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Nina Peretz
Nina Peretz Sozialraumorientierung Angekommen in Berlin?! Treptow-Köpenick Neukölln Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Stadtteilarbeit Qualifizierung & Fachlichkeit
Montag, 05. Oktober 2015
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Nina Peretz Sozialraumorientierung Angekommen in Berlin?! Treptow-Köpenick Neukölln Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Stadtteilarbeit Qualifizierung & Fachlichkeit

„Willkommenskultur lebt von der Hilfe engagierter Menschen“

Fünf Fragen an Daniel Büchel, Projektleiter Freiwilligenmanagement beim Unionhilfswerk

Daniel Büchel arbeitet seit 1999 beim Unionhilfswerk. Der gelernte Bankkaufmann studierte European Business Management und Sozialarbeit / Sozialpädagogik an der Fachhochschule Worms und der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Parallel arbeitete er als Gruppenbetreuer für Menschen mit geistiger Behinderung. Seit 2003 baut der 42-Jährige das Freiwilligenmanagement im Unionhilfswerk auf und entwickelt es beständig weiter. Er belegte seitdem u.a. die Weiterbildungen zum Freiwilligenmanager an der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland und zum Systemischen Berater und Prozessbegleiter beim BIF e.V. 

Herr Büchel, am 15. September öffnet die erste Flüchtlingsunterkunft des Unionhilfswerk in Rahnsdorf (Köpenick). Wie bereitet sich das Unionhilfswerk auf diese Herausforderung vor und welche Rolle spielen dabei Ehrenamtliche?

Daniel Büchel: Kurz vor dem 70. Jubiläum kehrt das Unionhilfswerk zu seinen Ursprüngen zurück und engagiert sich mit der Eröffnung der Flüchtlingsunterkunft in Rahnsdorf wieder für Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Das bürgerschaftliche Engagement nimmt dabei eine zentrale Rolle ein bei der Unterstützung und Integration der 150 Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder und Jugendliche. Die Begleitung beim ersten Ankommen sowie zu Behörden und Ärzten, das Angebot von Sprachkursen und Nachhilfe, die Übernahme von Patenschaften für Familien und Mentoring bei der Vermittlung in Ausbildung und Arbeit lebt von der Hilfe freiwillig engagierter Menschen insbesondere aus dem unmittelbaren Sozialraum. Seit Mai lädt das Unionhilfswerk, in Kooperation mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Kiez-Club Rahnsdorf und des Bezirkes Treptow-Köpenick, zu monatlichen Austauschtreffen ein.

Die Bündelung und Koordination des vielfältigen Engagements und Handlungsräume für selbstorganisiertes Engagement sind zentral für die Zusammenarbeit mit den unterstützenden Akteuren. Und davon gibt es in Rahnsdorf viele. Die lebendige Willkommenskultur vor Ort ist einfach fantastisch. So hat der Unterstützerkreis Rahnsdorf mit mittlerweile 80 engagierten Bürgern bereits Ende 2014 mit der Aktion „Rahnsdorf hilft!“ entscheidend das Willkommensklima geprägt. Die Interessengemeinschaft „Förderung junger Menschen“ und der Bezirksverband Köpenick des Unionhilfswerk bereiten seit mehreren Monaten das Flüchtlingsengagement ebenfalls vor. Zu einer Bürgerinformationsveranstaltung des Bezirkes Treptow-Köpenick Anfang Juni kamen 300 Interessierte in die Tabor-Kirche. Außerdem kann sich das Flüchtlingsengagement an den vom Unionhilfswerk Freiwilligenmanagement entwickelten und erprobten Rahmenbedingungen orientieren. Dabei prallt mitunter das vielfältige, dynamische und in hohem Maße selbstorganisierte Flüchtlingsengagement auf formale Erfordernisse wie die Einreichung eines erweiterten aktuellen Führungszeugnisses. Pragmatische Lösungen wie die Einreichung eines einmaligen gebündelten Antrages für die Beantragungen der Führungszeugnisse beim zuständigen Bürgeramt, erwirkt durch die Fürsprache der BVV-Kiezpatin und Mitglied des Unterstützerkreises Rahnsdorf, sind ein Beispiel hierfür. Zu einem Tag der offenen Tür am 14. September 2015 kurz vor Eröffnung der Flüchtlingsunterkunft Rahnsdorf wurden insbesondere die Anwohner, Unterstützer und Engagementinteressenten eingeladen. An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an alle unterstützenden Bürgerinnen und Bürger, Institutionen und den Bezirk Treptow-Köpenick! Vor dem Hintergrund der Erfahrungen im Freiwilligenmanagement seit 2003 braucht eine Flücht-lingsunterkunft eine halbe bis dreiviertel Stelle für die Koordination des Flüchtlingsengagements vor Ort, damit die Hilfe und Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Außerdem sind Qualifizierungen, regelmäßige Austauschtreffen und Supervisionen für eine kontinuierliche Einbindung und Verstetigung des bürgerschaftlichen Engagements von zentraler Bedeutung. Die Freiwilligenkoordination und die Begleitformate sind bisher nicht in den Refinanzierungen enthalten.

