Kinderbild "Überall Fliegen" aus der Ausstellung "Tote essen auch nutella" von Prof. Dr. Martina Plieth/ Bilder: privat

Nina Meingast
Nina Meingast Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag Jugendarbeit
Freitag, 10. Februar 2017
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Nina Meingast Eltern Wissenschaft Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag Jugendarbeit

Wie Kinder dem Tod begegnen

– und ihm in ihren Bildern Ausdruck verleihen. Abschied, für immer?

Für uns Erwachsene ist klar: eines Tages tritt der Tod für alle Lebewesen ein, ohne Ausnahme. Und wenn er da ist, gibt es auch kein zurück mehr: Wir wissen, dass er „universell“ und „irreversibel“ ist, so die wissenschaftlichen Worte dafür. Hinzu kommen drittens seine „Nonfunktionalität“, also der Stillstand aller Körperfunktionen sowie viertens seine „Kausalität“, das heißt, ihm liegt eine biologische Ursache zugrunde wie Alter, Krankheit oder Verletzungen.

Kleine Kinder nehmen den Tod noch ganz anders und jenseits dieser Kategorien wahr. Entwicklungspsychologen und Soziologen sind sich darüber einig, dass sie in jedem Alter auf ihn reagieren, dies aber angepasst an ihren jeweiligen Entwicklungsstand. Verschiedene, äußerst lebendige Ideen, Gedanken und Vorstellungen lösen sich mit zunehmendem Alter ab, bis das Todesverständnis in der Pubertät ausgereift und die vier Dimensionen in das Denken und Fühlen integriert sind.

Für kleine Kinder im Vorschulalter gibt es noch keine Endgültigkeit. Tote sind für sie nur zeitweise abwesend – jederzeit kann die Türe aufgehen, und sie sind wieder zurück. Danach wird die Sicht langsam etwas differenzierter. Allerdings ist der Tod noch immer ein Ereignis, das nur die anderen trifft, nie sie selbst. Auch gehen sie davon aus, dass alles, was stirbt, unter veränderten Bedingungen weiterlebt. Vielleicht etwas langsamer, geschwächter, aber doch nach wie vor lebendig. In diesem Alter werden Toten Gefühle und Bedürfnisse zugesprochen, wie uns Lebenden auch – es wird sich darüber gesorgt, ob sie es im Grab bequem haben, ihnen womöglich langweilig ist und genug Luft zum Atmen vorhanden ist. Das Denken der Kinder ist magisch. Alles, was passiert, wird für sie von einem anderen (Menschen, Gott, Fee, Hexe) zu einem bestimmten Zweck gemacht.

Ab dem Alter von etwa sechs Jahren wird das Bild vom Tod weiter ausdifferenziert und gleichzeitig sehr plastisch. In dieser Phase ist er meist eine angsteinflößende Figur, die gleichzeitig fasziniert und abschreckt: In Form des Teufels oder Sensenmannes zum Beispiel. Auch in Form einer Teufelin in der Fantasie der Mädchen. Friedhöfe, Gräber und Särge üben außerdem eine große Faszination aus. Das Kind lernt nun, neben der eigenen auch andere Sichtweisen anzuerkennen und zu berücksichtigen. Ebenso ist es in der Lage, in die Zukunft und in die Vergangenheit zu denken.

Im weiteren Grundschulalter tritt die Frage, was nach dem Tod passiert, in den Vordergrund des Interesses. Es ist für Kinder nun möglich, logisch zu schlussfolgern und verschiedene Lösungswege durchzuspielen. Spirituelle und religiöse Überlegungen treten jetzt in den Vordergrund: Viele Kinder im Alter ab etwa neun Jahren beschäftigen sich mit dem Leben nach dem Tod und wägen verschiedene Möglichkeiten ab; tragen die Hoffnung in sich, dass es „im Himmel“ weitergeht. Ab nun entwickelt sich auch langsam die Vorstellung, dass der Tod ein Naturphänomen ist, das jeden Menschen ereilt. Ab diesem Alter beginnen viele Kinder ihn gleichzeitig zu verdrängen, da diese Erkenntnis mit viel Schmerz verbunden ist. In der Pubertät schließlich findet wieder eine Zuwendung statt, hier im Sinne der eingehenden Erforschung und Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend, bunt und fantasievoll, drücken Kinder ihre Sichtweisen von Tod und Sterben in ihren Bildern aus. Die Theologin Prof. Martina Plieth forscht seit vielen Jahren zur Frage, wie Kinder mit dem Thema umgehen. Sie hat zahlreiche Bücher für Wissenschaft und die Praxis verfasst, hat Zeichnungen analysiert und deren junge Schöpfer zu Wort kommen lassen.

