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Andreas Schulz
Andreas Schulz Pankow Hilfen zur Erziehung Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag
Montag, 25. September 2017
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Andreas Schulz Pankow Hilfen zur Erziehung Kinder & Jugendliche Eltern Fachöffentlichkeit & Politik Top-Beitrag

"Wir brauchen Zeit, um mit Familien zu arbeiten"

Fünf Fragen an Andrea Leineweber, Leiterin der elternaktivierenden 5-Tage-Wohngruppe „Vorwind“ und Christof Buck, Geschäftsführer der JuLi gGmbH zur Eröffnung einer Wohngruppe in Pankow

Sie haben vor kurzem eine Wohngruppe in Pankow, in Prenzlauer Berg, eröffnet. Wie ist es dazu gekommen?

Ja, das war sehr überraschend und wirklich beeindruckend. Vor etwas mehr als 3 Jahren habe ich eine E-Mail von einer Baugruppe bekommen, die in einem Neubau eine soziale Einrichtung unter-bringen wollte, in der Kinder dauerhaft betreut werden und mitten in der Stadt eine friedliche soziale Umgebung finden können. Mich hat das sehr angesprochen, in der Regel kennen wir in der Jugendhilfe doch eher das Gegenteil, dass „wir“ nicht so erwünscht sind, weil wir mit Kinder und Jugendlichen arbeiten, die nicht immer ganz leise sind. Umso beeindruckender finde ich, dass die Baugruppe viel Geld investiert hat, um für uns mitten in Prenzlauer Berg eine ganze Etage zu bauen. Weil wir uns natürlich die Miete eines Neubaus in Prenzlauer Berg niemals leisten könnten – und wollten – wir finanzieren uns ja schließlich aus öffentlichen Mitteln und sind uns der Verantwortung daraus sehr bewusst – bietet uns die Baugruppe die Etage zu einem gesponserten günstigen Mietzins langfristig an. Wir haben uns kennen gelernt und relativ schnell gemerkt, dass das passen könnte. Ja … und jetzt haben wir unsere WG Vorwind – eine elternaktivierende 5-Tage Gruppe, die konsequent auf Rückkehr in die Familie innerhalb von 8 Monaten setzt, eröffnet.

Was ist das Besondere an der Elternaktivierenden 5-Tage Wohngruppe Vorwind und welches Konzept steht dahinter?

Im Zentrum unseres Konzeptes steht eine Veränderung, die von den Eltern ausgeht. Zusammengefasst: Wir beraten systemisch und aktivierend, erleben gemeinsame Realität mit anderen Familien in der 5-Tage Gruppe beim Familienkochen und in Elternrunden, üben praktisch, so lange bis die Eltern sich sicher fühlen, ihr Kind z. B. erfolgreich anzusprechen. Für das Kind ist dies sehr einladend, muss aber gefestigt werden. Ein erfolgreiches Erziehungsverhalten kann andere Schwierigkeiten im Familiensystem reduzieren. Die gemeinsame, alltagsbezogene Zeit mit den Familien, die regelmäßige Vor- und Nachbereitung des Wochenendes mit telefonischer Erreichbarkeit und die Unterstützung durch ehemalige Eltern bieten die Grundlage für eine offene und ehrliche Zusammenarbeit auch im Rahmen des Kinderschutzes. Sämtliche Verantwortlichkeiten und Pflichten bleiben während der Hilfe bei den Eltern. Wir wünschen uns, dass die Eltern so viel Zeit wie möglich von Sonntagabend bis Freitagnachmittag mit ihren Kindern und dem Team in der 5-Tage Gruppe verbringen, so z. B. die Einschlafsituation gestalten.

Wie sind die ersten Wochen verlaufen?

