Pestalozzi-Fröbel-Haus in Schöneberg. Foto: Judith Wienholtz

Judith Wienholtz Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag Migration Hilfen zur Erziehung Kinderschutz Tempelhof-Schöneberg
Donnerstag, 04. Januar 2018
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Judith Wienholtz Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag Migration Hilfen zur Erziehung Kinderschutz Tempelhof-Schöneberg

Wie gelingt das Aufwachsen in der Familie?

Erziehungs- und Familienberatung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses steht Eltern und Kinder vor allem aus Schöneberg mit Rat und Tat zur Seite.

Erziehungsberatung ist eine Form der institutionellen Beratung, die auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblickt. Und so wenden sich immer mehr Eltern mit immer komplexeren Problemkonstellationen an die Erziehungs- und Familienberatung (EFB), die es in kommunaler und freier Trägerschaft gibt. Nahmen im Jahr 1993 noch 197.955 Familien die Unterstützung der Beratungsstellen in Anspruch, so waren es 2013 schon 310.082 Familien, die die Erziehungsberatung aufsuchten. So erreicht die Institution Erziehungs- und Familienberatung etwa 40 Prozent aller Kinder in Deutschland. Dennoch sieht sich die institutionelle Erziehungsberatung immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, gesellschaftlich benachteiligte Familie (Familien, die von staatlichen Transfergeldern leben oder Familien mit Migrationshintergrund) nicht hinreichend zu erreichen (vgl. z.B. den 14. Kinder- und Jugendhilfebericht). Das dem nicht so ist, und wie Familien, denen das Angebot der EFB nicht hinreichend bekannt ist, erreicht werden können, soll im Folgenden dargestellt werden.

Die Erziehungs- und Familienberatung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH)

Die EFB des PFH besteht seit 1951 und wurde in der Nachkriegszeit nach amerikanischem Vorbild als eine Art Child-Guidance-Clinic gegründet. Sie verfügt von jeher über ein multiprofessionelles Team, welches in den einzigartigen Ausbildungs-Praxis-Verbund des PFH eingebunden ist und seinen Standort in Berlin-Schöneberg hat. Neben den klassischen Angeboten wie:

  • die integrative Erziehungsberatung
  • die Beratung von Eltern in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung
  • der Beratung und Therapie von Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien
  • sowie präventiven Angeboten (z. B. Trennungs- und Scheidungsgruppe für Kinder)

bietet die EFB am PFH seit 2003 die zugehende Familienberatung in der Region Schöneberg-Nord an. Dieser Teil von Schöneberg zeichnet sich unter anderem durch einen erhöhten Anteil von Familien mit Migrationshintergrund aus.

Erziehungs- und Familienberatung – einer der Beratungsräume. Foto: Judith Wienholtz

Zugehende Familienberatung  

Die zugehende Familienberatung ist ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Eltern in Kindertagesstätten und Grundschulen. Das Ziel ist es, bildungsfernen und schwer erreichbaren Familien, besonders aber Familien mit Migrationshintergrund, die EFB bekannt und zugänglich zu machen. Dies aufgrund der Erfahrung, dass diese Familien zwar häufig einen Beratungsbedarf haben, jedoch die EFB in ihrer herkömmlichen Komm-Struktur kaum kennen und insofern weniger in Anspruch nehmen als andere Familien. Der zugehende Ansatz hat zum Ziel den Eltern dort zu begegnen, wo sie durch ihre Kinder anzutreffen sind – in den Bildungseinrichtungen. Kernstück der zugehenden Familienberatung ist die regelmäßige, wöchentliche offene Sprechstunde für Eltern und sofern möglich angebunden an ein Elterncafé. Ergänzt wird dieses Angebot mit Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen für Eltern zu pädagogischen Themen sowie die Teilnahme an Nachbarschafts- und Bildungsfesten. Damit Eltern das Beratungsangebot nutzen, ist eine Kooperation mit allen pädagogischen Akteuren der Bildungseinrichtungen von Nöten.