Menschen haben die unterschiedlichsten Motivationen, um ehrenamtlich aktiv zu werden. Wie wichtig sind den Engagierten Ihrer Erfahrung nach Anerkennung, Dankeskultur und Auszeichnungen? Welche Rolle spielt dies beim Unionhilfswerk?

Daniel Büchel: Eine lebendige Anerkennungskultur, die auf unterschiedlichsten Ebenen im Träger gelebt wird, ist Grundlage für die Zusammenarbeit mit freiwillig und ehrenamtlich Engagierten. Im Unionhilfswerk spiegelt sich die Anerkennungskultur vor allem auf drei Ebenen wider: Auf der Geschäftsführungs- und Landesvorstandsebene werden Auszeichnungen in repräsentativen Rahmen von Weihnachts- und Dankeschönfeiern und Jahresmitgliederversammlungen vorgenommen. Das Freiwilligenmanagement sichert das Sichtbarmachen des Engagements in Form von Engagement-porträts in der Unionhilfswerk-Zeitung „Wir-für-Berlin“ und der Mitarbeiterzeitung „Dialog“ sowie durch Aktuell-Meldungen auf der Webseite und Facebookseite des Unionhilfswerk. Die Beteiligung an Auszeichnungen durch das Land Berlin wie die Verleihungen der Berliner (Schüler-)FreiwilligenPässe wird ebenfalls über das Freiwilligenmanagement organisiert. Weitere Anerkennungsformen sind für Engagierte kostenfreie, übergreifende Qualifizierungen, Weihnachts- und Dankeschönfeiern, die Einbindung in Unionhilfswerk-Events wie das jährliche Mitarbeitersommerfest, Willkommensabende, Freikartenaktionen und wenn möglich die Übergabe von Gutscheinen zu besonderen Anlässen. Eine monatliche Aufwandsentschädigung deckt leider bei einem nicht unerheblichen Anteil von Engagierten nur teilweise die anfallenden Fahrtkosten ab. Wenn man allerdings nach den Erwartungen an das freiwillige Engagement direkt fragt, bildet das Bedürfnis nach Anerkennung mit knapp 18 Prozent eher eine untergeordnete Rolle. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer Zufriedenheitsumfrage im Frühjahr 2015 unter freiwilligen Mitarbeitenden in den Unionhilfswerk-Gesellschaften. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Anerkennungskultur keine Einbahnstraße ist. Auch die Arbeit der Freiwilligenkoordinatoren in den Einsatzfeldern braucht Anerkennung. Durch die vom Freiwilligenmanagement organisierten regelmäßigen Fachaustausche, Gruppensupervisionen und Fortbildungen sowie Einbindung beispielsweise bei der Entwicklung eines Handbuches zur Koordination von freiwilligen Mitarbeiter werden die Praxiserfahrungen wertgeschätzt und die Arbeit der Freiwilligenkoordination gestärkt.