Ich glaube, das wirklich Entscheidende ist, dass wir recht schnell vom Jugendamt angefragt wurden. Die ersten Kontakte mit den anfragenden Familien haben vielfältige Reaktionen erbracht. Eltern äußern, dass sie sich vor allem in stationären Jugendhilfemaßnahmen bisher eher außen vor gefühlt haben und länger auf der Suche waren nach einem Projekt, in dem auch sie selbst mitarbeiten werden. Andere Eltern fragen ratlos, weshalb sie überhaupt einbezogen werden, da sie nicht mehr glauben, ihr Kind erreichen zu können. Die Aktivierung beginnt für uns in diesen ersten Gesprächen. Wir stellen unser Angebot vor und die Familie kann mit uns entscheiden, ob das für sie das richtige ist. Während des Prozesses der Anfrage verbringt die Familie mit einem Teil unseres Teams meist bei mehreren Terminen Zeit in der 5-Tage-Gruppe Vorwind, die Atmosphäre ist offen und herzlich. Unser Team hat die eigene Helfer*innenrolle dahingehend reflektiert, die Aktivierung der Eltern im Zentrum zu halten. Wir arbeiten mit positiven Bildern und sind dazu im Team im Feedback zu unserer eigenen Arbeit.

Was sind Ihre Erwartungen und Wünsche an Ihre Kooperationspartner im Land, im Bezirk und im Kiez?

Vom Land, ich sage wohl besser – von der Landespolitik - erwarte ich mir mehr Unterstützung für uns freie Träger. Insbesondere gilt das für die großen Probleme im Anmieten von Wohnraum für WG’en und kleine Wohnungen für Jugendliche im BEW. Es hilft überhaupt nicht, uns immer wieder zu sagen, wir würden uns nicht ausreichend engagieren. Das ist erstens falsch und zweitens absolut nicht hilfreich. Wir, die freien Träger der Jugendhilfe nehmen unsere Verantwortung in der Jugendhilfe sehr wohl wahr. Schön wäre es, wenn wir diesbezüglich am selben Ende des Stricks ziehen würden. Vom Bezirk: Das Jugendamt Pankow hat unser Angebot genau geprüft und sich entschieden, es nutzen zu wollen. Wir hatten im Vorfeld diverse sehr konstruktive Gespräche mit den Verantwortlichen und ich wünsche mir, dass wir weiter so offen und ehrlich miteinander umgehen. Mit den Kolleg*innen der anderen freien Träger der Jugendhilfe wünsche ich mir eine gute kooperative Zusammenarbeit. Vom Kiez wünsche ich mir eine gute Nachbarschaft.

Gilt das Sprichwort „Nach dem Spiel (der Eröffnung) ist vor dem Spiel (der Eröffnung)“ auch für JuLi und wo sehen Sie weitere/ nächste Bedarfe in der Jugendhilfe?

Ja - in der Tat beginnen wir mit dem Architekten der Baugruppe Stephan Thiele ein neues Projekt. Für uns beide war das Projekt in der Kopenhagener Straße ein Pilotprojekt. So ein Projekt steht und fällt mit der Zuverlässigkeit und dem gegenseitigen Vertrauen beider Partner. Das hat super geklappt. Herr Thiele hat tolle Ideen für die Verbindung von Baugruppen mit sozialen Einrichtungen und wir von JuLi haben Ideen zu Konzepten und Inhalten. Mich fasziniert das sehr, weil es so eine tolle Verbindung ist, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Worum es genau gehen wird, ist zurzeit noch nicht klar – wir fangen ja gerade erst an. Die Bedarfe in Zukunft … tja, das ist in ein paar Worten immer so schlecht zu beschreiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Bedarf „Zeit“ ist. Wir brauchen Zeit, um mit den Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familien zu arbeiten. Die Betreuungszeiten sind in den vergangenen Jahren so eingestampft – nein zusammen gequetscht worden, dass, und das belegen alle Untersuchungen, Wirksamkeit und Erfolg gefährlich unter Druck stehen.

 

Die Fragen stellte Andreas Schulz, Jugendhilfereferent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin.

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Beliebtheit: 0  Detlef Schade - Vor 2 Wochen 5 Tagen  · 

Ein schönes Projekt, ein schönes Interview - und ein schönes Foto obendrüber!
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