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Dienstag, 10. Oktober 2017
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TapeArt - ein kunsttherapeutisches Projekt

der TWG Wuhletal gGmbH #TagderseelischenGesundheit

Kurz zur Geschichte des Tapens: Tape Art entstand aus der Suche nach einer Alternative für Spraydosen im Bereich Urban-Art in den 1960er Jahren. Ursprünglich wurde Tape Art im öffentlichen urbanen Raum und durch subversive Individuen mit den vorhandenen Materialien angewendet. Insofern stellt Tape Art das Resultat eines Sublimations-Prozesses dar, dessen Ursprung in der Graffitikunst beheimatet ist.

Wie alles begann:

Eigentlich verdanke ich einem im kalten Monat Dezember (2016) gesendeten Beitrag von RadioEins, dass ich auf das Tapen als Kunstform gestoßen bin. Am 12.10.16 kommentierte Marie Kaiser die Tape Art Convention auf Radio Eins, wie folgt:

„Mit Klebeband lassen sich Geschenke oder Pakete verpacken – auch zum Abkleben von Fußleisten beim Malern ist es sehr praktisch. Aber noch viel besser ist es, wenn aus Klebebändern Kunst gemacht wird. Tape Art nennt sich diese Disziplin, die erst vor allem auf der Straße zu sehen war….“

Dort meldete ich mich zu einem Workshop an, geleitet von dem Kollektiv „Tape That“ und arbeitete 6 Stunden lang an einem eigenen getapten „Werk“. Als Psychoanalytikerin und diplomierte Schauspielerin lege ich großen Wert auf die Selbsterfahrung, insbesondere auf die Beobachtung und meine Phantasien die daraus entstanden. In den alten Räumen dieser Galerie in Berlin-Mitte fühlte es sich an, wie das Berlin der 90 Jahre. Eine ganz besondere Atmosphäre – die Aufbruch versprach- füllte den Raum. Die Menschen um mich waren alle schwer mit sich und ihren Bildern beschäftigt und versuchten etwas zu erfahren. Mir wurde sofort klar, dass mit einem Cutter zu handhaben für die Jugendlichen per se eine Provokation darstellen würde – es verleitete zu etwas potenziell Aggressives, war aber zugleich sexy. Als ich nach dem Workshop in die dunkle Nacht Berlins mit meinem A2 Bild unterm Arm verschwand, fühlte es sich an, als ob man in der Jugend heimlich seine erste Zigarette raucht.

Die Idee Kunsttherapie in unsere TWG zu implementieren, begleitete mich schon seit einigen Wochen. Mir fehlte eigentlich nur noch das Medium, um es weiterzudenken… ich wollte das gewohnte Acryl-Malen, Malen mit Kreide oder Kunst mit Ton nicht. Nein, ich wollte die Jugendlichen irgendwie überraschen – sie in ihrer Welt abholen. Ihnen etwas zum „Kommunizieren und Ausdrücken“ anbieten, was sie vielleicht noch nicht kannten, aber ihrer pubertären und kontradiktorischen Welt entsprach. An sich sollte es schon etwas Subversives beinhalten.

Als ich meinem Team die Idee vorstellte Tapen als kunsttherapeutische Intervention in unsere TWG einzuführen, waren alle sehr interessiert und haben es sehr begrüßt. Aus meiner Erfahrung mit Kunsttherapie im klinischen und außer-klinischen Bereich wusste ich, dass das künstlerische Arbeiten innerhalb einer Gruppe große Übertragungsphänomene mit sich ziehen würde, sowie phantasmatisch viel in Gang setzt. Aus diesem Grund war es sehr wichtig, dass es vom Team getragen wird, damit ein stabiler Rahmen gesichert wird, in dem sich sowohl unbewusste, als auch bewusste Phantasien und Projektionen entfalten können.

Zunächst fragte ich einen kunstaffinen Erzieherkollegen aus unserem Team, ob er sich vorstellen könne die kunsttherapeutischen Interventionen mitzutragen und an den Sitzungen als Projektbetreuer aktiv teilzunehmen. Meines Erachtens ermöglichte seine Präsenz für die Jugendliche zunächst mal die Triangulation und die Gelegenheit ambivalente Gefühle gegenüber den „Erwachsenen“ auszuleben. Wir repräsentierten auf der phantasmatischen Ebene das Elternpaar, welches sich mit den Kindern auseinandersetzt und konnten parallel, dadurch dass wir zwei unterschiedliche und voneinander getrennten Personen waren, abwechselnd als gutes und/oder böses Objekt libidinös besetzt werden.

Zum Ablauf:

Zu dem ersten Termin kamen die Jugendlichen recht unsicher, da sie nicht wussten, was sie erwartet. Es gab im Vorfeld eine kurze Vorstellung des Projektes. Darüber hinaus war die freiwillige Teilnahme vorausgesetzt. Die Materialien (Tapbänder, Papier- und Gewebebänder in verschiedenen Farben und Neon, HDF Platten 50x80 cm, Cutter, Schere, Stifte) lagen bereit und es fand die erste Kontaktaufnahme statt. Nach kürzester Zeit hatten sich die Teilnehmer*innen Cutter gesichert, die üblicherweise in unserer Einrichtung abgenommen werden. Während des Brainstormings arbeitete jeder für sich und entwickelte eine Idee von seiner Arbeit. Bei dem ersten Termin galt es die öffentlichen Räume in der Therapeutischen Wohngemeinschaft zu erschließen. So entstanden viele Werke im Hausflur und Gruppenraum. Die entstandenen Tape Arts hängen bis heute und sind ausnahmslos intakt geblieben, was aus unserer Sicht sehr ungewöhnlich ist.

Während des Produzierens gab es bei den Terminen durchgängig ein friedliches und solidarisches Miteinander. Es gab meist eine neutrale, beatlastige musikalische Begleitung, so dass eine möglichst angenehme und coole Arbeitsatmosphäre entstand. Positiv gewertet wurde, dass es keinerlei Zäsur gab. Weder in den Inhalten, Motiven noch den Ort . Die Jugendlichen erlebten eine neue Art des „Kreativ-sein-können“, was das spätere Arbeiten auf den Platten erleichterte.

Therapeutischer Ausblick:

Die Idee, Tapen als kunsttherapeutisches Medium zu nutzen, entstand durch die Parallelen auf der Metaebene zwischen dem Schneiden des Klebebandes mit Hilfe von Cutter und das Vorgehen beim Selbstverletzungsverhalten. Der Ursprungsgedanke war, im Sinne der Jugendlichen, Tapen als Sublimationsobjekt bezüglich des Selbstverletzenden Verhaltens (SSV) zu erforschen. Somit könnte das künstlerische Handeln einem Selbstverletzungsverhalten vorbeugen, indem es eine alternative Handlungsweise (Skill) fördert und eine Auflösung des negativ besetzten Erregungszustandes darbietet. Desweitern soll das Tapen aber nicht nur den Jugendlichen mit einer SSV-Problematik behilflich sein, sondern ihnen die Möglichkeit bieten schwierige, konfliktreiche oder schambesetzte Themen auf eine nicht-verbale Ebene zu verarbeiten.

 

Text: Anne Metzler – Psychologin, analytische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Ausbildung

Text & Foto: Henrik Jablonski – staatl. anerkannter Erzieher

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