Jenny erkundet neugierig einen Löffel. Foto: Gabriele Ditsch

Nina Meingast
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Donnerstag, 16. Februar 2017
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Unterwegs mit Jenny, sechs Jahre

Ein Bericht aus der Eingliederungshilfe – Gabriele Ditsch, Lehrerin für Musik, Kunst und Deutsch erzählt aus der Arbeit mit Jenny

Gabriele Ditsch ist Lehrerin für Musik, Kunst und Deutsch mit Zusatzausbildungen in Tanz, Theater und Spielpädagogik sowie Multimedia für Kinder. In der Schulstruktur fühlte sie sich nicht zuhause und leitete 14 Jahre lang ein Lerncafé auf einem Abenteuerspielplatz. Sie ist ein spiritueller Mensch und bildet sich in diesem Bereich laufend weiter. „Für mich ist Spiritualität ein sehr wichtiger Aspekt in meiner Arbeit, weil sie hilfreich ist, um Kraft und eine positive Einstellung zu erhalten und mich schnell zu regenerieren“, sagt sie und berichtet mir mehr von ihrer Arbeit mit Jenny, die sie im Rahmen der Eingliederungshilfe begleitet.

Mit Jenny unterwegs zu sein ist abenteuerlich. Sie ist so hübsch und hat keine Berührungsängste. Das zieht die Menschen magisch an. Sie hat einmal in der U-Bahn einen Jungen mit der Hand berührt. Das hat ihn sichtlich glücklich gemacht, und er bedankte sich beim Aussteigen bei mir. Andere Kinder gehen interessiert auf sie zu oder sehen sie mit großen Augen aus der Ferne an. Erwachsene sind immer für uns da, wenn wir mit dem schweren Rollstuhl Treppen überwinden müssen oder wenn Jenny aus ihrem Sitz zu rutschen droht.

Jenny ist ein aufgeschlossenes, freundliches und sehr willensstarkes Mädchen von sechs Jahren. Auf den ersten Blick wirkte sie auf mich etwas hilfsbedürftig, vor allem weil sie meist in ihrem Rollstuhl sitzt und mir an ihn „gefesselt“ vorkam. Sie hatte eine schwerwiegende Krebserkrankung im Gehirn. Dort ist wohl auch noch etwas vorhanden, was nicht operiert werden kann, zur Zeit aber auch nicht wächst. Durch die Schädigung eines Teils ihrer Gehirnzellen hat sie eine partielle Lähmung, die sie in ihren Bewegungen stark einschränkt. 

Sie hat bisher von ihrer Mutter überwiegend Vietnamesisch gehört und kann kurze, einfache Sätze von drei Worten in ihrer Muttersprache sprechen. 

Wir sehen uns zweimal die Woche für je vier Stunden. Ich hole sie zusammen mit der Mutter und der kleinen Schwester aus der Kita ab. Nachdem sie von der Mutter zuhause gewaschen und gewickelt wird, gehen wir meist in einen Park, damit Jenny in der Natur sein kann, andere Menschen trifft und das Leben außerhalb von ihrem beengten Zuhause und der Kita erfährt.




Sie liebt es, frei zu sein: Sie läuft gern selbst, braucht aber noch meine Unterstützung dabei. Sie mag es auch, ihren Rollstuhl eigenständig mit den Händen zu bewegen. Singen gefällt ihr. Sie nimmt gerne Kontakt zu ihrer Umgebung auf. Bei Zoobesuchen lebt sie sichtlich auf. Sie mag eine abwechslungsreiche und anregende Umgebung, ihr gefallen Fahrten mit Bus und Bahn und sie genießt es, auf belebten Plätzen zu sein; in Kaufhäusern, Supermärkten, und auch im Park entspannt sie sich sichtlich.

Im Sommer suche ich Stellen, wo Jenny im Gras sitzen kann. Dort breite ich eine Decke aus, auf der sie sich bewegen kann. Sie krabbelt aber meist zu ihrem Rollstuhl, stützt sich auf ihn und zieht sich an ihm hoch. Ich halte viel Augenkontakt mit ihr, spreche und singe viel mit ihr. Auch führe ich sie bewusst an Stellen, zum Beispiel einen Baum im Park, fasse ihn an und sage „Baum“. So mache ich es mit vielen Dingen. Je intensiver wir in Beziehung sind, umso mehr und deutlicher wiederholt sie die Wörter, die ich ihr vorspreche. 

Ich übe mit ihr außerdem das Treppen laufen, was ihr besser gelingt als das Gehen auf der Erde. Wir spielen kleine Kinder-Bewegungslieder, damit sie ihre Körperwahrnehmung und -kontrolle üben kann. Das gefällt ihr ebenso, wie eben Kleinkinder solche Spiele lieben und dabei lernen. Wir üben essen. Beim Essen mag sie es gerne, den Löffel selbst zu halten. Ich lasse sie manchmal, oft gebe ich ihr während des Fütternd auch einen zweiten Löffel zum Üben der Bewegungen in die Hand.

Schwimmen ist ihr eine besonders große Freude. Das habe ich neulich das erste Mal mit ihr erlebt. Mit Schwimmhilfen kann sie sich im Wasser sehr frei bewegen – sie sah dabei so glücklich aus! Sie mag Hunde. Wir waren einmal an einem Wasserlauf, in dem einer plantschte. Nach ein paar Tagen kamen wir dorthin zurück und sie sagte sofort „WauWau“. Das hieß für mich, dass sie sich an diese Begegnung erinnerte.



Jenny hat in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht in ihren Bewegungen, beim Essen und beim Sprechen - sie kommuniziert deutlich mit mir.

Ich glaube, sie ist gerne mit mir zusammen. Sie freut sich, mich zu sehen, macht bei unseren Ausflügen einen vergnügten Eindruck und sendet mir immer mehr nonverbale Botschaften. Nach anfänglichem Schweigen, imitierte sie überraschend ganze Worte und spricht sie mir inzwischen lautgetreu nach. Jennys Mutter ist sehr dankbar über die schnelle Entwicklung und über mein Interesse für ihre Tochter.





 Auch mich hatten ihre großen Fortschritte fasziniert. Jenny stellt sich Lernerfahrungen mit einer ausgeprägten Eigenständigkeit und bemerkenswertem Mut und Willen. Ich beobachte bei ihr ein Verständnis, das jenseits aller Beeinträchtigungen liegt und von Tag zu Tag zunimmt. Für mich ist dieses Kind ein Wunder. Ich bin froh und dankbar, an ihrer Seite sein zu können. Ihre Therapeutinnen sind sehr kooperativ und helfen mir, Einzelheiten besser zu verstehen. Durch Jenny erfahre ich, wie es unabhängig von geistigen und körperlichen Einschränkungen möglich ist, ein schönes, lebenswertes Dasein zu führen, ständig dazuzulernen und sich weiter zu entwickeln. Das ist sehr beeindruckend.




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