Spielzimmer in der Rahnsdorfer Unterkunft; Foto: UHW

Nina Peretz
Nina Peretz Migration Angekommen in Berlin?! Treptow-Köpenick Fachöffentlichkeit & Politik
Dienstag, 05. Januar 2016
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Nina Peretz Migration Angekommen in Berlin?! Treptow-Köpenick Fachöffentlichkeit & Politik

Welcome to Rahnsdorf!

Ein Besuch in der Flüchtlingsunterkunft des Unionhilfswerk

Ganz still ist es, wenn man von der Hauptstraße zur Flüchtlingsunterkunft in Rahnsdorf abbiegt. Das weiß-graue ehemalige Bürogebäude liegt zwischen Bäumen und Einfamilienhäusern mit gepflegten Gärten. Der Weg führt unter einem großen Banner mit der Aufschrift »Welcome to Rahnsdorf« durch. Still ist es auch, wenn man die Unterkunft betritt, wo man vom Wachmann freundlich begrüßt wird. Erst im Büro der Einrichtungsleiterin Kerstin Pouryamout bekommt man einen ersten Eindruck davon, was es bedeutet, eine neu eröffnete Flüchtlingsunterkunft zu managen.

»Kommen Sie rein! Ich muss nur noch kurz Erste Hilfe leisten für unsere Unterkunft in Weißensee«, sagt sie, gibt ein paar Tipps per Telefon durch, um dann hinterher ganz fürs Gespräch zur Verfügung zu stehen. »Wir sind hier schon etwas abgelegen, einzelne Bewohner haben die Unterkunft deshalb auch verlassen, weil sie direkt in der Stadt wohnen wollten.« Für die Familien sei es hier aber recht gut geeignet: Eine Grund- und eine Oberschule seien direkt in der Nähe und hätten sich gleich bereit erklärt, Willkommensklassen einzurichten, noch bevor die Unterkunft bezogen wurde.

Die gute Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen vor Ort ist Frau Pouryamout sehr wichtig. »Der Schulbesuch ist laut unserer Heimordnung verpflichtend«, erklärt sie. Einmal die Woche komme eine Lehrerin der Grundschule auch direkt in die Unterkunft. Nicht um zu unterrichten, sondern um aktuelle Themen und Probleme zu besprechen – sowohl mit der Sozialarbeiterin vor Ort als auch direkt mit den Eltern.

Das Telefon klingelt. »Entschuldigung«, sagt die Einrichtungsleiterin, vereinbart geschwind einen Termin mit der Bezirksverwaltung und berichtet fast nahtlos weiter aus dem Alltag in der Unterkunft. »Bildungsangebote gibt es auch vom Unterstützerkreis Rahnsdorf«, sagt sie, und deutet auf einen Stundenplan, der in ihrem Büro an der Wand hängt. Bürgerinnen und Bürger aus der Umgebung bieten Deutschkurse, Hausaufgabenhilfe und Sportprogramm an. Auch die Annahme, Sortierung und Verteilung von Sachspenden werden durch Ehrenamtliche koordiniert. Schon von Anfang an hätten sich im Unterstützungskreis für alle Belange Gremien gebildet, die die Verantwortung für die verschiedenen Bereiche übernommen haben: Sport, Kultur, Bildung, Spenden und vieles mehr. »Die Menschen hier sind wirklich sehr engagiert.« Vor kurzem, berichtet Pouryamout, habe das Unionhilfswerk per Facebook einen Aufruf gestartet, dass Kinderbetten benötigt würden. Darauf hin seien so viele Betten gespendet worden, dass man einige an eine andere Unterkunft abgeben konnte.

Überhaupt scheint die Rahnsdorfer Unterkunft sehr weit weg von den dramatischen Zuständen, über die in den vergangenen Monaten immer wieder in den Medien berichtet wurde. Schon Monate vor der Eröffnung hat sich der Unterstützerkreis gegründet und in regelmäßigen Versammlungen die Begleitung der neuen Nachbarn geplant. Als diese dann ankamen, waren sie bei weitem nicht so hilfebedürftig, wie die Anwohner vermutet hatten: Die meisten waren zuvor schon monatelang in Deutschland gewesen, kannten sich bereits mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus, sprachen etwas Deutsch. Die Kinder gingen bereits zur Schule oder in die Kita.