Beim Projekt Hürdenspringer+ begleiten erfahrene Mentorinnen und Mentoren Jugendliche ehrenamtlich beim Übergang von der Schule in den Beruf. Seit wann gibt es das Programm und aus welcher Motivation wurde es gestartet?

Daniel Büchel: Seit 2009 gelingt es bei Hürdenspringer und seinem Nachfolgeprojekt Hürdenspringer+ sehr erfolgreich, Nord-Neuköllner Schülerinnen und Schüler beim Übergang Schule-Beruf und der Erarbeitung tragfähiger Anschlussperspektiven zu unterstützen. Hürdenspringer wurde zwischen 2007 und 2008 aus dem Freiwilligenmanagement zusammen mit einem erfolgreichen Unternehmer im „Unruhestand“, einem pensionierten Schulpsychologen und einer Personalfachfrau und Kommunikationstrainerin aus der öffentlichen Verwaltung konzipiert, erprobt und mit der Unterstützung weiterer freiwilliger Mitarbeiterinnen zur Reife und in die Refinanzierung des Bundesprogrammes XENOS gebracht.

Ursprung und Vorläufer war die seit 2006 bestehende Kooperation mit der Röntgen-Oberschule. Im Rahmen des Projektes „Soziales Schülerengagement“ engagierten sich von 2006 bis 2011 Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klassen jeweils an 8 bis 10 Terminen nach der Schule in gemeinnützigen Einrichtungen des Unionhilfswerk. Aus der Erkenntnis heraus, dass sich die im Freiwilligen-Engagement erworbenen und bescheinigten Erfahrungen nicht wesentlich auf die Verbesserung der Anschlussperspektiven der teilnehmenden Schüler auswirkten, wurde der hoch wirksame 1:1-Ansatz im Jugendmentoring entwickelt. Auch auf dem Hintergrund der Erfahrungen u.a. bei Hürdenspringer legte 2013 die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen das Landesprogramm Mentoring auf, was die Reduzierung von Ausbildungsabbrüchen durch 1:1-Ausbildungsmentoring erfolgreich verfolgt. Das Jugendmentoring am Übergang Schule-Beruf hangelt sich dagegen nach Auslaufen des Bundesprogrammes Ende 2014 von einer begrenzten Finanzierung zur nächsten.

Am Berliner Freiwilligentag sind jedes Jahr im Spätsommer Berliner Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, für einige Stunden Zeit für den guten Zweck zu spenden. Welchen Beitrag können solche öffentlichkeitswirksamen Aktionen dazu leisten, langfristig ehrenamtliches Engagement zu fördern?

