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Michail Siebenmorgen
Michail Siebenmorgen Medienkompetenz Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Donnerstag, 30. November 2017
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Michail Siebenmorgen Medienkompetenz Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

Was ist uns Medienbildung wert?

Als ich heute Morgen die Zeitung aufschlug und einen Artikel über die Vorschläge zum Landeshaushalt 2017/2018 in Berlin las, musste ich mir doch kurz mal die Augen reiben. Da stand, dass 600.000 Euro in die bezirklichen Medienkompetenzzentren fließen sollen. Das hört sich doch schon mal gut an. Auch wenn man bedenkt, dass es sich um 12 Medienkompetenzzentren (kurz: Meko) handelt, sind es dennoch 50.000 Euro pro Meko im Jahr. Das wäre für uns in Steglitz-Zehlendorf fast eine Verdreifachung des Etats. Bis jetzt arbeiten wir mit einer halben Stelle und einer Honorarkraft für die 21 Freizeiteinrichtungen des Bezirks. Die 43 Grundschulen und 30 weiterführenden Schulen in Steglitz-Zehlendorf müssen unsere Angebote leider selbst bezahlen, da wir durch das Jugendamt finanziert werden, und dieses ist eben für Jugendarbeit und nicht für Schule zuständig.

Eine zusätzliche Finanzierung der Mekos durch die Schulverwaltung, egal ob auf bezirklicher Ebene oder von Senatsseite her, war bis jetzt nicht möglich. Das sieht der eEducation Masterplan auch nicht vor, der seit 2005 (!) die schulische Medienbildung in Berlin leiten soll. Dieser Plan, der seit seiner Entstehung unter Schulsenator Böger nicht überarbeitet wurde, kennt auch keine Smartphones oder Social Media (2007 Einführung iPhone und schülerVZ) und benötigt meiner Meinung nach mindestens ein grundlegendes Update, wenn nicht sogar eine gänzlich neue Version 2.0.

Im neuen Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg, der seit diesem Schuljahr - also seit September 2017 - gilt, ist das Basiscurriculum Medienbildung enthalten. Dieses besagt, dass Medienbildung nunmehr fächerübergreifend eine Aufgabe der Schule ist und durch die Lehrkräfte vermittelt werden muss. So weit, so gut. Nur wer qualifiziert die Lehrkräfte, das Basiscurriculum auch umzusetzen? Es gibt zwar einige regionale Fortbildungen zum Umgang mit Smartboards oder Englischunterricht mit Moodle (Moodle [/muːdl/] ist ein freies objektorientiertes Kursmanagementsystem und eine Lernplattform. Die Software bietet die Möglichkeiten zur Unterstützung kooperativer Lehr- und Lernmethoden; Quelle: Wikipedia), aber es wird auch von verschiedener Seite gerne auf die bezirklichen Medienkompetenzzentren verwiesen.

Diese wären auch gerne bereit zu helfen, sind aber je nach Bezirk personell und finanziell sehr unterschiedlich ausgestattet und haben dementsprechend verschiedene Möglichkeiten. Während die Jugendkunstschulen, Jugendverkehrsschulen und Gartenarbeitsschulen gesetzlich verankerte außerschulische Lernorte sind, fristen die Mekos weiterhin ein relativ undefiniertes Zwischendasein. Dieses wird zwar durch einheitliche Standards und das Landesprogramm jugendnetz-berlin.de getragen, aber weder Bezirke noch Senatsverwaltung werden hier zu einer angemessenen Finanzierung verpflichtet. Während in manchen Bezirken das Meko als Aushängeschild für eine gute Jugendarbeit des Bezirks steht und die Kolleg*innen aus Reinickendorf gar ihr Jugendamt auf dem diesjährigen Jugendhilfetag in Düsseldorf repräsentiert haben, gibt es andere Bezirke, wo die Leitungsstelle derart finanziell ausgestattet ist, dass sich keine medienpädagogisch qualifizierte Fachkraft auf die Stellenausschreibung bewirbt.

Unter diesen Umständen ist es schlichtweg unmöglich, für die 38.511 Lehrkräfte an allen gemeinbildenden und beruflichen Schulen in Berlin die nötigen Fortbildungen bereitzuhalten.

Was die qualifizierten Medienpädagog*innen angeht, die in einem Medienkompetenzzentrum erwartet werden, ist es ebenfalls je nach Ausstattung schwierig, diese langfristig halten zu können. Es gibt in Berlin und Brandenburg wirklich viele gut ausgebildete Fachkräfte, die in der Medienbildung tätig sind. Diese hangeln sich meist von Honorarjob zu Honorarjob. Aber auch wenn sie wirklich mit Herz und Seele dabei sind, falls sie zum Beispiel für mein Meko arbeiten, kann ich ihnen leider hier keine längerfristige Perspektive bieten. Das macht unsere Medienbildungseinrichtung zu einer Durchgangsstelle für tolle Fachkräfte, denen ich aus ganzem Herzen alles Gute für ihre weitere Laufbahn wünsche. Ich hätte die meisten gerne länger bei uns gehabt.

So komme ich noch einmal zu meiner Ausgangsfrage, was uns die Medienbildung wert ist. Wenn ich mir die JIM-Studien (Jugend, Information, Media) anschaue, deren neueste Ausgabe heute (30.11.2017) veröffentlicht werden soll, muss ich über die Notwendigkeit von Medienbildung in der heutigen Zeit nicht mehr diskutieren. Wenn ich lese, dass 98% aller Sechstklässler*innen ein Smartphone besitzen und dieses auch aktiv nutzen, ist mir klar, das diesen Kindern eine kreative und verantwortungsvolle Nutzung dieser Geräte - die mehr können, als Emojis versenden und Selfies machen - vermittelt werden muss. Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitaus mehr Inhalte der Medienbildung, wie es im Kompetenzmodell Medienbildung dargestellt ist. Für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen in einer zunehmend medialen Welt ist der Umgang mit und das Wissen über Medien unerlässlich.

Deshalb sollte uns die Medienbildung einiges wert sein. Wir können nicht den Kopf in den Sand stecken oder wie einige populistische Personen das Verbot des Umgangs mit digitalen Medien für Kinder fordern, wenn diese längst dazu übergegangen sind, die Medien als ihr natürliches Umfeld zu betrachten, und sie als solches nutzen. Wir müssen anerkennen, dass die Mediatisierung der Jugend unumkehrbar vorangeschritten ist und dieses als Teil zeitgemäßen Lebens auch Bestandteil unser Bildung sein muss.

Und so wäre ich froh, wenn der Vorschlag für die Haushaltsverhandlungen tatsächlich wie geplant umgesetzt wird. Ich denke nicht, dass damit die Medienbildung in Berlin ausfinanziert ist, aber ich hoffe, es gibt noch einmal eine Anregung für die Bezirke, über die Förderung ihrer Medienkompetenzzentren nachzudenken und sie im Zweifel aufzustocken. Das sollte es den Verantwortlichen wert sein.

 

Mischa Siebenmorgen ist Leiter des Medienkompezentzentrums in Steglitz-Zehlendorf, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der LAG Medienarbeit e.V. Berlin und ebenfalls Mitglied der Redaktion jugendhilfe-bewegt-berlin.

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