»Es gab anfangs auch Ängste«, so Pouryamout, »aber eher davor, dass man plötzlich die Nazis vor der Tür haben könnte.« Das sei zum Glück ausgeblieben. Die älteren Menschen vom Seniorenwohnen nebenan habe der Hausmeister durch gutes Zureden und geduldige Erklärungen beruhigen können. »Er war selbst Flüchtling, der wegen des Balkankrieges hergekommen ist. Ihm vertrauen die Anwohner, so ist er zu einem wichtigen Vermittler geworden.« Jetzt warteten die Senioren voller Vorfreude auf die Weihnachtsfeier Ende November, zu der die Bewohner der Unterkunft sie eingeladen haben. Bereits beim Tag der offenen Tür seien über 500 Menschen dagewesen: »Die Leute standen draußen Schlange, um einmal reinzuschauen!«

Eine gerichtliche Klage gegen die Unterkunft habe es gegeben, die sei aber sofort zurückgewiesen worden. Heute sei die Herausforderung eher, eine Balance zwischen den Angeboten der Unterstützer und den Bedürfnissen der Bewohner zu finden. Dabei müsse man – wie bei vielen Fragen in der Unterkunft – sich auf immer wieder auf ganz spontane Entscheidungen verlassen. »Der beste Plan ist manchmal, einfach keinen Plan zu haben.«

Auf dem Weg durch die Flüchtlingsunterkunft sieht Kerstin Pouryamout auch gleich nach dem Rechten. Schnippst hier etwas Abfall in den Mülleimer, hebt Papier vom Boden auf, beschwert sich darüber, dass die Kinderwagen mit Fahrradschlössern angeschlossen sind. »Wie soll denn da geputzt werden?«, murmelt sie. Im Flur deutet sie auf eine lange Reihe von Feuerwarnschildern in allen möglichen Sprachen – von Farsi über Französisch bis hin zu Türkisch. »Das ist Vorschrift, damit es alle lesen können«, erklärt sie. »Haben Sie einen Besucherausweis?«, fragt sie einen jungen Mann, und seine Begleiterin fordert sie auf: »Melden Sie sich doch mal wieder unten im Büro, ich habe Sie schon ein paar Tage nicht gesehen.« Man merkt: Nicht nur der Unterstützerkreis arbeitet sehr strukturiert, auch die Heimleitung hat das Haus und seine Ordnung gut im Griff.

Das ist auch wichtig, denn zur Verwaltung der Unterkunft gehört jede Menge Bürokratie. Jeden Abend geht eine Liste mit dem aktualisierten Belegungsstand ans LaGeSo, dafür braucht es jederzeit den Überblick, wer wirklich vor Ort ist. »Wenn eine Person zum Beispiel drei Nächste nicht in der Unterkunft verbracht hat, melden wir ihn oder sie ab. Schließlich werden die freien Plätze dringend benötigt«, erklärt Kerstin Pouryamout. Mit bunten Steckkärtchen ist es detailliert in einem Belegungsplan festgehalten, der im Büro an der Wand hängt: 145 Personen sind gerade im Gebäude untergebracht, 34 davon Kinder und Jugendliche. Serbien, Albanien, Kosovo, steht auf der Liste der Herkunftsländer, aber auch Syrien, Afghanistan und einige afrikanische Länder.

Die Menschen in der Rahnsdorfer Unterkunft sind Selbstversorger, das heißt, sie bekommen Zuwendungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und sind dann selbst fürs Einkaufen und Kochen zuständig. In jedem Stockwerk gibt es dafür eine große Gemeinschaftsküche. »Welcome« steht in roten Lettern auf gelbem Hintergrund auf einem Bild, als wolle der Schriftzug zum gemeinsamen Kochen und Essen einladen. »Meistens nutzen die Bewohner die Küche aber eigentlich nur zum Essen machen und ziehen sich dann in ihre Zimmer zurück«, so die Einrichtungsleiterin.

»Herzlichen Glückwunsch!«, ruft sie kurz darauf auf dem Flur dem Hausmeister zu. »Du bist ab heute der Leiter-Beauftragte für alle Flüchtlingsunterkünfte des Unionhilfswerks.« Jeder Mitarbeiter im Haus habe mehrere Beauftragungen, erklärt sie lachend, vom Ersthelfer bis zum Sicherheitsbeauftragten. »Die Arbeit stapelt sich ganz schnell, vor allem die Bürokratie frisst Zeit«, so Pouryamout. Normale Arbeitszeiten seien erst einmal nicht in Sicht. Die Einrichtungsleiterin macht vor einer Glastür Halt: »Hier können wir jetzt nicht rein: Da ist Deutschunterricht.« Eine Freiwillige sitzt mit einigen Bewohnern am Tisch, »Erzählen Sie mir etwas von sich« ist an die Wandtafel geschrieben. Ein Kennenlernen der neuen Nachbarn – auch im Sprachunterricht.

 

Nina Peretz ist stellvertretende Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Paritätischen Berlin.

 

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief November-Dezember 2015 des Paritätischen Berlin erschienen.

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