Daniel Büchel: Die Berliner Freiwilligentage sowie die parallel stattfindenden Treptow-Köpenicker Freiwilligentage der Sternenfischer bieten eine willkommene Gelegenheit, in das soziale Freiwilligen-Engagement hineinzuschnuppern und seine Gestaltungsmöglichkeiten kennenzulernen. Oft ist es der Anlass für viele zu sagen, jetzt mache ich einfach mal mit – und dies ohne großen Vorlauf. Dies ist gerade auch für Engagementinteressenten geeignet, die sich aus beruflichen und familiären Gründen nur punktuell engagieren können. Oft entsteht eine Bindung, die bei fast einem Drittel der punktuell Engagierten sogar in ein regelmäßiges Engagement mündet. Die von der Landesfreiwilligenagentur Treffpunkt Hilfsbereitschaft initiierten Berliner Freiwilligentage mit seinen Mit-Mach-Aktionen sind im Unionhilfswerk seit 2003 den Türöffner für punktuelle Engagements. Jetzt werden mitunter über das Jahr verteilt verschiedene Freiwilligenaktionen durch die Einrichtungen – oft in Kooperation mit Unternehmen – durchgeführt, die sich mit Mitarbeiterteams u.a. im Rahmen der Team- und Personalentwicklung und Mitarbeitermotivation engagieren. Das Freiwilligenmanagement unterstützt je nach Bedarf als Türöffner und Vermittler, bei Sachmittelbeantragungen, bei der Werbung und Anerkennung. Dieses Jahr laden die Pflegewohnheime „Am Plänterwald“ und „Alt-Treptow“ des Unionhilfswerk am 18. September zu zwei Mitmach-Aktionen ein. Außerdem wird das Stadtteilzentrum Lichtenberg-Nord des Unionhilfswerk im Rahmen des Fennpfuhl-Stadtfestes für den Berliner Freiwilligentag werben. Schließlich organisiert die Unternehmenskommunikation des Unionhilfswerk am 10. September jetzt schon im dritten Jahr einen „Social Day“ der Hauptverwaltungsmitarbeitenden, unter anderem in der neuen Flüchtlingsunterkunft Rahnsdorf.

Was tut das Unionhilfswerk, um den wachsenden Bedarf an Ehrenamtlichen zu decken? Welche Kanäle nutzen Sie, um Freiwillige anzuwerben?

Daniel Büchel: Das Unionhilfswerk entwickelt den Bedarfen entsprechende Freiwilligenprojekte insbesondere in benachteiligten Sozialräumen und realisiert diese gemeinsam mit Kooperationspartnern. Das Jugendmentoring in Kooperation mit drei Schulen in Nord-Neukölln ist so entstanden. Aus diesen Erfahrungen wurde das Ausbildungsmentoring zur Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen und das Mentoring für hochbegabte Nord-Neuköllner Schülerinnen entwickelt. Weitere Schwerpunktprojekte sind der Hospizbereich mit der Lebens- und Sterbebegleitung und Patientenverfügungsberatung sowie das Freiwilligen-Engagement für Menschen mit Demenz. Im Flüchtlingsengagement entsteht gerade ein ganz neuer Aufgabenbereich für das Unionhilfswerk. Außerdem pflegen wir unsere langjährigen Kooperationen u.a. mit der Stiftung Gute-Tat.de, den Berliner Freiwilligenagenturen, Unternehmen sowie dem Berliner Landesnetzwerk.

Durch eine gelebte Anerkennungskultur und frühzeitige Einbindung gelingt es außerdem oft, dass bereits aktive Freiwillige und Ehrenamtliche sowie Hauptamtliche das Unionhilfswerk weiterempfehlen. Weiterer Baustein ist eine kontinuierliche interne wie externe Unternehmenskommunikation. Über die Online-Kanäle wie gute-tat.de, Bürgeraktiv des Landes Berlin, die eigene Website mit Kontaktformular und die Unionhilfswerk-Facebook-Seite kamen letztes Jahr 40 Prozent der neuen Engagierten. Über Empfehlungen verzeichnete das Unionhilfswerk durchschnittlich 20 Prozentz der Zugänge, in einigen Mentoren-Einstiegsqualifizierungen bereits bis zu 50 Prozent. Über Medien wie die Berliner Woche und BZ Helden verzeichneten wir 10 Prozent der Neuzugänge. Acht Prozent fanden über die Freiwilligenagenturen und das Freiwilligenzentrum Sternenfischer zum Engagement. Die restlichen Zugänge verzeichneten wir u.a. über Freiwilligenbörsen, lokale Aushänge und sonstige Kooperationspartner.

Mehr unter unionhilfswerk.de/engagement

 

Nina Peretz ist Pressereferentin beim Paritätischen Berlin. Der Beitrag ist zuerst auf der Internetseite des Paritätischen Berlin erschienen.

 

 

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