an einen deutschen Pop-Song aus den Sechzigern: Ricky Shayne, Ich sprenge alle Ketten (und sage nein, nein, nein, nein, nein…), das ist schon eine andere Konnotation…

Die Frage, welches ist die richtige Hilfeform für diesen 15jährigen, ist aus meiner Sicht komplett falsch gestellt. „Richtig“ wäre zu fragen: Wie kann es mir gelingen, in Kontakt zu treten mit jemandem, der sich über Jahre infolge immer wiederkehrender schlechter Erfahrungen (die er ab einem bestimmten Zeitpunkt auch mit reproduziert hat) einen Panzer aus Ablehnung, Widerstand, Aggression und Gewalt zugelegt hat? Wenn ich das schaffe (ohne Frage eine heftige Aufgabe), wird alles Weitere sich daran anschließen. Wie sagte Prof. Wiesner auf dem gleichen Fachtag so schön? „Erziehungshilfe ist Beziehungshilfe – viele Leute haben das nach 25 Jahren KJHG immer noch nicht begriffen.“

Statt Leute zu diagnostizieren, die Unterstützung und Hilfe suchen/brauchen, sollte man ihnen eine Haltung von Offenheit und Neugier entgegenbringen, gemeinsam herausfinden, was die Betroffenen eigentlich und tatsächlich wollen (das dürfte in den seltensten Fällen der Wunsch sein, das eigene Kind im Heim zu sehen bzw. als Jugendlicher dort einzuziehen), einen alternativen Sinn, alternative Möglichkeiten suchen, gemeinsam beschreiben, was zu sehen ist, statt einer Seite die Macht zu geben, zu bewerten und zuzuschreiben. Eine solche Vorgehensweise, die die Selbstbestimmung der Beteiligten achtet, scheint mir noch am ehesten ein gutes und gelingendes Aufwachsen beteiligter Kinder und Jugendlicher zu gewährleisten. Sozialpädagogische Diagnostik scheint mir dagegen die beste Gewähr für Widerstand und Ablehnung, die in der Folge oft zu leidvollen – und teuren – Jugendhilfe-Karrieren führt.

Wir leben im Jahr 2017, in einer repräsentativen Demokratie, in der es zwar noch viel zu tun gibt, die aber relativ weit entwickelt ist. Ein unerläßliches Merkmal unserer Gesellschaft ist, dass jede/r hier die eigene Deutungshoheit über sein Leben hat. Es kann nicht sein, dass jemand nur deshalb, weil er aufgrund einer prekären Lebenssituation Hilfe sucht oder braucht, eine „stellvertretende Deutung“ seiner Person oder seines Verhaltens hinzunehmen hat. Diese stellvertretende Deutung geht Hand in Hand mit Kontrollkonzepten, die davon ausgehen, man müsse jemandem nur eng genug auf den Füßen stehen, damit er das „richtige“ Verhalten zeigt. (Manchmal denke ich, die Verfechter solcher Konzepte sollten sich mal als Oberhaupt einer „Multiproblem-Familie“ vor dem Schreibtisch einer Jugendamts-Mitarbeiterin wiederfinden, die dann beginnt, sie zu deuten. Wie sie das wohl fänden? Ein bescheuerter Gedanke, ich weiß.)

Vor 15 Jahren, bevor es zu einem reinen Sparmodell verkam, war ich deshalb angetan vom Konzept der „Sozialraumorientierung“, weil es den „Willen der Klienten“ an den Anfang und in den Mittelpunkt sozialarbeiterischer Bemühungen stellte. Die Kompetenz von Sozialarbeiter*innen besteht innerhalb dieses Konstrukts nicht darin zu diagnostizieren, sondern in einem gemeinsamen Prozess mit den Klient*innen Aufträge und Ziele herauszuarbeiten, Auftragsklärung zu betreiben, würde ich als Familientherapeut sagen. Das ist für mich ein emanzipatorisches Vorgehen, demokratischen Standards angemessen. Sozialpädagogische Diagnostik hingegen gehört in die Mülltonne.

 

Detlef Schade ist Geschäftsführer von Familienarbeit und Beratung e.V. (FAB) und betreibt das Blog hzeambulant. Dort ist der Beitrag auch zuerst erschienen.

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Beliebtheit: 0  Marcus Riesterer - Vor 1 Woche 4 Tagen  · 

Vielen Dank für diesen Beitrag, das gilt übrigens auch für Hort und Kindertagesstätten!
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