Die Etablierung der EFB in den Bildungseinrichtungen war ein langfristiger Prozess, der viel Ausdauer und Kontinuität bedurfte und weiterhin bedarf. Dieses Angebot ist auf eine verbindliche Kooperation mit der Leitung der Bildungseinrichtung angewiesen und wird finanziell vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg unterstützt. Die zugehende Familienberatung wird in türkischer und arabischer Sprache angeboten. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass interkulturell kompetente Fachkräfte mit eigenem Migrationshintergrund für die Erreichbarkeit von Familien mit Migrationserfahrung von großem Vorteil sind. Seit 2010 verfügt die EFB zur Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit und zur Erleichterung ihrer Erreichbarkeit für die Familien über einen mehrsprachigen Flyer (deutsch/türkisch/arabisch).

Fachliche Aspekte der niedrigschwelligen interkulturellen Beratungsarbeit

Im Kontext der zugehenden Familienberatung ist es von großem Wert, zunächst Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Familien erleichtern, in die Beratung zu kommen. Dazu gehört, dass die Fachkräfte der EFB sich in den Bildungseinrichtungen aufhalten, wo die Eltern und deren Kinder sich befinden. Hier besteht die Möglichkeit der Überleitung durch Fachkräfte der Kindertagesstätten, der Grundschulen oder auch der umliegenden Nachbarschafts- und Familienzentren. Dabei stellen kurzfristige Termine und ein flexibler Umgang mit Zeit und Terminen einen wesentlichen Moment im gelingenden Beratungsprozess dar.

Vielen der Familien die wir erreichen wollen, ist eine professionelle, psychologische Beratung nicht bekannt. Deshalb erklären wir sehr ausführlich den Beratungsablauf und nehmen uns Zeit für die Herstellung der Beratungsbeziehung. Denn aufgrund von Unkenntnis dieser Form der außerfamiliären Unterstützung muss die Beziehung zwischen der Fachkraft und der Familie individuell ausgehandelt werden. Die Vertrauensbildung im Kontext der zugehenden Familienberatung bedarf mehr Zeit als in der Beratung im Kontext der herkömmlichen Komm-Struktur, da die Familien erfahrungsgemäß mit mehr Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen ausgestattet sind.

Die Beratungsarbeit im Kontext der zugehenden Familienberatung wird von uns in den Sprachen Deutsch, Arabisch und Türkisch angeboten. Bei Bedarf arbeiten wir mit Sprachmittlern. Die hier anfallenden Kosten übernimmt die EFB und so verhindern wir, dass Kinder oder andere Verwandte für die Übersetzungsarbeit herangezogen werden. Die Ergebnisse dieser Art von interkultureller Öffnung spiegeln sich in den Zahlen der von uns erreichten Familien wider. So gelingt es der EFB des PFH im Standortbezirk eine große Zahl von Familien mit Migrationshintergrund zu erreichen. Etwa 55 Prozent aller Familien die bei uns Beratung in Anspruch nehmen, haben einen Migrationshintergrund.

Hinzu hat diese Form der zugehenden Arbeit gerade aufgrund der steigenden Zahlen geflüchteter Familien an Aktualität gewonnen. Unser Engagement für Familien in Berliner Not-und Gemeinschaftsunterkünften verdeutlicht, wie wichtig es ist, auf Familien aus anderen Herkunftsländern mit anders tradierten sozialen und erzieherischen Werten zuzugehen und mit Möglichkeiten erzieherischer Unterstützung bekannt und vertraut zu machen. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass die geflüchteten Familien in Not- und Gemeinschaftsunterkünften für Beratungsangebote gut zu erreichen sind, dass sich dies aber nach Umzug in den eigenen Wohnraum ändert. Nicht alle Familien sind dann schon soweit integriert, dass sie die Regelangebote der EFB problemlos nutzen können. Insofern ist hier der Aufbau von Strukturen notwendig, die den Kontakt der Familien zu Beratungsstellen erleichtern.

Kontakt

Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH)
Stiftung des öffentlichen Rechts
Karl-Schrader-Straße 7-8
10781 Berlin

www.pfh-berlin.de


Erziehungs- und Familienberatung
Pestalozzi-Fröbel-Haus
Barbarossastraße 64
10781 Berlin

wienholtz(at)pfh-berlin.de

Die Autorin:
Die Diplom-Psychologin Judith Wienholtz ist Leiterin der Erziehungs- und Familienberatung im Pestalozzi-Fröbel<wbr />-Haus.

Der Beitrag ist zuerst im Paritätischen Rundbrief 4 / 2017 (PDF) erschienen.

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