Nach den Auswertungen von Plieth kommen in den Darstellungen immer wiederkehrende Grundmotive vor, die sieben verschiedenen Rubriken zugeordnet werden können: (Natur)symbole der Vergänglichkeit, Gräber und Friedhöfe, die Verstorbenen, die trauernden Hinterbliebenen, der Tod als Gestalt, das brutale Sterben sowie das Leben nach dem Tod. In dieser Fotostrecke zeigen wir Bilder, die anlässlich der Ausstellung „Tote essen auch Nutella“, die 2015 in der evangelischen Hochschule in Nürnberg gezeigt worden ist und in Plieths gleichnamigen Buch zu finden sind.

Die Todesschere: das Ende eines bunten, verschlungenen Lebensweges

Nina-Marie, 10 Jahre: "Also ich habe halt gemalt den Weg des Lebens. Der geht so quer, halt durch die Landschaft. Um einen herum spritzen dann Farben, und man hüpft und singt, wenn man geht. Und alles ist schön ... Aber dann, wenn der Weg dann nicht mehr weitergeht, dann hat man auch plötzlich keine Lust mehr zum Hüpfen und Singen und dann geht man halt in das Haus. - Wenn man ins Haus geht, dann macht es schnipp. Dann geht die Schere da zu. Das ist sozusagen fast wie die Todesschere. ... " (Plieth Martina, 2013: Tote essen auch Nutella - die tröstende Kraft kindlicher Todesvorstellungen, Freiburg im Breisgau, S. 33)

Traurigkeit am Grab: Die Sonne versteckt sich, der Himmel weint

Lee, 9 Jahre: „Da ist ein Grab, und der Himmel weint, weil da jemand gestorben ist ... In den Wolken sind noch ganz viele Tränen. Die kommen auch noch raus, aber erst später. Die Sonne ist so traurig, die hat sich versteckt." ( Beschriftung des Bildes zur Ausstellung: Tote essen auch Nutella, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, "Themen 2015" im Internet).

Bequem liegen: mit Kissen, Luft und Sonnenlicht

Tobias, 10 Jahre: „Manche sind auch schlimme Tote; die müssen länger ausruhen. Der da hatte Bauchschuss. Darum habe ich ihm einen Platz an der Sonne gegeben.“ ( Plieth Martina, 2013: Tote essen auch Nutella - die tröstende Kraft kindlicher Todesvorstellungen, Freiburg im Breisgau, S. 65)

Sich gegenseitig halten, um weiter leben zu können

Julia, 9 Jahre: „Die Eltern, die stehen schon ganz lange da und gehen nicht mehr weg. Und sie geben sich die Hand, weil sie so sehr traurig sind. Da brauchst Du ganz viel Liebe, wenn ein Kind gestorben ist - sonst kannst Du nicht mehr leben.“ (Plieth Martina, 2013: Tote essen auch Nutella - die tröstende Kraft kindlicher Todesvorstellungen, Freiburg im Breisgau, S. 88)

Der Tod als tanzende Vampir-Teufelin

Karin, 9 Jahre: „Sie tanzt da in der Hölle. Da sind ganz viele Flammen; die wehen so. Ihre Haare sind rot, und sie hat Hörner, aber auch Zähne wie von einem Vampir. Damit kann sie auch beißen.“ (Plieth Martina, 2013: Tote essen auch Nutella - die tröstende Kraft kindlicher Todesvorstellungen, Freiburg im Breisgau , S. 99)

Vom Grab in den Himmel: Die Engelsseele spielt Lyra und lauscht Techno

Jennifer, 11 Jahre: „Ich glaube daran, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt ... Das Skelett liegt in der Erde, aber die Seele geht in den Himmel auf und wird dann zum Engel. - Und im Himmel gibt es auch Musik. Dann kannst du Leierkasten (gemeint ist die 'Leier' oder Lyra; MP) spielen. Da gibt es auch schöne Musik, sogar Techno.“ (Beschriftung des Bildes zur Ausstellung: Tote essen auch Nutella, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, 2015)

Diesem Artikel liegt die Abschlussarbeit im Bereich Palliativ Care für Kinder und Jugendliche von Nina Meingast und Angela Sabottka zugrunde (Abschied, für immer? Wie palliativ erkrankte Kinder und deren Geschwister im Kita- und Grundschulalter dem Tod begegnen).

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Beliebtheit: 0  M - Vor 1 Woche 1 Tag  · 

"Da gibt es auch schöne Musik, sogar Techno." Süß! :)
Eine schöne Idee, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Dies tun Kinder meist erst viel zu spät oder gar nicht.
Wenn ich an mich denke.. Ich habe mich als Kind nie richtig damit beschäftigen
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können. Ich distanziere mich nun vor dem Thema "Tod", weil ich Angst davor habe. Ich finde, die Sicht der Kinder hilft einem selber auch ein Stück weit.
Schöner Artikel!
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